Die Menschen als Schweine

16. Dezember 2008

schuetzengraben-2-k.jpg

Otl Aichers Erfahrung bei der Wehrmacht. Mit einem kleinen Kommentar ärgert er einen Vorgesetzten – er muss nicht lange warten, bis er alleine strafexerzieren muss, eine Quälerei und sicherlich war er danach dreckig „wie die Sau“. Noch schlimmer für den jungen Intellektuellen: Sprache und Welt der Kammeraden beim Kommis, „schweinisch“ sagt man. Read the rest of this entry »

War recht begeistert von den 40 Seiten Auszug aus „Das verborgene Wort“, die die Autorin Ulla Hahn für zwei CDs vorlas. Aufwachsen in den 50ern und 60-ern des letzten Jahrhunders, aus der Ich-Perspektive eines Mädchens erzählt, viel Autobiographisches dabei. Beim Surfen im Netz entdeckte ich Folgendes (Dieter Borchmeyer, ursprünglich eine Rezension in DIE ZEIT) :

Das krude Milieu, aus dem Hildegard sich mit allen Fasern ihrer Seele heraussehnt, hat so kaum je etwas Abstoßendes. Immer schwingt auch eine Saite der Liebe, des Mitleids mit den so gedrückten Seelen mit, auch mit dem Vater, dessen Herzlosigkeit nur das Produkt sozialer Not ist. Als er einmal einen kleinen Gewinn im Lotto macht, gewinnt sein Verhalten sofort an „Seele“.
Martin Walser hat betont, einem Romanschreiber müssten „beim Schreiben alle Figuren sympathisch sein, auch die, die der Leser dann zu den unsympathischen rechnet. Und da ist immer so etwas wie Liebe im Spiel … Dass er ein Beobachtender ist, das ist eine notwendige Arbeitsbedingung, aber ebenso notwendig ist es, dass er ein Mitleidender ist.“ Das könnte auf Ulla Hahn gemünzt sein. Read the rest of this entry »

Staatslieder

20. August 2008

Meine Tante erinnert sich an ein Lied, das sie als Schülerin lernen musste. Sie träumte damals, so sagt sie, dass es ein schönes Lied würde mit dem Titel „Als die goldne Abendsonne„. Nein, es war ein Heldenlied. Die beiden ersten Strophen konnte sie noch auswendig

1. Als die goldne Abendsonne
Sandte ihren letzten Schein, letzten Schein
|: Zog ein Regiment von Hitler
In ein kleines Städtchen ein. : | Read the rest of this entry »

Der Archetyp von Sophie Scholls Traum in der letzten Nacht (siehe letzter Eintrag). Es ist eine Zeit großer Not :

Da erschien ein großes Zeichen am Himmel: Ich sah eine Frau, die mit der Sonne bekleidet war; sie hatte den Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Kopf trug sie eine Krone aus zwölf Sternen. Und sie war schwanger und schrie in ihren Wehen, denn die Schmerzen unmittelbar vor der Geburt hatten sie erfaßt. (Offenbarung des Johannes, Kap. 6)

Sophie ist nicht wörtlich schwanger, aber sie hat etwas mit sich, das weiterleben soll. Etwas eigenes und etwas nicht Eigenes. Read the rest of this entry »

Zu Ehren dem ersten Baby der Theatertruppe von 2006/7, Hannah – ein großes-kleines Zeichen, dass es Zukunft gibt – Sophie Scholls Traum in der letzten Nacht vor ihrem Prozess und der überraschend schnellen Hinrichtung am selben Tag, erzählt von ihrer Zellengenossin Else Gebel.

