Jugendkultur damals
25. Januar 2007
Ich habe mich beim Proben gewundert, warum Grogo bei der Besprechung der Norwegenfahrt der bündischen Jugend so selbstverständlich behauptet, dass dabei keine Mädels mitgenommen werden. Franz Joseph Müller, Zeitzeuge, Gast bei unserer ersten Münchner Aufführung (Link führt zu mehreren kleinen Filmausschnitten) und wegen seinen Widerstandstätigkeiten zu 5 Jahren Haft verurteilt, hat diese Art Jugendkultur von damals bestätigt. Den Rest des Beitrags lesen »
Sophie selbstkritisch
18. Januar 2007
Las gerade mal wieder Armin Zieglers Charakterisierung der Sophie Scholl. Er zitiert, dass Susanne Hirzel 1946 über Sophie schrieb:
[...] Es waren nicht viele Menschen, die ihr wirklich nahe standen. Bei allen galt sie als Ausnahme. Niemand konnte sie hassen oder ihr Vorwürfe machen, und doch war sie nie ‚populär‘. Sie galt als eingebildet, überheblich, stolz. Ich glaube aber, dass hier nur der Neid und die Sehnsucht der anderen Menschen spricht, die spüren, dass sie in einem fernen Weltraum lebt und viel viel Kraft in sich hatte. [...] Sie half in der Selbstverständlichkeit, wo man sie bat. Aber die große Aktivität, das zupackende Interesse für die Menschen hatte sie nicht;[...]
Ich betone mit der Auswahl dieses Zitats die Dinge, die man nicht unbedingt hinschreiben müsste, wenn sie nicht stimmten: Einzelgängerin, wirkt überheblich, lebt in ihrer eigenen Welt, nicht groß im Zupacken. Daneben positiv eine große innere Kraft. Soweit die Außenbeobachtung. Jetzt ein Zitat aus einem Brief vom 22.5.1940 an Fritz Hartnagel, wie Sophie solche Dinge von innen sieht:
Wie könnte man da von einem Schicksal erwarten, dass es einer gerechten Sache den Sieg gebe, da sich kaum einer findet, der sich ungeteilt einer gerechten Sache opfert.
Ich muss hier an eine Geschichte des Alten Testaments denken, wo Mose [den ganzen Tag] zu jeder Stunde seine Arme zum Gebet erhob um von Gott den Sieg zu erbitten. Und sobald er einmal seine Arme senkte, wandte sich die Gunst von seinem kämpfenden Volke ab. Ob es wohl auch heute noch Menschen gibt, die nicht müde werden, ihr ganzes Denken und Wollen auf eines ungeteilt zu richten?
[...] Ich kenne kaum eine Stunde, in der nicht einer meiner Gedanken abschweift. Und nur in einem einzigen Bruchteil meiner Handlungen tue ich, was ich für richtig halte. Oft graut mir vor diesen Handlungen, die über mir zusammenwachsen wie dunkle Berge, so dass ich mir nichts anderes wünsche als Nichtsein, oder als nur eine Ackerkrume zu sein, oder ein Stücklein einer Baumrinde. Aber schon dieser oft überwältigende Wunsch ist wieder schlecht, denn er entspringt ja nur der Müdigkeit. […] Ich bitte dich nur, halte mich nicht für gut, da ich schlecht bin. […] Ich erkenne, wie ich bin, und bin zu müde, zu faul, zu schlecht, dies zu ändern.
Es spricht für einen Menschen, dass die Außenbetrachtung der weniger hervorzuhebenden Seiten mit der Innenbetrachtung so halbwegs übereinstimmen.
- Ihre Trägheit im äußerlichen Tun,
- ihr einzelgängerischer Anspruch, dass die Gedanken nicht abschweifen dürfen.
- Wer lebt schon in der Welt von Moses und nimmt ihn sich eindeutig zum Vorbild?
- (Suse und Sophie stimmen überein, dass Sophie nicht überheblich sein will.)
Die große Kraft, von der Susanne Hirzel schreibt, ist wohl nicht ganz gelogen. Recht vielen Leuten, die ich treffe, traue ich zu, dass sie „viel viel Kraft in sich“ haben.
Ich wehre mich dagegen, solche kritischen Selbstbespiegelungen wie oben, die in Sophies späteren Tagebuch-Meditiationstexten Gott gegenüber noch extremer werden, als skrupulant zu klassifizieren.
Flugblätter schicken: Eine Fehleinschätzung?
7. November 2006
Es wurde auch nach dem Krieg viel Kritik am Vorgehen der Widerständler in der Weißen Rose geübt. Das geht soweit, dass man auch in christlichen Blättern, die darauf hinwies, dass ihr Widerstand nicht ethisch einwandfrei war. Wenn man eine solche Bemerkung macht und daneben verschweigt, dass auch das Verhalten der meisten deutschen Bischöfe nicht gerade ethisch einwandfrei war, ist das nicht fair. (Immerhin ist schon recht hoch einzuschätzen, dass solche Artikel das allgemeine Schweigen über Krieg und Nationalsozialismus brachen.)
Andererseits wird da immer wieder auf ein Dilemma hingewiesen. Als die niederländischen Bischöfe gegen die Abtransporte der Juden einschritten, wurden als Antwort selbst die Juden, die irgendwie von Christen versteckt werden konnten (wie Edith Stein, die damals in einem niederländischen Kloster war) in die KZs gebracht – und faktisch vielleicht niemand geholfen.
