Bildung und das Seine entdecken
2. März 2007
Es mag stimmen, dass das Alphabet und das einfache Rechnen, Lesen und Schreiben mehr Leute vor der Armut bewahrt und aus der Armut geholt hat wie manches andere. Diese Bildung bewahrt einen aber nicht davor, Nazi zu werden. – Andererseits: diese Bildung war einer der Hauptgründe, warum Deutschland nach der Nazi-Diktatur wieder verhältnismäßig schnell zu Wohlstand kam.
Was spricht dagegen, Bildung zum Hauptgegenstand der Misereor-Kampagne 2007 zu machen? Read the rest of this entry »
Ausstellung in Ulm
16. Februar 2007
An unserer Theaterkasse in Thannhausen haben wir den Katalog der Ausstellung „Gesichter einer Freundschaft“ angeboten. Diese Ausstellung kommt vom 28. Februar bis 23. März 2007 nach Ulm, der Stadt, in der ein Großteil unseres Stückes spielt. Es gibt viel Begleitprogramm, viel mit Schülern und Schulen, manches auch öffentlich:
- Willi Grafs Schwester kommt aus Saarbrücken (Do., 1. März)
- Inge Scholls und Otl Aichers Sohn macht eine Ulmer Stadtführung (Sa., 3. März 16 Uhr)
Von der Luft; JuKa-Info
12. Februar 2007
Wer die Juka Info (noch) nicht hat, hier Michi W.s Artikel über das Münchner Wochenende, mit viel Spaß an der Sprache geschrieben. In der Luft liegen ist vielleicht noch toller als fliegen (Menschen können das nicht, Vögel nur recht mäßig, aber Gerüche, die schaffen es, dass sie in der Luft liegen. Vielleicht aber auch…)
Es liegt was in der Luft Read the rest of this entry »
Songtexte eines Popstars
19. Januar 2007
Weil ich es so schwer fand, Songtexte zu schreiben … möchte ich ein Beispiel dafür geben, dass auch die Texte des einzigen deutschen Popstars Herbert Grönemeyer nicht immer erste Sahne werden. Die FAZ zitiert und rezensiert die neuesten Grönemeyer Single „Lied eins – Stück vom Himmel“:
In typisch ellipsenhafter Rhetorik meißelt er sein persönliches, pantheistisch-naturreligiöses Credo in Verse: „Welche Armee ist heilig / Du glaubst nicht besser als ich / Bibel ist nicht zum einigeln, / die Erde ist unsere Pflicht / Sie ist freundlich, freundlich – / wir leider nicht.“
Das ist Herbert Grönemeyer, wie wir ihn kennen, mit jenem auratischen Sound, der Gedanken und Emotionen mit seiner abgehackten, kompressorartigen Stimme zu etwas Drittem, etwas Höherem zusammenschmilzt, in der Regel zu einer eingängigen Synthese von brunnentiefen Einsichten und barem Unsinn. Man könnte sagen, das sei für Poptexte normal und auch nebensächlich (zumal es auf Englisch meistens nicht auffällt).Der Primat des Textes
Aber Grönemeyer selbst legt ja, Zwecklyrik hin oder her, auf seine Texte großes Gewicht; und gerade die sehr konventionelle Balladenform des Lieds lenkt zusätzlich alle Aufmerksamkeit auf die Botschaft. Die läuft, soweit man sie extrahieren kann, auf eine Brechts „Gegen Verführung“ vergleichbare Religionskritik und Diesseitsfeier hinaus. Allerdings kommt sie nicht materialistisch daher, sondern wird befeuert von einer kryptischen Ökoesoterik, die der Natur ihre durchaus üblichen Unfreundlichkeiten wie Erdbeben, Tsunamis oder auch, gut bi-blisch, Heuschreckenschwärme leichtfertig nachsieht.
„brunnentiefe Einsichten und barer Unsinn“, das find ich recht nett gesagt. Wir behandeln ja auch viele Themen in unseren Liedern, aber vielleicht doch nicht so viel und so kryptisch wie Grönemeyer.
Wo gibt es sonst noch einen solchen Plot?
19. Januar 2007
Man stelle sich vor. Ein Theaterstück oder Film über Buddha. 85 Minuten das Leben im Königshof, ohne dass er das Leid sieht. Am Ende sagt er: Ich muss hinaus, ich muss mir die Welt außerhalb des Königshofes anschauen. Dann ist Schuss.
Oder den Roman über Robin Hood, der lange beschreibt, was dem Jungen alles wiederfuhr und aufhört, als sich mit einigen wenigen in den Wald zurückzieht und merkt, dass er etwas gegen die Unterdrückung im Land tun muss.
