In München geh ich recht gerne in die städtischen Kammerspiele. Fourore machte dort das Theaterstück „Die zehn Gebote“, das inzwischen schon im dritten oder vierten Jahr auf dem Spielplan ist und manche Preise gewonnen hat. Die Szene in unserem Stück Carl Muth die Belagerung des Söflinger Pfarrhauses inszeniert, hat sich von dort her inspirieren lassen (wenn wir es auch natürlich nicht auf Kammerspielniveau gebracht haben). Was ich zu kopieren suchte, nennt eine Rezensentin des Münchner Merkurs „episches Theater“.

Entdeckte heute, dass dieses Stück am 8. Januar wieder einmal gegeben werden wird. Genauer gesagt sind es 10 sehr intensive Theaterstücke, die hintereinander aufgeführt werden (manche von den Stücken hängen locker zusammen). Read the rest of this entry »

Dass jemand betet, ist ein wichtiges Motiv im Stück. Zum Teil wird das in einer bildlichen oder märchenhaften Sprache erzählt. Statt direkt zu beten verwandelt sich Carl Muth in Mose, den Repräsentant Israels. Statt dass er etwas spricht, hebt er einen Stab, der einst zauberhaft das rote Meer öffnete und zufluten ließ – und bald darauf in der Wüste das lebenswichtige Wasser aus dem Felsen sprudeln ließ.

Auf ein bekanntes Märchen spielt R.S. Thomas in seinem Gedicht „Folk Tale“ an. (In Klammern einige Übersetzungen aus dem Englischen)

Prayers like gravel (Kieselsteine)
flung at the sky’s
window, hoping to attract
the loved one’s
attention.

But without
visible plaits (Zöpfe) to let
down for the believer
to climb up,
to what purpose open
that far casement (Fensterflügel)?

I would
have refrained long since
but that peering once (dieses eine Mal beim Spähen)
through my locked fingers
I thought that I detected
the movement of a curtain (Vorhang).

Erraten welches Märchen gemeint ist?

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Die Angst vor dem Tod

13. November 2006

Ich hätte die Szene vom „Inneren des Menschen“ nicht so geschrieben, wie ich sie geschrieben habe, hätte ich nicht unteren Text des Münchner Aidsseelsorgers und Hospizarbeiters Thomas Schwaiger gelesen. Der Mann hat viel Erfahrung mit Sterbenden gemacht und mein Buch des Jahres 2005 geschrieben. Er hat sehr viel von Sterbenden und der Nähe zum Tod gelernt.

Ich weiß ja nicht, wie es euch mit meinen Texten geht. Falls ihr manches nicht verstanden hat, hilft es vielleicht, wenn ich sage, ich verstehe bei dem unteren Text beim ersten Lesen nicht viel, beim zweiten wird er dann aber wunderbar toll. (Soweit man das beim Thema Tod uns Sterben sagen kann.) Der ganze Rest dieses Blogeintrages ist der ungekürzte Text aus dem Christlichen Totenbuch S. 82-84 (mit weniger Variation in den Schriftarten wie im Original):

Die Angst vor dem Tod

 

Warum es nichts zu erreichen
und alles zu bestehen gibt

 

Wo der Mensch unverhüllt dem Letzten begegnet, ist er in die Angst gestellt, in die Angst vor dem Tod als letzter Wirklichkeit weltlichen Daseins: „Gott soll nicht mit uns reden, sonst sterben wir.“ (Exodus 20,19)

 

Nachdem er sich von ihnen verabschiedet hatte, ging er auf einen Berg, um zu beten. Spät am Abend war das Boot mitten auf dem See, er aber war allein an Land. Und er sah, wie sie sich beim Rudern abmühten, denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache ging er auf dem See zu ihnen hin, wollte aber an ihnen vorübergehen. (Markus 6, 46-48)

 

Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!

Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, daß ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm!

Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn. (Matthäus 14, 25-33)

 

Wer dem eigenen Herzen und dem, was es ersehnt, nicht ausweicht, für den mag es sein, dass seine Knie weich werden und er zu versinken droht. Gespenstisch erscheint das Leben dann, erschreckend fremd und neu, noch nicht gelebt und doch ganz wirklich.

 

Aus der Tiefe wird gerufen, nicht geglaubt.

MITTEN IM LEBEN

 

EIN SCHREI DER ANGST

 

Damit beginnt heilende Begegnung: im Ausdruck, was uns bewegt, im Bekenntnis, dass wir uns fürchten.

 

In der Nacht, im Sturm, bei Gegenwind begegnet dann dem Ausgesetzten das überraumzeitlich anredende Gegenüber: Ich bin es; fürchtet euch nicht! Komm! Verlasse das Boot und wage aus dem Selbststand zu gehen, wage das Unglaubliche, das mutige, das schier Unmögliche. Und doch ist die Angst für den, der so zu gehen beginnt, nicht gänzlich jenseits. Der Sturm ist wirklich heftig, das Leben ist wild: Jetzt, nach diesem Erfahren bis zum Letzten sind der Mensch und das rufende Wort vereint.

Wir müssen das Fürchten lernen. Die rettende Hand Gottes lässt uns die Tiefen bestehen. Davor bewahren tut sie uns nicht. Erst einmal müssen wir untergehen.

 

Anrede – das Wort – geschieht uns

durch das Fremde.

den Fremden,

das nicht Vertraute,

überraschende und ohne Absicherung.

Oft wild und wüst.

Es ist Ereignis,

es ist ein Geschehen

und es ist Wirklichkeit.

 

Es will immer neu zum Ereignis werden – und zwar sofort: Sofort (Matthäus 14, 29) streckt sich rettende Hand entgegen. Dennoch: Zuvor müssen wir aus dem sichernden Boot aussteigen. Das ist uns niemals abgenommen.

Die menschliche Stimme

12. Oktober 2006

Regisseure mahnen im Amateurtheater öfter, laut und deutlich zu sprechen. Wir wollen aber nicht vergessen, dass in der menschlichen Stimme noch viel mehr Möglichkeiten liegen, die ein Schauspieler zum Ausdruck bringen kann. Auf die negativen weist heute jeder Dokumentarstreifen aus der Nazi-Zeit hin. (Zuletzt lief ja manches zu den Nürnberger Prozessen.) Jede Stimme kann verführen, eine ganze Generation kann davon geblendet sein – und später denkst du: Wie konnten die Leute so doof sein, auf solche Stimmen hereinzufallen. (Angefangen bei „Knusper knusper kneischen“ :-) )
Alle Achtung vor jemand, der das Falsche in den Stimmen zu Kriegszeiten hören konnte. Theodor Haecker, der im Freundeskreis um die Weiße Rose manchen mehrere Vorträge hielt und den Krieg nicht überlebte (+ 1945 in Urstersbach!) schreibt 1939 in sein Tagebuch:

Ich erschrecke in diesen Tagen über die Fähigkeit der menschlichen Stimme, abgesehen von dem, was sie sagt, allein durch sich selbst, nicht bloß individuell, sondern typisch, repräsentativ, die geistige Ausgestorbenheit eines ganzen Volkes zu verraten, zu verlautbaren, zu proklamieren. Die Stimme des „Ansagers“! (Tage- und Nachtbücher, Eintrag [7])

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Gebärdensprache

9. Oktober 2006

Den Text, den wir zum Fest der Seele in 22 Gebärden „sprechen“, lautet (in 31 deutschen Wörtern):

Groß bist du, Herr, und höchsten Lobes würdig.

Groß ist deine Macht, und deine Weisheit hat keine Grenzen.

Und dich will ich loben ein Mensch, irgend so ein Stück deiner Schöpfung.

(Jedem unterstrichenen Wort entspricht eine Gebärde, nur die beiden Wörter „will ich“ sind eine gemeinsame Gebärde.)


