Lyrik, Songtexte, Kunst, Seiltanzen
31. Januar 2007
Im Gedicht des Tages des DLF war gestern ein Spiegelgedicht, identisch waren die erste und die achte Zeile, die zweite und die siebte, die dritte und die sechste und die vierte mit der fünften. Interpretiert wird dieses Klagbund Gedicht wie folgt:
Der Dichter exponiert sich in seinem Liebespoem nicht mit origineller Metaphorik, sondern collagiert Versatzstücke aus den Trivialmythen der Schlagerwelt. Aber er erfüllt damit jenes Kriterium für lyrische Modernität, das ein weiterer Klabund-Bewunderer, der Dichter Gottfried Benn (1886-1956) verfügt hatte: Moderne Gedichte, so Benn, seien zuvorderst „Schlager von Klasse“.
Als Beispiel eines guten Textes hab ein Michael Ende Lied im Kopf (das Willfried Hiller vertont hat). Es findet sich (mit ein paar kleinen Fehlern) hier. Ich zitiere „Die Ballade vom Seiltänzer“ aus dem „Trödelmarkt der Träume“ vollständig:
Es war ein Tänzer auf dem Seil
mit Namen Felix Fliegenbeil,
der Größte aller Zeiten,
das kann man nicht bestreiten.
Ihm lag nicht viel an Gut und Geld,
nichts an der Menge Gunst,
ihm ging´s nicht um den Ruhm der Welt,
ihm ging es um die Kunst.
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Michelangelo Buonarotti
23. Januar 2007
„Er will Bildhauer werden“ erzählt Carl Muth von Otl Aicher. Für Alexander Schmorell, der ebenso Bildhauer-Berufswünsche hegte, war der Zeitgenosse Rodin das Vorbild. Kenne mich in dieser Kunst wenig aus, aber ist nicht der große Bildhauer Michelangelo Buonarotti (1475 – 1564), seine Moses-Statue, seinen David, seine Pieta. (Mich faszinierte der Wagenlenker, als ich ihn in Delphi sah, den Namen seines Meisters, Sotades, kennt kaum jemand.) Und da Otl Aicher gern mit großen Geistern zu verkehrte, war er schon der Typ, der, wenn er schon Bildhauer werden wollte, dann auch ein neuer Michelangelo werden will. Read the rest of this entry »
Konstantin Weckers Lied
10. Dezember 2006
Las gerade den Liedtext von Konstantin Wecker zur Weißen Rose. Der Refrain lautet wie folgt.
Ihr wärt hier so wichtig, Sophie und Hans,
Alexander und all die andern,
eure Schlichtheit und euer Mut,
euer Gottvertrauen – ach, tät das gut!
Denn die Menschlichkeit, man kann´s verstehn,
ist hierzuland eher ungern gesehn
und beschloß deshalb auszuwandern.
Beten – Wie Kieselsteine werfen oder Lachen
27. November 2006
Dass jemand betet, ist ein wichtiges Motiv im Stück. Zum Teil wird das in einer bildlichen oder märchenhaften Sprache erzählt. Statt direkt zu beten verwandelt sich Carl Muth in Mose, den Repräsentant Israels. Statt dass er etwas spricht, hebt er einen Stab, der einst zauberhaft das rote Meer öffnete und zufluten ließ – und bald darauf in der Wüste das lebenswichtige Wasser aus dem Felsen sprudeln ließ.
Auf ein bekanntes Märchen spielt R.S. Thomas in seinem Gedicht „Folk Tale“ an. (In Klammern einige Übersetzungen aus dem Englischen)
Prayers like gravel (Kieselsteine)
flung at the sky’s
window, hoping to attract
the loved one’s
attention.But without
visible plaits (Zöpfe) to let
down for the believer
to climb up,
to what purpose open
that far casement (Fensterflügel)?I would
have refrained long since
but that peering once (dieses eine Mal beim Spähen)
through my locked fingers
I thought that I detected
the movement of a curtain (Vorhang).
Erraten welches Märchen gemeint ist?
Ungeheuer ist viel, z.B. der mordende Mensch
21. November 2006
Jener furchtbare Amoklauf von Emsdetten gestern passierte an einer Geschwister-Scholl-Schule. Im Schlusslied unseres Theaterstückes wird hereingerapt, dass auch Sophie Scholl auf Hitler geschossen hätte, wenn sie ein Gewehr in der Hand gehabt hätte (nachzulesen etwa bei Susanne Hirzel: Vom Ja zum Nein. Tübingen 2000). So gesehen hat sogar die Fähigkeit zum Morden auch einen Aspekt, der nicht ganz zu verwerfen ist: sich von einer Tyrannei befreien. Der Unterschied ist gewaltig, andererseits wehrte sich vielleicht auch Bastian B. gegen etwas, was er als Tyrannei empfand. Read the rest of this entry »
Kriegsgedichte
13. November 2006
Domi und ich haben gestern für das Programmheft für jeden Akt ein Gedicht gesucht. Zum ersten wählten wir „Feiger Gedanken“ von Goethe, wozu es ja schon einen Blogeintrag gibt. (Schließlich ritzte Hans Scholl den Satz mit „Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten“ in seine Gefängniszelle, bevor er abtransportiert wurde.) Zum letzten Akt fanden wir das Gedicht vom Tod, das Matthias Claudius schrieb:
Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
Tönt so traurig, wenn er sich bewegt
Und nun aufhebt seinen schweren Hammer
Und die Stunde schlägt.
