Ich kann mir gut vorstellen, dass der Kommentator der Welt recht hatte, wenn er meinte, Desmond Tutus Rede auf dem Roncalliplatz (Köln) wird in die Kirchentagsgeschichte eingehen. Das breite betonte Englisch des südafrikanischen Bischofs und Nobelpreisträgers war mir höchst einprägsam Read the rest of this entry »

kam kam kam

16. März 2007

Habe schon lange kein Gedicht mehr geblogt. Hier ein Ausschnitt von einem Gedicht von Paul Celan, entdeckt als Schlusswort in einem Ruth Pfau Buch:

Kam, kam.
Kam ein Wort, kam,
kam durch die Nacht,
wollt leuchten, wollt leuchten.

Es ist Ausschnitt aus einem recht langen Gedicht von Celan: „Engführung“. Das ganze Gedicht, so typisch Celan, ein wenig depri und vor allem verschlüsselt. Aber es gibt halt auch die anderen, die positiven klaren Stellen, so wie die oben, und es passt jedes Wort. Was sag ich? Es geht ja gerade darum, dass jedes Wort passt – in der Sprache des Gedichts – dass das Wort leuchtet. Das Wort, das ist der verständige Mensch, der Mensch, der zu sprechen beginnt. Der mit seinem Lebensplan, den er noch gar nicht so richtig kennt, in die Welt tritt… Ich baue mir jetzt meine Verständnisschichten zu diesem Gedicht. Read the rest of this entry »

Jugendkultur damals

25. Januar 2007

Ich habe mich beim Proben gewundert, warum Grogo bei der Besprechung der Norwegenfahrt der bündischen Jugend so selbstverständlich behauptet, dass dabei keine Mädels mitgenommen werden. Franz Joseph Müller, Zeitzeuge, Gast bei unserer ersten Münchner Aufführung (Link führt zu mehreren kleinen Filmausschnitten) und wegen seinen Widerstandstätigkeiten zu 5 Jahren Haft verurteilt, hat diese Art Jugendkultur von damals bestätigt. Read the rest of this entry »

Songtexte eines Popstars

19. Januar 2007

Weil ich es so schwer fand, Songtexte zu schreiben … möchte ich ein Beispiel dafür geben, dass auch die Texte des einzigen deutschen Popstars Herbert Grönemeyer nicht immer erste Sahne werden. Die FAZ zitiert und rezensiert die neuesten Grönemeyer Single „Lied eins – Stück vom Himmel“:

In typisch ellipsenhafter Rhetorik meißelt er sein persönliches, pantheistisch-naturreligiöses Credo in Verse: „Welche Armee ist heilig / Du glaubst nicht besser als ich / Bibel ist nicht zum einigeln, / die Erde ist unsere Pflicht / Sie ist freundlich, freundlich – / wir leider nicht.“
Das ist Herbert Grönemeyer, wie wir ihn kennen, mit jenem auratischen Sound, der Gedanken und Emotionen mit seiner abgehackten, kompressorartigen Stimme zu etwas Drittem, etwas Höherem zusammenschmilzt, in der Regel zu einer eingängigen Synthese von brunnentiefen Einsichten und barem Unsinn. Man könnte sagen, das sei für Poptexte normal und auch nebensächlich (zumal es auf Englisch meistens nicht auffällt).

Der Primat des Textes
Aber Grönemeyer selbst legt ja, Zwecklyrik hin oder her, auf seine Texte großes Gewicht; und gerade die sehr konventionelle Balladenform des Lieds lenkt zusätzlich alle Aufmerksamkeit auf die Botschaft. Die läuft, soweit man sie extrahieren kann, auf eine Brechts „Gegen Verführung“ vergleichbare Religionskritik und Diesseitsfeier hinaus. Allerdings kommt sie nicht materialistisch daher, sondern wird befeuert von einer kryptischen Ökoesoterik, die der Natur ihre durchaus üblichen Unfreundlichkeiten wie Erdbeben, Tsunamis oder auch, gut bi-blisch, Heuschreckenschwärme leichtfertig nachsieht.

„brunnentiefe Einsichten und barer Unsinn“, das find ich recht nett gesagt. Wir behandeln ja auch viele Themen in unseren Liedern, aber vielleicht doch nicht so viel und so kryptisch wie Grönemeyer.

