Beten – Wie Kieselsteine werfen oder Lachen
27. November 2006
Dass jemand betet, ist ein wichtiges Motiv im Stück. Zum Teil wird das in einer bildlichen oder märchenhaften Sprache erzählt. Statt direkt zu beten verwandelt sich Carl Muth in Mose, den Repräsentant Israels. Statt dass er etwas spricht, hebt er einen Stab, der einst zauberhaft das rote Meer öffnete und zufluten ließ – und bald darauf in der Wüste das lebenswichtige Wasser aus dem Felsen sprudeln ließ.
Auf ein bekanntes Märchen spielt R.S. Thomas in seinem Gedicht „Folk Tale“ an. (In Klammern einige Übersetzungen aus dem Englischen)
Prayers like gravel (Kieselsteine)
flung at the sky’s
window, hoping to attract
the loved one’s
attention.But without
visible plaits (Zöpfe) to let
down for the believer
to climb up,
to what purpose open
that far casement (Fensterflügel)?I would
have refrained long since
but that peering once (dieses eine Mal beim Spähen)
through my locked fingers
I thought that I detected
the movement of a curtain (Vorhang).
Erraten welches Märchen gemeint ist?
Der Geschmack der Musik
13. November 2006
Als das Carl Muths Zeitschrift Hochland 1941 verboten war, wollte Otl Aicher selbst eine Zeitschrift herausgeben, in der sich seine Freunde gegenseitig bestärkten. Er nannte sie Windlicht, weil sie den Freunden ein Licht in dunkler Zeit sein sollte. (Es war auch mal im Gespräch, dass unser Theaterstück und der Schlusssong „Windlicht“ heißt.) Natürlich dachte Otl nicht an eine öffentliche Herausgabe, sondern die Texte sollten einfach unter höchstens 20 gleichgesinnten jungen Leuten schriftlich kursieren. Grogo konnte wohl manche eigenen Gedichte beisteuern, Inge schrieb lange Berichte über die gemeinsamen Skifahrten, Hans schrieb Artikel über das Turiner Grabtuch und die Armut, Otl selber schrieb einen kritischen Artikel über Napoleon und meinte eigentlich damit Hitler. (Bei uns im Stück wird dieser Artikel dem Hochland selbst zugeschrieben, da stand aber wohl kein kritischer Napoleon-Artikel.) Dieser Artikel wäre beinahe von der Polizei entdeckt worden, Inge konnte geistesgegenwärtig das Schlimmste verhindern, der Rest jener Ausgabe des Windlichts war ungefährlich. Aber es gab im Folgenden keine weiteren Ausgaben mehr.
Im Zusammenstellen des Heftes übte sich Otl im Fördern von Talenten (was auch später als Designer und Graphiker das Seine bleiben sollte.). Immer wieder bat Otl Sophie um Zeichnungen für dieses Heft. Sophie entschuldigt sich öfter, dass sie nur das kleine Nachbarskind „Dieterle“ gemalt hat und sonst nichts, aber Otl ist es wohl zufrieden. Weil Sophie auch Klavier spielte und sehr gern in Theater und Konzerte ging, gab ihr Otl auch den Auftrag, einen Aufsatz zu schreiben zum Thema: „Warum hat ein Konzertabend heute einen Geschmack an sich?“ Sie meint zunächst, so direkt auf die Frage könne sie nichts Richtiges sagen. Dann wird es doch ein zwei Buchseiten Aufsatz. Sie zitiert den ihr so wichtigen Satz der Nouveau Catholique (Mauritan), dass man einen harten Geist und ein weiches Herz haben müsse. Dann fährt sie fort:
Musik aber macht das Herz weich; sie ordnet seine Verworrenheit, löst seine Verkrampftheit und schafft so eine Voraussetzung für das Wirken des Geistes in der Seele, der vorher an ihren hart verschlossenen Pforten vergeblich hart geklopft hat. Ja, ganz still und ohne Gewalt macht die Musik die Türen der Seele auf. Nun sind sie offen! Nun ist sie bereit, aufzunehmen. Dieses ist die letzte Wirkung, die Musik auf mich ausübt, die sie mir notwendig macht in diesem Leben. Und so wenig ich mich wasche um des Wassers willen, das ich dazu benötige, so wenig höre ich Musik um der Musik willen. (Sophie Scholl an Otl Aicher, Januar 1942)
Flugblätter schicken: Eine Fehleinschätzung?
7. November 2006
Es wurde auch nach dem Krieg viel Kritik am Vorgehen der Widerständler in der Weißen Rose geübt. Das geht soweit, dass man auch in christlichen Blättern, die darauf hinwies, dass ihr Widerstand nicht ethisch einwandfrei war. Wenn man eine solche Bemerkung macht und daneben verschweigt, dass auch das Verhalten der meisten deutschen Bischöfe nicht gerade ethisch einwandfrei war, ist das nicht fair. (Immerhin ist schon recht hoch einzuschätzen, dass solche Artikel das allgemeine Schweigen über Krieg und Nationalsozialismus brachen.)
Andererseits wird da immer wieder auf ein Dilemma hingewiesen. Als die niederländischen Bischöfe gegen die Abtransporte der Juden einschritten, wurden als Antwort selbst die Juden, die irgendwie von Christen versteckt werden konnten (wie Edith Stein, die damals in einem niederländischen Kloster war) in die KZs gebracht – und faktisch vielleicht niemand geholfen.
