Philipp von Boeselager

23. Januar 2009

Mein Weblog hat den 1. Mai 2008, den Tod Philipp von Boeselagers verschlafen. Einer vom 20. Juni, der den Tod als Widerständler in Kauf genommen hätte. Dazu manches in der FAZ:

Am Vorabend seines Todes noch hat er mit seinem Freund, dem Verleger Friedrich-Karl Sandmann, über die Vorgeschichte des 20. Juli geredet. Auch da fiel wieder dieser Satz: Hätte er doch, als er einmal direkt hinter ihm stand, Hitler erschossen, statt auf die Ausführung des 20. Juli zu warten. Read the rest of this entry »

Nach dem „Musical“ oder der Kantate „Emmaus“ der Türkheimer (Wegzeichenchor u.a. mit der Michi, Sprechrolle, Gerhard sang als „der Fremde“, jüngster Spieler sein Sohn Johannes, insges. schätze ich 100 Mitwirkende) sagte ich gestern, ich hätte große Bedenken, Auferstehung auf die Bühne zu bringen. Heute würde ich das Gegenteil sagen: Sind es nicht gerade die Geschichten vom auferstandenen Jesus, in denen Jesus den Seinen zuruft: „Fangt mich doch!“. Wie im Kinderversteckspiel, beim Ostereiersuchen: ihr habt wohl gedacht, vor dem Grab stünden Wachen. Ha, die sind eingeschlafen. Read the rest of this entry »

Gemeindepower Musical

30. November 2007

Zu Nikolaus Groß gibt es ein Musical, das eine Kirchengemeinde auf die Füße gestellt hat, ursprünglich für 4 Aufführungen mit 160 Plätzen (das kennen wir ja irgendwie), alles selbergemacht; aber jetzt wirds anders: 200 Mitspieler, und jetzt wird es schon seit 1998 immer wieder aufgeführt, im Januar 2008 zum 50. Mal.

Read the rest of this entry »

Ich zitiere aus einem Brief des berühmten Widerständlers der Bekennenden Kirche, Dietrich Bonhoeffer.

Der Mensch hat [in einer etwa seit dem 13. Jahrhundert einsetzenden Bewegung] gelernt, in allen wichtigen Fragen mit sich selbst fertig zu werden ohne Zuhilfenahme der „Arbeitshypothese Gott“: Im wissenschaftlichen, künstlerischen, auch ethischen Fragen ist das eine Selbstverständlichkeit geworden, and der man kaum mehr zu rütteln wagt; seit etwa 100 Jahren gilt das aber in zunehmendem Maße auch für religiöse Fragen; es zeigt sich, dass alles auch ohne „Gott“ geht, und zwar ebenso gut wie vorher. Read the rest of this entry »

Gierig oder schutzlos

20. Februar 2007

Nochmal zur Gier, wie schon im vorletzten Eintrag zum Vampire Musical. Die Gier nach Wissen, Fähigkeiten, Freunden, vielleicht gab es das auch am Anfang unseres Stücks, gerade bei den Sympthieträgern. Vielleicht nicht ganz so extrem, aber so etwas gibt es, gar nicht so dumm mich selbst einmal unter dieser Brille zu sehen. Der klarste Gegenentwurf im Stück zur allumfassenden Gier sollte der Titel sein, und die letzte Szene. Der Gegenentwurf hat etwas mit Religion und Bekehrung zu tun Read the rest of this entry »

Wir hatten ein verhältnismäßig einheitliches graphisches Konzept. Die dünn aufgetragenen Flüchtenden auf dem Plakat, der Körper aller Gestalten im Programm ist weiß gelassen. Ob das mehr etwas Chinesisches ist oder den Kohlezeichnungen (man verbessere mich, wenn das falsch ist) einer Käthe Kollwitz oder einer Tisa von der Schulenburg nachempfunden ist, kann ich nicht sagen. Sicher ist es auch original Dominik G. Im Programm malt Domi wie die letzteren Malerinnen eher die vom Schicksal gezeichneten Menschen. Anders die Vorderseite. Dort laufen wahlweise Hans und Sophie Scholl – oder Lilo Ramdohr und Alexander Schmorell – dem Betrachter davon. Sie laufen nicht mehr wie Kinder, sie scheinen das Leben zu kennen, die Frau schaut sogar bewusst und skeptisch nach hinten. Aber sie laufen leicht. Unsere gemeinsame Intension ist ja, dass sie den Titel widerspiegeln. Fangt uns doch! (Zu leicht, und zu überraschend sei dieser Schluss gewesen, so sagten uns manche Zuschauer.) Read the rest of this entry »

Man stelle sich vor. Ein Theaterstück oder Film über Buddha. 85 Minuten das Leben im Königshof, ohne dass er das Leid sieht. Am Ende sagt er: Ich muss hinaus, ich muss mir die Welt außerhalb des Königshofes anschauen. Dann ist Schuss.

Oder den Roman über Robin Hood, der lange beschreibt, was dem Jungen alles wiederfuhr und aufhört, als sich mit einigen wenigen in den Wald zurückzieht und merkt, dass er etwas gegen die Unterdrückung im Land tun muss.

