Wie mutig sein?

28. März 2012

“Mut ist” – das Motto auf mehreren Misereorplakaten war Motto eines kreativen Abends der KJT.

Wir experimentierten mit längerer Belichtungszeit bei Fotos. Die dargestellte Szene: der Teufel inszeniert seine düstere Macht.

Der Satan, der Durcheinanderwerfer, hat mehrere dunkle Gestalten mit sich, die man nur verschwommen erkennt. Was er erkennen lässt, ist seine Befehlsgewalt. Er trägt den roten Mantel des römischen Imperators und nimmt eine Herrscherpose ein.

Jesus im Vordergrund versucht seine innere Ruhe zu bewahren, seinen Mut zusammenzunehmen, auf das was kommt, eine angemessene Antwort zu finden. Er kann seine Gedanken klar halten, zumindest, solange er sich nicht umdreht. Seine Bewegung würde ihn von der Unruhe anstecken.

Auch die Kerze vor ihm bleibt ruhig. Auf ihr ist die Urkraft des Lichts, die Sonne abgebildet. Die tatsächliche Lage ist anders, als es der düstere Imperator im Hintergrund vermuten lässt: das, was die Menschen Macht nennen, die Herrschergewalt, ist nichts gegen die “Macht”, die es jeden Morgen hell werden lässt. Das helle Gewand Jesu deutet auf seinen Ursprung, sein Zuhausesein bei Gott. Es erinnert an die Stimme, die er hörte: Du bist mein lieber Sohn, mir gefällt, was du tust.

Die Umgebung ist ein ganz alltäglicher Raum. Manchmal hell, manchmal dunkel. Der Mensch sitzt darin, zwischen dem Chaos und dem “Es werde Licht”. Wie wird es sein, wenn er aufsteht und ins Freie unter andere Menschen tritt?

Jüngste Hör-Lektüre: Ingo Schulze “Neue Leben” (2005) – ein Roman über die Ereignisse 1989/90, überhaupt nicht aus dem befreienden Blickwinkel der “friedlichen Revolution”,  sondern als Teufelsbraten. „Neue Leben“ ist ein Briefroman, dem man sein reifliches Gewachsensein anmerkt, sieben Jahre, wie manche Doktorarbeit, immerhin ist er was geworden. Zitiere die SZ-Rezension:

Ein Buch von heute ist dieser Roman, für heutige Leser. Aber seine nächsten Verwandten heißen, literaturgeschichtlich betrachtet, „Grimms Märchen“, „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ , die „Lebensansichten des Katers Murr“ oder, ja auch, „Faust“ und „Doktor Faustus“.

Ein Riesenprojekt des Wiederstandes, Den Rest des Beitrags lesen »

Logik der Träume

8. September 2009

Wer denkt logisch im Traum? Und doch ist diese Logik Inspirationsquelle, für Israels Sohn Josef im fernen Ägypten, für den blinden Homer. Ein paar bemerkenswerte Traumbeobachtungen stehen bei Sten Nadolny „Das Erzählen und die guten Absichten“ (Münchner Poetik-Vorlesungen von 1990). Eine davon, wie er sie anhand eines Beispieltraumes erzählt:

„Ich träumte kürzlich etwas Merkwürdiges. Rast machend auf einer Bergwanderung saß ich am Wege und nahm einen Imbiß zu mir. Da kam Hitler, einen schweren Wagen schiebend, vorbei, hielt bei mir an und sagt: ‘Mich hungert, gib mir zu essen.’ Den Rest des Beitrags lesen »

Der von den Nazis suspendierte Justizbeamte Joseph Furtmeier, dem seine Freunde umgebracht wurden und der selber drei Wochen in Gefangenschaft war, schreibt einige Zeit nach seiner Freilassung am 20. August 1943 einen beachtenswerten Text. Ein recht eigenständiges und doch tiefgründiges Bild von Gott und Welt. Man bedenke freilich, dass dieser Text aus einem privaten Brief in die Schweiz nie für die Öffentlichkeit bestimmt war.

Für Gerda, die sich für Philosophie interessiert, füge ich einige Leitsätze bei, die die Tragik zum Ausdruck bringen, in der der Christ die Welt erlebt

1) Es gibt keine Selbstgestaltung der Gesellschaft aus ihren eigenen Kräften heraus. Es gib keinen Fortschritt, alle Kultur ist Tradition.

2) In der Welt ist das Böse stärker als das Gute. Den Rest des Beitrags lesen »

Gemeindepower Musical

30. November 2007

Zu Nikolaus Groß gibt es ein Musical, das eine Kirchengemeinde auf die Füße gestellt hat, ursprünglich für 4 Aufführungen mit 160 Plätzen (das kennen wir ja irgendwie), alles selbergemacht; aber jetzt wirds anders: 200 Mitspieler, und jetzt wird es schon seit 1998 immer wieder aufgeführt, im Januar 2008 zum 50. Mal.