älteste Darstellung des Augustinus, Mosaik an der Kapelle Sancta Sanctorum in der Bibliothek von Papst Gregor dem Großen im Lateran, 6. JahrhundertEs ist der Beginn der ersten Autobiographie, die es je gab, der „Bekenntnisse“ des Afrikaners Augustinus von Hippo. Der Titel ist so gemeint, dass Augustinus von allem Schlimmen in seinem Leben bis zum 30. Lebensjahr erzählt (bekennt), damit sichtbar wird, was am Ende doch Gutes und Tolles daraus geworden ist, weil Gott gehandelt hat. So ist das von innen, wenn man als Johannes, Jakobus, Zachäus oder Maria Magdalena Jesus begegnet. Bei Augustinus speziell: So ist das, wenn man entdeckt, dass Gott kein materielles Wesen ist. (Augustinus entdeckte da nicht nur theoretisch, sondern manches praktische dazu – so richtig bin ich da nicht drin.)


Das lateinische Original unseres Textes ist sprachlich recht schön, und noch knapper (26 Wörter), manche Wörter sind umgestellt und einige ganz anders geworden (in deutsch: keine Grenzen, auf lateinisch: keine Anzahl)

Magnus es, domine, et laudabilis valde:

magna virtus tua, et sapientiae tuae non est numerus.

et laudare te vult homo, aliqua portio creaturae tuae

Im darauf folgenden lateinischen Text könnte man ziemlich viele rhetorische Stilmittel aufsammeln (nach vielen Jahren aus der Schule könnte mir das auch wieder Spaß machen). Der Text ist wie wenn immer zuerst eine kleine Welle kommt, und dann kommt dieselbe Welle wieder, jetzt viel größer: „magnus … magna virtus“, zu deutsch „Groß“ (zeile 1) … „Große Macht“ (zeile 2). Auch das „et laudare te vult homo“ wird mit einem verstärkenden Wort wiederholt, der Text entfaltet eine große Unruhe und Dynamik, jeder neue Halbsatz wird mit einem „und“ eingeleitet, und dann kommt es schnell zu dem Satz, den ich lateinisch von Augstinus auswenig kann (über den ich staune, den ich aber nicht immer glaube): „inquietem est cor nostrum, donec requiescat in te“ (Auf dich hin hast du [Gott] uns erschaffen und „unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ )

Augustinus muss noch einmal irgendwo gesagt haben, dass man die vollkommenste Musik nicht mehr hört. (Findet jemand das Zitat?) Das hat Willfried Hiller dazu inspiriert, sein Augustinus Oratorium in Gebärdensprache enden zu lassen. Rezensionen sind hier und hier. Hiller nimmt denselben Text, den wir auch nehmen. Die Gebärdensprachenidee in unserem Stück ist also „geklaut“. Immerhin werden unsere Gesten ziemlich anders, weil wir vom Deutschen ausgehend übersetzen.

Der Mathematiker, Rechenmaschinenbauer, Theoretiker des Roulette, Planer eines öffentlichen Nahverkehrssystems (mit Kutschen durch Paris) usw. Blaise Pascal (1623- 1662) schrieb die folgende berühmte Meditation (Pensée Nr.47):

Wir halten uns nie an die Gegenwart. Wir rufen uns die Vergangenheit zurück; wir greifen der Zukunft vor, als käme sie zu langsam und als wollten wir ihr Eintreten beschleunigen, oder wir rufen uns die Vergangenheit zurück, als wollten wir sie festhalten, da sie zu schnell vorübereilte, wir sind so unklug, dass wir in Zeiten umherirren, die nicht die unsrigen sind, und nicht an die einzige denken, die uns gehört, und wir sind so eitel, dass wir an jene denken, die nichts sind, und uns unüberlegt der einzigen entziehen, die weiterbesteht. Das kommt daher, weil die Gegenwart uns meistens weh tut. Wir verbergen sie unserem Blick, weil sie uns betrübt, und wenn sie uns angenehm ist, bedauern wir, sie entschwinden zu sehen. Wir bemühen uns, sie durch die Zukunft abzusichern, und meinen die Dinge zu ordnen, die nicht in unserer Macht stehen, und das für eine Zeit, die zu erreichen für uns ganz ungewiss ist.

