Politiker und Sprachpoesie
5. März 2012
Ich wollte schon längst wissen, was passiert, wenn man eine eher poetische Sprache alltäglich verwendet. Bisher wusste ich vielleicht soviel: es wird blumig, abgehoben und ein wenig wie eine eigene Welt. Das kann manchmal liebenswürdig, klug und weitsichtig herauskommen, muss es aber nicht. Wo ist die Grenze, ab der man Poesie wenn irgendmöglich meiden sollte? Ich lerne dazu bei Gernold Wolfram, der in der TAZ über den designierten Bundespräsidenten Joachim Gauk schreibt. Ihm könnte seine poetische Rhetorik zur Falle werden:
Immer ist seine Sprache dabei klangreich, assoziativ, poetisch, aber nicht aus dem Geiste der Literatur, sondern aus dem des taktisch Politischen. („Man kann ganz gute Dinge auch machen, wenn man nicht von Engeln umgeben ist, sondern von Menschen.“) Im Raum der Literatur wird das Poetische vom Text beschützt. Im Reich der Politik ist die Poesie seit jeher der zärtliche Weihrauch der Demagogen. Den Rest des Beitrags lesen »
Noch ein paar Links zur Weißen Rose
25. Februar 2012
Sehr positive Rezension von Barbara Beuys: “Sophie Scholl”, Hanser-Verlag, München 2010
- Soziogramm der Familie Scholl und ihrer Freunde – von Andreas Malessa (muss das Buch mal lesen)
- Dazu auch “Die Gedanken sind frei” – Sophie Scholl und der Kirchenvater Augustinus
Verfasst von PD Dr. Friedemann Drews
Viele schöne Einführungsartikel auf
Weise Rose, Arbeitskreis Crailsheim (Crailsheim ist Geburtsort von Hans Scholl und Eugen Grimminger)
Kriegslogik
27. August 2009
Es naht der 70. Jahrestag des Begins des zweiten Weltkrieges. Las bei Andrea Böhm einen Artikel über “Die unaussprechliche Tat: Vergewaltigung von Männern”, zum Bosnien-Krieg und zum Ostkongo:
Vergewaltigung ist das einzige Verbrechen, bei dem die Scham der Tat am Opfer, nicht am Täter hängen bleibt. Gerade deshalb funktioniert sexuelle Gewalt so gut als Waffe im Krieg. Den Rest des Beitrags lesen »
Die Menschen als Schweine
16. Dezember 2008

Otl Aichers Erfahrung bei der Wehrmacht. Mit einem kleinen Kommentar ärgert er einen Vorgesetzten – er muss nicht lange warten, bis er alleine strafexerzieren muss, eine Quälerei und sicherlich war er danach dreckig “wie die Sau”. Noch schlimmer für den jungen Intellektuellen: Sprache und Welt der Kammeraden beim Kommis, “schweinisch” sagt man. Den Rest des Beitrags lesen »
Wären die Scholls zum G8 Gipfel gegangen?
25. Mai 2007
Inge Scholl, Fritz Hartnagel und Otl Aicher engagierten sich nach dem Krieg sehr in der Friedensbewegung: gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, gegen die Stationierung von Atomwaffensprengköpfen, dass heute immer noch Ostermärsche stattfinden ist ein Überbleibsel dieser Bewegung.
Großes Aufbegehren des Volkes in internationalen Dingen gab es zuletzt beim Begin des Irakkrieges, und nun wieder, wenn die Großen Acht (G8, die aber tatsächlich nicht mehr die größten 8 Volkswirtschaften der Welt sind) sich im Ostseebad Heiligendamm nahe Rostock treffen. Worum geht es den Globalisierungskritikern, die dort auftreten? Als allgemeine Antwort auf diese Frage verweise ich auf zwei Blogs, einen mehr inhaltlichen und einen mehr praktischen mit Grönemayer auf der Frontpage.
Mich interessiert der Skandal der Armut. Den Rest des Beitrags lesen »
Bildung und das Seine entdecken
2. März 2007
Es mag stimmen, dass das Alphabet und das einfache Rechnen, Lesen und Schreiben mehr Leute vor der Armut bewahrt und aus der Armut geholt hat wie manches andere. Diese Bildung bewahrt einen aber nicht davor, Nazi zu werden. – Andererseits: diese Bildung war einer der Hauptgründe, warum Deutschland nach der Nazi-Diktatur wieder verhältnismäßig schnell zu Wohlstand kam.