Fortsetzungsserien leben manchmal von so etwas, aber ein Theaterstück kann so nicht aufhören – sollte man meinen. Aber wir wollten doch ein neues Theaterstück schreiben. Und da nun einmal das Ende der Weißen Rose und ihre konspirative Tätigkeit schon genug verfilmt und auf Bühnen gespielt war, gab es da die Idee, wir beschreiben die Vorgeschichte. Hypothese dabei: vielleicht fiel die eigentliche Entscheidung schon viel früher, bevor Alex Schmorell und Hans Scholl die abgeschriebenen Predigten von Galens in die Hände fielen. Dies erzählt anhand von Hans und Sophie Scholl, weil sie Schwaben sind wie wir und weil ihre publizierten Aufzeichnungen gut verfügbar sind und etwas hergeben. (Etwas ähnliches von Alexander Schmorell oder Christoph Probst kenne ich nicht, wahrscheinlich ist zu letzterem jüngst etwas erschienen.)

Wer kennt sonst Filme oder Theaterstücke, die da aufhören, wo man normalerweise denkt, jetzt sollten sie anfangen?

Die Blätter sind gefallen

16. Januar 2007

Wenn in der Ludwigs Maximilians Universität, München, vom Hauptgang vor dem AudiMax Flugblätter von der Decke segeln, schaut das erstens recht hübsch aus. Zweitens rufen die Blätter sozusagen „Fangt uns doch“ (den Titel eines gewissen Theaterstückes). Drittens stellt man sich in die Geschichte der Geschwister Scholl, die seinerseits auch Flugblätter vom zweiten Stock in die Haupthalle fallen ließen. Die Folgen sind freilich heute viel harmloser. Es wird nur vor der Geschwister Scholl Gedächtnisvorlesung mit Gesine Schwan am gestrigen Abend nicht gern gesehen, dass man Flyer verteilt, wenn so viel Presse und Fernsehen in der Nähe ist.

Nachher hat die Sache freilich niemand gestört. Ganz im Gegenteil. Fast alle Leute aus dem recht gut besetzten Auditorium Maximum haben zur Decke geschaut und eines der Flyer, die für unser Stück werben, genommen. Wir hoffen, dass manche auch den Weg in die Karmelitenkirche am Wochenende finden und dass wir, auch wenn wir sicher hinter dem Anspruch von echten Widerstandskämpfern zurückbleiben – schließlich spielen wir nur Theater – Interesse für sie wecken, Interesse bestärken und nicht lügen (verfälschen tut ein Theater wahrscheinlich auch zwangsläufig).

Dr. Gesine Schwan betonte im Rückgriff auf Montesquieu die Liebe zur Gleichheit, ein starkes Gefühl. Sie sei die charakteristische Emotion der demokratischen Menschen (so wie die Furcht zur Despotie und das Ehrgefühl zur Monarchie gehört). Wie hätten wir auf eine andere Weise alle Besucher der Vorlesung in gleicher Weise ansprechen können?

Ich probier mal einen Advents- oder Weihnachtseintrag.

Die Propheten im alten Israel waren Leute, die man nicht so recht fassen konnte. Sie konnten derb den Mächtigen und der ganzen Gesellschaft die Wahrheit ins Gesicht sagen. Aber wenn in dem Chaos der gesellschaftlichen Umstände selbst sie nicht mehr aus und ein wussten, dann verzweifelten sie nicht, dann ließen sie sich nicht auf das Unglück (das sie selbst vorhergesagt hatten) festnageln, sondern erzählten urplötzlich eine andere Geschichte.

Ein Beispiel auf dem Bild: Die furchtbare und identitätsbedrohende Verschleppung der israelitschen Oberschicht nach Babylon wird auf goldenem Hintergrund dargestellt. (Ähnlich: Carl Muth erzählte im bis auf die Zähne verfeindete n Europa die Geschichte von Europa Einigung. Johannes Paul II erzählt seit seiner Amtsübergabe die Geschichte vom Fall des „eisernen Vorhangs“, die bis 1989 durch Europa ging… Dom Helder Camera erzählt die Geschichte, dass man die Armen Brasiliens nicht links liegen lässt. André, Fernsehmacher und Priester, erzählt die Geschichte, dass die Senegalesen richtig Lust und Tatendrang bekommen ihr eigenes Land ohne Korruption und Cliquenwirtschaft aufzubauen. Unser Theaterstück erzählt die Geschichte, dass zu uns nach Deutschland einige Kinder Gottes kommen und wir dann geistvolle Menschen werden.) Read the rest of this entry »

Stimmt die Schlussszene?

30. November 2006

Fritz Rook, flüchtiger Bekannter und Brieffreund von Lilo Ramdohr, schrieb im August 1941 an Lilo den folgenden Text, den wir wörtlich im Stück zitieren:

„[...] Gestern am späten Abend schaute ich eine weiße Rose. Man sagt, weiße Blumen seien für die Toten – aber Tod, Liebe und Jugend sind eins. (Die Toten, soweit sie wirklich in uns leben, leben ja nur verklärt als Bilder leuchtender Jugend!) Deshalb auch ist gerade die weiße Rose in ihrem Duft und ihrer zarten Reinheit Sinnbild ewiger Jugend. Mir fiel dies alles in einem Augenblick ein. Ich verschenke so gerne weiße Blumen […]. Ein weißes Rosenblatt mit einem Kuss flattert zu Dir. F.“ (Klammertexte sind im Originalbrief des Fritz Rook auch in Klammer) [Fürst-Ramdohr, Lilo: Freundschaften in der Weißen Rose, München 1995, 12-13].

Read the rest of this entry »