Fortsetzungsserien leben manchmal von so etwas, aber ein Theaterstück kann so nicht aufhören – sollte man meinen. Aber wir wollten doch ein neues Theaterstück schreiben. Und da nun einmal das Ende der Weißen Rose und ihre konspirative Tätigkeit schon genug verfilmt und auf Bühnen gespielt war, gab es da die Idee, wir beschreiben die Vorgeschichte. Hypothese dabei: vielleicht fiel die eigentliche Entscheidung schon viel früher, bevor Alex Schmorell und Hans Scholl die abgeschriebenen Predigten von Galens in die Hände fielen. Dies erzählt anhand von Hans und Sophie Scholl, weil sie Schwaben sind wie wir und weil ihre publizierten Aufzeichnungen gut verfügbar sind und etwas hergeben. (Etwas ähnliches von Alexander Schmorell oder Christoph Probst kenne ich nicht, wahrscheinlich ist zu letzterem jüngst etwas erschienen.)
Wer kennt sonst Filme oder Theaterstücke, die da aufhören, wo man normalerweise denkt, jetzt sollten sie anfangen?
Durchgefallen
12. Januar 2007
Von so etwas wie Durchfallen oder Nachsitzen bleibt auch der Blogschreiber nicht verschont. Er ist aber in guter Gesellschaft
- Inge Scholl in der Schule, sie brach nach der 10. Klasse ab
- Hans Scholl saß zu Weihnachten 1937 im Gefängnis (in der falschen Jugendbewegung gewesen)
- Otl Aicher, als er doch zur Wehrmacht muss (obwohl er dem durch Selbstverstümmelung entgehen wollte)
- Sophie Scholl, trotz Kindergärtnerinnenausbildung muss sie zum Reichsarbeitsdienst
- Carl Muth, als ihm die Zeitschrift verboten wird
- Sophie Scholl bei Alex Schmorell (soweit ich das wenigstens beurteilen kann)
- Robert Scholl, bei der Bürgermeisterwahl mit kleinen Kindern, als er plötzlich ohne Beruf dastand, und dann nach dem Krieg, als er sich in Ulm von den Bürgen hätte bestätigen lassen wollen
- Robert und Magdalena, als sie ihre Kinder kurz vor der Vollstreckung des Todesurteils noch mal sehen dürfen. (ähnlich ergeht es Inge, Werner und Elisabeth Scholl)
- Werner Scholl, wahrscheinlich beim Desertieren von der Truppe durchgefallen, er kam jedenfalls nicht lebend aus dem Krieg zurück
Der Höhepunkt an Versagthaben ist, wenn Jeanne d’Arc kurz vor ihrer Hinrichtung jemand erscheint, der ihr nachweist, dass alles was sie im Namen Gottes zu tun meinte, nur Einbildung und nichts war. Und dass auch alles andere nichts wert war. In allem diesem Durchfallen, so sagt man doch gerne, steckt irgendwie „der Teufel“, oder nicht?
Entdeckte eine theologische Filmkritik von Martin Löwenstein, die ich dann weiter unten zitiere. Jeanne d’Arc erscheint im Film „Johanna von Orleans“ (Luc Besson, 1999) kurz vor ihrer Verbrennung eine Gestalt (Dustin Hoffmann), die in den Beschreibungen als ihr Gewissen beschrieben wird. Löwenstein nennt sie „den Religionspädagogen“, der behauptet, sie habe sich ihre Berufung nur eingebildet u.a.. Löwenstein bedauert, dass diese Erscheinung, so recht sie auch haben mag, nicht als Teufel entlarvt wird:
„Der Teufel in Gestalt des Religionspsychologen, der Versucher als Lichtengel, der mit lauter guten und richtigen Argumenten die Seele an sich zieht, bis vor lauter geschwätziger Weisheit das Zentrum vergessen ist: Gott. Denn natürlich hat „das Gewissen“ recht, wenn es all die „Zeichen“, die Johanna für ihre Berufung gesehen hat, auf „natürliche“ Ursachen zurückführt. Diabolisch und perfide, wie es dem Gewissen gelingt, wiederum ganz korrekt, daran die Schuldverstrickung der Johanna zu knüpfen. Aber der Schluss, den „das Gewissen“ daraus zieht, der Trugschluss, dass Gott uns in dieser Gewalt und dieser Schuld allein gelassen hat und die Freiheit des Menschen in der Aufklärung über seine psychischen Tiefenstruktur bestünde, entlarvt dieses „Gewissen“ für mich als Versucher. „Weg mit dir, Satan!“ wäre die einzige angemessene Reaktion auf diese Versuchung. Denn die Freiheit besteht darin, mich ganz, mit meiner Schuld, aber ohne an Gottes Gegenwart in meiner Lebensgeschichte zu zweifeln, seinem Willen zu überlassen. Wenn Johanna mit dem Blick auf das Kreuz stirbt, wird genau dieser Faden wieder aufgenommen. Wie schade, dass die Entlarvung des „Gewissens“ fehlt. Dustin Hoffmann wäre ein guter Versucher gewesen.“
Was ist der Mensch?