Was spricht dagegen, Bildung zum Hauptgegenstand der Misereor-Kampagne 2007 zu machen? Den Rest des Beitrags lesen »
Michelangelo Buonarotti
23. Januar 2007
“Er will Bildhauer werden” erzählt Carl Muth von Otl Aicher. Für Alexander Schmorell, der ebenso Bildhauer-Berufswünsche hegte, war der Zeitgenosse Rodin das Vorbild. Kenne mich in dieser Kunst wenig aus, aber ist nicht der große Bildhauer Michelangelo Buonarotti (1475 – 1564), seine Moses-Statue, seinen David, seine Pieta. (Mich faszinierte der Wagenlenker, als ich ihn in Delphi sah, den Namen seines Meisters, Sotades, kennt kaum jemand.) Und da Otl Aicher gern mit großen Geistern zu verkehrte, war er schon der Typ, der, wenn er schon Bildhauer werden wollte, dann auch ein neuer Michelangelo werden will. Den Rest des Beitrags lesen »
warum kleinschrift?
19. Januar 2007
Muss da einen Text aus den “innenseiten des krieges” (Otl Aicher, S. 66) unbedingt ins Netz setzen, finde es eine Schande, dass er nicht längst schon irgendwo im Netz steht. Otl Aicher ist für den Krieg eingezogen, hat kurzfristig frei, trifft sich mit Sophie Scholl und die beiden debattieren.
kennst du den kleinen gott, frage ich? den gott, der nicht die geschichte lenkt, der nicht zu gericht sitzt, der nicht seinen fuß auf seine feinde setzt? es gibt ihn. er kümmert sich nicht um die könige und mächtigen der erde, nicht um kaiser und päpste, nicht um die siege der nationen, sondern um arme, hungrige, verlassene, einsame und leidende, all die kleinen, die von der geschichtsschreibung auf den kompost geworfen werden. “der ganze erdball kann nicht in einer größeren not sein als die seele. und dieser gott ist bei den leidenden seelen am abrund des nichts.”
was ich durchmache, kann ich nicht einmal mitteilen, es ist so inwendig und geheim, dass nur ein gott es verstehen kann, der sich klein genug machen kann, in meinem inwendigsten platz zu finden. das ist nicht der gott der hohenpriester. du lernst ihn kennen, wenn du den evangelisten markus in einem zug durchlist.
Keine theologische Auswertung, auch wenn das recht spannend werden könnte. (Was bleibt von Gott, wenn er nicht allmächtig ist?)
Sondern Theater: Sophokles und Shakespeare schrieben über Könige und Kriegsherren seine größten Stücke, Becket und Bernhard schreiben sie über ganz gewöhnliche Leute. Was die auf der Bühne mitmachen ist auch schon “so inwendig und geheim, dass nur ein gott es verstehen kann, der sich klein genug machen kann, in meinem inwendigsten platz zu finden”. So etwas suchen auch wir: Wir spielen über berühmte Leute, aber Leute ohne hohe Herkunft und vor allem stellen wir das nicht dar, was sie berühmtes taten.
Otl Aicher war der kleine gott, die kleinen leute und das augustinische innere so wichtig, dass er vielleicht deshalb sein leben lang beim kleinschreiben blieb.
Der Geschmack der Musik
13. November 2006
Als das Carl Muths Zeitschrift Hochland 1941 verboten war, wollte Otl Aicher selbst eine Zeitschrift herausgeben, in der sich seine Freunde gegenseitig bestärkten. Er nannte sie Windlicht, weil sie den Freunden ein Licht in dunkler Zeit sein sollte. (Es war auch mal im Gespräch, dass unser Theaterstück und der Schlusssong “Windlicht” heißt.) Natürlich dachte Otl nicht an eine öffentliche Herausgabe, sondern die Texte sollten einfach unter höchstens 20 gleichgesinnten jungen Leuten schriftlich kursieren. Grogo konnte wohl manche eigenen Gedichte beisteuern, Inge schrieb lange Berichte über die gemeinsamen Skifahrten, Hans schrieb Artikel über das Turiner Grabtuch und die Armut, Otl selber schrieb einen kritischen Artikel über Napoleon und meinte eigentlich damit Hitler. (Bei uns im Stück wird dieser Artikel dem Hochland selbst zugeschrieben, da stand aber wohl kein kritischer Napoleon-Artikel.) Dieser Artikel wäre beinahe von der Polizei entdeckt worden, Inge konnte geistesgegenwärtig das Schlimmste verhindern, der Rest jener Ausgabe des Windlichts war ungefährlich. Aber es gab im Folgenden keine weiteren Ausgaben mehr.
