Es ging gar nicht um Fake-News – Ein Essay zum KJT-Theater 2019

Ich mag das KJT-Theater. Vielleicht weil ich selber lange dabei war und weil ich die Regisseure mag (Leonie Bayer, Sebastian Lober, Georg Rugel)? Weil es so ausgetüftelt ist, weil viel geprobt wird … ausgetüftelt, wer wo in welcher Szene einfriert – bis zu den Stellwänden in der Pause? Mag ich das KJT-Theater, weil so viel Glaube mitschwingt, der Welt etwas zu sagen zu haben? Weil die Schauspieler so viele sind und oft Facetten von sich selber spielen dürfen? Weil ich dabei, wie es sich für ein Theaterstück (seit Aristoteles) gehört, Mitleid und Furcht empfinde, bis zu ein paar Tränen am Ende, und irgendwie mit klarer Sicht herausgehe? Von allem ein bisschen war wieder das Stück „Nie wieder Friede!“ am letzten Wochenende im Pfarrheim Thannhausen, für mich ein großartiger Gesamteindruck. Dass das Stück von Ernst Toller aus dem Jahr 1936 so aktuell ist, weil es die Verbreitung wenig geprüfter Meldungen und zum Teil absichtlich lancierter Fake-News sowie den Populismus thematisiert, hatte ich auch erwartet. Wider Erwarten waren diese Themen aber bei den Aufführungen nur ein Nebenthema für mich. Mein Hauptthema: so eine gewisse Melancholie.

„Soldaten des Friedens“

Plakat1Doch zunächst zu den Fake-News. Die große Falschmeldung, die da lautet: Das Allerschlimmste tritt ein. Das Allerschlimmste will niemand, sollte man glauben. Und doch, mit nur ein wenig Machtgehabe von oben glauben es alle gewöhnlichen Leute. Sie glauben, dass der Feind ihr Land angreift. Sie lassen sich an die Kriegsfront schicken, bekommen Panik, dass in jeder Ecke ein Feind lauert, sie „erkennen“ plötzlich, dass vermeintlich die „Ausländer“ die größte Bedrohung sind, dass schlecht ist, was gestern gut war und gut, was heute schlecht. Man plappert die blöde Parole nach „Nie wieder Friede!“. Die Peinlichkeit ist, dass eine einfache Frage genügt hätte, um alles als Humbug zu enttarnen. Davon ist die Bühne erfüllt beim Theater der KJT 2019, schon im Titel plappert es „Nie wieder Friede!“

Ernst Toller ist ein politischer  Autor, er will enttarnen. Was enthüllt sich, wenn man auf diese Situation genauer schaut? Es war alles schon vorher da, der Krieg steckte schon in den Köpfen, in den Liedzeiten. Wer in Friedenszeiten von den „Soldaten des Friedens“ singt, braucht sich nicht wundern, wenn daraus schnell „Soldaten des Krieges“ wird. Er bleibt skeptisch, wenn es am Ende wieder „Nie wieder Krieg“ heißen sollte, das ist nur für eine gewisse Zeit. Man könnte den Dämon Hitler austreiben, dachte der Autor wohl Mitte der 1930er Jahre, als er in England das Stück schrieb – und entsprechend verwandelte sich der lautstarke „Friseur Emil“ (Michael Marschall) bei seinem Abtritt in einen bösen Geist, der aus dem Körper der Stadt fährt. Auf eine solche Befreiung darf man hoffen. Dennoch bleibt die bittere Vermutung: er wird wiederkommen. Das deutlichste Zeichen dafür: das Gift ist immer noch in der Gesellschaft. Ob es aber im Kern einfach die Gutgläubigkeit der Menschen ist, Fake-News zu glauben, nicht genau zu prüfen, was einem gesagt wird, oder einfach der Masse hinterherzurennen, würde ich bezweifeln.

Ich bin Demokrat, ich glaube, daran, dass die Mehrheit im Kern zumindest für den Frieden steht. (Auch wenn mir das nicht immer leicht fällt.) Toller war Sozialist, ich weiß zu wenig über ihn um sagen zu können, ob er einen demokratischen Sozialismus anstrebte. Aber ich habe große Hoffnung auf den Pazifismus, gerade einen, der wie bei Toller durch das eigene Kriegserleben ausgelöst wurde, und der sich zudem durch Gefängnisstrafe für den sozialistischen Revolutionär in der Weimarer Republik nicht zerbrechen hat lassen. Dieser Pazifismus kommt im Stück vor: die bibelverteilende Tochter des Konservendosenfabrikanten, die an die Liebe glaubt (Chiara Michel). Die grenzsprengende Macht, wenn sich zwei Menschen verfeindeter Völker verlieben. Nicht unangefochten, doch letztlich lernt Rahel Standfestigkeit, wenn ihr brasilianischer Freund (Samuel Ramp) nach der Kriegserklärung zunächst peinlich gleichgeschaltet die Nation dem privaten Glück vorzieht. Sonst hätte sie vermutlich mit ihm das private Glück am anderen Ende der Welt gesucht. Und dennoch bleiben sie und Bräutigam Jakobo am Ende im traumhaft Verschwommenen, zumindest in der Inszenierung der KJT. Rahels Lied (Wenn der Tag vergeht, / endet alles Leid, /Und das arme Herz / Ruht in Heiterkeit/ Grenzen hat das Meer …) gerät als Ausflug in die Zauberwelt eines Musicals, im Kontrast zur harten politischen Welt des Stücks. Dort wird schon wieder für den nächsten Krieg gezündelt.