4. Januar 2007
Zum Anfang des neuen Jahres hier etwas über die Geschichte vom Anfang, oder eben von Adam und Eva (oder von Ödipus, siehe erstes Bild):
Warum verwandeln sich die Menschen unter dem grünen Tuch in Adam und Eva, das ist doch eine ganz andere Geschichte? – Ja meint ihr denn, die Bibel erzählt von Adam und Eva, weil die vor 5.000 oder 50.000 Jahren gelebt haben? Das tut sie nicht, sondern die biblische Erzählung ist ein Mythos wie die Geschichte von Ödipus, der Gilgameschepos und die Geschichten von der Entstehung der Welt in fast allen Kulturen. Ein Mythos ist keine historische Erzählung, sondern eine erfundene Geschichte, die Antwort auf eine Frage gibt, die sich in der Zeit ihrer Leser stellt und die heute beantwortet werden muss. Die Geschichte von Adam und Eva ist eine erzählerische Antwort auf mindestens zwei Fragen: (i) Was ist die Grundsituation des Menschen? Und (2) Was ist das Böse?
Ich sage selten Vaterland
16. Dezember 2006
„Meister, ich weiß was: Deutschland.“
„Tölpel, was hast du gesagt? – Deutschland?“
In diesen Sätzen (wer unser Stück kennt, weiß den Zusammenhang dort) in diesen kurzen Sätzen steckt der zurückgenommene Patriotismus der Deutschen. Auch ich bin so aufgewachsen. Es ist nett, Fußballfan der Nationalmannschaft zu sein. (Ich war es als Kind und Jugendlicher viel mehr als jetzt, wo es heißt, es sei mit der Weltmeisterschaft ein großes Nationalgefühl entstanden.) Aber wir Deutschen übertreiben das nicht. Wir rüsten nicht so sehr, dass wir mit Frankreich oder England, Ländern von derselben Größe, konkurrieren könnten. (Das Gerangel um den ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat war mir peinlich, ich bin für einen Sitz der EU.) Eher als mit militärischer Macht zu prahlen lassen wir uns ein bisschen durch die USA beschützen. Bei anderen Nationen wollen wir durch unsere Leistungen überzeugen, nicht weil wir Deutsche sind und Deutsche was Besonderes sind. Wir hatten immer Bundeskanzler mit einem großen Herzen für Europa.
Es gab Zeiten, in denen Patriotismus in Deutschland selbstverständlicher und eindeutiger war. Read the rest of this entry »
Kammerspiele München und Dekalog
6. Dezember 2006
In München geh ich recht gerne in die städtischen Kammerspiele. Fourore machte dort das Theaterstück „Die zehn Gebote“, das inzwischen schon im dritten oder vierten Jahr auf dem Spielplan ist und manche Preise gewonnen hat. Die Szene in unserem Stück Carl Muth die Belagerung des Söflinger Pfarrhauses inszeniert, hat sich von dort her inspirieren lassen (wenn wir es auch natürlich nicht auf Kammerspielniveau gebracht haben). Was ich zu kopieren suchte, nennt eine Rezensentin des Münchner Merkurs „episches Theater“.
Entdeckte heute, dass dieses Stück am 8. Januar wieder einmal gegeben werden wird. Genauer gesagt sind es 10 sehr intensive Theaterstücke, die hintereinander aufgeführt werden (manche von den Stücken hängen locker zusammen). Read the rest of this entry »
Erlebnisse einer weißen Rose
27. November 2006
„Ich verschenke so gerne weiße Rosen.“ Fritz Rook, Soldat, d.h. in Lebensgefahr, ohne eine Liebste zuhaus, schrieb dies. Ein bischen tut das unser Stück auch, für die, denen es gefallen hat: Rosen verschenken, ohne dass deshalb schon alles klar wäre …
Zu welchen verschiedenen Zwecken und Anlässen kam eine weiße Rose in unserem Stück vor? Wer findet mehr als meine 11?
Die weiße Rose spielt also eine Rolle … Read the rest of this entry »