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Durchgefallen

12. Januar 2007

Von so etwas wie Durchfallen oder Nachsitzen bleibt auch der Blogschreiber nicht verschont. Er ist aber in guter Gesellschaft

  • Inge Scholl in der Schule, sie brach nach der 10. Klasse ab
  • Hans Scholl saß zu Weihnachten 1937 im Gefängnis (in der falschen Jugendbewegung gewesen)
  • Otl Aicher, als er doch zur Wehrmacht muss (obwohl er dem durch Selbstverstümmelung entgehen wollte)
  • Sophie Scholl, trotz Kindergärtnerinnenausbildung muss sie zum Reichsarbeitsdienst
  • Carl Muth, als ihm die Zeitschrift verboten wird
  • Sophie Scholl bei Alex Schmorell (soweit ich das wenigstens beurteilen kann)
  • Robert Scholl, bei der Bürgermeisterwahl mit kleinen Kindern, als er plötzlich ohne Beruf dastand, und dann nach dem Krieg, als er sich in Ulm von den Bürgen hätte bestätigen lassen wollen
  • Robert und Magdalena, als sie ihre Kinder kurz vor der Vollstreckung des Todesurteils noch mal sehen dürfen. (ähnlich ergeht es Inge, Werner und Elisabeth Scholl)
  • Werner Scholl, wahrscheinlich beim Desertieren von der Truppe durchgefallen, er kam jedenfalls nicht lebend aus dem Krieg zurück

Der Höhepunkt an Versagthaben ist, wenn Jeanne d’Arc kurz vor ihrer Hinrichtung jemand erscheint, der ihr nachweist, dass alles was sie im Namen Gottes zu tun meinte, nur Einbildung und nichts war. Und dass auch alles andere nichts wert war. In allem diesem Durchfallen, so sagt man doch gerne, steckt irgendwie “der Teufel”, oder nicht?

Entdeckte eine theologische Filmkritik von Martin Löwenstein, die ich dann weiter unten zitiere. Jeanne d’Arc erscheint im Film “Johanna von Orleans” (Luc Besson, 1999) kurz vor ihrer Verbrennung eine Gestalt (Dustin Hoffmann), die in den Beschreibungen als ihr Gewissen beschrieben wird. Löwenstein nennt sie “den Religionspädagogen”, der behauptet, sie habe sich ihre Berufung nur eingebildet u.a.. Löwenstein bedauert, dass diese Erscheinung, so recht sie auch haben mag, nicht als Teufel entlarvt wird:

“Der Teufel in Gestalt des Religionspsychologen, der Versucher als Lichtengel, der mit lauter guten und richtigen Argumenten die Seele an sich zieht, bis vor lauter geschwätziger Weisheit das Zentrum vergessen ist: Gott. Denn natürlich hat “das Gewissen” recht, wenn es all die “Zeichen”, die Johanna für ihre Berufung gesehen hat, auf “natürliche” Ursachen zurückführt. Diabolisch und perfide, wie es dem Gewissen gelingt, wiederum ganz korrekt, daran die Schuldverstrickung der Johanna zu knüpfen. Aber der Schluss, den “das Gewissen” daraus zieht, der Trugschluss, dass Gott uns in dieser Gewalt und dieser Schuld allein gelassen hat und die Freiheit des Menschen in der Aufklärung über seine psychischen Tiefenstruktur bestünde, entlarvt dieses “Gewissen” für mich als Versucher. “Weg mit dir, Satan!” wäre die einzige angemessene Reaktion auf diese Versuchung. Denn die Freiheit besteht darin, mich ganz, mit meiner Schuld, aber ohne an Gottes Gegenwart in meiner Lebensgeschichte zu zweifeln, seinem Willen zu überlassen. Wenn Johanna mit dem Blick auf das Kreuz stirbt, wird genau dieser Faden wieder aufgenommen. Wie schade, dass die Entlarvung des “Gewissens” fehlt. Dustin Hoffmann wäre ein guter Versucher gewesen.”

Was ist der Mensch?

4. Januar 2007

Zum Anfang des neuen Jahres hier etwas über die Geschichte vom Anfang, oder eben von Adam und Eva (oder von Ödipus, siehe erstes Bild):

Warum verwandeln sich die Menschen unter dem grünen Tuch in Adam und Eva, das ist doch eine ganz andere Geschichte? – Ja meint ihr denn, die Bibel erzählt von Adam und Eva, weil die vor 5.000 oder 50.000 Jahren gelebt haben? Das tut sie nicht, sondern die biblische Erzählung ist ein Mythos wie die Geschichte von Ödipus, der Gilgameschepos und die Geschichten von der Entstehung der Welt in fast allen Kulturen. Ein Mythos ist keine historische Erzählung, sondern eine erfundene Geschichte, die Antwort auf eine Frage gibt, die sich in der Zeit ihrer Leser stellt und die heute beantwortet werden muss. Die Geschichte von Adam und Eva ist eine erzählerische Antwort auf mindestens zwei Fragen: (i) Was ist die Grundsituation des Menschen? Und (2) Was ist das Böse?

