Verführung des Künstlers

11. September 2009

Nochmal aus Nadolnys Münchner Poetikvorlesungen („Das Erzählen und die gute Absichten“), die ich damals in meinem zweiten Semester an der Uni mit viel Spaß und Verwunderung hörte, der Text kommt fast direkt nach dem im letzten Eintrag zitierten:

In Werner Egks Oper Irische Legende überziehen die Dämonen ein Land mit Hunger, um gegen Nahrungsmittel billig Seelen einzukaufen. Cathleen, die Fürstin, leistet Widerstand, weil sie kraft aus der Liebe zieh, aus der Liebe zu ihrem Freund, dem Dichter. Die Dämonen wissen: Sobald er das Land verläßt, wird sie zusammenbrechen, und damit aller Widerstand im Lande. Sie öffnen im Schlaf sein Ohr und oktroyieren ihm Bilder und Folgerungen, um ihn zu lenken.
„Was siehst du, Dichter, im Traum?“
„Ein Bündel Stroh.“
„Verfaultes Stroh!“
„Verfaultes Stroh.“
„Was siehst du noch?“
„Einen, der auf dem Stroh liegt.“ Read the rest of this entry »

Staatslieder

20. August 2008

Meine Tante erinnert sich an ein Lied, das sie als Schülerin lernen musste. Sie träumte damals, so sagt sie, dass es ein schönes Lied würde mit dem Titel „Als die goldne Abendsonne„. Nein, es war ein Heldenlied. Die beiden ersten Strophen konnte sie noch auswendig

1. Als die goldne Abendsonne
Sandte ihren letzten Schein, letzten Schein
|: Zog ein Regiment von Hitler
In ein kleines Städtchen ein. : | Read the rest of this entry »

Ich mag die Lieder, die eine Geschichte erzählen, die am Ende wieder von vorne beginnt. „Where have all the flowers gone“ (Pete Seeger), „Einmal wurde es am Himmel hell“ (Wilhelm Willms, Pit Jansen), „Wo hat das Leben sein Zuhaus?“ (Kathi Stimmer), auch „Ein Loch ist im Eimer Karl-Otto„. Diese Lieder kann man je im Kreis schreiben (Der Sonatenhauptsatz bei Symphonien funktioniert meiner vagen Erinnerung nach auch so ähnlich, da capo al coda.)

Manche anderen Lieder machen das nach, der richtige Effekt tritt ein, wenn man die erste Strophe beim zweitenmal mit einer ganz neuen Intension singt. Read the rest of this entry »

Nach dem „Musical“ oder der Kantate „Emmaus“ der Türkheimer (Wegzeichenchor u.a. mit der Michi, Sprechrolle, Gerhard sang als „der Fremde“, jüngster Spieler sein Sohn Johannes, insges. schätze ich 100 Mitwirkende) sagte ich gestern, ich hätte große Bedenken, Auferstehung auf die Bühne zu bringen. Heute würde ich das Gegenteil sagen: Sind es nicht gerade die Geschichten vom auferstandenen Jesus, in denen Jesus den Seinen zuruft: „Fangt mich doch!“. Wie im Kinderversteckspiel, beim Ostereiersuchen: ihr habt wohl gedacht, vor dem Grab stünden Wachen. Ha, die sind eingeschlafen. Read the rest of this entry »

Noch mal

10. Dezember 2007

In der ehemalige Karmelitenkirche, München, wo wir im Januar unser Stück aufführten, war jüngst eine Ausstellung „Noch mal leben“ oder „Noch mal leben vor dem Tod“ (ursprünglich eine Reportage im Magazin „Spiegel“).

