Logik der Träume

8. September 2009

Wer denkt logisch im Traum? Und doch ist diese Logik Inspirationsquelle, für Israels Sohn Josef im fernen Ägypten, für den blinden Homer. Ein paar bemerkenswerte Traumbeobachtungen stehen bei Sten Nadolny „Das Erzählen und die guten Absichten“ (Münchner Poetik-Vorlesungen von 1990). Eine davon, wie er sie anhand eines Beispieltraumes erzählt:

„Ich träumte kürzlich etwas Merkwürdiges. Rast machend auf einer Bergwanderung saß ich am Wege und nahm einen Imbiß zu mir. Da kam Hitler, einen schweren Wagen schiebend, vorbei, hielt bei mir an und sagt: ‘Mich hungert, gib mir zu essen.’ Read the rest of this entry »

Habe profitiert vom Artikel des Historikers Michael Kißener „Widerstand ohne Glauben?“. Im ersten Teil erwähnt er dass die Geschichtswissenschaft und die öffentliche Meinung richtigerweise davon abgekommen sind, die katholische Kirche und den bekennenden Teil der evangelischen Kirche als Hort des Widerstands zu sehen. In den 90er Jahre verwies man noch auf „die grundsätzlich apolitische Haltung von Kirchenvolk wie Kirchenführung“ (115) Read the rest of this entry »

Der Archetyp von Sophie Scholls Traum in der letzten Nacht (siehe letzter Eintrag). Es ist eine Zeit großer Not :

Da erschien ein großes Zeichen am Himmel: Ich sah eine Frau, die mit der Sonne bekleidet war; sie hatte den Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Kopf trug sie eine Krone aus zwölf Sternen. Und sie war schwanger und schrie in ihren Wehen, denn die Schmerzen unmittelbar vor der Geburt hatten sie erfaßt. (Offenbarung des Johannes, Kap. 6)

Sophie ist nicht wörtlich schwanger, aber sie hat etwas mit sich, das weiterleben soll. Etwas eigenes und etwas nicht Eigenes. Read the rest of this entry »

Zu Ehren dem ersten Baby der Theatertruppe von 2006/7, Hannah – ein großes-kleines Zeichen, dass es Zukunft gibt – Sophie Scholls Traum in der letzten Nacht vor ihrem Prozess und der überraschend schnellen Hinrichtung am selben Tag, erzählt von ihrer Zellengenossin Else Gebel.

Du bist sofort munter und erzählst mir, noch im Bett sitzend, deinen Traum: „Ich trug an einem sonnigen Tag ein Kind in langem weißen Kleid zur Taufe. Der Weg zur Kirche führte einen steilen Berg hinauf. Aber fest und sicher trug ich das Kind in meinem Arme. Da plötzlich war vor mir eine Gletscherspalte. Ich hatte gerade noch so viel Zeit, das Kind sicher auf die andere Seite niederzulegen – dann stürzte ich in die Tiefe.“

Du legtest dir den Traum so aus: „Das Kind im weißen Kleid ist unsere Idee, sie wird sich trotz allen Hindernissen durchsetzen. Wir durften Wegbereiter sein, müssen aber vorher sterben, für sie.“ Read the rest of this entry »

65. Todestag

21. Februar 2008

Zum Andenken an die ersten drei Toten der Weißen Rose, gemordet am 22.2.1943:

Jakob Knab zu Sophie (in einer Rezension zum Jugendbuch von Werner Milstein), sie und alle anderen waren nicht so, wie man sie gern hätte:

Sophie Scholl in weich gezeichneten Umrissen,

[...] Milstein schreibt: „In der Ulmer Pauluskirche, früher Garnisonskirche, wurde sie konfirmiert.“ Warum schreibt er nicht: Den unbedingten Drang, nonkonformistisch, kernig und provozierend, aufzutreten, zeigte Sophie Scholl auch bei ihrer Konfirmation am Palmsonntag 1937, als sie als einziges Mädchen ihres Jahrgangs in der braunen BDM-Kluft nach vorne zum Altar der Ulmer Pauluskirche schritt. Read the rest of this entry »

Typisch für Weiße Rose Filme und Theaterstücke ist die Willkommens- und 21.Geburtstagsparty für Sophie Scholl, als sie im Mai 1942 in München ein Studium beginnt. Interessant, auf einem neuen Hörbuch zu hören, dass das heißersehnte Studium für Sophie wohl mindestens in der ersten Zeit eine herbe Enttäuschung war. Dass sie gerade mal in die Vorlesungen ging, aber nicht viel für die Uni unternahm. Von der Studentin ist nicht überliefert, dass sie eine biologische Tätigkeit faszinierte – so wie sie als Schülerin einmal das Sezieren eines Fisches im Tagebuch schildert. Erst im zweiten Semester, gleichzeitig mit wildesten Plänen für Flugblattaktionen, klingt es durch ihre Briefe durch, dass sie ein philosophisches Uni-Buch fasziniert: Leibnizens Theodizée. Read the rest of this entry »

Noch einmal ein Eintrag zu Simone Weil, neben Sophie Scholl und Kurt Huber die einzige Philosophin im Widerstand gegen Hitler, die ich kenne. Simone Weil spricht davon, dass das Leben des Menschen ein Leben in der Höhle ist. Ein Leben im Dunkeln, Begrenzten. Als späte Schülerin Platons meint sie mit der Höhle die recht beschränkte Erkenntnis des Menschen: Man erlebt das Leben wie einen Film, fasziniert von dem, was da vorne läuft, hat man längst vergessen, dass es nicht die Wirklichkeit ist, dass man ja eigentlich einen Bewegungsspielraum hätte, dass man auf der Leinwand nur Abbilder von Abbildern sieht. Read the rest of this entry »

