Inhalt und Hintergrund

3. November 2006

Das Stück gliedert sich entsprechend dem Leitsatz:

 

[I] Viele Menschen brauchen sehr lange, bis sie das Unwiderrufliche erkennen,

und [II] brauchen noch einmal sehr lange, bis sie erkennen,

dass sie danach handeln müssen,

und [III] brauchen zum drittenmal sehr lange, bis sie danach handeln.

Und auch dieses ginge niemals ohne die Hilfe der Gnade.

Theodor Haecker: Tage- und Nachtbücher, Sommer 1940

PlakatErster Akt

1937 – Lange Zeit, das Unwiderrufliche zu erkennen

Es ist etwas faul in der Stadt Ulm im Jahr 1937: Man geht nicht mehr richtig mit den Behinderten um, so hört man sagen. Man gibt sich den Gruß beim Namen des Staatsoberhauptes, statt dass man auf das “Gute”, den Guten oder die eigene Dienstfertigkeit verweist. In solch einer Zeit beginnt die Prüfung des Menschen, sein Versuchtwerden durch Böses und Gutes, wie es anhand der Hauptperson Faust in Goethes Drama “Faust I” dargestellt wird. Die Hauptpersonen des Stücks “Fangt uns doch” sind die Menschen um die beiden Ulmer Jugendlichen Hans und Sophie Scholl, damals 16 und 20 Jahre alt. Gegenspieler sind unmenschlich dunkle Mächte, die sie zum Mitmachen im Nationalsozialismus verführen wollen.

Zunächst sind fast alle bei den nationalsozialistischen Jugendorganisationen, der Hitler-Jugend und dem Bund Deutscher Mädels. Weil Hans Scholl und sein jüngerer Bruder Werner aber auch bei einer verbotenen Jungendbewegung mitmachen, werden sie zusammen mit den Schwestern Inge und Sophie von der geheimen Staatspolizei gefangen genommen. Ihre Freunde, Eltern und die Schwester Lisl müssen dieser Gefangennahme hilflos zusehen. Es wird richtig gespenstisch im Haus Scholl, als es sich die Gestapo herausnimmt, in den Tagebüchern der unschuldigen Jugendlichen zu lesen. Vater und Mutter Scholl versuchen alles, um ihre Kinder möglich schnell freizubekommen. Zwei Monate nach der Festnahme sitzt nur noch Hans, der älteste Sohn, im Gefängnis. Er bekommt einen Blick dafür, wie andere Leute etwas gegen den herrschenden Zeitgeist unternehmen. Otl Aicher, ein junger Freund der Familie, pflegt einen radikal einfachen Lebensstil und hilft seinem Gemeindepfarrer bei der Verteidigung gegen den Nazi-Pöbel. Otl liest eine Zeitschrift, das “Hochland”, die sich ihren Inhalt nicht von den Mächtigen diktieren lässt und deren Herausgeber niemals den Namen Hitler gedruckt hat. Dieser Herausgeber des „Hochland“, Carl Muth, sucht den Kontakt mit den jungen Leuten.

Zweiter Akt

1939 – Lange Zeit zu erkennen, dass sie handeln müssen

Mit der Annektion Österreichs gab es eine allgemeine Amnestie, bei der auch Hans Scholl freigekommen ist. Das Thema Jugendarbeit hat sich für Hans Scholl erledigt, weil er inzwischen Medizin studiert. Als der Krieg beginnt, berichtet ihm seine Freundin Tulla fröhlich von den ersten deutschen Siegen. Hans kann sich nicht richtig freuen, er ist recht verwirrt und ahnt, dass er bald rekrutiert wird. Sophies Freund Fritz Hartnagel ist Berufssoldat und von Begin an beim Krieg dabei. Sophie hat ihm und Hans das Versprechen abgenommen, auf niemanden zu schießen. Carl Muth und die Eltern Scholl sehen sehr klar, dass dieser Krieg nicht gut gehen kann. Der Kampf sollte nicht militärisch, sondern auf einer ganz anderen Ebene geführt werden: Es sollte Leute geben, die sich mit ganzer Kraft in den Dienst einer gerechten Sache (gegen das nationalsozialistische System und gegen den Krieg) stellen. So wie Moses, der Repräsentant des Judentums, seinen Gottesstab am Hügel über den kämpfenden Israeliten hielt, so dass sie solange siegten, wie er die Kraft hatte, den Stab zum Himmel zu halten.

Der Krieg macht vieles kaputt. Nur haarscharf entrinnt Hans Scholl dem Tode, Sophie ist von seinem erschütternden Brief tief betroffen und macht sich Vorwürfe, dass sie noch die Gruppenstunden beim nationalsozialistischen Bund deutscher Mädels besucht. Sie möchte nicht ihren Glauben daran verlieren, dass die Menschen gut sind. Doch sie hat zu viel von Verrat und anderen Scheußlichkeiten des Krieges mitbekommen. Es ist ihr, als wären die Menschen eine Hautkrankheit der Erde. Sie möchte am liebsten fliehen und auf einer einsamen Insel leben wie Robinson Crusoe. In diesen bösen Hirngespinsten hilft ihr der gesunde Lebenswille und der Gedanke, dass es einen einzigen Menschen gab, der den geraden Weg zu Gott gegangen ist. Der Freund, Otl Aicher, macht mit dessen Wort “Lieber mit einer Hand ins Himmelreich eingehen als mit beiden Händen ins Feuer geworfen werden” ernst und verstümmelt sich drei Finger, damit er nicht für Hitler in den Krieg ziehen muss. Trotzdem wird er an die Front geschickt.

