Die Vergangenheit heute

14. August 2008

Einen meiner Lieblingstexte fand ich nirgends im Internet. Deshalb hier Lothar Zenettis Variante von Fausts „Habe nun, ach“ – mit einer ganz anderen Pointe.

Mit den Jahren

Ich bin schon lange nicht mehr,

ich gestehe, tief unten

in meinem Keller gewesen,

wo die alten Weine der Weisheit

liegen und das Wissen der

Jahrhunderte verstaubt, Read the rest of this entry »

Ich mag die Lieder, die eine Geschichte erzählen, die am Ende wieder von vorne beginnt. „Where have all the flowers gone“ (Pete Seeger), „Einmal wurde es am Himmel hell“ (Wilhelm Willms, Pit Jansen), „Wo hat das Leben sein Zuhaus?“ (Kathi Stimmer), auch „Ein Loch ist im Eimer Karl-Otto„. Diese Lieder kann man je im Kreis schreiben (Der Sonatenhauptsatz bei Symphonien funktioniert meiner vagen Erinnerung nach auch so ähnlich, da capo al coda.)

Manche anderen Lieder machen das nach, der richtige Effekt tritt ein, wenn man die erste Strophe beim zweitenmal mit einer ganz neuen Intension singt. Read the rest of this entry »

Feuer auf der Erde

7. Januar 2008

Was bringt das neue Jahr? In Sorge um Kenia, Pakistan, Zimbabwe. Empfehle den folgenden Link: Pakistan in der Zeit. Ein deutscher Dichter berichtet über pakistanische Literaten.

Zum Beispiel zum Tod der Oppositionsführerin Butto und den Unruhen danach wird dort zitiert:

A bullet hits home in Pindi.
A criminal is dead.

Hours later, Karachi burns;
not with the grief of the masses,
but with the rage of the impoverished:
daily frustrations, otherwise unheard
in the concrete corridors of power.
(Fortsetzung und Übersetzung hier)

Butto war eine Verbrecherin, so Autorin Umbreen Butt (auf dem Foto). Read the rest of this entry »

Wort ist Währung

6. November 2007

Dichter sein

Entlang dem staunen
siedelt das Gedicht, da
gehn wir hin


Von niemandem gezwungen sein, im brot
anderes zu loben
als das brot

 

Reiner Kunze, deutscher Lyriker, heute 74 Jahre, gilt als jemand, der sich nicht verkauft. Gestern hab ich ihn aus seinen Schriften lesen gehört. Aus einem Interview auf seiner Homepage:

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Dichterin sucht das Wort

15. Oktober 2007

Nicht gesagt
Von Marie Luise Kaschnitz

 

Nicht gesagt
Was von der Sonne zu sagen gewesen wäre
Und vom Blitz nicht das einzig richtige
Geschweige denn von der Liebe.

 

Versuche. Gesuche. Mißlungen
Ungenaue Beschreibung

Weggelassen das Morgenrot
Nicht gesprochen vom Sämann
Und nur am Rande vermerkt
Den Hahnenfuß und das Veilchen.

Euch nicht den Rücken gestärkt
Mit ewiger Seligkeit
Den Verfall nicht geleugnet
Und nicht die Verzweiflung

Den Teufel nicht an die Wand
Weil ich nicht an ihn glaube
Gott nicht gelobt
Aber wer bin ich dass

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Energie

11. September 2007

Ein schon teilweise zitierter Liedtext diesmal ganz. Ein Text von jemand der weiß, dass er sterben wird – und endlich, endlich hört er das Wort, mit dem die öffentliche Predigt Jesu beginnt: „Denkt um, denkt 180 Grad anders.“ – und antwortet darauf. Read the rest of this entry »

Ich kenne ja die Zugstrecke von Ulm nach München, vor allem jenes Stück ab Dinkelscherben, das auch die Schollgeschwister oft genug gefahren sind. Mit dem leeren Koffer wolle sie Wäsche von zuhause abholen, so log Sophie beim Verhör. Ich kenne in der Weißen Rose Literatur keinen Vergleich zwischen Zugfahrt und Leben. Andererseits liegt das in der Luft:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Read the rest of this entry »

Die letzten Tage in Köln beim evangelischen Kirchentag den Erlassjahr-Stand mit betreut, zuvor recht mit Rostock und dem (Wetter für’s) KJT-Festival mitgefiebert.
Im nachhinein bemerke ich bei mir einen gewissen Widerstand, „das Evangelische“, evangelische Spiritualität an mich heranzulassen. Ich wollte irgendwie nicht glauben, dass da etwas „lebendig und kräftig und schärfer“ ist. Entsprechend meine Einstellung zum Kirchentagsmotto und zum Logo. Derweil hat der Kirchentag am Mittwoch mit etwas total Begeisterndem angefangen. Der Beleuchtung einer Rheinbrücke, über der untertags einfach nur so teilweise eine orange Plane gebreitet ist. Read the rest of this entry »

Mit dem Leben spielen

29. März 2007

Mit dem Leben spielen – das tut nicht nur der, der Russisch Roulette spielt, der Soldat und der Widerständler gegen eine Diktatur. Es tun auch Theaterspieler und überhaupt Leute, die mit der Freude eines Spiels an alles herangehen, was sie tun. Zum Beispiel die genauen Beobachterinnen der Natur. War sehr happy, als ich zwei Jahre nach der Lektüre von „Der freie Fall der Spottdrossel“ einen Vogel sah, der irgendwo bei mir den Wohnblock herunterfiel und erst kurz vor dem Boden die Flügel aufspannte, um dann sanft zu landen. Vielleicht (nur) eine beinahe mißglückte Flugübung eines Jungvogels, der gerade aus dem Nest geworfen wird. Annie Dillard, die Autorin des Buches, damals noch keine 30 Jahre, hat in ihrer TBC-Rekonvaleszenz ein Jahr zum Spielen geschenkt bekommen, sie spielt Beobachterin der Natur. (Es scheint, dass diese Krankheit auch mit ihrem Leben gespielt hat.) Zitiere einen Text zum Abgrund des Spielens (aus „Der freie Fall der Spottdrossel“, S. 290), der Text erinnert mich an Sophie Scholls Tagebücher: Read the rest of this entry »

kam kam kam

16. März 2007

Habe schon lange kein Gedicht mehr geblogt. Hier ein Ausschnitt von einem Gedicht von Paul Celan, entdeckt als Schlusswort in einem Ruth Pfau Buch:

Kam, kam.
Kam ein Wort, kam,
kam durch die Nacht,
wollt leuchten, wollt leuchten.

Es ist Ausschnitt aus einem recht langen Gedicht von Celan: „Engführung“. Das ganze Gedicht, so typisch Celan, ein wenig depri und vor allem verschlüsselt. Aber es gibt halt auch die anderen, die positiven klaren Stellen, so wie die oben, und es passt jedes Wort. Was sag ich? Es geht ja gerade darum, dass jedes Wort passt – in der Sprache des Gedichts – dass das Wort leuchtet. Das Wort, das ist der verständige Mensch, der Mensch, der zu sprechen beginnt. Der mit seinem Lebensplan, den er noch gar nicht so richtig kennt, in die Welt tritt… Ich baue mir jetzt meine Verständnisschichten zu diesem Gedicht. Read the rest of this entry »