Lyrik, Songtexte, Kunst, Seiltanzen
31. Januar 2007
Im Gedicht des Tages des DLF war gestern ein Spiegelgedicht, identisch waren die erste und die achte Zeile, die zweite und die siebte, die dritte und die sechste und die vierte mit der fünften. Interpretiert wird dieses Klagbund Gedicht wie folgt:
Der Dichter exponiert sich in seinem Liebespoem nicht mit origineller Metaphorik, sondern collagiert Versatzstücke aus den Trivialmythen der Schlagerwelt. Aber er erfüllt damit jenes Kriterium für lyrische Modernität, das ein weiterer Klabund-Bewunderer, der Dichter Gottfried Benn (1886-1956) verfügt hatte: Moderne Gedichte, so Benn, seien zuvorderst „Schlager von Klasse“.
Als Beispiel eines guten Textes hab ein Michael Ende Lied im Kopf (das Willfried Hiller vertont hat). Es findet sich (mit ein paar kleinen Fehlern) hier. Ich zitiere „Die Ballade vom Seiltänzer“ aus dem „Trödelmarkt der Träume“ vollständig:
Es war ein Tänzer auf dem Seil
mit Namen Felix Fliegenbeil,
der Größte aller Zeiten,
das kann man nicht bestreiten.
Ihm lag nicht viel an Gut und Geld,
nichts an der Menge Gunst,
ihm ging´s nicht um den Ruhm der Welt,
ihm ging es um die Kunst.
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Songtexte eines Popstars
19. Januar 2007
Weil ich es so schwer fand, Songtexte zu schreiben … möchte ich ein Beispiel dafür geben, dass auch die Texte des einzigen deutschen Popstars Herbert Grönemeyer nicht immer erste Sahne werden. Die FAZ zitiert und rezensiert die neuesten Grönemeyer Single „Lied eins – Stück vom Himmel“:
In typisch ellipsenhafter Rhetorik meißelt er sein persönliches, pantheistisch-naturreligiöses Credo in Verse: „Welche Armee ist heilig / Du glaubst nicht besser als ich / Bibel ist nicht zum einigeln, / die Erde ist unsere Pflicht / Sie ist freundlich, freundlich – / wir leider nicht.“
Das ist Herbert Grönemeyer, wie wir ihn kennen, mit jenem auratischen Sound, der Gedanken und Emotionen mit seiner abgehackten, kompressorartigen Stimme zu etwas Drittem, etwas Höherem zusammenschmilzt, in der Regel zu einer eingängigen Synthese von brunnentiefen Einsichten und barem Unsinn. Man könnte sagen, das sei für Poptexte normal und auch nebensächlich (zumal es auf Englisch meistens nicht auffällt).Der Primat des Textes
Aber Grönemeyer selbst legt ja, Zwecklyrik hin oder her, auf seine Texte großes Gewicht; und gerade die sehr konventionelle Balladenform des Lieds lenkt zusätzlich alle Aufmerksamkeit auf die Botschaft. Die läuft, soweit man sie extrahieren kann, auf eine Brechts „Gegen Verführung“ vergleichbare Religionskritik und Diesseitsfeier hinaus. Allerdings kommt sie nicht materialistisch daher, sondern wird befeuert von einer kryptischen Ökoesoterik, die der Natur ihre durchaus üblichen Unfreundlichkeiten wie Erdbeben, Tsunamis oder auch, gut bi-blisch, Heuschreckenschwärme leichtfertig nachsieht.
„brunnentiefe Einsichten und barer Unsinn“, das find ich recht nett gesagt. Wir behandeln ja auch viele Themen in unseren Liedern, aber vielleicht doch nicht so viel und so kryptisch wie Grönemeyer.
Hitler Lacher
13. Januar 2007
Ich habe keine besondere Lust, in den neuen Hitler Film „Mein Führer“ zu gehen, ich war ja nicht einmal in „Der Untergang“. Wenn Hitler, wie in „Mein Führer“ dargestellt, eine lächerliche Gestalt war, steigert das ein wenig die Peinlichkeit, mit der man ihm nachgelaufen ist – aber selbst wenn er nicht lächerlich war, an der Sprache hätte man ihn entlarven können, von Theodor Haecker, der das als Hitlers Zeitgenosse tat, schrieb ich bereits.
Im Stück ist Hitler meist so etwas wie eine dunkle Wolke im Hintergrund, nur einmal ist er so richtig Thema: Im Lied nach der Pause, dem Lied von der Axt im Walde oder „Hackt er wieder“, keine Veräppelung, keine Verherrlichung, eher bedrückend gestimmt. So eindrücklich wie dieser Song war, so intensiv wie es von sehr vielen empfunden wurde; manche nannten es ihr Lieblingslied.- Es stimmt nicht alles an unserer Umsetzung durch den Chor: Die Geste entspricht nicht dem Hacken eines Beiles. Und es ist irgendwie trotz allem verharmlosend und verspielt, von Hitler als einem Waldarbeiter zu reden.