Eine, die es wissen muss, ist Sophies Freundin Susanne Hirzel. Sie war zum Teil bei den Aktionen dabei war und erzählt von einem Gespräch mit Sophie und Hans Scholl im Dezember 1942, zwei Monate vor Festnahme und Todesurteil. Sie bringt ihre Meinung mit folgenden Worten zum Ausdruck:
“Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kriegsmaschinerie durch zivile Kräfte aufzuhalten wäre.“
Sophie und Suse
17. Oktober 2006
Verrücktes Foto, erinnert mich an die spiegelhafte Gegenüberstellung der beiden Freundinnen bei uns im Stück. Die beiden Mädels Sophie Scholl und Susanne Hirzel (beide Jahrgang 1921, wie alt auf dem Bild? Was denkt ihr? 17 Jahre?) am Rande ihrer Gruppe, beide in Profilen, wie niemand in der Gruppe sonst – und wenigstens von ihrer Position her gespiegelt.
Susanne Hirzel war die einzige Mit-Widerständlerin von Sophies ehemaligen BDM-Bekanntschaften. (Aus der BDM-Zeit ist es auch nur eine, die in nächster Nähe der weißen Rose aktiv war: Gisela Schertling) Eigentlich wollte Susanne Hirzel 1943 nichts Aktives gegen das Regime tun, sondern nur ihre Stuttgarter Wohnung (wo sie Musik studierte) zur Verfügung stellen. Ihre politische Haltung war eindeutig, aber das Risiko schien ihr zu groß und die Erfolgsaussichten zu gering. (Jungen, die sowieso an die Front geschickt wurden, hatten deshalb aus ihrer Hinsicht bessere Gründe ihr Leben im Widerstand zu riskieren. Denn das erhöhte Sterberisiko gab es ja auch an der Front aus gegenteiligem Zweck.) Tatsächlich hat sie aber zusammen mit ihrem Bruder in Stuttgart das fünfte Flugblatt in Briefkästen verteilt. Sie wurde 1943 gefangen genommen, doch wurde sie nicht zum Tode, sondern nur zu Gefängnishaft verurteilt. Sie kam nach einem halben Jahr frei.
Das Außenstehen der Widerständler – wie es auf dem Foto sichtbar ist – wiederholt sich nach dem Krieg. Im ZDF erzählt Susanne Hirzel:
“Nach dem Krieg waren wir ja gar nicht angesehen, das konnte man gar nicht erzählen. Da war die weiße Rose nicht geschätzt. Viele Leute, die haben gesagt, Ihr seid doch der Front in den Rücken gefallen, wie kann man denn das, man muss doch zusammen halten, man darf nicht aus der Reihe tanzen, man muss mit machen. Was da kommt, muss man doch mitmachen.”
Ich habe in der eigenen Verwandtschaft Ähnliches erzählt bekommen. Man hat auch lange Jahre überhaupt nicht von der jüngsten Vergangenheit gesprochen, in der Schule hat man die Nazi-Zeit nicht durchgenommen.
Wenn diese Zeit heute manchmal in der Mitte der Aufmerksamkeit ist, vielleicht ist das schon wieder eine Ausflucht vor irgendetwas, vielleicht heutigen dringenden Problemen: Völkermord in Darfur und die UNO kuckt zu, Bulldozern über den Vorstadtsiedlungen in Simbabwe, tote Journalisten in Russland … und wohl noch ganz anderes.
Tyrannei der Gewöhnlichkeit
17. Oktober 2006
Habe ein Zitat entdeckt, unter dem ich früher mal geschrieben habe: So sollen die Teufel auftreten. Susanne (Suse) Hirzels beschreibt die Stimmung in der Diktatur. Ich zitiere aus ihrem Buch “Vom Ja zum Nein” (2000, Seite 101), Hervorhebungen von mir:
Man sprach vom „Radfahrer“, der nach unten tritt und – wenn er ehrgeizig ist – nach oben katzbuckelt und sich bei jeder Gelegenheit, etwas durch Denunziation, rühmlich hervortut. Es war ein Parteisystem, das automatisch mit jedem Jahr zunehmend den Schlamm von unten nach oben beförderte und den wahren Charakter mancher Menschen erst zur Entfaltung brachte. So war allmählich der Bettelmann auf aufs Roß gekommen, auch zuweilen der brutale Maulheld. Dazuhin verrohten die Menschen durch die tägliche wüste Judenhetze. Es herrschte die Tyrannei der Gewöhnlichkeit. Bis zur Kenntlichkeit hatte ein Verrat stattgefunden an dem ursprünglichen Ideal, „Qualität in allen Schichten“ hervorzubringen. So bestimmte weithin eine pöbelhafte Minderheit den Ton im öffentlichen Leben. Dumme, oft ordinäre und arrogante Sprücheklopfer hatten das Sagen in der Partei und bestimmten zusammen mit Journalisten weithin den Ton im öffentlichen Leen. Es war überall dieselbe Einheitssprache, die sich selbst rühmte und auf andere spuckte und sie bedrohte.
Auch Pfarrerstochter und spätere Cellistin Suse fühlte sich ein bischen elitär. Der Vater ist zwar kein psychisch starker Mann, aber gegen das System. Sie selber ist als eines von ganz wenigen Mädchen auf dem humanistischen Gymnasium. Während der gemeinsamen Zeit auf der Kinderpflegeschule mit Sophie übt sie schon einen großen Teil ihrer Freizeit am Instrument, damit sie einmal Musikerin werden kann.
Tyrannei der Gewöhnlichkeit heute? Mag es geben… ein Gegenmittel aus obigem Text: seine eigene Sprache entwickeln (auch wenn man nicht von allen immer verstanden wird)? – wohl nicht im Sinne, dass jeder seine eigene Dichtersprache haben sollte – sondern, dass jeder wahrhaftig das auszudrücken bemüht, was ist.