Bei allen schauderhaften Umständen haben die bösen Mächte ihr Ziel mit Hans und Sophie noch nicht erreicht. Sophie und Hans sind selbständige Menschen geblieben, die sich darauf vorbereiten, im guten Sinne Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. Doch selbst ihre engsten Freundschaftsbande erweist der Krieg als brüchig. Sophie befremdet es sehr, dass sie Fritz über Monate nicht sehen kann und dass er als Soldat das System mitträgt. Hans Scholl fühlt sich als Sanitäter an der Front überlastet und merkt, dass ihn der Krieg die Zeit für eine gute Ausbildung und zur Pflege seiner Freundschaften stiehlt.

Dritter Akt

1941-1943 – Lange Zeit, bevor sie unwiderruflich handeln

Der deutsche Angriffskrieg ist ins Stocken geraten. Adolf Hitler wird beschließen, lieber seine Soldaten in Russland umkommen zu lassen als jemals den Rückzug zu befehlen. In dieser Situation spricht der alte Carl Muth zu den Geschwistern Hans und Inge Scholl Klartext. Seine Zeitschrift ist inzwischen verboten worden, er selber ist krank. Jetzt ist es an den Jungen, etwas für Deutschland zu tun: Es geht darum, dass Deutschland möglichst schnell den Krieg verliert, dass es ein armes Land wird und sich auf die Seligpreisungen und Versprechungen Jesu verlässt. Hans Scholl versteht nicht, gegen was er tatsächlich kämpfen soll. Carl Muth verspricht, dass er ihm den Feind zeigt.

Für Hans und Sophie Scholl ist die Zeit der Entscheidung gekommen, längst bevor sie irgendetwas Konkretes gegen das nationalsozialistische System unternehmen. Deshalb schauen sie in sich selber, welche Prozesse und Gedanken sie zu diesem oder jenem treiben wollen. Zunächst sehen sie im menschlichen Inneren eine laute und arbeitsintensive Maschine. Mechanisch könnten sie sich in ihrer Entscheidung treiben lassen, aber gerade das wollen sie doch nicht. Sie erfahren aber, dass jeder Gedanke, jemand Selbständiges zu sein, von dieser Maschine unterdrückt wird. Auch die Maschine des Denkens ist zu schwach gegen die große Maschine der Diktatur und des Krieges. Wer anders denkt, gehört nicht mehr dazu, wird abgeschaltet, so erfahren es die beiden Geschwister. Hans hat kein Mittel gegen die Maschine und den Tod, Sophie aber beginnt unbewusst zum Himmel zu schreien: “Hilf mir”.

In einer zweiten Phase ihres Weges nach Innen sehen Hans und Sophie visionär, wie es ihnen ergeht, wenn sie die spannendste Möglichkeit unter allen offenen Optionen auswählen: Für Hans heißt diese Möglichkeit, dass er die wilden Tiere in Ulm und München frei herumlaufen sieht, und all das Seine einsetzt, dass sie gefangen werden können. Für Sophie heißt es, selbst persönliche Beziehungen für die gerechte Sache auszubeuten – mit der Gefahr, am Ende ganz allein dazustehen. In ihren Visionen zeigen beide großen Enthusiasmus, aber beide ahnen, dass diese Entscheidung nicht spurlos an ihnen vorübergehen würde. Dass, selbst wenn ihr Körper überlebte, ihre Seele auf diesem Weg zugrunde gehen kann.

Trotzdem ist das nicht alles, was sie in ihrem Innern finden. Beide werden sie aufgeschreckt durch die einfache Frage “Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Du Kleingläubige, warum hast du gezweifelt?” In diesem Augenblick ist ihnen plötzlich klar, was das Ihre ist, dass sie es tun können, und dass sie keine Angst zu haben brauchen. Sie finden in ihrem Inneren ein Fest, das nicht mehr in menschlichen Worten ausdrückbar ist.

Aus der neuen Sicherheit wachsen neue Fähigkeiten. Sophie sieht klar wie nie zuvor, was die Situation der Menschen ist, die warten, bis sie Leute treffen, die man Töchter und Söhne Gottes nennt: sie sind wie Tiere: Schafe, sagt die Bibel; das Theaterstück malt ein anderes Tierbild: Schweine.

Liebevoll zu diesen Schweinen ist ein zweiter Sohn Gottes, der im Stück auftaucht. Alexander Schmorell, ebenfalls Mitglied der späteren Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Ihm liegt an den Menschen am Rand der Gesellschaft, er spricht mit ihnen, er nimmt einen verlotterten Stadtstreicher in die Wohnung und malt ein Portrait von ihm. Das Gesetz der Welt ist, dass diese Großzügigkeit nicht belohnt wird. Der Stadtstreicher wird zum Verräter. Alexander und seine Freunde entkommen ihm und rufen ihm und seiner Rotte nach: “Fangt uns doch!”

Eine etwas kürzere Inhaltsangabe, die Szene für Szene (in je einem neuen Abschnitt) schildert, findet sich hier.

2 Responses to “Inhalt und Hintergrund”


  1. [...] Ich habe jetzt eine Seite mit einer ausführlichen Inhaltsangabe des Stückes in diesen Blog integriert. Die ist als Vorschlag für das Programmheft gemeint. Sie ist also insbesondere für Leute, die das Stück noch nicht kennen. Wenn es sehr verwirrend oder sehr langweilig ist, bitte schreibt mir dazu einen Kommentar. [...]


  2. [...] Haecker sagt im Motto zu unserem Theaterstück, dass es lang braucht, vom darüber Nachdenken dazu zu kommen, dass man weiß, was man tun soll. [...]


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