Und wieder würde ich sagen: Die Peinlichkeit, dass man ihm nachlief, kann man zurückspiegeln auf Deutschland. So leicht ließ es sich verführen. So leicht lässt es sich vielleicht heute noch verführen. Wenn auch die Hitler-Masche wohl nichts mehr bewirken kann, so gäbe (gibt?) es da wohl andere Verführungstrategien . Nicht nur Deutschland, nicht nur die Welt überhaupt, wohl auch ich würde mich vielleicht hoffnungslos verführen lassen, hätte da nur jemand die rechte Masche. bittejaimvaterunsergegensoetwas.
Für Helden/ mit allen
11. Dezember 2006
Franziska Augsteins Rezession zweier neuer Bücher zu den Geschwistern Scholl kann ich empfehlen (SZ 27-11-2006). Sie denkt, dass Sönke Zankel den interessantesten Punkt verpasst hat. Die Rezension erwähnt ein bemerkenswertes Zitat der letzten lebenden Scholl Schwester Elisabeth, das mir schon auf der Begleit-DVD zu „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ auffiel.
Elisabeth Scholl ist es wichtig, „dass Sophie und Hans keine Helden waren. Denn wenn sie als Helden betrachtet werden, dann ist das eine Entschuldigung auch für die anderen. Jeder kann dann sagen, zum Helden bin ich nicht geboren.” Read the rest of this entry »
Konstantin Weckers Lied
10. Dezember 2006
Las gerade den Liedtext von Konstantin Wecker zur Weißen Rose. Der Refrain lautet wie folgt.
Ihr wärt hier so wichtig, Sophie und Hans,
Alexander und all die andern,
eure Schlichtheit und euer Mut,
euer Gottvertrauen – ach, tät das gut!
Denn die Menschlichkeit, man kann´s verstehn,
ist hierzuland eher ungern gesehn
und beschloß deshalb auszuwandern.
What kind of music?
5. Dezember 2006
Erstmal, unsere Musik wurde recht gelobt. Am Weihnachtsmarkt haben wir schon manche CD verkauft. Die Leiterin des Türkheimer Wegzeichen Chors schrieb uns (zum ganzen Projekt) sogar eine Postkarte, das war uns eine große Ehre. Als Kommentar kam, dass die Lieder einerseits zum Erholen und Genießen gewesen seien, andererseits hätten sie die Handlung intensiviert. Für recht viele haben sie in den Handlungsablauf hineingepasst, freilich nicht für jeden jedes Lied. Unser Theaterabend war schließlich auch nicht extra kurz, immerhin weniger als drei Stunden mit Pause. Aber wir sind stolz auf viele Gäste, die uns gegenüber anmerkten, wie intensiv sie dabei waren und kaum merkten, wie die Zeit verging.
Eindrücklich in Erinnerung blieb so manchen die Gesten wie die zum Text „Hackt er wieder“. Read the rest of this entry »
Ungeheuer ist viel, z.B. der mordende Mensch
21. November 2006
Jener furchtbare Amoklauf von Emsdetten gestern passierte an einer Geschwister-Scholl-Schule. Im Schlusslied unseres Theaterstückes wird hereingerapt, dass auch Sophie Scholl auf Hitler geschossen hätte, wenn sie ein Gewehr in der Hand gehabt hätte (nachzulesen etwa bei Susanne Hirzel: Vom Ja zum Nein. Tübingen 2000). So gesehen hat sogar die Fähigkeit zum Morden auch einen Aspekt, der nicht ganz zu verwerfen ist: sich von einer Tyrannei befreien. Der Unterschied ist gewaltig, andererseits wehrte sich vielleicht auch Bastian B. gegen etwas, was er als Tyrannei empfand. Read the rest of this entry »
Kommentare zur Uraufführung
20. November 2006
Hast du, lieber Zuschauer, die weiße Rose gefangen? – ich wünsch dir, du hast sie noch nicht…
Den schönsten Kommentar bekam ich schon, bevor das Stück auf der Bühne war. Ich kannte meinen Großvater väterlicherseits nicht, er ist Jahre vor meiner Geburt gestorben, bis über die 70 Jahre hinaus war er in der Schmiede tätig gewesen. Nach dem Krieg war er als Nicht-Parteimitglied ein Jahr Bürgermeister in Thannhausen gewesen. Mein Vater sagte mir, als er das Stück gelesen hatte: „Dein Großvater wäre stolz auf dich.“ Ich habe bei den lebenden Schwestern meines Vaters nachgefragt, ob das stimme. Sie sagten: Ja, dein Großvater war ein politischer Mensch.