Habe ein Zitat entdeckt, unter dem ich früher mal geschrieben habe: So sollen die Teufel auftreten. Susanne (Suse) Hirzels beschreibt die Stimmung in der Diktatur. Ich zitiere aus ihrem Buch „Vom Ja zum Nein“ (2000, Seite 101), Hervorhebungen von mir:

Man sprach vom „Radfahrer“, der nach unten tritt und – wenn er ehrgeizig ist – nach oben katzbuckelt und sich bei jeder Gelegenheit, etwas durch Denunziation, rühmlich hervortut. Es war ein Parteisystem, das automatisch mit jedem Jahr zunehmend den Schlamm von unten nach oben beförderte und den wahren Charakter mancher Menschen erst zur Entfaltung brachte. So war allmählich der Bettelmann auf aufs Roß gekommen, auch zuweilen der brutale Maulheld. Dazuhin verrohten die Menschen durch die tägliche wüste Judenhetze. Es herrschte die Tyrannei der Gewöhnlichkeit. Bis zur Kenntlichkeit hatte ein Verrat stattgefunden an dem ursprünglichen Ideal, „Qualität in allen Schichten“ hervorzubringen. So bestimmte weithin eine pöbelhafte Minderheit den Ton im öffentlichen Leben. Dumme, oft ordinäre und arrogante Sprücheklopfer hatten das Sagen in der Partei und bestimmten zusammen mit Journalisten weithin den Ton im öffentlichen Leen. Es war überall dieselbe Einheitssprache, die sich selbst rühmte und auf andere spuckte und sie bedrohte.

Auch Pfarrerstochter und spätere Cellistin Suse fühlte sich ein bischen elitär. Der Vater ist zwar kein psychisch starker Mann, aber gegen das System. Sie selber ist als eines von ganz wenigen Mädchen auf dem humanistischen Gymnasium. Während der gemeinsamen Zeit auf der Kinderpflegeschule mit Sophie übt sie schon einen großen Teil ihrer Freizeit am Instrument, damit sie einmal Musikerin werden kann.

Tyrannei der Gewöhnlichkeit heute? Mag es geben… ein Gegenmittel aus obigem Text: seine eigene Sprache entwickeln (auch wenn man nicht von allen immer verstanden wird)? – wohl nicht im Sinne, dass jeder seine eigene Dichtersprache haben sollte – sondern, dass jeder wahrhaftig das auszudrücken bemüht, was ist.

Die menschliche Stimme

12. Oktober 2006

Regisseure mahnen im Amateurtheater öfter, laut und deutlich zu sprechen. Wir wollen aber nicht vergessen, dass in der menschlichen Stimme noch viel mehr Möglichkeiten liegen, die ein Schauspieler zum Ausdruck bringen kann. Auf die negativen weist heute jeder Dokumentarstreifen aus der Nazi-Zeit hin. (Zuletzt lief ja manches zu den Nürnberger Prozessen.) Jede Stimme kann verführen, eine ganze Generation kann davon geblendet sein – und später denkst du: Wie konnten die Leute so doof sein, auf solche Stimmen hereinzufallen. (Angefangen bei „Knusper knusper kneischen“ :-) )
Alle Achtung vor jemand, der das Falsche in den Stimmen zu Kriegszeiten hören konnte. Theodor Haecker, der im Freundeskreis um die Weiße Rose manchen mehrere Vorträge hielt und den Krieg nicht überlebte (+ 1945 in Urstersbach!) schreibt 1939 in sein Tagebuch:

Ich erschrecke in diesen Tagen über die Fähigkeit der menschlichen Stimme, abgesehen von dem, was sie sagt, allein durch sich selbst, nicht bloß individuell, sondern typisch, repräsentativ, die geistige Ausgestorbenheit eines ganzen Volkes zu verraten, zu verlautbaren, zu proklamieren. Die Stimme des „Ansagers“! (Tage- und Nachtbücher, Eintrag [7])

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Auf heisse.de schreibt Rüdiger Suchsland zum Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“

[…] immerhin kommt es zu der erstaunlichen Erfahrung, dass man sogar eine Art Suspense empfindet, eine Spannung, eher Anspannung, dass man fast beginnt, darauf zu hoffen und zu glauben, dass Sophie Scholl vielleicht doch noch davonkommen könnte. Die eigentliche große Leistung des Films ist dieses Drehbuch. […]