Für den zweiten Akt suchten wir ein Gedicht, das die Schrecken des Krieges beschreibt. Wir beschlossen schließlich, wir schreiben kein Kriegs-Gedicht ins Programm. Unser Favorit wäre das folgende gewesen.
Doch kommt ein Krieg. Zu lange war schon Frieden.
Dann ist der Spaß vorbei. Trompeten kreischen
Dir tief ins Herz. Und alle Nächte brennen.
Du frierst in Zelten. Dir ist heiß. Du hungerst.
Ertrinkst. Zerknallst. Verblutest. Äcker röcheln.
Kirchtürme stürzen. Fernen sind in Flammen.
Die Winde zucken. Große Städte krachen.
Am Horizont steht der Kanonendonner.
Rings aus den Hügeln steigt ein weißer Dampf.
Und dir zu Häupten platzen die Granaten.
Es stammt von Alfred Lichtenstein aus dem Jahr 1914. Im selben Jahr noch platzten an seinen Häuptern die Granaten und er fiel an der Somne. Eine kleine DLF-Interpretation des Gedichts hier.
Unter dem Titel Kriegslied, wie wir ihn auch gern für unser „Lied vom Krieg“ verwenden, ist berühmt das Gedicht „’s ist Krieg“ von Matthias Claudius (Link mit Interpretation).
Das erste überlieferte Anti-Kriegsgedicht ist meines Wissens von Archilochos (ca. 650 v. Chr.), der erste Lyriker, der überhaupt Persönliches erzählte. Als er hinter dem Busch verschwand, wurde ihm der Schild geklaut. Aber anstatt über die verlorene Ehre zu klagen, ist der Krieger in Archilochos Gedicht glücklich, dass er nicht mit dem Schildräuber kämpfen musste und so kauft er sich selbstbewusst einfach einen neuen Schild. Letztes Jahr erst wurden neue Texte entdeckt, in denen Archilochos die Flucht bei Niederlage im Krieg rechtfertigt.
Wen bewegen andere Kriegsgedichte? Und welche?
Feiges Denken „macht dich nicht frei“
12. Oktober 2006
„Allen“ war eines der letzten Wörter, das Hans Scholl schrieb. Er kritzelte es auf irgendein Papier, das Sophie zugeschmuggelt wurde. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie damit auf ein Goethe Gedicht ohne Titel hinweist, das die folgenden zwei Zeilen enthält: „Allen Gewalten/ zum Trutz sich erhalten“, die wir im Stück auch singen. Das vollständige Gedicht lautet so:
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Die menschliche Stimme
12. Oktober 2006
Regisseure mahnen im Amateurtheater öfter, laut und deutlich zu sprechen. Wir wollen aber nicht vergessen, dass in der menschlichen Stimme noch viel mehr Möglichkeiten liegen, die ein Schauspieler zum Ausdruck bringen kann. Auf die negativen weist heute jeder Dokumentarstreifen aus der Nazi-Zeit hin. (Zuletzt lief ja manches zu den Nürnberger Prozessen.) Jede Stimme kann verführen, eine ganze Generation kann davon geblendet sein – und später denkst du: Wie konnten die Leute so doof sein, auf solche Stimmen hereinzufallen. (Angefangen bei „Knusper knusper kneischen“
)
Alle Achtung vor jemand, der das Falsche in den Stimmen zu Kriegszeiten hören konnte. Theodor Haecker, der im Freundeskreis um die Weiße Rose manchen mehrere Vorträge hielt und den Krieg nicht überlebte (+ 1945 in Urstersbach!) schreibt 1939 in sein Tagebuch:
Ich erschrecke in diesen Tagen über die Fähigkeit der menschlichen Stimme, abgesehen von dem, was sie sagt, allein durch sich selbst, nicht bloß individuell, sondern typisch, repräsentativ, die geistige Ausgestorbenheit eines ganzen Volkes zu verraten, zu verlautbaren, zu proklamieren. Die Stimme des „Ansagers“! (Tage- und Nachtbücher, Eintrag [7])