Du bist sofort munter und erzählst mir, noch im Bett sitzend, deinen Traum: „Ich trug an einem sonnigen Tag ein Kind in langem weißen Kleid zur Taufe. Der Weg zur Kirche führte einen steilen Berg hinauf. Aber fest und sicher trug ich das Kind in meinem Arme. Da plötzlich war vor mir eine Gletscherspalte. Ich hatte gerade noch so viel Zeit, das Kind sicher auf die andere Seite niederzulegen – dann stürzte ich in die Tiefe.“

Du legtest dir den Traum so aus: „Das Kind im weißen Kleid ist unsere Idee, sie wird sich trotz allen Hindernissen durchsetzen. Wir durften Wegbereiter sein, müssen aber vorher sterben, für sie.“ Read the rest of this entry »

Nach dem „Musical“ oder der Kantate „Emmaus“ der Türkheimer (Wegzeichenchor u.a. mit der Michi, Sprechrolle, Gerhard sang als „der Fremde“, jüngster Spieler sein Sohn Johannes, insges. schätze ich 100 Mitwirkende) sagte ich gestern, ich hätte große Bedenken, Auferstehung auf die Bühne zu bringen. Heute würde ich das Gegenteil sagen: Sind es nicht gerade die Geschichten vom auferstandenen Jesus, in denen Jesus den Seinen zuruft: „Fangt mich doch!“. Wie im Kinderversteckspiel, beim Ostereiersuchen: ihr habt wohl gedacht, vor dem Grab stünden Wachen. Ha, die sind eingeschlafen. Read the rest of this entry »

Hitler als Antichrist?

18. März 2008

Dezember 1942, es geht ums Grundsätzliche. Ich zitiere eine Zankel-Rezension von Jakob Knab:

An einem Sonntag im Advent 1942 trafen sich einige Freunde der »Weissen Rose« mit dem katholischen Kulturphilosophen Theodor Haecker. [...]. Hier meine Darstellung dieser Schlüsselszene: Die Frage kam auf die »Heraufkunft des Antichrist«. Haecker, darauf vorbereitet, las zunächst die entsprechende Bibelstelle (2 Thess 2, 1 – 12) vor und gab dann eine Deutung im Sinne des englischen Theologen John Henry Newman (1801 – 1890), indem er seine eigene Übersetzung von Newmans Oxforder Predigt »Die Zeiten des Antichrist« vortrug. Hans Scholl protestierte gegen diese religiös-eschatologische Deutung: »Der Antichrist kommt nicht erst, er ist schon da!« Read the rest of this entry »

Wort ist Währung

6. November 2007

Dichter sein

Entlang dem staunen
siedelt das Gedicht, da
gehn wir hin


Von niemandem gezwungen sein, im brot
anderes zu loben
als das brot

 

Reiner Kunze, deutscher Lyriker, heute 74 Jahre, gilt als jemand, der sich nicht verkauft. Gestern hab ich ihn aus seinen Schriften lesen gehört. Aus einem Interview auf seiner Homepage:

Read the rest of this entry »

Dichterin sucht das Wort

15. Oktober 2007

Nicht gesagt
Von Marie Luise Kaschnitz

 

Nicht gesagt
Was von der Sonne zu sagen gewesen wäre
Und vom Blitz nicht das einzig richtige
Geschweige denn von der Liebe.

 

Versuche. Gesuche. Mißlungen
Ungenaue Beschreibung

Weggelassen das Morgenrot
Nicht gesprochen vom Sämann
Und nur am Rande vermerkt
Den Hahnenfuß und das Veilchen.

Euch nicht den Rücken gestärkt
Mit ewiger Seligkeit
Den Verfall nicht geleugnet
Und nicht die Verzweiflung

Den Teufel nicht an die Wand
Weil ich nicht an ihn glaube
Gott nicht gelobt
Aber wer bin ich dass

Read the rest of this entry »

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Kommentator der Welt recht hatte, wenn er meinte, Desmond Tutus Rede auf dem Roncalliplatz (Köln) wird in die Kirchentagsgeschichte eingehen. Das breite betonte Englisch des südafrikanischen Bischofs und Nobelpreisträgers war mir höchst einprägsam Read the rest of this entry »