Eine, die es wissen muss, ist Sophies Freundin Susanne Hirzel. Sie war zum Teil bei den Aktionen dabei war und erzählt von einem Gespräch mit Sophie und Hans Scholl im Dezember 1942, zwei Monate vor Festnahme und Todesurteil. Sie bringt ihre Meinung mit folgenden Worten zum Ausdruck:
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kriegsmaschinerie durch zivile Kräfte aufzuhalten wäre.“
Leseabende, Lektüre, Zitate
23. Oktober 2006
Ein Web-Zeitungartikel der Deutschen Tagespost bringt viele wichtige Zitate der Scholl Geschwister. Das ist dir, Domi, vielleicht eine Hilfe, wenn du für irgendwelche Werbeveröffentlichungen noch etwas brauchst.
1940 schreibt Sophie ihrem an der Front stehenden Freund Fritz Hartnagel: „Wie könnte man da von einem Schicksal erwarten, dass es einer gerechten Sache den Sieg gebe, da sich kaum einer findet, der sich ungeteilt einer gerechten Sache opfert.(…) Ob es wohl auch heute noch Menschen gibt, die nicht müde werden, ihr ganzes Denken und Wollen auf eines ungeteilt zu richten?“
Schwäbische Jugend
17. Oktober 2006
Zum morgigen Geburtstag unseres Hans Scholl Schauspielers und gewählten Mitglieds der KJT-Leitung fand ich was im Netz. Äußerlich hatten die beiden später zum Tode verurteilten Geschwister Scholl schon während ihrer Zeit in den nationalsozialistischen Jugendverbänden je etwas Auffallendes, so dass sich manche Ulmer Einwohner noch heute daran erinnern. Ich zitiere den Online-Auftritt der Stadt Ulm:
Sophie und Suse
17. Oktober 2006
Verrücktes Foto, erinnert mich an die spiegelhafte Gegenüberstellung der beiden Freundinnen bei uns im Stück. Die beiden Mädels Sophie Scholl und Susanne Hirzel (beide Jahrgang 1921, wie alt auf dem Bild? Was denkt ihr? 17 Jahre?) am Rande ihrer Gruppe, beide in Profilen, wie niemand in der Gruppe sonst – und wenigstens von ihrer Position her gespiegelt.
Susanne Hirzel war die einzige Mit-Widerständlerin von Sophies ehemaligen BDM-Bekanntschaften. (Aus der BDM-Zeit ist es auch nur eine, die in nächster Nähe der weißen Rose aktiv war: Gisela Schertling) Eigentlich wollte Susanne Hirzel 1943 nichts Aktives gegen das Regime tun, sondern nur ihre Stuttgarter Wohnung (wo sie Musik studierte) zur Verfügung stellen. Ihre politische Haltung war eindeutig, aber das Risiko schien ihr zu groß und die Erfolgsaussichten zu gering. (Jungen, die sowieso an die Front geschickt wurden, hatten deshalb aus ihrer Hinsicht bessere Gründe ihr Leben im Widerstand zu riskieren. Denn das erhöhte Sterberisiko gab es ja auch an der Front aus gegenteiligem Zweck.) Tatsächlich hat sie aber zusammen mit ihrem Bruder in Stuttgart das fünfte Flugblatt in Briefkästen verteilt. Sie wurde 1943 gefangen genommen, doch wurde sie nicht zum Tode, sondern nur zu Gefängnishaft verurteilt. Sie kam nach einem halben Jahr frei.
Das Außenstehen der Widerständler – wie es auf dem Foto sichtbar ist – wiederholt sich nach dem Krieg. Im ZDF erzählt Susanne Hirzel:
„Nach dem Krieg waren wir ja gar nicht angesehen, das konnte man gar nicht erzählen. Da war die weiße Rose nicht geschätzt. Viele Leute, die haben gesagt, Ihr seid doch der Front in den Rücken gefallen, wie kann man denn das, man muss doch zusammen halten, man darf nicht aus der Reihe tanzen, man muss mit machen. Was da kommt, muss man doch mitmachen.“
Ich habe in der eigenen Verwandtschaft Ähnliches erzählt bekommen. Man hat auch lange Jahre überhaupt nicht von der jüngsten Vergangenheit gesprochen, in der Schule hat man die Nazi-Zeit nicht durchgenommen.
Wenn diese Zeit heute manchmal in der Mitte der Aufmerksamkeit ist, vielleicht ist das schon wieder eine Ausflucht vor irgendetwas, vielleicht heutigen dringenden Problemen: Völkermord in Darfur und die UNO kuckt zu, Bulldozern über den Vorstadtsiedlungen in Simbabwe, tote Journalisten in Russland … und wohl noch ganz anderes.
Fehleinschätzungen: Ziegler vs. Zankel
16. Oktober 2006
Armin Ziegler und Söhnke Zankel fetzen sich über ihre Einschätzungen der Protagonisten des Widerstandskreises. Ich zitiere ein Beispiel, die Debatte über die Biographie der Sophie Scholl.
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Feiges Denken „macht dich nicht frei“
12. Oktober 2006
„Allen“ war eines der letzten Wörter, das Hans Scholl schrieb. Er kritzelte es auf irgendein Papier, das Sophie zugeschmuggelt wurde. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie damit auf ein Goethe Gedicht ohne Titel hinweist, das die folgenden zwei Zeilen enthält: „Allen Gewalten/ zum Trutz sich erhalten“, die wir im Stück auch singen. Das vollständige Gedicht lautet so:
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