Noch wichtiger ist nämlich eine zweite Wirkung dieses Drehbuchs: die Sprache. Durchweg ist sie idealisiert, dominiert ein hoher Ton. Wenn manche Kritiker über den Film bemerken, hier werde Pathos vermieden, dann irren sie. Vermieden wird Sentimentalität – und noch nicht einmal die ganz. „Die Sonne scheint noch“, sind die letzten Worte Sophie Scholls im Film. Stattdessen geht es um „Freiheit und Ehre … ein neues geistiges Europa … Sitte, Moral und Gott“ gegen „die falsche Weltanschauung“.

Man kennt solche Worte gar nicht mehr, man kennt noch weniger Menschen, die so sprechen – so fern und fremd wirkt das alles manchmal. Aber gerade das ist gut. Denn die Fremdheit liegt nicht etwa primär in der Unzeitgemäßheit einer Weltanschauung, die Thomas Assheuer in der „Zeit“ treffend als „eine Form politischer Theologie“ charakterisiert, sondern in der Unbedingtheit mit der Politik als Ernstfall und existentieller Lebensbereich begriffen wird. Indem uns der Film darauf stößt, wie fern eine wie Sophie Scholl uns ist, erinnert er uns daran, wie nahe sie uns sein könnte. Ein Redefilm, der seinen Stoff immer wieder ins Abstrakte hebt, der sperrig ist, nicht vermenschelnd.

„Die kritische Frage nach dem Zusammenhang von Politik und Ästhetik“, die Barbara Schweizerhof beherzt und trotzig (und dann doch nicht gerade im Übermaß begründet) jetzt in der „taz“ dem Lob der Kollegen nachwirft, lässt sich ganz einfach so beantworten: Manchmal muss es eben Pathos sein. Und gegen den Pathos des Widerstands gegen Tyrannei ist ganz und gar nichts einzuwenden. Unerträglich die Vorstellung, man würde uns eine Sophie Scholl zumuten, die irgendwie „heutig“ und „zeitgemäß“ wäre, cool und vorlaut. Indem die Sophie Scholl dieses Films spricht wie die Figuren bei Schiller – „ein harter Geist, ein weiches Herz“ -, voller brennender Leidenschaft für ihre Gedanken und die Freiheit, sie zu denken, für die Wahrheit und die Freiheit, an ihr festzuhalten, indem sie auch inhaltlich ganz ungebrochen und ohne geringste Einschränkungen Idealismus pur an den Tag legt und ihre Ausführungen mit einem Lutherschen „Ich kann nicht anders.“ bekräftigt, macht die Figur bewusst, was den heutigen politischen Diskursen fehlt. Ein Heldendrama, das daran erinnert, dass es in der Politik um Leben und Tod geht, gehen muss, gehen kann, und dass die Tatsache, dass sich die Dinge heute vor allem um Visa, Diäten und Rentenkürzungen drehen, nicht nur einen Gewinn bedeutet.

Die Behauptung ist also, dass eine Sprache „wie Schiller“ einfach angemessen für das Thema ist. Ich behaupte ja nicht, dass die Sprache unseres Theaterstückes so gut ist wie die oben gerühmte. Interessanterweise aber war meine Methode nicht groß anders als die des Drehbuchautors Fred Breinersdorfer. Suchsland zitiert, was Breinersdorfer über seine Verfahrensweise sagt

… Die Dialoge sind aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt: Die Protokolle, Briefe und Aufzeichnungen von Sophie Scholl – ihre individuelle Schreibsprache. Zitate von ihrer Schwester Inge, Zitate aus den Flugblättern. Da ging es dann zunächst einmal darum, diese Texte überhaupt sprechbar zu machen.

Ich hoffe ja doch, man merkt in „Fangt uns doch“ den Unterschied zwischen der Sprache Goethes und dem Rest. Extra pathetisch werden wir meines Erachtens selten. Beim Lernen merkt ihr hoffentlich, wo es nicht sprechbar ist, damit wir es noch ändern können. Sagt Suchsland, die Sprache des Films (und damit die der Tagebücher) sei ein gutes Modell für eine heutige Sprache – oder sagt er, der Film spreche nur eine Sprache für außergewöhnliche Politiker und übermenschliche Helden?