Vor heute genau einem Jahr machte ich einen Eintrag zu Konstantin Weckers Weiße Rose Lied (wohl anlässlich des 1982-er Kinofilms „Die weiße Rose“, zu dem er auch ansonsten die Musik machte, geschrieben.) Ich hörte es letzten Mittwoch im Ausstellungsraum, und dieses Lied bekam in jenem Saal den größten Einzelapplaus. So mitreißend dieses und andere Lieder waren, und welch eigene Atmosphäre sie erzeugten, ans Thema Tod kamen sie nicht richtig heran. Umso bemerkenswerter die Fotos und die Erzählungen dazu. Read the rest of this entry »

Nicht nur der Künstler war, wie er selbst bemerkte, im Scheinwerferlicht so etwas wie ein Grillhähnchen, das den Zuhörern serviert wurde, auch der nicht ganz so kleine Gast in der Langenneufnacher Kirche fühlte sich zwischen den Bänken und auf Bankheizung so ein wenig wie im Backofen. (Eine typische Situation für Widerstandskämpfer, siehe die drei Jünglinge im Backofen in Buch Daniel) Es ist mutig, nur mit einer klassischen Gitarre plus eigener Stimme ein Popkonzert zu geben.

Mag seine Lieder und seine Frömmigkeit des Gregor Linsen, wenn ich sie gut kenne: „Vor dir stehn wir um dir zu singen“ erzählte noch einmal die tolle Zeit beim Katholikentag in Saarbrücken. Was mir unter den unbekannten Liedern von  bei denen ich mich grundsätzlich schwer tue, herausstach, war ein Lied im Andenken eines Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus. „Unser Ja sein ein Ja, unser Nein ein Nein“. Wusste bisher nichts über Nikolaus Groß, christlicher Arbeitnehmervertreter, Pressemann, Familienvater. Read the rest of this entry »

Energie

11. September 2007

Ein schon teilweise zitierter Liedtext diesmal ganz. Ein Text von jemand der weiß, dass er sterben wird – und endlich, endlich hört er das Wort, mit dem die öffentliche Predigt Jesu beginnt: „Denkt um, denkt 180 Grad anders.“ – und antwortet darauf. Read the rest of this entry »

… Ein klein Wenig, das ging beim offenen Singen in Türkheim. Unterer Text sei der letzte von Liedtext von Rolf Krenzer (1936-2007) vor seinem Tod. Das erzählte Robert F., der uns das Lied vorstellte. Mag auch die Melodie von Robert Haas.

Wie mit neuen Augen, beginn’ ich neu zu sehen.
Und mit neuen Augen will ich nun weitergehen.
Den Weg bisher, so lang und schwer, seh ich auf einmal anders.
Ich sehe neu und anders – und wie vorher.
Ich sehe neu und anders – und wie vorher.

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Vieles gesehen, die letzte Woche. Alles was man kritisiert auch als Kritik am eigenen verstehen (Kritik kann ja auch ein Lob sein, griechisch krinein heißt einfach urteilen.-): Read the rest of this entry »

Im Gedicht des Tages des DLF war gestern ein Spiegelgedicht, identisch waren die erste und die achte Zeile, die zweite und die siebte, die dritte und die sechste und die vierte mit der fünften. Interpretiert wird dieses Klagbund Gedicht wie folgt:

Der Dichter exponiert sich in seinem Liebespoem nicht mit origineller Metaphorik, sondern collagiert Versatzstücke aus den Trivialmythen der Schlagerwelt. Aber er erfüllt damit jenes Kriterium für lyrische Modernität, das ein weiterer Klabund-Bewunderer, der Dichter Gottfried Benn (1886-1956) verfügt hatte: Moderne Gedichte, so Benn, seien zuvorderst „Schlager von Klasse“.

Als Beispiel eines guten Textes hab ein Michael Ende Lied im Kopf (das Willfried Hiller vertont hat). Es findet sich (mit ein paar kleinen Fehlern) hier. Ich zitiere „Die Ballade vom Seiltänzer“ aus dem „Trödelmarkt der Träume“ vollständig:

Es war ein Tänzer auf dem Seil
mit Namen Felix Fliegenbeil,
der Größte aller Zeiten,
das kann man nicht bestreiten.
Ihm lag nicht viel an Gut und Geld,
nichts an der Menge Gunst,
ihm ging´s nicht um den Ruhm der Welt,
ihm ging es um die Kunst.
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