Kassandra Christa Wolf

6. März 2017

Hat es 1982 jemand geglaubt, dass Troja untergehen wird? Dass die DDR untergehen wird? Dass Christa Wolfs Kassandra Prophetin in dieser Richtung ist, habe ich beim ersten Hören des Hörbuches nicht vernommen, ich fand diese eigentlich offensichtliche Deutung hier. Und sie war Prophetin der DDR, nicht des Westens.

Die zitierte Deutung von „angel“ scheint mir auch sonst recht präzise. Diese Frau hat in der DDR-Zeit das 1983 erschienene Buch wie eine Bibel gelesen. Da fand sie ihre Verzweiflung als DDR-Oppositionelle. Aber auch die Deutungen, die sie heute sieht, sind recht spannend:

Kassandra – obwohl leidend an der Willkür und Dummheit von Eumelos und Priamos – lehnt jedes Helden Tum ab. Helden aber sind gerade jene Menschen, die anspruchsvolle Ziele haben und diese beharrlich verfolgen.

Kassandra, könnte man wohl sagen, hat kein Ziel. Wohl aber hat die Kassandra der Christa Wolf Werte. Hoch angesetzte Werte, an die sie sich unerbittlich hält. Da gleicht sie Aineais.  Den Rest des Beitrags lesen »

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Migrant Offshore Aid Station (MOAS)Erst beim genaueren Lesen fällt mir auf, wie die Logik in Herta Müllers Texten nicht stimmt. Sie hat im Herbst 2015 den Böll Preis bekommen und hält dazu eine Rede „Heimweh nach Zukunft“. Sie hat gerade angedeutet, wie die Alternative zur Flucht für viele das einsame langsame Verrecken im Krieg gewesen wäre. Dann beginnt der abschließende Absatz der Rede so:

Bisher gab es das Heimweh nach Zukunft, doch nach der Ankunft sitzt einem die Zukunft auf der Haut. Zukunft klingt wie Zuflucht, aber das täuscht. Denn Zukunft ist abstrakt und Zuflucht konkret. Zuflucht ist unter den Fußsohlen ein wirklicher Ort.

Was einem auf der Haut sitzt ist ganz konkret. Auf der Haut sitzt eine Fliege oder eine Zecke, die Socke oder das Kleid. Jedenfalls nicht Abstraktes. Den Rest des Beitrags lesen »

Lese den pazifistischen Theologen Walter Wink. Die vorherrschende Religion unserer Zeit sei „der Mythos von der erlösenden Gewalt“, geteilt von der Krimikultur, dem Kapitalimus und dem Islamismus, oft genug von einem selber. Pazifismus gilt dagegen oft als etwas farbloses, lasches, feiges. Zwischen passivem Pazifismus und dem Glauben an den Sieg mit Gewalt gibt es zögerlich und in Entwicklung einen aktiven Pazifismus. Dafür steht Jesus in einer anderen Weise wie ich meinte.

2012_11_08

„Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Mt 5,39b). Wir denken am ehesten an einen Schlag mit der rechten Faust. Solch ein Schlag würde aber die linke Wange treffen. Um die rechte Wang mit der Faust zu schlagen, müsste man die linke Hand gebrauchen. Den Rest des Beitrags lesen »

Die KJT zum Glück wieder auf der Bühne

Nach „Die Lüge von Hameln“ und „Die Prinzessin im Berg“ in den 1990er Jahren spielte die KJT am letzten Wochenende zum dritten Mal ein Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“. Drei goldene Haare_SchlussliedWar recht angetan und ein wenig traurig, dass ich nicht dabei war. Wie bei „Land in Sicht“ (2010) gestaltete Jürgen Steber die Musik live am Keyboard, die eindrücklichen Melodien und Lieder gehen einem nicht aus dem Kopf. Sebastian Lober und Georg Rugel als Regisseure entwarfen den Weg durchs Ganze, vom Land des unschuldigen Glückes über einen Drachenpalast in die Hölle – und wieder zurück: doch jetzt voller Weisheit und Frieden.  Den Rest des Beitrags lesen »

Wolken

8. November 2015

Kannst du mit Wolken etwas anfangen? Ich muss dazu in der richtigen Stimmung sein. Mal ist es viel, mal wenig. Ich denke zudem, dass es ganz verschiedene Zugänge zu den Wolken gibt. Einerseits romantisch verzaubernd:

„Ich bringe den Regen für das dürstende Leben von den Strömen und Seen.