Mit dem Leben spielen

29. März 2007

Mit dem Leben spielen – das tut nicht nur der, der Russisch Roulette spielt, der Soldat und der Widerständler gegen eine Diktatur. Es tun auch Theaterspieler und überhaupt Leute, die mit der Freude eines Spiels an alles herangehen, was sie tun. Zum Beispiel die genauen Beobachterinnen der Natur. War sehr happy, als ich zwei Jahre nach der Lektüre von „Der freie Fall der Spottdrossel“ einen Vogel sah, der irgendwo bei mir den Wohnblock herunterfiel und erst kurz vor dem Boden die Flügel aufspannte, um dann sanft zu landen. Vielleicht (nur) eine beinahe mißglückte Flugübung eines Jungvogels, der gerade aus dem Nest geworfen wird. Annie Dillard, die Autorin des Buches, damals noch keine 30 Jahre, hat in ihrer TBC-Rekonvaleszenz ein Jahr zum Spielen geschenkt bekommen, sie spielt Beobachterin der Natur. (Es scheint, dass diese Krankheit auch mit ihrem Leben gespielt hat.) Zitiere einen Text zum Abgrund des Spielens (aus „Der freie Fall der Spottdrossel“, S. 290), der Text erinnert mich an Sophie Scholls Tagebücher: Read the rest of this entry »

Ein Aspekt, den ich zum Theaterstück beiseite gelassen habe. So gut wie alle Weißen Rose Mitglieder, die am Ende hingerichtet wurden, waren Raucher (bei Willi Graf und Professor Huber bin ich nicht so sicher). Auch Sophie – in einer Zeit, in der es noch verhältnismäßig ungewöhnlich war, dass Frauen rauchten. (Der Kinofilm würdigt ja die Abschiedszigarette vor der Hinrichtung am 22. Februar (der Blog hat den Todestag verschlafen, tja.)) Read the rest of this entry »

Sophie selbstkritisch

18. Januar 2007

Las gerade mal wieder Armin Zieglers Charakterisierung der Sophie Scholl. Er zitiert, dass Susanne Hirzel 1946 über Sophie schrieb:

[...] Es waren nicht viele Menschen, die ihr wirklich nahe standen. Bei allen galt sie als Ausnahme. Niemand konnte sie hassen oder ihr Vorwürfe machen, und doch war sie nie ‚populär‘. Sie galt als eingebildet, überheblich, stolz. Ich glaube aber, dass hier nur der Neid und die Sehnsucht der anderen Menschen spricht, die spüren, dass sie in einem fernen Weltraum lebt und viel viel Kraft in sich hatte. [...] Sie half in der Selbstverständlichkeit, wo man sie bat. Aber die große Aktivität, das zupackende Interesse für die Menschen hatte sie nicht;[...]

Ich betone mit der Auswahl dieses Zitats die Dinge, die man nicht unbedingt hinschreiben müsste, wenn sie nicht stimmten: Einzelgängerin, wirkt überheblich, lebt in ihrer eigenen Welt, nicht groß im Zupacken. Daneben positiv eine große innere Kraft. Soweit die Außenbeobachtung. Jetzt ein Zitat aus einem Brief vom 22.5.1940 an Fritz Hartnagel, wie Sophie solche Dinge von innen sieht:

Wie könnte man da von einem Schicksal erwarten, dass es einer gerechten Sache den Sieg gebe, da sich kaum einer findet, der sich ungeteilt einer gerechten Sache opfert.

Ich muss hier an eine Geschichte des Alten Testaments denken, wo Mose [den ganzen Tag] zu jeder Stunde seine Arme zum Gebet erhob um von Gott den Sieg zu erbitten. Und sobald er einmal seine Arme senkte, wandte sich die Gunst von seinem kämpfenden Volke ab. Ob es wohl auch heute noch Menschen gibt, die nicht müde werden, ihr ganzes Denken und Wollen auf eines ungeteilt zu richten?

[...] Ich kenne kaum eine Stunde, in der nicht einer meiner Gedanken abschweift. Und nur in einem einzigen Bruchteil meiner Handlungen tue ich, was ich für richtig halte. Oft graut mir vor diesen Handlungen, die über mir zusammenwachsen wie dunkle Berge, so dass ich mir nichts anderes wünsche als Nichtsein, oder als nur eine Ackerkrume zu sein, oder ein Stücklein einer Baumrinde. Aber schon dieser oft überwältigende Wunsch ist wieder schlecht, denn er entspringt ja nur der Müdigkeit. […] Ich bitte dich nur, halte mich nicht für gut, da ich schlecht bin. […] Ich erkenne, wie ich bin, und bin zu müde, zu faul, zu schlecht, dies zu ändern.

Es spricht für einen Menschen, dass die Außenbetrachtung der weniger hervorzuhebenden Seiten mit der Innenbetrachtung so halbwegs übereinstimmen.

  • Ihre Trägheit im äußerlichen Tun,
  • ihr einzelgängerischer Anspruch, dass die Gedanken nicht abschweifen dürfen.
  • Wer lebt schon in der Welt von Moses und nimmt ihn sich eindeutig zum Vorbild?
  • (Suse und Sophie stimmen überein, dass Sophie nicht überheblich sein will.)

Die große Kraft, von der Susanne Hirzel schreibt, ist wohl nicht ganz gelogen. Recht vielen Leuten, die ich treffe, traue ich zu, dass sie „viel viel Kraft in sich“ haben.

Ich wehre mich dagegen, solche kritischen Selbstbespiegelungen wie oben, die in Sophies späteren Tagebuch-Meditiationstexten Gott gegenüber noch extremer werden, als skrupulant zu klassifizieren.