Die folgenden Kommentare sind für Leute, die unser Stück gehört und gesehen haben, wer es nicht kennt, lese z.B. zunächst hier den Inhalt des Stückes.
Wie eine Botschaft aussenden?
13. November 2006
Zum Schluss der Szene „Im Inneren des Menschen“ inspirierte mich die Kirchenoper „Augustinus. Ein klingendes Mosaik“ von Winfried Böhm (Libretto) /Wilfried Hiller (Komponist) Uraufführung 2005, geschrieben für die evangelische Lukaskirche in München an der Isar (Innenraum auf dem Bild sichtbar). Am Ende geht eine Sologeigerin durch die Kirche, sie spielt artistisch, Klänge aus dem tiefsten, wilden Ungarn, und schön, fast von einer anderen Welt. Dann gehen die sechs Sänger, die den Augustinus verkörpern, ins Volk und erzählen in den verschiedensten Sprachen, was Augustinus der Welt zu sagen hatte, endend mit „confiteor“ (das bedeutet gleichzeitig: „ich war ein Schlawiner“ und „Gott hat mich gerettet“.) Wenn sie sich so in den Gängen der Kirche verteilt haben, wechseln sie in Gebärdensprache, lassen sich Zeit bei ihren Gesten, wiederholen sie ein paar Mal. Währenddessen läuten die Glocken. Dann ist die Vorstellung beendet.
Ich zitiere einige lobende Rezensionen, Read the rest of this entry »
Der Geschmack der Musik
13. November 2006
Als das Carl Muths Zeitschrift Hochland 1941 verboten war, wollte Otl Aicher selbst eine Zeitschrift herausgeben, in der sich seine Freunde gegenseitig bestärkten. Er nannte sie Windlicht, weil sie den Freunden ein Licht in dunkler Zeit sein sollte. (Es war auch mal im Gespräch, dass unser Theaterstück und der Schlusssong „Windlicht“ heißt.) Natürlich dachte Otl nicht an eine öffentliche Herausgabe, sondern die Texte sollten einfach unter höchstens 20 gleichgesinnten jungen Leuten schriftlich kursieren. Grogo konnte wohl manche eigenen Gedichte beisteuern, Inge schrieb lange Berichte über die gemeinsamen Skifahrten, Hans schrieb Artikel über das Turiner Grabtuch und die Armut, Otl selber schrieb einen kritischen Artikel über Napoleon und meinte eigentlich damit Hitler. (Bei uns im Stück wird dieser Artikel dem Hochland selbst zugeschrieben, da stand aber wohl kein kritischer Napoleon-Artikel.) Dieser Artikel wäre beinahe von der Polizei entdeckt worden, Inge konnte geistesgegenwärtig das Schlimmste verhindern, der Rest jener Ausgabe des Windlichts war ungefährlich. Aber es gab im Folgenden keine weiteren Ausgaben mehr.
Im Zusammenstellen des Heftes übte sich Otl im Fördern von Talenten (was auch später als Designer und Graphiker das Seine bleiben sollte.). Immer wieder bat Otl Sophie um Zeichnungen für dieses Heft. Sophie entschuldigt sich öfter, dass sie nur das kleine Nachbarskind „Dieterle“ gemalt hat und sonst nichts, aber Otl ist es wohl zufrieden. Weil Sophie auch Klavier spielte und sehr gern in Theater und Konzerte ging, gab ihr Otl auch den Auftrag, einen Aufsatz zu schreiben zum Thema: „Warum hat ein Konzertabend heute einen Geschmack an sich?“ Sie meint zunächst, so direkt auf die Frage könne sie nichts Richtiges sagen. Dann wird es doch ein zwei Buchseiten Aufsatz. Sie zitiert den ihr so wichtigen Satz der Nouveau Catholique (Mauritan), dass man einen harten Geist und ein weiches Herz haben müsse. Dann fährt sie fort:
Musik aber macht das Herz weich; sie ordnet seine Verworrenheit, löst seine Verkrampftheit und schafft so eine Voraussetzung für das Wirken des Geistes in der Seele, der vorher an ihren hart verschlossenen Pforten vergeblich hart geklopft hat. Ja, ganz still und ohne Gewalt macht die Musik die Türen der Seele auf. Nun sind sie offen! Nun ist sie bereit, aufzunehmen. Dieses ist die letzte Wirkung, die Musik auf mich ausübt, die sie mir notwendig macht in diesem Leben. Und so wenig ich mich wasche um des Wassers willen, das ich dazu benötige, so wenig höre ich Musik um der Musik willen. (Sophie Scholl an Otl Aicher, Januar 1942)