Ich bin das Kind aus Luft und Wind,
die Tochter von Wasser und Erde;
ich trotze der Zeit mit Unsterblichkeit,
weil ich ewig vergehe und werde.“ (Shelley: The Cloud, Übersetzung Dirk Steinhöfel )

Romantisch klappt natürlich auch heute

„Über den Wolken … muss die Freiheit …“ (Reinhard May)

Es gibt noch eine ganz andere Art poetisch von Wolken zu sprechen – mit einer großen Liebe zu Exaktheit und Wissenschaft – etwa so:

„im Osten hing die mächtigste Stapel-Wolke, die ich erinnere gesehen zu haben… gesalbt mit warmer Messingglut: nur nahe der Erde wurde sie betäubt von purpurischem Schatten.“

„Ein wenig vor 7 am Abend eine wundervolle Aurora … ein Knoten oder eine Krone, kein vollendeter Kreis, aus trüben blutfarbenen Hörnern und tropfte lange rote Strahlen zu jeder Seite in den Himmel hinab, die jeder seine Sternschar durchbohrte.“

Ich entdecke seit einiger Zeit den englischen Poeten und Jesuiten Gerard Manley Hopkins. Dazu schreibt Wolfgang Clemen (in Rinn, Hermann [Hg.] (1954). Gerald Maria Hopkins: Gedichte – Schriften – Briefe. Kösel, München)

Für Shelley sind die Wolken gerade das Sinnbild des Unstofflichen in der Natur, sie sind das, was seinem Streben nach Vergeistigung und Auflösung allen Stofflichen entgegenkommt. Aber Hopkins liebt die Wolken nicht aus Freude am Flüchtigen, sondern betrachtet sie immer wieder deshalb, weil in ihnen (genau wie im Wasser) die bildenden Kräfte der Natur am leichtesten sichtbar werden. Er sucht und sieht Gestalt, „Ingestalt“, auch hier, während Shelley gerade das Gestaltlose und Sich-Verflüchtigende an ihnen wahrnehmen möchte. Doch auch gegenüber den anderen Romantikern und Viktorianern ist Hopkins‘ Naturschau durch eine ganz andere und stärkere Erlebnisweise der Wirklichkeit gekennzeichnet, hierin manchmal dichterische Anschauungsformen unseres Jahrhunderts vorwegnehmend. Keine Märchen-, Mythen- und Geisterwelt spielt bei ihm mehr in die Natur hinein; er beobachtet die konkrete Wirklichkeit mit ihren genauen Konturen.

Verlieren Wolken durch die Wettervorhersagen von ihrem Zauber? Romantisch gesehen ja, aber gegen so etwas wie die Beobachtung Hopkins muss das standartisierte Regenschauerbildchen verlieren. Der Zauber wird nicht kleiner, wenn die Mythen nicht mehr viel sagen oder sich als beschönigend oder verlogen erweisen. Gerald Richter malt sie mythenfrei. Und doch war ich verzaubert, als ich das Bild (rechts) in Essen sah, es ist mehr als ein Foto. Auch Annie Dillart bleibt bei der Beobachtung, wenn sie von Wolken schreibt.

Tomas Tranströmer ist verstorben. Kannte ihn kaum und habe vieles im Netz entdeckt, etwa bei LyricOnline.  Ich zitiere einen langen Abschnitt aus einer Preisrede von 1988 (die ganze Rede hier).

Jetzt kommt eine Erinnerung an ein poetisches Erlebnis, das ich nur mit Mühe datieren kann. Es muß aber gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gewesen sein. Ein Schauspieler liest – vermutlich im Radio –
einige Gedichte, die von Mitgliedern der Widerstandsbewegung geschrieben sind. Alles, was mit der Widerstandsbewegung zu tun hatte, war fesselnd, und ich war sogar bereit, Versen zu lauschen. Was ich zu hören bekam, war u.a. etwas, das ich weit später als Paul Eluards Liberté identifizieren konnte, das Gedicht mit dem unwiderstehlich vorwärtsrollenden Kehrreim:

Auf meine Schulhefte
Auf mein Pult und die Bäume
Auf den Sand auf den Schnee
Schreib ich deinen Namen

Auf alle zerlesenen Seiten
Auf alle leeren Seiten
Stein Blut Papier oder Asche
Schreib ich deinen Namen

Auf die Heiligenbilder
Auf die Waffen der Krieger
Auf die Königskronen
Schreib ich deinen Namen

Auf das Dschungel und die Wüste
Auf die Nester die Ginsterbüsche
Auf das Echo meiner Kindheit
Schreib ich deinen Namen

usw. usw. 21 Strophen.

Unerhört aufgekratzt und ergriffen wurde ich – und werde es übrigens noch immer, wenn ich dieses Gedicht lese. Darauf zu verzichten, das ganze zu zitieren, kostet mich eine gewisse Überwindung. [Das ganze Gedicht, auch im französischen Original hier]
Aufgekratzt und ergriffen, aber es war ein isoliertes Erlebnis während der Zeit der Taubheit, ein einzelnes modernes Gedicht hatte hingefunden. Ein Signal aus der Zukunft.

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Inszenierung in Frankreich

18. Dezember 2014

Gestern und letzte Woche lief die zweite Inszenierung von „Fangt uns doch“. Alles auf Französisch „Attrapez-nous donc!“. Ich konnte leider nicht hingehen. Bin aber recht begeistert von allem, was ich davon bisher gehört habe. Fitte Schauspieler, neue Lieder, die Träume ganz anders inszeniert, viele Zusammenhänge klarer herübergebracht als im deutschen Text.
2nd_applaus_koepfe.jpgKleine Danksagung an die Regisseurin und an ihre Spieler, ein Lied, das ich gerade zum ersten Mal hörte: Georges Brassens „La Prière“ (Text dt./fr. hier), ein großes Mitfühlen mit Menschen in extremen Lebenslagen. Wir endeten unser Stück mit Strophen wie

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