Die Toren und die Klugen

Der arme Lazarus und die reichen Prasser. Eine Geschichte, die Jesus im Lukasevangelium erzählt. Lazarus, ein Bettler, landet nach seinem Tod im Land der Gerechten, der Prasser ist hoffnungslos verloren, weil er Lazarus nicht vor seiner Türe lungern und in seiner Not vergammeln sieht. Im Evangelium haben öfter die kleinen Menschen Namen, viele vermeintlich Große bleiben namenlos. „Die Bettlerin Noomi und die drei Mächtigen.“ So könnte das KJT-Stück 2019 auch heißen. Erst gegen Ende kommen da drei namenlose Kapitalisten in Fahrt und zeigen sich als die eigentlich Mächtigen. Noomi, die arme „dumme“ Alte (glaubhaft verkörpert von der jungen Zehntklässlerin Isabell Schmidt), die nicht mehr arbeiten will und kann, hat mit ihren drei eigentlichen Widersachern nicht viel zu tun. Das lassen die Drei ihre Herrschermarionetten tun, Laban, den scheinbar so freundlichen Fabrikanten, und Emil, den Friseur und lautstarken Agitator. Und diese offiziellen Herrscher haben wiederum ihre Beamten, die sich dann tatsächlich mit der Bettlerin Noomi zoffen. Da ist zunächst Lise, treue Vollstreckerin der Befehle verschiedener Herrscher (Lena Hilbert). Ihr ist die Alte einfach zuwider, und doch, oft lässt sie sich von ihr in Diskussionen verwickeln. Zudem Clavis, Lehrerin am Ort, immer knapp daran, den richtigen Zeitpunkt für einen Meinungsumschwung zu verpassen, umso dienstfertiger aber, sobald sie dann wieder verstanden hat, was die politische Farbe des Tages ist (Lucia Daniek). Zuletzt den bulligen Wärter und aggressiven Militärwerber (Jannik Bayer). Ihnen gegenüber gibt Bettlerin Noomi oft zu „Ich bin ja ein Trottel“, dafür bin ich zu dumm.

Ist Tollers Stück ein Drama des Klassenkampfes, Arbeit gegen Kapital? Nein! In gewisser Weise setzt der Olymp, ein himmlisch blau erIeuchteter oberer Bühnenbereich die Akzente. In diesem Himmel haben die Menschen andere Themen, Napoleon (Fabian Klampfl) kokettiert mit seinem Heldentum, ein Bilderbuchengel (Emma Denk) mit Weihnachtskartenposen und Kindergeburtstagswünschen. Der Himmel in Person von Franziskus (Felix Fischer) will nichts von Karl Marx hören, vielleicht hätte er mit dem Ur-Kommunisten in der Hinterhand  das Geschehen auf Erden besser verstanden und wäre anders damit umgegangen. Immerhin hat Franziskus echtes Mitgefühl mit dem Pärchen Rahel – Jakobo. Noomi kommt im Himmel nicht vor, das Kapital kommt im Himmel nicht vor – außer dass da, eher zur Unterhaltung des Zuschauers, eine kleine Bestechungsaktion nebenbei läuft, wenn Engel 1100 neue Flügel aus Paris ergaunert.

Die Schlussszene, die ich als Bekenntnis des Autors lese, sprechen die Olympier:

Franziskus                    Wann endlich wird der Friede auf Erden einziehen?

Napoleon                     Seit Jahrtausenden wissen die Klugen, daß der Friede ein Traum der Toren ist.

Franziskus                    Eines Tages wird der Traum sich erfüllen. Die Liebe wird stärker sein als der Haß, die Wahrheit stärker als die Lüge, und die Menschen werden sehen und sich erkennen, und es wird Friede sein auf Erden.

Napoleon                     Wann wird dieser Tag sein?

Franziskus                    Wenn die Klugen schweigen. Wenn die Toren handeln.

Die Klugen sind die drei Mächtigen, die Torin ist Bettlerin Noemi. In ihrem Tun liegt der Friede, auch wenn er aus Sicht der Drei immer ein blöder Traum bleiben wird. Aber wie ist das zu verstehen?

Szenen aus dem Blickwinkel der Melancholie

Die Einzelheiten vom Drama der Bettlerin Noomi und der drei Mächtigen. Vorletzter Akt: Die drei Mächtigen sind Zyniker. Unter ihren Augen wirken die offiziellen Herrscher, die mit ihrem Namen einstehen, Laban und Emil. Denen stehen sie für gewöhnlich mit ihrer Klugheit bei – und als Gegenleistung haben sie normalerweise Profit, der ihnen als politisches Kapital genügt. Sie denken: bevor der Herrscher verrückt spielt oder gar anfängt, gegen ihren Nutzen zu arbeiten, haben sie schon Machtmittel in der Hand. (Viele Leute dachten in den 1930ern, dass irgendwer, das Großkapital, die Heeresführung oder himmlische Mächte, Hitler bevor er einen verrückten Krieg anfängt, stoppen würden.) Das funktioniert im Stück, weil es eine Posse ist, und weil Toller vielleicht in den frühen 1930ern, als er es schrieb, selbst noch darauf gehofft hat. Aber auch die Emission Emils und die Wiedereinsetzung Labans haben einen schalen Geschmack. Laban zeigt sich als durchtriebener Kapitalist, der sogar den Himmel besticht (Nico Reißnauer). Die Drei sehnen sich nicht nach Frieden, in ihrem Blick sind nicht die Leiden des Kriegs und das Wohl der Menschen. Sie haben den Kontakt mit der Wirklichkeit verloren.

Schon für die Ebene unter den Herrschern haben die drei Mächtigen kein Gespür mehr für die Menschen: Sinnlos und brutal prügeln sie einmal auf Clavis ein. Leute wie das Paar junger Menschen oder gar eine Bettlerin sehen sie nicht mehr.

Erste explizite Szene des Dramas von Noomi und den drei Mächtigen: Noomi hakelt mit Lise (im Originalstück als männlicher „James“ angelegt) und stellt sich im Lied vor „Ist es so auf Erden?“, ein KJT-Theater Einsprengsel, getextet von Tollers Zeitgenossen Jesse Thoor unter der Überschrift „In der Fremde“.

Ist es so auf Erden?

 

Bin in die Welt gegangen.

Habe mancherlei angefangen.

Aber die Leute lachten.

_ _ _  _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

 

Auf dem Felde gegraben.

Einen Wagen gezogen.

Einen Zaun gerade gestellt.

Tür und Fenster gestrichen.

Warme Kleider genäht.

Hölzerne Truhe gezimmert.