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Ich sage selten Vaterland

16. Dezember 2006

“Meister, ich weiß was: Deutschland.”
“Tölpel, was hast du gesagt? – Deutschland?”

Deutschland heuteIn diesen Sätzen (wer unser Stück kennt, weiß den Zusammenhang dort) in diesen kurzen Sätzen steckt der zurückgenommene Patriotismus der Deutschen. Auch ich bin so aufgewachsen. Es ist nett, Fußballfan der Nationalmannschaft zu sein. (Ich war es als Kind und Jugendlicher viel mehr als jetzt, wo es heißt, es sei mit der Weltmeisterschaft ein großes Nationalgefühl entstanden.) Aber wir Deutschen übertreiben das nicht. Wir rüsten nicht so sehr, dass wir mit Frankreich oder England, Ländern von derselben Größe, konkurrieren könnten. (Das Gerangel um den ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat war mir peinlich, ich bin für einen Sitz der EU.) Eher als mit militärischer Macht zu prahlen lassen wir uns ein bisschen durch die USA beschützen. Bei anderen Nationen wollen wir durch unsere Leistungen überzeugen, nicht weil wir Deutsche sind und Deutsche was Besonderes sind. Wir hatten immer Bundeskanzler mit einem großen Herzen für Europa.
Es gab Zeiten, in denen Patriotismus in Deutschland selbstverständlicher und eindeutiger war. Den Rest des Beitrags lesen »

Der beste Text von jemand, der nicht im Umfeld der weißen Rose dabei war und doch über sie schrieb, ist meines Erachtens der Aufsatz von Inge Jens: Über die ‚Weiße Rose’. in Die neue Rundschau 95.I. 1984, Seiten 193-213. Der Aufsatz entstand im Zusammenhang mit der Herausgabe der Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von Hans und Sophie Scholl, den diese Germanistin zu verantworten hatte. Er endet mit folgendem Fazit

Wie immer man […] den Aufstand der „Weißen Rose“ beurteilen mag […] eines scheint gewiss: Der Neubeginn in einem demokratischen Deutschland nach 1945 wäre orientierungsloser gewesen, hätte es nicht diese Gruppe gegeben, Den Rest des Beitrags lesen »

Habe ein Zitat entdeckt, unter dem ich früher mal geschrieben habe: So sollen die Teufel auftreten. Susanne (Suse) Hirzels beschreibt die Stimmung in der Diktatur. Ich zitiere aus ihrem Buch “Vom Ja zum Nein” (2000, Seite 101), Hervorhebungen von mir:

Man sprach vom „Radfahrer“, der nach unten tritt und – wenn er ehrgeizig ist – nach oben katzbuckelt und sich bei jeder Gelegenheit, etwas durch Denunziation, rühmlich hervortut. Es war ein Parteisystem, das automatisch mit jedem Jahr zunehmend den Schlamm von unten nach oben beförderte und den wahren Charakter mancher Menschen erst zur Entfaltung brachte. So war allmählich der Bettelmann auf aufs Roß gekommen, auch zuweilen der brutale Maulheld. Dazuhin verrohten die Menschen durch die tägliche wüste Judenhetze. Es herrschte die Tyrannei der Gewöhnlichkeit. Bis zur Kenntlichkeit hatte ein Verrat stattgefunden an dem ursprünglichen Ideal, „Qualität in allen Schichten“ hervorzubringen. So bestimmte weithin eine pöbelhafte Minderheit den Ton im öffentlichen Leben. Dumme, oft ordinäre und arrogante Sprücheklopfer hatten das Sagen in der Partei und bestimmten zusammen mit Journalisten weithin den Ton im öffentlichen Leen. Es war überall dieselbe Einheitssprache, die sich selbst rühmte und auf andere spuckte und sie bedrohte.

Auch Pfarrerstochter und spätere Cellistin Suse fühlte sich ein bischen elitär. Der Vater ist zwar kein psychisch starker Mann, aber gegen das System. Sie selber ist als eines von ganz wenigen Mädchen auf dem humanistischen Gymnasium. Während der gemeinsamen Zeit auf der Kinderpflegeschule mit Sophie übt sie schon einen großen Teil ihrer Freizeit am Instrument, damit sie einmal Musikerin werden kann.

Tyrannei der Gewöhnlichkeit heute? Mag es geben… ein Gegenmittel aus obigem Text: seine eigene Sprache entwickeln (auch wenn man nicht von allen immer verstanden wird)? – wohl nicht im Sinne, dass jeder seine eigene Dichtersprache haben sollte – sondern, dass jeder wahrhaftig das auszudrücken bemüht, was ist.

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