Jeder prüfe seine Gedanken. Er wird finden, dass sie ganz mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt sind. Wir denken fast überhaupt nicht an die Gegenwart, und wenn wir an sie denken, so nur, um aus ihr die Einsicht zu gewinnen, mit der wir über die Zukunft verfügen wollen. Die Gegenwart ist niemals unser Ziel.

Die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel; allein die Zukunft ist unser Ziel. Deshalb leben wir nie, sondern hoffen auf das Leben, und da wir uns ständig bereit halten, glücklich zu werden, ist es unausbleiblich, dass wir es niemals sind.

Der Text soll zunächst für sich stehen. Wem er gefallen hat, der möge erstmal dabei bleiben und nicht meine leicht hingeschriebenen Kommentare lesen.

Schauspieler leben in einem mehrfachen Sinn nicht in der Gegenwart. Sie leben im Stück eines anderen, in einer anderen Zeit, mit anderen Plänen. Und dazu kommt noch alles, wovon Pascal schreibt.

Was ist unsere Rettung (als Schauspieler in einem historischen Stück), wenn wir nicht dem Urteil verfallen wollen, der Gegenwart (und damit der einzigen Chance, glücklich zu werden) zu entfliehen? Es ist vielleicht richtig, mit vollem Einsatz auf der Bühne zu sein – aber das ist nicht alles.

Hier ein wenig Recherche über die Jugendfreunde Otl Aicher und Willi Habermann (mit Spitznamen Grogo). Otl Aicher starb 1991 an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Als ein Erinnerungsbuch erschien, schrieb Willi Habermann dafür einen Aufsatz über die Jugendfreundschaft der beiden. Aus „Freundschaft und Begegnung. Erinnerungen an Otl Aicher“, Ulm 1997 sind die folgenden Informationen entnommen.

Otl wählte seine Freunde sehr elitär aus, und er machte mit ihnen elitäre Unternehmungen: Zusammen mit einem dritten Freund Friedo (Kotz) bastelten die beiden selber Kähne und Flösse, mit denen sie auf einem Seitensee der Donau ruderten. Weitere Hobbys: Säbelfechten und irgendwelche halsbrecherischen Konstruktionen bauen, damit man tolle Fotos vom Ulmer Münster machen kann. Mit 17 Jahren (1939) schrieb Otl auch seine Meditationen auf, z.B.:

„Die Menschen setzen nicht auf ihre Vernunft – ihr Gewissen ist meist dämlich – konservativ – Stimme der Masse in ihnen – der Sitte – so es gilt, auf Gott zu horchen – aber auch sich vom Ekel vor denen mit dem Massengewissen zu reinigen – denn man muss seine Feinde lieben – und: es gibt nur einen Beruf: Christ werden! Aussätzigenarzt.“

Die beiden lasen wechselseitig, was der andere geschrieben hatte. Grogo schrieb Gedichte. Die wurden von Otl manchmal sehr gelobt, ein andermal dann böse kritisiert. Grogo regte auch an, dass Otl einen Aufsatz, den er über ein Gedicht des berühmten Bildhausers Michelangelo geschrieben hatte, an Carl Muth schickte. (Das geschah aber noch nicht im Jahr 1937, wo wir es im Stück spielen lassen, sondern gute drei Jahre später.)

Otl antwortete in einem Brief „unwichtig ist mir der Anschluss an ihn … ich brauche keinen Anschluss. Nur um des Urteiles allein möchte ich ihn hören.“ (Brief vom 21. Januar 41) Als Otl Carl Muth dann kennen gelernt hat, hat sich sein Urteil gewandelt „Oh, ich bin so froh, dass ich nun einen Mann gefunden habe, der mir ein Vater sein kann….“ (14.2.41)