Feine Stoffe gewoben.

Goldenes Ringlein geschmiedet.

 

Was soll nun werden?

 

Werde nach Hause wandern,

und barfuß ankommen.

Noomi singt den Text einmal, die Worte sind zu rätselhaft, dass der Zuschauer ihn sich merken würde, zumal gleich die große Show des UN-Beauftragten kommt. (Völkerbund, das historisch richtige Wort statt UN, habe ich nicht gehört.) Für mich, der ich den Text kannte, war dieses Lied der Höhepunkt des Stückes. Es könnte Rumpelstilzchens Lied sein. Das kleine Geistermännchen aus den Märchen der Gebrüder Grimm kann schließlich wie Jesse Thoor selber und die KJT-Noomi jedes Handwerk („Heute back ich, morgen brau ich …“). Wie Noomi ist Rumpelstilzchen „ dumm“, eine Torin (oder auch Jesse-Thoorin), es verschenkt seine Talente (an eine arme Müllerstochter), es stellt eine grausame Forderung ans Leben (ich will dein Kind haben), und es verrät sich selber. Traurig, wie es allein bleibt, im plumpen Stolz auf seinen Namen. Ich vermute, dass bei Rumpelstilzchen eine ähnliche Erfahrung dahintersteckt wie bei Jesse Thoor und der KJT-Noomi: Ich habe mich gezeigt, wie ich bin, habe „mancherlei angefangen./ Aber die Leute lachten“. Die bittere Erfahrung der Verachtung. Aber wo Rumpelstilzchen vor Wut zerplatzt wie eine Seifenblase, bleibt Noomi auf dem Boden: barfuß, auf dem Weg nach zu Hause. Dem Ort, wo niemand über sie lacht. Dieser Ort ist nicht der wilde Tanz um das Feuer, es genügt für heute: essen, trinken, ein Ort zum Schlafen.

Szene Zwei des Dramas von Noomi und den drei Mächtigen: Die Drei stellen sich (noch etwas getarnt) ebenfalls mit einem Lied vor: „Man muss das Rechte, zur rechten Zeit tun“, ein Ohrwurm, der mir noch in beiden Gehörgängen zappelt. Kurz vor der Austreibung des Diktators Emil werden sie es wieder singen. Ein Lied, das ihren ganzen Zynismus und Opportunismus zum Ausdruck bringt. Zunächst bringt es mich nicht auf die Idee, dass sie die eigentlich Mächtigen sind, dass sie letztlich die Zügel in der Hand haben. Ihre wichtigste Sprecherin „D3A“ hat vorher nur Laban gerügt, auf den Frieden geschworen zu haben – im sicheren Wissen, dass er selber und alle anderen einen solchen Schwur niemals einhalten werden.

Man muß das Rechte

zur rechten Zeit tun.

Wenn es Zeit ist zu sparen,

spar nicht des Nachbarn Geld.

Wenn es Zeit ist zu jagen,

jag in des Nachbarn Feld.

Wenn es Zeit ist zum Kriege,

sag der Feind ist schuld,

Wenn es Zeit ist zum Frieden,

trag es mit Geduld.

Denn der Schnee schneit, wenn es kalt ist,

Und die Rosen blühn im Mai,

Und ein Holz fällt, wo ein Wald ist,

Und der Friede geht vorbei.

Man muß das Rechte

zur rechten Zeit tun.

Die Vertonung von Jürgen Steber und der Gesang von Chor und Schauspieler erinnert bei diesem Lied an die Musik bei Bert Brechts Theaterstücken – Hanns Eisler, ein enger Weggefährte Bert Brechts hat „Nie wieder Friede“ für die Originalaufführung in den USA vertont. Dieser historische Bezug fällt auf, da Stebers Melodien sonst andere Geschmäcker bedienen. Das Lied ist verkörperte literarische Epoche: Neue Sachlichkeit, der vorherrschende Stil der 1920er Jahre: keine starken Charaktere, politische Ideen auf die Bühne bringen. So haben ja auch die Drei keine Namen, sie stehen nur für ein politisches Programm, für Kapitalisten, die sich anmaßen, über alles zu richten. Nach Naomi Klein (und vielleicht auch Noomi Klein) gibt es sie schon zu Tollers Zeit und dann noch weit darüber hinaus bis heute: Die Chicagoer Schule des (Neo-)Liberalismus. Wenn die Chicagoer in der Weltgeschichte bestimmen dürfen, richten sie großen Schaden an: die momentane Situation in Irak und Russland etwa, die ich mir selber wiederum wie in „Nie wieder Friede!“ vorstelle: ein paar Geldgeier haben das Sagen, die offiziellen Herrscher, Putins, Ajatollahs und Rohanis sind ihre Marionetten, und deren Polizisten knüppeln und verschüchtern die Bevölkerung.

Mit der Zeile „Denn der Schnee schneit…“ friert das Lied der Drei ein, es wacht nicht auf, als es von den Rosen singt. Das Lied besingt das Sich-Verstecken der (kapitalistischen) Eigennützigkeit hinter dem „man“, hinter einem Es-macht-doch-jeder-so, sogar Es-macht-die-Natur-so.

Szene 3: Noomis Non-Konformismus; Szene 4: Noomi begegnet im Gefängnis Sokrates und übertrumpft ihn an Lebensklugheit, so dass er, der große Weise, bei ihr in die Lehre gehen will. Szene 5: In großer Staatsnot werden die drei Mächtigen von Emil konsultiert und unter Druck gesetzt. Szene 6: Jetzt wandelt sich plötzlich D3A in Sokrates, wendet einen seiner großen rhetorischen Tricks an. Der geht so: Das hast du aber gut getroffen und unerhört gut ist was du sagst, Emil. Aber da habe ich noch eine klitzekleine Frage … und anhand dieser anfangs kleinen Frage wird am Ende alles auf den Kopf gestellt, was Emil ist. Emil lässt sich aus der Stadt austreiben, wie ein Dämon. Szene 7: Die drei ziehen sich wieder zurück, Noomi darf ein wenig den Frieden feiern, an den niemand glaubt. Oder vielleicht glaubt sie selbst daran. Vielleicht ist es Zeit, auf sie zu hören, lässt Toller den Franziskus im Schlusssatz sagen. Selbst die Drei Mächtigen waren Werkzeug des Guten, als sie Emil absetzten.

Was soll nun werden?

Welche Emotion lässt das Stück zurück? Nicht so sehr die Empörung darüber, von Fake-News betrogen zu werden und sich betrügen zu lassen. Nein, die Melancholie darüber, wie Politik läuft, wie schwer sie zu fassen ist, wie wenig es geschätzt wird, die Wahrheit zu sagen. Ich halte das nicht aus ohne Jesse Thoors Tiefenblick: Hier auf Erden geht es darum, alles zu probieren, aber am Ende kommt noch etwas ganz anderes: „nach Hause wandern, und barfuß ankommen“. Es gibt, so die Hoffnung im Anfangslied, das am Morgen den neuen Tag begrüßt, einen, der Silber und Gold zeigt, „einen, der aufschreibt unser Herzeleid“. Es gibt eine Aufmerksamkeit jenseits von Lust und Weh, so das Schlusslied „O Mensch gibt acht“. Es transformiert ein schillerndes (berühmtes und mehrfach vertontes) Gedicht von Friedrich Nietzsche aus „Also sprach Zarahustra“:

O Mensch! Gib Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
»Ich schlief, ich schlief –,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh –,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!«

Nietzsche hat ein anderes Ziel der Aufmerksamkeit, angeblich ein tieferes als das „Herzeleid“: die Lust. Man muss diese Lust nicht als „Wille zur Macht“ interpretieren, aber es klingt so: Lust will Ewigkeit erobern, Lust will das Weh, das Herzeleid vergessen machen, indem sie herrscht. Das hat etwas mit den anonymen D3A, D3B und D3C zu tun, die mit Alexandra Wassermann (Teufelsaustreiberin), Markus Koller und Manuel Beinhauer bei der KJT durch cleveren Klamottenwechsel greifbar machen. Ihre Kühle, ihre Herzenskühle, bleibt bestehen. Sie sind gegeneinander austauschbar, das Individuelle verdunstet.

Das Gegenmodell sind Noomi und die alte Kinderfrau Male (Conny Herold), wie sie immer auf die Bühne rennt und Herzeleid schreit. Welche Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zeichnet sie aus? Das Schlusslied nach Jesse Thoors Sonett:

O Mensch, gib acht – der du geboren und im Kreise rennst.

Der du alleine bist, und der du frierst, und der du brennst.

Das Gute willst – das Häßliche verdammst, und doch betrübst.

Der du das Große in die Ecke stellst, das Kleine übst.

 

Der du ein Blinder in der Nacht .. Der du im Regen hängst.

Der du erhöhst .. Und der du niedrig machst .. Der du bedrängst.

Der du bestohlen wirst, und der du selber stiehlst.

Und der du fromm genug, und der du dich im Drecke sielst.

 

Und der du ohne Eifer bist. Der du den Übermütigen belauerst.

Der du das Dunkle fürchtest und im Lichte noch erschauerst.

Der du die Zügellosigkeit und die Verspottung überdauerst.

 

Und der du trostlos und verloren auf der Straße stehst.

Der du wie Ruf, wie Rauch, der du wie Spreu im Wind verwehst.

Und der du von der Erde kommst .. und wiederum zur Erde gehst.

Das ist ein Gedicht des Weh, des Herzeleids, natürlich. Wie das Lied Nietzsches spielt es damit, dass da jemand aus dem Alltag wie aus einem Traum erwacht und hinter den Schleier schauen kann. Aber die Lust ist nicht besser, nicht tiefer als das Herzeleid. Dass das (vermeintlich) Gute und Böse unbewertet nebeneinander gestellt werden erinnert an Nietzsches Übermenschen, für den Moral keine Rolle mehr spielt. Aber der Text Jesse Thoors ist in viel größerer Ruhe gesagt und gesungen, das Lied strahlt eine Ruhe aus. Bei Thoor fehlt das große Wort „Ewigkeit“, obwohl ich ungesagt so etwas mithöre: das aufgeschriebene Herzeleid vom Anfangssong hat, etwas Bleibendes, eine Inschrift auf einem Grabstein und noch mehr.

Das Sonett endet mit der uralten Mahnung, sich daran zu erinnern, dass man sterben muss? Falsch, ich bin es, der da eine Mahnung hört. Die Erwähnung, dass wir zur Erde gehen ist eine Feststellung wie alles vorher, wie alles Weh und Wunderbare vorher. Als Noomi in den Krieg ziehen soll, weigert sie sich, sie sagt, sie hat „eine Angst“, sie kann sie klar artikulieren. Noomi ist für mich voll in den drei ersten Strophen präsent, sie artikuliert immer, was in ihr vorgeht. Aber ich verstehe sie so, dass ihre eigentliche Aufmerksamkeit auf dem nach Hause wandern und barfuß ankommen liegt, auf dem von der Erde kommen und wiederum zur Erde gehen. Ihr Beobachten passiert auf eine Weise, dass sie nicht werten muss, wenn sie die Welt genau anschaut. Gerade ohne Wertung  wird der aufmerksame Blick sie verändern. Von außen mag sich dieses Blicken ins Bestohlenwerden und Bestehlen, in Frömmigkeit und Shitstorm-von-sich-lassen, wie ein selbstverliebtes Eingraben in sich selber erscheinen. Melancholie hat aber auch die andere Seite: Reinigung, das frische Warten auf den neuen Tag. Die KJT-Regie macht dazu einen Vorschlag. Das Lied endet nicht mit der letzten Strophe des Thoorschen Sonetts, sondern wiederholt noch einmal die erste. So geht der Zuschauer heim mit dem Satz „O Mensch, gib acht … Der du das Große in die Ecke stellst, das Kleine übst.“

Fake-News in Dunkelstein

7. November 2019

Die böse Ahnung, dass auch unsere friedliebende Zeit nicht vor einem Krieg gefeit ist, ergriff die Theatergruppe der Katholischen Jugend Thannhausen. Die KJT bringt Ernst Tollers Posse „Nie wieder Friede!“ im Pfarrsaal Thannhausen zur Aufführung. Die Vorstellungen ab dem 22. November 2019 werden garniert durch selbstgeschriebene Musik von Jürgen Steber.Plakat1

Ernst Toller war mit Kurt Eisner und Gustav Landauer vor 100 Jahren einer der führenden Köpfe der Münchner Räterepublik, die den Sozialismus in den neugegründeten Freistaat Bayern bringen wollte. Im Gefängnis verfasste der Pazifist seine ersten großen Theaterstücke. Im Jahr 1933 wurden in Deutschland seine Schriften verbrannnt. Als er 1936 „Nie wieder Friede!“ schrieb, war er schon vor den Nazis in die USA emigriert.

Der Stücktitel „Nie wieder Friede!“ selber ist schon Fake-News. Und wie in dem Theaterstück immer wieder Falschnachrichten verbreitet werden, fühlt man sich wie in der Gegenwart. Hier wie dort schaden Fake-News ihren Verkündern nicht, sie werden in der Öffentlichkeit viel zu selten auf Wahrheit geprüft, sondern unkritisch als Erregungspotential wahrgenommen. Wer sich auf den Ton der öffentlichen Meinung einschwingt, scheint zu gewinnen, selbst wenn er den Kriegszustand verkünden muss.

In der Rahmenhandlung des Stückes treffen sich im hohen Olymp zwei Heroen der Weltgeschichte. Bei Zigarre und Whisky wetten sie darum, wie blöde eigentlich die Menschheit ist. Napoleon ist davon überzeugt, dass sie williges Kriegsvolk sind, Franziskus von Assisi hofft auf Weisheit und Anstand. Wird die Erfahrung die Menschen klüger machen?

Natürlich gibt es Hoffnung, überall sind Liebende, Narren und Sänger unterwegs, so auch in Dunkelstein, dem fiktiven Ort von Tollers „Komödie“. In den vertonten Gedichten von Jesse Thoor, welche die KJT-Truppe dem Stück zuordnet, findet sich auch ein gewisser Zauber. Aber sind die Nachrichten der Utopisten ernst zu nehmen? Ist nicht das Schicksal unserer Zeit, dass alles Täuschung, dass alles Fake-News sein kann?

Der Theaterabend im Pfarrheim (Frühmessstraße 9) verspricht Spannung und Dynamik. Dafür stehen die Regisseure Leonie Bayer, Sebastian Lober, Georg Rugel sowie 30 andere Mitwirkende. Premiere ist am Freitag, 22. November 20 Uhr, weitere Aufführungen am Samstag, 23. November 20 Uhr und Sonntag 24. November 15 Uhr.  Platzkarten können täglich von 18 bis 20 Uhr unter der
Nummer 0157 82905055, per Whatsup, SMS oder unter kjt.theater@gmail.com reserviert und erworben werden, Restkarten gibt es an der Abendkasse.

Experimente mit Erinnerungen

18. September 2019

„Die Leinwand“ von Benjamin Stein ist ein Buch, das ich richtig mag. Seit drei Wochen bin ich durch und immer noch lese ich fast jeden Tag wieder ein Kapitel. (Warnung: Was ich hier schreibe, ist ohne Buchkenntnis kaum zu verstehen, spoilert für einen Leser und ist mit ein wenig Phantasie geschrieben, also wie das Buch ein Experiment mit Erinnerungen). Zum Hintergrund und zum Wiedererinnern des Romans auch hilfreich sind vielleicht zwei der vielen lobenden Rezensionen, eine kürzere (Sigrid Löffler) und eine lange (Lothar Struck).

page1-356px-mishnah-a-zeraim1-vilna.pdfMein Gefallen an „Die Leinwand“ drücke ich genauer so aus: ich knabbere daran, ob die Erzählung genial ist oder ein großer Bluff.Ein großer Bluff sind für mich einige postmoderne Bucher: Ecos Fouccaultsches Pendel, Süßkinds Parfüm (und andere, die ich beinahe vergessen habe und bei deren Einordnung ich in meiner Erinnerung nicht so sicher bin: Die Insel, Tod in Venedig). Zu diesen Bluff-Büchern gehören für mich auch „Das Bildnis des Dorian Grey“ von Wilde und „Der Meister und Margarita“ von Bulgakow. Die zweie haben zudem dreierlei in der Erinnerung gemeinsam: ich meine, sie nicht richtig verstanden zu haben; sie haben mich beim Hörbuchhören geärgert; dennoch habe ich bis zum Ende als Hörbuch gehört.

In „Die Leinwand“ sind diese beiden Bücher für einen der Ich-Erzähler, für Amnon ben Yehuda, zwei Türen  in die nichtjüdische Welt und gleichzeitig tief religiös interpretierbar. Beide, Dorian Gray sowie „Der Meister und Margarita“, machen eine Welt auf, und deshalb behielt ich sie wohl in Erinnerung. Was den Blick auf das Erhabene und die Weltdeutung angeht, bin ich weniger von ihnen angetan. Für mich machen sich Wilde und Bulgakow im Kern lustig über die magische Welt und die Welt des Glaubens, die Welt der Hoffnung, dass alles gut wird, dass alles heute schon gut ist. Sollte man diese beiden Bücher ernstnehmen, sind Gott und Weltdeutung vor allem voll böser Abgründe. Deshalb, so sagen sich Wilde und Bulgakow in meiner Vorstellung, geben wir unserer Leserschaft ein Zerrbild, über das man lachen kann und das einem guten Gewissens Abschied von solchem vermeintlichen Blödsinn nehmen lässt.

Benjamin Stein erzählt diese Bücher neu, bei ihm muss ich mich über sie nicht ärgern und sie werden mir verständlich: Selbst an den Teufel (Volant) zu glauben ist besser als gar nicht zu glauben. Durch ihn merkt man, dass Gott und nicht der allgegenwärtige Machbarkeitsgedanke Geschichte schreibt. Und das Bildnis des Dorian Gray wird zur titelgebenden Leinwand. Farbschichten abtragen, wie Minski, um an die Quelle des Schmerzes zu kommen. Farbschichten auftragen, um die Gerechtigkeit zu bekommen, die in der Welt fehlt. Farbschichten auftragen, damit dem Geigenbauer Minski die Amati-Geige gelingt. Mit ihr hätte er an die Öffentlichkeit gehen sollen, nicht mit seiner angeeigneten Phantasiegeschichte. Niemand hätte gesagt, dass er ein Lügner ist. Die Geige klingt in den Erinnerungen von Amnons Vater in Jerusalem, bei Jan Wechlers Wohnungsnachbar und auf den Lesungen von Minski. Jemand anders muss für Minky bei seinen Auftritten als Literat und Opfer vorlesen, er spielt eigentlich nur Geige. Amnon hat Geigespielen bei Minski gelernt, er nimmt damit eine Tradition seines Ziehonkels auf, die der aber im Dachspeicher hat ruhen lassen. Ich höre Paul Celans Todesfuge mit: Ein Mann aus Deutschland, „Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus  Deutschland / er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft / dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng.“

Ich habe wenig Ahnung, wie man das Celan Gedicht verstehen soll, der Klang, es vorgelesen zu bekommen, genügt mir für ein weites Stück. Jetzt deute ich: die schwarze Milch, die schwarze Milch der Frühe, das sind die Erinnerungen, die Amnon sieht, wenn er jemand berührt. Die Farbschichten auf den Seelen der Menschen. Alle solchen Erinnerungsschichten, die er sieht, haben etwas dunkles, selbst der bezaubernde Kuss Elis, den er empfindet, bringt ihn zur Eifersucht. Amnon trinkt also immer die schwarze Milch, wenn er in die Erinnerungen von jemand schaut: bei Lauren, bei Minski und bei Wechler, wie er andeutet. Immer hebt er den Schleier, der vor der Leinwand von Dorian Grays Bild steht. Er wird so übersatt von dieser schwarzen Brühe, und doch hat er sie wie Milch behandelt, wie etwas, mit dem er das verlorene Kind, das er da sieht, aufpäppeln kann. Dieses Kind, das er so oft in seinen Praktikumsjahren und in seinen Praxis-Jahren gesehen hat, und dem er (gefühlt) so selten helfen konnte. Vielleicht nur, solange er sich in Demut übte, zusammen mit Eli, den er dann einfach aus dem Blick lässt. Weil er die Demut bricht und aus dem Lauren-Fall ein Buch machen will, weil er Minski nicht hindert, das Buch zu publizieren, weil er Jan Wechsler gegenüber in der Mikwe in Moza seine Emotionen nicht im Griff hat.

Warum überlebt Jan Wechsler, als ihn Amnon ins kalte Wasser hinunterdrückt? Ziemlich klar, weil Amnon seine Handschuhe ausgezogen hat und die Erinnerungen, die er mitbekommt, Amnon traumatisieren und handlungsunfähig machen. Die schwarze Milch überschwemmt ihn. Er bekommt mindestens Jans Erinnerung an sein erstes Tauchbad mit, und damit seine Angst, dass wilde Tiere über ihn kommen. Vielleicht sieht er auch das große Leben in Lüge, wie er eigentlich schon bei Minski die Lüge hätte sehen müssen, denn er sah nur Gummistiefel statt Militärstiefeln der Blockowa, wie Minski vorgab. Vielleicht sieht er die Abgründe eines Lebens im Dienste des Ehrgeizes, der Selbstzurschaustellung. Mag sein als etwas, auf das er sich auch zu viel eingelassen hat. Mag sein als etwas, das seinen Hass verstärkt. Mag sein als etwas, das sein Mitleid weckt (dass er seine Intuition als Autor, der er so gerne wäre, verloren hat).

Es aber auch sein, dass er erlebt, wie Gott in die Welt eingreift. Wie Gott ein Leben verwandeln kann, Eli von seiner Krankheit heilen, Jan Wechsler von seiner Eitelkeit befreien. Es heißt ja auch im Christentum, die Taufe nehme die Sünden weg. Das gibt Amnon vielleicht einen neuen Blick, dass es gut ist, seine Gabe, in Erinnerungen anderer einzutauchen, nicht zu nutzen. Dass es gut ist, einen Paradiesgarten zuhause anzulegen. Dass vielleicht noch einmal ein Moment kommt, die Handschuhe abzulegen, vielleicht aber auch nicht. Gott sei gelobt in Ewigkeit.

Und da ist noch dieser erste Satz des Amnon-Romans. „Ich dachte einmal, ich hätte einen sechsten Sinn“ Er könnte sich auf unwissende Stadien des 15-jährigen beziehen, der mit diesen Erlebnissen, in die Erinnerungen eines anderen zu gehen, nichts anzufangen weiß und sie säkular deutet, bevor Eli die Deutung gibt, die ihm dann lange verbindlich wird. Aber eine andere Deutungsmöglichkeit scheint mir wahrscheinlicher. Amnon macht diese Aussage angesichts seiner Berührung in der Mikwe von Moza. Ihm passiert etwas, was sein Selbstbild total umwirft. Er braucht jetzt keine Handschuhe mehr, er kann sie Wechler schicken. Er muss nicht mehr Laurens Fall publizieren, er schickt die Unterlagen dem Journalisten – er hat keine Angst mehr davor, öffentlich zerlegt zu werden, deshalb auch die Zeitungsartikel. Er braucht seinen Hass auf Wechslers Buch nicht mehr, er kann es ihm nachschicken. Er braucht die Mikwen nicht mehr, und schickt einen Sammelband dazu. Er emanzipiert sich von seinem Onkel und seinem Vater, schickt also Edelsteine und Gebetsschal. Vielleicht ist Amnon jetzt auch soweit wie der 16-jährige Eli nach seinem ersten Tauchbad wurde, dass er nach der Begegnung in der Mikwe keine Angst mehr vor dem Tod hat.

Amnons Verbleiben in der Zeit, in der Jan Wechsler erzählt, ist dann kein allzu großes Problem mehr. In irgendeine Einsiedelei ist er verschwunden, in ein Essenerkloster aus einer anderen Zeit, einfach bei Gott. Alles war die Handschrift des Ewigen, so kann er jetzt schreiben – bisher hat er es Eli, dem Onkel und seinem Vater nie ganz geglaubt. Er bleibt demütig, schließlich muss er vermuten, Jan Wechsler umgebracht zu haben. Aber das ist nicht mehr so wichtig im Schatten des brennenden Dornbusches. Es ist nicht mehr so wichtig nach der Gerichtsversammlung, als Daniel die Susanna rettete, indem er die falschen Zeugen überführte. Das Demutsbuch ist jetzt tief verinnerlicht. Gleichzeitig, leuchtet für Amnon jetzt alles, weil er ja in der Nähe Gottes ist.

Jetzt kann die Befreiung von Jan Wechsler beginnen … sie ist teuer, er verliert seine Frau und seine Kinder, vielleicht muss er ins Gefängnis. Aber vorher hat Wechsler seine Eitelkeit verloren. Er hat die wunderbare Gabe gewonnen, wenigstens über sein Eigenes gut zu schreiben, sich genau zu beobachten. Und Wechsler wird die Schlangen, die er in der Mikwe gesehen hat, in sein Leben integrieren. Er wird wieder er selber werden.

(Ich bin einfach ein Optimist. Aber, guter erfahrener Leser, vielleicht kannst du ja zustimmen, dass diese Weiter-Erzählung die bessere ist, als der 0-8-15 Schluss von zwei Leichen am Ende. Und lass mir doch deine Weitererzählung oder die Unaufmerksamkeiten, die du in meiner entdeckst, zukommen.)

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Kassandra Christa Wolf

6. März 2017

Hat es 1982 jemand geglaubt, dass Troja untergehen wird? Dass die DDR untergehen wird? Dass Christa Wolfs Kassandra Prophetin in dieser Richtung ist, habe ich beim ersten Hören des Hörbuches nicht vernommen, ich fand diese eigentlich offensichtliche Deutung hier. Und sie war Prophetin der DDR, nicht des Westens.

Die zitierte Deutung von „angel“ scheint mir auch sonst recht präzise. Diese Frau hat in der DDR-Zeit das 1983 erschienene Buch wie eine Bibel gelesen. Da fand sie ihre Verzweiflung als DDR-Oppositionelle. Aber auch die Deutungen, die sie heute sieht, sind recht spannend:

Kassandra – obwohl leidend an der Willkür und Dummheit von Eumelos und Priamos – lehnt jedes Helden Tum ab. Helden aber sind gerade jene Menschen, die anspruchsvolle Ziele haben und diese beharrlich verfolgen.

Kassandra, könnte man wohl sagen, hat kein Ziel. Wohl aber hat die Kassandra der Christa Wolf Werte. Hoch angesetzte Werte, an die sie sich unerbittlich hält. Da gleicht sie Aineais.  Den Rest des Beitrags lesen »

Migrant Offshore Aid Station (MOAS)Erst beim genaueren Lesen fällt mir auf, wie die Logik in Herta Müllers Texten nicht stimmt. Sie hat im Herbst 2015 den Böll Preis bekommen und hält dazu eine Rede „Heimweh nach Zukunft“. Sie hat gerade angedeutet, wie die Alternative zur Flucht für viele das einsame langsame Verrecken im Krieg gewesen wäre. Dann beginnt der abschließende Absatz der Rede so:

Bisher gab es das Heimweh nach Zukunft, doch nach der Ankunft sitzt einem die Zukunft auf der Haut. Zukunft klingt wie Zuflucht, aber das täuscht. Denn Zukunft ist abstrakt und Zuflucht konkret. Zuflucht ist unter den Fußsohlen ein wirklicher Ort.

Was einem auf der Haut sitzt ist ganz konkret. Auf der Haut sitzt eine Fliege oder eine Zecke, die Socke oder das Kleid. Jedenfalls nicht Abstraktes. Den Rest des Beitrags lesen »

Lese den pazifistischen Theologen Walter Wink. Die vorherrschende Religion unserer Zeit sei „der Mythos von der erlösenden Gewalt“, geteilt von der Krimikultur, dem Kapitalimus und dem Islamismus, oft genug von einem selber. Pazifismus gilt dagegen oft als etwas farbloses, lasches, feiges. Zwischen passivem Pazifismus und dem Glauben an den Sieg mit Gewalt gibt es zögerlich und in Entwicklung einen aktiven Pazifismus. Dafür steht Jesus in einer anderen Weise wie ich meinte.

2012_11_08

„Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Mt 5,39b). Wir denken am ehesten an einen Schlag mit der rechten Faust. Solch ein Schlag würde aber die linke Wange treffen. Um die rechte Wang mit der Faust zu schlagen, müsste man die linke Hand gebrauchen. Den Rest des Beitrags lesen »

Die KJT zum Glück wieder auf der Bühne

Nach „Die Lüge von Hameln“ und „Die Prinzessin im Berg“ in den 1990er Jahren spielte die KJT am letzten Wochenende zum dritten Mal ein Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“. Drei goldene Haare_SchlussliedWar recht angetan und ein wenig traurig, dass ich nicht dabei war. Wie bei „Land in Sicht“ (2010) gestaltete Jürgen Steber die Musik live am Keyboard, die eindrücklichen Melodien und Lieder gehen einem nicht aus dem Kopf. Sebastian Lober und Georg Rugel als Regisseure entwarfen den Weg durchs Ganze, vom Land des unschuldigen Glückes über einen Drachenpalast in die Hölle – und wieder zurück: doch jetzt voller Weisheit und Frieden.  Den Rest des Beitrags lesen »

Wolken

8. November 2015

Kannst du mit Wolken etwas anfangen? Ich muss dazu in der richtigen Stimmung sein. Mal ist es viel, mal wenig. Ich denke zudem, dass es ganz verschiedene Zugänge zu den Wolken gibt. Einerseits romantisch verzaubernd:

„Ich bringe den Regen für das dürstende Leben von den Strömen und Seen.

Ich bin das Kind aus Luft und Wind,
die Tochter von Wasser und Erde;
ich trotze der Zeit mit Unsterblichkeit,
weil ich ewig vergehe und werde.“ (Shelley: The Cloud, Übersetzung Dirk Steinhöfel )

Romantisch klappt natürlich auch heute

„Über den Wolken … muss die Freiheit …“ (Reinhard May)

Es gibt noch eine ganz andere Art poetisch von Wolken zu sprechen – mit einer großen Liebe zu Exaktheit und Wissenschaft – etwa so:

„im Osten hing die mächtigste Stapel-Wolke, die ich erinnere gesehen zu haben… gesalbt mit warmer Messingglut: nur nahe der Erde wurde sie betäubt von purpurischem Schatten.“

„Ein wenig vor 7 am Abend eine wundervolle Aurora … ein Knoten oder eine Krone, kein vollendeter Kreis, aus trüben blutfarbenen Hörnern und tropfte lange rote Strahlen zu jeder Seite in den Himmel hinab, die jeder seine Sternschar durchbohrte.“

Ich entdecke seit einiger Zeit den englischen Poeten und Jesuiten Gerard Manley Hopkins. Dazu schreibt Wolfgang Clemen (in Rinn, Hermann [Hg.] (1954). Gerald Maria Hopkins: Gedichte – Schriften – Briefe. Kösel, München)

Für Shelley sind die Wolken gerade das Sinnbild des Unstofflichen in der Natur, sie sind das, was seinem Streben nach Vergeistigung und Auflösung allen Stofflichen entgegenkommt. Aber Hopkins liebt die Wolken nicht aus Freude am Flüchtigen, sondern betrachtet sie immer wieder deshalb, weil in ihnen (genau wie im Wasser) die bildenden Kräfte der Natur am leichtesten sichtbar werden. Er sucht und sieht Gestalt, „Ingestalt“, auch hier, während Shelley gerade das Gestaltlose und Sich-Verflüchtigende an ihnen wahrnehmen möchte. Doch auch gegenüber den anderen Romantikern und Viktorianern ist Hopkins‘ Naturschau durch eine ganz andere und stärkere Erlebnisweise der Wirklichkeit gekennzeichnet, hierin manchmal dichterische Anschauungsformen unseres Jahrhunderts vorwegnehmend. Keine Märchen-, Mythen- und Geisterwelt spielt bei ihm mehr in die Natur hinein; er beobachtet die konkrete Wirklichkeit mit ihren genauen Konturen.

Verlieren Wolken durch die Wettervorhersagen von ihrem Zauber? Romantisch gesehen ja, aber gegen so etwas wie die Beobachtung Hopkins muss das standartisierte Regenschauerbildchen verlieren. Der Zauber wird nicht kleiner, wenn die Mythen nicht mehr viel sagen oder sich als beschönigend oder verlogen erweisen. Gerald Richter malt sie mythenfrei. Und doch war ich verzaubert, als ich das Bild (rechts) in Essen sah, es ist mehr als ein Foto. Auch Annie Dillart bleibt bei der Beobachtung, wenn sie von Wolken schreibt.

Tomas Tranströmer ist verstorben. Kannte ihn kaum und habe vieles im Netz entdeckt, etwa bei LyricOnline.  Ich zitiere einen langen Abschnitt aus einer Preisrede von 1988 (die ganze Rede hier).

Jetzt kommt eine Erinnerung an ein poetisches Erlebnis, das ich nur mit Mühe datieren kann. Es muß aber gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gewesen sein. Ein Schauspieler liest – vermutlich im Radio –
einige Gedichte, die von Mitgliedern der Widerstandsbewegung geschrieben sind. Alles, was mit der Widerstandsbewegung zu tun hatte, war fesselnd, und ich war sogar bereit, Versen zu lauschen. Was ich zu hören bekam, war u.a. etwas, das ich weit später als Paul Eluards Liberté identifizieren konnte, das Gedicht mit dem unwiderstehlich vorwärtsrollenden Kehrreim:

Auf meine Schulhefte
Auf mein Pult und die Bäume
Auf den Sand auf den Schnee
Schreib ich deinen Namen

Auf alle zerlesenen Seiten
Auf alle leeren Seiten
Stein Blut Papier oder Asche
Schreib ich deinen Namen

Auf die Heiligenbilder
Auf die Waffen der Krieger
Auf die Königskronen
Schreib ich deinen Namen

Auf das Dschungel und die Wüste
Auf die Nester die Ginsterbüsche
Auf das Echo meiner Kindheit
Schreib ich deinen Namen

usw. usw. 21 Strophen.

Unerhört aufgekratzt und ergriffen wurde ich – und werde es übrigens noch immer, wenn ich dieses Gedicht lese. Darauf zu verzichten, das ganze zu zitieren, kostet mich eine gewisse Überwindung. [Das ganze Gedicht, auch im französischen Original hier]
Aufgekratzt und ergriffen, aber es war ein isoliertes Erlebnis während der Zeit der Taubheit, ein einzelnes modernes Gedicht hatte hingefunden. Ein Signal aus der Zukunft.

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Inszenierung in Frankreich

18. Dezember 2014

Gestern und letzte Woche lief die zweite Inszenierung von „Fangt uns doch“. Alles auf Französisch „Attrapez-nous donc!“. Ich konnte leider nicht hingehen. Bin aber recht begeistert von allem, was ich davon bisher gehört habe. Fitte Schauspieler, neue Lieder, die Träume ganz anders inszeniert, viele Zusammenhänge klarer herübergebracht als im deutschen Text.
2nd_applaus_koepfe.jpgKleine Danksagung an die Regisseurin und an ihre Spieler, ein Lied, das ich gerade zum ersten Mal hörte: Georges Brassens „La Prière“ (Text dt./fr. hier), ein großes Mitfühlen mit Menschen in extremen Lebenslagen. Wir endeten unser Stück mit Strophen wie

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