Im Zusammenstellen des Heftes übte sich Otl im Fördern von Talenten (was auch später als Designer und Graphiker das Seine bleiben sollte.). Immer wieder bat Otl Sophie um Zeichnungen für dieses Heft. Sophie entschuldigt sich öfter, dass sie nur das kleine Nachbarskind “Dieterle” gemalt hat und sonst nichts, aber Otl ist es wohl zufrieden. Weil Sophie auch Klavier spielte und sehr gern in Theater und Konzerte ging, gab ihr Otl auch den Auftrag, einen Aufsatz zu schreiben zum Thema: “Warum hat ein Konzertabend heute einen Geschmack an sich?” Sie meint zunächst, so direkt auf die Frage könne sie nichts Richtiges sagen. Dann wird es doch ein zwei Buchseiten Aufsatz. Sie zitiert den ihr so wichtigen Satz der Nouveau Catholique (Mauritan), dass man einen harten Geist und ein weiches Herz haben müsse. Dann fährt sie fort:
Musik aber macht das Herz weich; sie ordnet seine Verworrenheit, löst seine Verkrampftheit und schafft so eine Voraussetzung für das Wirken des Geistes in der Seele, der vorher an ihren hart verschlossenen Pforten vergeblich hart geklopft hat. Ja, ganz still und ohne Gewalt macht die Musik die Türen der Seele auf. Nun sind sie offen! Nun ist sie bereit, aufzunehmen. Dieses ist die letzte Wirkung, die Musik auf mich ausübt, die sie mir notwendig macht in diesem Leben. Und so wenig ich mich wasche um des Wassers willen, das ich dazu benötige, so wenig höre ich Musik um der Musik willen. (Sophie Scholl an Otl Aicher, Januar 1942)
otl aicher, Familie, Autobiographie
9. November 2006

Otl Aicher ist im Bereich Grafik und Design immer noch aktuell. So wurde bei einem
Workshop »MagazinGrotesk« auf den Tagen der Typografie von Christopher
Boesner ein Entwurf für ein Magazin über Otl Aicher angefertigt.
(Informationen zu dem Workshop:http://www.typosition.de/typotage2006_doku.html)
Nicht zu unrecht kritisiert Barbara Schüler und andere die historische Glaubwürdigkeit von Otl Aichers “innenseiten des krieges” (1985), ein Lieblingsbuch von mir. Otl Aicher, der später weltberühmte Designer, damals Freund der Schollgeschwister, lässt darin beispielsweise kaum ein gutes Haar an seinen Eltern und übergeht völlig, dass er auch Geschwister hatte. Das heißt nicht, dass ihm nicht sehr viel an Schwester Hedwig (Hedl) (verheiratet) Maser, geb. 1920, lag. Die liebenswürdige Goetheumwandlung: “Der Mensch sei hilfreich, Hedl und gut”, mit der ihn seine Schwester (aus den Jahren nach dem Krieg) zitiert, zeugt davon. Ich zitiere aus einem Interview mit Hedwig Maser aus: Hochstrasser [Hg.] „Freundschaft und Begegnung. Erinnerungen an Otl Aicher“, Ulm 1997, veröffentlicht einige Jahre nach Otl Aichers Tod an den Folgen eines Autounfalls 1991:
„Er hat […] die Nähe von uns, von der Familie gar nie mehr gesucht. Er war immer woanders. Er war viel bei Scholls. Da war alles gut und recht und schön.
F: Hat er sich für seine Herkunft oder für sein Elternhaus geschämt?