Grillhähnchen in Langenneufnach

26. November 2007

Nicht nur der Künstler war, wie er selbst bemerkte, im Scheinwerferlicht so etwas wie ein Grillhähnchen, das den Zuhörern serviert wurde, auch der nicht ganz so kleine Gast in der Langenneufnacher Kirche fühlte sich zwischen den Bänken und auf Bankheizung so ein wenig wie im Backofen. (Eine typische Situation für Widerstandskämpfer, siehe die drei Jünglinge im Backofen in Buch Daniel) Es ist mutig, nur mit einer klassischen Gitarre plus eigener Stimme ein Popkonzert zu geben.

Mag seine Lieder und seine Frömmigkeit des Gregor Linsen, wenn ich sie gut kenne: „Vor dir stehn wir um dir zu singen“ erzählte noch einmal die tolle Zeit beim Katholikentag in Saarbrücken. Was mir unter den unbekannten Liedern von  bei denen ich mich grundsätzlich schwer tue, herausstach, war ein Lied im Andenken eines Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus. „Unser Ja sein ein Ja, unser Nein ein Nein“. Wusste bisher nichts über Nikolaus Groß, christlicher Arbeitnehmervertreter, Pressemann, Familienvater. Denke, Wahrhaftigkeit ist eine Widerstandstugend, Wahrhaftigkeit was das starke Motiv dieses Liedes, es ging mir tiefer als die anderen Texte und Melodien. Ich mag auch den Sohn, der sich zunächst weigert im Weinstock des Vaters zu arbeiten, also Nein sagt, am Ende aber doch kommt (wie der Satz mit dem Ja Ja und Nein Nein aus dem Evangelium). Die ganze Familie war im damaligen Köln so richtig katholisch und katholisch eingebettet, in der Grundschule merkte man nicht, dass die Nazis an der Macht waren. Aus der Familie hielt man die Politik weitgehend heraus.

Langer Anhang entsprechend meiner Internetrecherche zu Nikolaus und Elisabeth Groß.

Ertappte mich gestern mal wieder, dass ich mit Kirche die bezahlten und die mächtigen Kräfte meine, so wie man mit Deutsche Bundesbahn den Vorstand und die Angestellten meint. Dagegen folgende Pointe aus einem Interview mit einem Sohn von Nikolaus Groß:

FRAGE: Am 23. Januar 1998 fand in der St. Agnes Kirche in Köln ein Gottesdienst im Gedenken an den 53. Jahrestag der Hinrichtung Ihres Vaters statt. Vor der Kirche standen einige Demonstranten mit Plakaten, auf denen zu lesen war: „Die Kirche ehrt die Märtyer des Widerstandes und lenkt damit von ihrem eigenen Versagen in der NS-Zeit ab.“ Wie bewerten Sie diesen Vorwurf und wie beurteilen Sie das Verhalten der katholischen Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus?

BERNHARD GROß: Es ist jedem unbenommen, seine Meinung in geeigneter Form zu äußern. Für dieses Grundrecht unserer Demokratie hat ja unser Vater auch sein Leben eingesetzt. Allerdings kann ich mit dem vorkonziliaren Kirchenverständnis dieser Frauen und Männer wenig anfangen. Mein Kirchenverständnis ist nicht eingeengt auf das Amt in der Kirche, sondern schließt die vielen und unterschiedlichen Charismen und deren Wirkmöglichkeiten mit ein. Das gilt ganz besonders für die Zeit während der nationalsozialistischen Diktatur.

Was mir sonst noch an jenem Interview wichtig ist:

[…] Roland Freisler hätte Nikolaus Groß gerne nachgewiesen, daß seine Motivation Widerstand zu leisten, auf den gewaltsamen Tod Hitlers ausgerichtet war. Diesen Punkt der Anklage mußte er fallen lassen. So lautete die Begründung des Todesurteils: „Er schwamm mit im Verrat, muß folglich auch darin ertrinken.“

Aus den vorhandenen Unterlagen ist belegbar, daß sein Handeln im Widerstand ausschließlich auf die Zeit nach dem Ende des Schreckens ausgerichtet war. Andere Thesen sind unwissenschaftlich, sie haben mit der historischen Wahrheit nichts zu tun. Das Buchmanuskript „Unter Heiligen Zeichen“, das er zeitgleich mit seiner Widerstandstätigkeit in den Jahren 1942-43 geschrieben hat, belegt eindeutig die Motivation seines Handelns im Widerstand.

[…] Es hat unsere Mutter tief verletzt, daß die Witwe von Roland Freisler eine hohe Beamtenpension bekam, wohingegen die Witwen der Hingerichteten um ihre berechtigten Ansprüche lange, und zum Teil noch erfolglos kämpfen mußten. Auch den Witwen der in Nürnberg hingerichteten Kriegsverbrecher bescherte der Rechtsstaat im Nachkriegsdeutschland hohe Pensionen und damit ein sorgenfreies Leben.

[…]Sein Freund Alexander Drenker hat seine Gedanken hierzu in einem Zeitungsbericht nach dem Krieg so ausgedrückt. Er schreibt unter dem Datum vom 29. Oktober 1947:

„Fünfzehn Jahre kannte ich ihn, aber erst als er von uns ging, wußte ich, wer er war. Als ich in meinem kleinen Buch das Kapitel über die Heiligen schrieb, dachte ich an ihn, und als ich versuchte, mir ein Bild des Arbeiters zu machen, der Träger einer kommenden Zeit sein wird, war er mein Vorbild. Was ich über den Heiligen und den Arbeiter dachte, habe ich nach seinem Maß gedacht. Nikolaus Groß ist sicherlich nicht unbemerkt durch das Leben gegangen, aber er stand nicht im Vordergrund. Er wußte öffentlich zu sprechen, klar und klug mit einer eindringlichen warmherzigen Überzeugungskraft, aber er war kein großer Redner. Die Sprache seiner Broschüren und Artikel ist geformt, aber er war kein ursprünglich begabter Schriftsteller. Seine Größe und seine Vorbildlichkeit liegen in seinem Menschentum. Er war ein Mensch, in dessen Gegenwart man gut wurde und sich seiner Unzulänglichkeit schämte. Er hatte die Tugenden, die heute am seltensten und zugleich am notwendigsten sind. Er war von einer alles und alle umfassenden Güte, er wußte um die Kraft der Milde, er war aufrichtig und wahrhaftig, starkmütig und er hat nie Aufhebens von seiner außerordentlichen Seelenkraft gemacht. Er hat sich zu einer solchen Reife der Persönlichkeit emporentwickelt, daß das Ungewöhnliche an ihm wie selbstverständlich wirkte. Ich bin überzeugt, daß Nikolaus Groß, der im Leben nicht auf dem ersten Platz stand, in Zukunft zu immer größerem Ansehen gelangen wird. Sein Andenken wird nicht verblassen, sondern das Andenken aller anderen christlichen Arbeiterführer überstrahlen, denn er besaß das, was den berühmten Menschen meistens fehlt: Das vertraute Antlitz. Jeder konnte bei ihm sein besseres Ich wiederfinden. Er hat sich im Grunde genommen durch nichts von uns unterschieden als durch sein größeres Menschentum, ich möchte eigentlich sagen, durch seine größere Heiligkeit.“

Advertisements

One Response to “Grillhähnchen in Langenneufnach”


  1. […] für große Worte „Nie mehr […] sollt ihr Angst im Schilde führ’n“ (Gregor Linsens Lied) „Sind auch dir die Augen aufgegangen?“ (Kathi Stimmer-Salzeder), für fans des Wortes […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: