Projektbericht

18. Dezember 2007

… erstellt als Bewerbung für den Gerd-Westpahl-Preis (Preisträger hier), den wir nicht bekommen haben .-).

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Projektbericht

Theaterstück mit Musik
Fangt uns doch.
Wie es kam, dass Hans und Sophie Scholl gegen die nationalsozialistische Diktatur aktiv wurden.

Neuerstellung, Erarbeitung, Ausführung mit 5 Regisseuren und 37 Jugendlichen zwischen 14 und 23 Jahren.

Bewerbung: das Regieteam mit Autor und Komponist
Kathrin Beham, Karina Lober, Georg Rugel, Matthias Rugel, Jürgen Steber

Umfeld

Thannhausen ist eine Kleinstadt in Bayrisch-Schwaben mit knapp 7.000 Einwohnern, darunter etwa 4.800 Katholiken. Das Spektrum der örtlichen Katholischen Jugend reicht von Ministrantenarbeit zu offener Jugendarbeit. 15 Kinder- und Jugendgruppen treffen sich wöchentlich. Eine monatliche Leiterrunde hilft den Gemeinsinn zu stärken und die verschiedenen Aktivitäten zu koordinieren: Fahrten, liturgisches Gestalten, Einsatz für Andere, Festivitäten, Sport, Handwerkliches. Von den Hauptamtlichen der Pfarrei wird dies unterstützt, Leitung und Verantwortlichkeit liegen meist bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst.

Es gibt in dieser Katholischen Jugend Thannhausen, lokal bekannt unter dem Kürzel KJT, eine Tradition, Theaterstücke aufzuführen, die wir als ‚Problemstücke’ klassifizieren. Beispielsweise 2001 das Nikolaus von der Flüe Stück von Martin Winklbauer Der Bauer in der Kutte, das wir mit Liedern von Kathi Stimmer-Salzeder inszenierten. Das Regieteam von 2006 ist zwischen 23 und 36 Jahren alt und fast identisch mit dem vor 5 Jahren. Drei der heutigen Regisseure waren sogar schon bei der Wiederaufnahme der Nachkriegstradition im Jahr 1991 dabei. Nach einem Jugendtheater 2003 war wieder ein Spiel für die Älteren an der Reihe. Ein besonderer Ansporn war, erstmalig ein eigenes Stück mit selbst geschriebenen Liedern zu schreiben und aufzuführen. Eine Herausforderung war auch, dass wir mit mehr jungen Leuten rechnen mussten, die mitspielen wollten, als in den vergangenen Jahren. Wir wollten offen für alle Interessierten ab 14 Jahren sein.

Das Projekt

Der Autor und der Komponist trugen spätestens seit Ende 2004 die Idee eines Stückes über die Weiße Rose mit sich, motiviert vor allem durch die eigene Beschäftigung mit dem von Inge Jens herausgegebenen Buch: Hans Scholl und Sophie Scholl, Briefe und Aufzeichnungen. Im Dezember 2005 traf sich im Auftrag der KJT-Leitung ein Arbeitskreis von sechs Leuten, um gemeinsam an einem derartigen Stück zu schreiben. Dem verdanken sich manche Ideen und manches Feedback, dennoch wurde es letztlich das Stück eines Autors und eines Komponisten. Als Ende März das Stück und seine Lieder in den wesentlichen Teilen fertig geschrieben waren, traf sich das fünfköpfige Regieteam, um einen Zeitplan zu erstellen und Verantwortlichkeiten festzulegen. Im Februar und April gab es erste Treffen mit den Schauspielern. Die Singgruppe, die sich wöchentlich trifft, probte die Chorteile der Lieder, zudem hielten ein gemeinsamer Filmbesuch und die Berichterstattung in der monatlich erscheinenden internen Zeitschrift KJT-Info das Thema wach.

Im August und September entstand in mühevoller Kleinarbeit die Bühne, Anfang September wurden die Rollen verteilt und mit Beginn des Schuljahres begann die Probenarbeit. Geprobt wurde samstags und Sonntag nachmittags, oft mehrere Szenen gleichzeitig. Die Allerheiligenferien wurden als Intensivprobenwoche genutzt. Die Aufführungen am 18./19. und 25./26. November 2006 füllten den Pfarrsaal, er fasst bis zu 200 Zuschauer. Aus unglücklichen Umständen musste uns Franz J. Müller, ein überlebendes Weiße Rose Mitglied, den Besuch unserer Aufführungen absagen. Das war den Regisseuren Anstoß, über ein Gastspiel in München nachzudenken. Die Idee stieß auf große Zustimmung in der Gruppe, wir fanden freundliche Gastgeber in München. Am 20. und 21. Januar 2007 kam es zur Wiederaufnahme unseres Stücks in der ehemaligen Karmelitenkirche im Zentrum der Stadt der Weißen Rose. Fast alle Spieler vom November waren noch einmal dabei. Wir hatten einmal 120 und das andermal 100 zahlende Besucher. Einige Schauspieler organisierten wenige Tage zuvor, dass im Anschluss an die Geschwister-Scholl-Gedächtnisvorlesung 2007 Flugblätter von der Empore in den Lichthof der LMU München segelten. So hatten Hans und Sophie Scholl 1943 Flugblätter von der Empore geworfen – diesmal waren es freilich nur Werbeflugblätter für ein Theaterstück. Das turbulente Münchner Wochenende war vollgefüllt mit aufwendigen Auf- und Abbauarbeiten, einer langen Probe, einer Hl. Messe on stage, einem Mittagessen im Augustiner, der Begegnung mit Franz J. Müller und den zwei gelungenen Aufführungen. Das Projekt fand seinen Abschluss beim Theaterfest kurz nach Ostern.

Kurz hier noch die wichtigsten Daten zum Stück: Das Spiel gliedert sich in drei Akte entsprechend dem Leitsatz:

[I] Viele Menschen brauchen sehr lange, bis sie das Unwiderrufliche erkennen, und [II] brauchen noch einmal sehr lange, bis sie erkennen, dass sie danach handeln müssen, und [III] brauchen zum drittenmal sehr lange, bis sie danach handeln. Und auch dieses ginge niemals ohne die Hilfe der Gnade. (Theodor Haecker: Tage- und Nachtbücher, Sommer 1940)

Der erste Akt spielt 1937, als der Ulmer Freundeskreis erstmals unter den Repressionen der Nazis zu leiden hat. Gleichzeitig erfahren die jungen Leute das „Unwiderrufliche“, das zum Handeln aufruft: den Umgang des Systems mit Behinderten, Juden, und der menschlichen Freiheit überhaupt. Zwei Jahre später, im zweiten Akt, bricht der Krieg aus. Die erlebte rohe Gewalt wirft die jungen Menschen aus der Bahn. Doch trotz ihres inneren Chaos wird ihnen klar, dass etwas geschehen muss. Schließlich fallen im dritten Akt zwei individuelle Entscheidungen, eine von Hans und eine von Sophie, einige Monate bevor sie tatsächlich Flugblätter schicken werden. In dieser Entscheidung besiegen die beiden ihre Angst vor dem Tod und treten in den Schlussszenen mit erstaunlicher Unerschrockenheit auf. Letztere gab dem Spiel den Titel Fangt uns doch.
Das zweieinhalbstündige Stück rahmen und begleiten acht Lieder für Solostimmen, dreistimmigen Chor und Synthesizer: teils lyrisch, teils kommentierend, ein andermal erzählend. Im Chor sangen 29 Sängerinnen und Sänger, die meisten darunter spielten auch eine der 32 Rollen, 6 weitere Leute waren für Licht und Ton zuständig.

Motivation und Ziele

Die grundsätzliche Ausrichtung unseres Non-Profit-Projektes ist, dass uns Regisseuren viel an den Kindern und Jugendlichen liegt, die wir mehr oder weniger haben aufwachsen sehen, und denen wir als Christen die ein oder andere Möglichkeit zur Glaubens- und Persönlichkeitsentwicklung geben wollen. Uns liegt daran, die Gemeinschaft zu stärken und den Jugendlichen möglichst viel Eigenverantwortung zu lassen bzw. zu geben. Eigenverantwortung, die sich auch außerhalb des Theaterprojektes, z.B. in einem Engagement in einer eigenen oder neu gegründeten Jugendgruppe, zeigen kann.
Den folgenden beiden Zielen konnten wir durch ein selbst geschriebenes Stück besser genügen als durch die fertigen Stücke, die wir in der engeren Auswahl hatten. Erstens wollten wir unbeliebte Statistenrollen ohne Sprechtexte vermeiden. Zweitens beabsichtigten wir alle KJT-ler und ihre Bekannten aus der angefragten Altersgruppe, die singen, spielen oder beides wollten, bei uns mitmachen zu lassen. Sie alle sollten die Erfahrung machen können, die der Mann mit der verdorrten Hand bei Jesus machen konnte: Auf der Bühne zu stehen kann heil machen.

Durch das gewählte Thema ‚Entscheidungsfindung’ präzisierten sich unsere Ziele: Wir wollten eine Geschichte spielen, die da aufhört, wo andere Geschichten zur Weißen Rose erst spannend werden: Bei der Entscheidung, im Geheimen gegen Hitler vorzugehen. Dies entspricht der heutigen Situation, in der die Entscheidung gegen den Nationalsozialismus kein lebensgefährdendes Potential mehr birgt. Wir fragten: Wie wird man heute ein Mensch, der in kritischen Situationen nicht mit der Masse mitschwimmt und, wenn es nötig ist, mutig etwas unternimmt? Das Stück zeigt diesen Weg nicht aufdringlich. Die politisch passiven Menschen im Umfeld der Scholls erscheinen in einem freundlichen Licht, z.B. der später weltberühmte Designer Otl Aicher. Der Gleichbehandlung innerhalb des Freundeskreises entspricht auch, dass die Hauptrollen Hans und Sophie Scholl nicht wesentlich mehr Text und Bühnenpräsenz hatten als der durchschnittliche Schauspieler. Den Freundeskreis der Scholl Geschwister vereint (und vereinte auch historisch) die Frage, wie man ein Mensch für andere, ein Mensch in der Nachfolge Jesu wird.

Ohne dass wir Heldenverehrung Vorschub leisten wollten, wollten wir am Freundeskreis der Scholls doch einiges als vorbildhaft hinstellen, das wir selbst wertschätzen: Briefe und Tagebücher zu schreiben, gezielt seine Lektüre auszuwählen, Jugendgruppen zu leiten und zu begeistern, eine Kultur der Freundschaft und eine Kultur der Partnerschaft zu pflegen, ebenso eine Diskussionskultur, die (Wieder-)Entdeckung des Gebets der jungen Erwachsenen, eine selbstverständliche Ökumene, die Suche nach einem älteren Begleiter in Glaubensfragen, wie es beispielsweise der Publizist Carl Muth den Schollgeschwistern war.

Herausforderung und Umsetzung

Motivation waren uns auch die theatertechnischen Herausforderungen. Einige davon möchte ich kurz beschreiben und die gefundenen Lösungen skizzieren:

  • Wie historisch bzw. wie modern spielen wir das Stück? – Leitidee war, dass wir möglichst wenige Naziklischees bedienen und nicht die typisch muffige Stimmung vieler Filme aus der Hitlerzeit aufkommen lassen wollten.
  • Wie besetzen wir unsere Rollen? – Erzählt sei nur die Besetzungsstrategie für die Rolle der Sophie Scholl, die ja durch Julia Jentschs Rolle im Kinofilm Sophie Scholl. Die letzten Tage (2005) vorgeprägt war. Für uns hieß die Problematik: Die historische Sophie ist im ersten Akt 16 Jahre alt. Sie ist ein eher schweigsamer, verträumter Charakter, entwickelt aber in den Kriegsjahren eine erstaunliche Reife. Wir entschieden uns für eine 15-jährige Spielerin. Die Zuschauer gaben uns dazu ein kontroverses Meinungsbild. Dass sie einerseits die Normalität der Sophie Scholl, andererseits den fast überfordernden Anspruch, den das Leben an sie stellte, sehen konnten, gab unserer Rolle ein selbständiges und glaubwürdiges Profil.
  • Wie gestalten wir mit unserem tatendurstigen Hobby-Schreiner eine innovative Bühne, die zum Stück passt? – Die Bühne, die wir bauten, ermöglichte durch ihre runde Umrandung mehrere Ebenen des Spiels (siehe Fotos). Sie steht für die Verspieltheit und für das Interesse an Architektur und Design, das der Scholl-Freundeskreis hegte. Die Holzkonstruktion konnten wir im dritten Akt zu einem dem Zuschauer zugewandten Halbzylinder erweitern, der einen dichten Innenraum erzeugte: den Ort der Entscheidung.
  • Wie binden wir Lieder und Dialoge zu einem Stück zusammen? – Die Lieder sind nach Art der antiken Tragödie ins Stück eingebunden, manchmal kommentierend, manchmal handlungsleitend, dann wieder einfach Verschnaufpause und Abwechslung. Immer intensiv, aber auf eine andere Art als die Sprechtexte. Wir wollten kein Musical spielen und ließen deshalb die Schauspieler nicht in ihren Kostümen im Chor mitsingen. Durch ihre einheitliche Kostümierung, durch Gesten und Stellungen erzielten die Sänger manche überraschende Wirkung.
  • Wie unterscheiden wir historisches Spiel von Träumen oder dem Geschehen im dritten Akt, wenn die bisherigen äußeren Charaktere als innere Regungen und Stimmungen von Hans und Sophie Scholl auftreten? – Der rechte Umgang mit ‚Wirklichkeit neben der äußeren Realität’ war ein großes Thema im gesamten Inszenierungsprozess. Mancher Zuschauer war durch den Wechsel der Ebenen verwirrt. Folgendes war uns eine Richtschnur: Das, was unser Stück aus der Realität kippen ließ, ist der Krieg. Unser bevorzugtes Mittel, ihn darzustellen, waren Verfremdungen: Der Chor als Mauer, welche die Soldaten von ihren Lieben zuhause trennt; Fließbandarbeit mit menschlichen Organen an der (Kriegs-)Maschine (siehe Foto 4) und manches andere.
  • Wie stellen wir Teufel dar (die wir im Stück als Gegenspieler des Ulmer Freundeskreises für die Dramaturgie brauchen)? – Unsere Teufel sind Schalke und Unheilsstifter, letztlich aber blind und machtlos gegenüber der inneren Kraft eines Menschen. Unsere Lösung war konkret: die Teufel sind erkennbar durch kleine Hörnchen und tragen Schwarz und Grün (siehe Foto 3).
  • Wie weisen wir auf die religiösen Erfahrungen der Weiße Rose Mitglieder hin? Wie tun wir es so, dass wir den historischen Gestalten kein Unrecht tun, und dass die Darstellung an heutige Erfahrungen anschließen kann? – Unsere Inszenierung tat das meist inkognito. Zwei Beispiele: Als sich jemand aus dem Freundeskreis die Finger verstümmelt, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen, zeigt sich Reiz und Fraglichkeit der Forderung Jesu: „Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt…“. Das zweite Beispiel: Kurz bevor die beiden später verurteilten Geschwister Scholl ihre (später fast schon traumwandlerische) Sicherheit in ihrer ‚Berufung’ zum Widerstand bekommen, sind sie innerlich sehr zerrissen. In dieser Situation spricht im Stück eine Stimme aus dem Off. Wie Jesus nach der Stillung des Seesturms spricht sie in großer Freundschaft: Ihr Kleingläubigen, warum habt ihr gezweifelt?

Auswertung

Mit großer Dankbarkeit schauen wir zurück auf unser Projekt. Was die katholische Jugend Thannhausen angeht, sind wir vor wie nach dem Stück voller Staunen und Freude, gleichzeitig aber auch immer im Hoffen, Bangen und Fürbitten.

Im Theaterprojekt sind uns einige überraschende Dinge gelungen. Die Freude am Singen und den selbst geschriebenen Liedern hat viele Mitspieler bewegt, zusätzlich beim Chor mitzusingen, so dass dieser zu unerwarteter Stimmgewalt kam. Überhaupt war es schön zu sehen, wie viele unserer Schauspieler sich gegenseitig gut Freund sind und dass wohl auch dieses Projekt die Gemeinschaft gestärkt hat. Wir wissen aus Erfahrung, dass dies auch bei einem äußerlich gelungenen Theaterstück keine Selbstverständlichkeit ist. (Betrachtet man die Eucharistie als Theaterstück, so sitzt ja selbst da der Verrat immer mit am Tisch.) Wir vermuten, dass eine klar kommunizierte Rollenverteilung innerhalb des Regieteams dazu beigetragen hat, betrachten das Gelingen aber vor allem als großes Geschenk.

Innerhalb der Gruppe wurden sehr viele Talente sichtbar: allen voran schauspielerische und sängerische, zudem zeichnerische (siehe Plakat im Anhang), praktisch-handwerkliche, in vielerlei Hinsicht künstlerisch entdeckende und schaffende, organisatorische.

Es gab auch Dinge, die uns nicht gelungen sind, allem voran, dass wir einen Schauspieler im Laufe des Projekts verloren haben. Wir trennten uns nach gewissenhaften Abwägungen und haben bald Ersatz gefunden, dennoch bleibt für uns ein bitterer Nachgeschmack: Wir hatten vorgehabt mit allen, die dabei sein wollten, ein gemeinsames Projekt machen.

Die Erinnerung an Proben, zu denen wichtige Schauspieler ganz unentschuldigt oder, nachdem sie sich sehr zeitnah entschuldigt hatten, nicht kamen, verblasst im Rückblick. Auch hatte das Regieteam untereinander manche Konflikte auszutragen. Lange waren wir uns etwa uneins, ob wir das Stück mit einem Lied oder einer Theaterszene beenden.

Sind die Schauspieler in die Thematik des Stückes hineingekommen? – Teils, teils, muss man wohl sagen. Wir haben mit unseren Schauspielern vor allem ihre Rollen geprobt und eher nebenbei den Gesamtzusammenhang klargemacht. Zur Beschäftigung mit der historischen und psychologischen Dimension des Stücks hatte jeder Mitwirkende seit September ein kommentiertes Textheft; wir stellten einige wichtige Bücher zur Ausleihe zur Verfügung und gaben regelmäßig Hintergrundkommentare in einem Internettagebuch (http://fangtunsdoch.worldpress.com). Manche Schauspieler berichteten, dass ihnen die Gesamtproben und der Text im Programmheft den Blick auf das Ganze erleichterten.

Die Aufführungen hatten eine gute Presse und waren wohl tatsächlich Stadtgespräch in Thannhausen. Unsere Bedenken, dass wir bei Besuchern, die den Krieg noch erlebt hatten, mit gewissen Szenen anecken würden, haben sich nicht bestätigt. (Von den Rückmeldungen her zu schließen lag dies weniger am Stück als daran, dass wir in den Pressemitteilungen vor den Aufführungen unser Projekt genau erläutert hatten und mehr kriegspatriotisch eingestellte Leute folglich erst gar nicht in unsere Vorstellungen kamen.)

Das Gastspiel am Ort des Widerstands der Geschwister Scholl war uns eine besondere Herausforderung. Das gemeinsame Arbeiten, Essen, Übernachten und der Erfolg war wohl für viele ein nachhaltiges Erlebnis. Die Unterstützung der Geschwister-Scholl-Stiftung und das Lob ihres ehemaligen Vorsitzenden Franz J. Müller auf unserer Bühne war uns eine hohe Ehre und (hoffentlich nicht für wenige) eine Bestärkung, dass es lohnt, selbst einen Widerstandscharakter zu entwickeln.

Unser Spiel hat eine kleine Gemeinsamkeit mit der Tätigkeit der Weißen Rose: Eine solche Unternehmung ist nur bedingt weiterzuempfehlen. Sowohl der Entstehungsprozess als auch die vielen Proben und Organisationstätigkeiten waren sehr zeitaufwendig. So etwas ist, was die Regie und einige weitere sehr engagierte Menschen angeht, nur unter ganz bestimmten Bedingungen möglich. Man hätte sich auch mehr auf die pädagogischen und seelsorglichen Ziele fokussieren können; vieles hätte man effektiver machen können. Wir wollten freilich einer Vielfalt der Talente und einer Liebe zum Detail einen Platz geben, die man sich erlauben kann, wenn man ohne ökonomischen Druck von einer Sache begeistert ist.
Diese Breite unseres Ansatzes hat sich vielleicht dadurch positiv bemerkbar gemacht, dass wir die verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen mit unseren Aufführungen faszinieren und zu manchen Debatten anregen konnten, u.a. nach den Aufführungen mit unserem Team. So gesehen leisteten unsere Schauspieler, Sänger und sonstigen Helfer eine Seelsorge-Einheit für unsere Zuschauer. Unser Hauptfokus als Regisseure war freilich der gemeinschaftliche Geist der Theatergruppe – und nicht zuletzt unsere eigene Lebensfreude und unser Glaube, dem wir Ausdruck verleihen und von dem wir Zeugnis geben wollten (begleitet von einem gewissen Drang zur Selbstdarstellung, ohne den wohl niemand auf eine Bühne geht).

Zukunft

Unser Projekt hat seinen Abschluss gefunden, und den darf es haben. Es gibt viele weitere Herausforderungen für eine KJT-Theatergruppe, aber diese darf sich und ihre Ziele je neu finden, wenn sie sich wieder konstituiert. Wir Regieleute von Fangt uns doch freuen uns, wenn wir von späteren Theatergruppen angesprochen oder eingeladen werden.

Wie geht der Einsatz für andere und das Fühler-Ausstrecken nach der Liebe, die ihr Leben hingibt für ihre Freunde, in uns allen weiter? Es liegt und lag nie in der Hand einer Regiegruppe. Die Geschichte der Geschwister Scholl ist ein Senfkorn, das auf unseren Weg gestreut ist. So wie es für das Nachkriegsdeutschland insgesamt reiche Frucht getragen hat, möge es auch in unseren jungen Leuten wachsen und Frucht bringen.

Georg Rugel, Matthias Rugel, 31.Mai 2007

Anlage:

· Plakat

· Programm

· Fotos:
(1) Chor Eröffnungslied
(2) Gestapo im Haus der Familie Scholl (erster Akt)
(3) Kostümlösung Teufel
(4) (Kriegs-)Maschine (dritter Akt)
(5a-c) Diskussion mit Franz J. Müller auf der Bühne und nach der ersten Münchener Aufführung
(6) alle Schauspieler auf der Dankeskarte

One Response to “Projektbericht”


  1. [...] hoffe, unser Projektbericht und das, was ich auf diesen Seiten schreibe, redet unser Theaterspiel 2006/07 nicht [...]


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