Schurik an Natascha

18. Juli 2008

Am Ende wird es sehr einfach. Gleichzeitig eine neue, ganz andere Perspektive, die unsereins heute und jeden Tag finden kann. Zum 65. Jahrestag der Hinrichtung von Alexander Schmorell letzten Sonntag aus seinem Abschiedsbrief an seine russische Kinderfrau Natascha, die ihn anstatt der früh verstorbenen Mutter aufzog.

Es wird dich vielleicht wundern, wenn ich dir schreibe, dass ich innerlich von Tag zu Tag ruhiger werde, ja sogar froh und fröhlich, dass meine Stimmung meistens besser ist, als sie es früher in der Freiheit war! Woher das kommt? Read the rest of this entry »

Margret empfahl mir einen Text, da hat sich mal wieder ein Vogel ins Aquarium verlaufen und kann tatsächlich im Wasser fliegen. Keith Johnstone stellt in Impro. Improvisation und Theater (1979) eine neue Art des Theaterspielens und Probens vor.

Die normale Ausbildung zum Schauspieler ist stark auf Konkurrenz eingestellt, und von den Schülern wird erwartet, dass sie versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen. Wenn ich einer Gruppe erkläre, dass sie für die anderen Mitglieder arbeiten werden, dass jeder einzelne interessiert sein muss am Weiterkommen der übrigen, sind alle überrascht. Doch liegt es auf der Hand, dass jemand lieber in einer Gruppe arbeitet, die ihre Mitglieder voll unterstützt.

Wenn ich eine Gruppe neuer Schüler vor mir habe, setze ich mich (wahrscheinlich) als erstes auf den Fußboden. Read the rest of this entry »

Ein Aspekt, den ich zum Theaterstück beiseite gelassen habe. So gut wie alle Weißen Rose Mitglieder, die am Ende hingerichtet wurden, waren Raucher (bei Willi Graf und Professor Huber bin ich nicht so sicher). Auch Sophie – in einer Zeit, in der es noch verhältnismäßig ungewöhnlich war, dass Frauen rauchten. (Der Kinofilm würdigt ja die Abschiedszigarette vor der Hinrichtung am 22. Februar (der Blog hat den Todestag verschlafen, tja.)) Read the rest of this entry »

Stimmt die Schlussszene?

30. November 2006

Fritz Rook, flüchtiger Bekannter und Brieffreund von Lilo Ramdohr, schrieb im August 1941 an Lilo den folgenden Text, den wir wörtlich im Stück zitieren:

„[...] Gestern am späten Abend schaute ich eine weiße Rose. Man sagt, weiße Blumen seien für die Toten – aber Tod, Liebe und Jugend sind eins. (Die Toten, soweit sie wirklich in uns leben, leben ja nur verklärt als Bilder leuchtender Jugend!) Deshalb auch ist gerade die weiße Rose in ihrem Duft und ihrer zarten Reinheit Sinnbild ewiger Jugend. Mir fiel dies alles in einem Augenblick ein. Ich verschenke so gerne weiße Blumen […]. Ein weißes Rosenblatt mit einem Kuss flattert zu Dir. F.“ (Klammertexte sind im Originalbrief des Fritz Rook auch in Klammer) [Fürst-Ramdohr, Lilo: Freundschaften in der Weißen Rose, München 1995, 12-13].

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Schurik als Großinquisitor?

15. November 2006

Alexander Schmorell, von Freunden Schurik genannt, hat mit Hans Scholl zusammen die ersten Flugblätter der Weissen Rose geschickt. Er fühlte sich von seiner Herkunft her immer nach Russland hingezogen und stand jedem Kollektivismus ablehnend gegenüber. Das machte ihn quasi immun gegen das Nazisystem. Wenn so jemand als Soldat oder schon im Arbeitsdienst das nationalsozialistische Kostüm anziehen muss (siehe Foto), so radikalisiert das seine Ansichten.

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Schurik (Alexander Schmorell), der Freund von Hans und Sophie ruft „Fangt uns doch!“ als Schlusssatz unseres Theaterstückes. Er ruft es seinem Verräter, dem Stadtstreicher, zu. Wenn ich jetzt hochstapeln wollte, dann ist das eine Handlung, wie sie auch J.v.N. gegenüber seinem Verräter einnahm. Untertags hätte niemand gewagt, den, den die einfachen Leute so liebten, gefangen zu nehmen. Jesus ahnt zumindest, dass Judas seine eigenen Pläne hat. Trotzdem geht er, wie er es gewohnt war, in jener Nacht in diesen Garten Getsemani am Ölberg. Als würde er dem Judas zurufen: „Fang mich doch!“ In dieser Stunde macht Jesus ernst mit der Bergpredigt, so wie er sie verkündet hat.

Die Theaterhandlung des Schurik hat etwas von der Bergpredigt. Bevor er sein „Fangt uns doch“ ruft, bemalt Schurik den Stadtstreicher und die anderen nicht wie ein Bösewicht, sondern wie ein Künstler (im Sinne von „Sorgt euch nicht, was ihr morgen…“). Die Szene ist freilich viel verspielter, als es für gewöhnlich eine Situation in Reichweite eines Verräters nahe legt. Sie spielt in einer Phase, in der es noch nicht spitz auf Knopf steht. Unser Theaterstück erzählt überhaupt von einer Zeit (vermeindlich lange) vor dem Ernstfall.

Das Stück macht einen Vorschlag, wie man leben kann, wenn gerade kein Ernstfall ist. Die Freunde, die voll von Lebensgeist sind, rufen den anderen zu: „Fangt uns doch! Versucht es doch, uns zu nehmen, was uns so anziehend macht! Versucht es festzuhalten, schreibt ein Theaterstück darüber und bringt es auf die Bühne.

Ihr fangt es nie. Und doch ist es besser, auf Jagd zu gehen als zuhause herum zu sitzen. Vielleicht werdet ihr nebenbei angesteckt, deshalb mag es einen Sinn machen, dass ihr uns nachjagt. Die Chancen dafür sind gar nicht so gering. Aber ihr werdet es nie festhalten, und auch wir selber, die, die ihr jagt, werden es nie in der Hand haben und sagen: Schau hier, da ist das Attraktive, nimm es und mach etwas damit. Auch wir haben es nur geschenkt und nur kurze Zeit. Kurze Zeit, bis uns der Henker einen Kopf kürzer macht.

Aber das ist nicht so schlimm, die Idee lebt weiter. Es gibt dann später andere Leute, die eine Gemeinschaft leben, die so attraktiv ist, dass die anderen dieser Art zu leben nachjagen.“