Verführung des Künstlers
11. September 2009
Nochmal aus Nadolnys Münchner Poetikvorlesungen („Das Erzählen und die gute Absichten“), die ich damals in meinem zweiten Semester an der Uni mit viel Spaß und Verwunderung hörte, der Text kommt fast direkt nach dem im letzten Eintrag zitierten:
In Werner Egks Oper Irische Legende überziehen die Dämonen ein Land mit Hunger, um gegen Nahrungsmittel billig Seelen einzukaufen. Cathleen, die Fürstin, leistet Widerstand, weil sie kraft aus der Liebe zieh, aus der Liebe zu ihrem Freund, dem Dichter. Die Dämonen wissen: Sobald er das Land verläßt, wird sie zusammenbrechen, und damit aller Widerstand im Lande. Sie öffnen im Schlaf sein Ohr und oktroyieren ihm Bilder und Folgerungen, um ihn zu lenken.
„Was siehst du, Dichter, im Traum?“
„Ein Bündel Stroh.“
„Verfaultes Stroh!“
„Verfaultes Stroh.“
„Was siehst du noch?“
„Einen, der auf dem Stroh liegt.“ Read the rest of this entry »
Michael Ende und die Moderne
17. Juni 2009
Jüngst (wahrscheinlich) erstmals nach der Kindheit nochmal „Die unendliche Geschichte“ gelesen. Michael Ende sagte einmal darüber (bitte nicht überbewerten, er wollte eigentlich keine Deutung geben)
„Das ist nämlich die Geschichte eines Jungen, der seine Innenwelt, also seine mythische Welt, verliert in dieser einen Nacht der Krise, einer Lebenskrise, sie löst sich in Nichts auf, und er muss hineinspringen in dieses Nichts, das müssen wir Europäer nämlich auch tun. Es ist uns gelungen, alle Werte aufzulösen, und nun müssen wir hineinspringen, und nur, indem wir den Mut haben, dort hineinzuspringen in dieses Nichts, können wir die eigensten, innersten schöpferischen Kräfte wiedererwecken und ein neues Phantásien, d.h. eine neue Wertewelt aufbauen“.
Zitiere Michael Ende aus einem Briefwechsel mit Werner Zurfluh:
Ich weiß nicht, ob es übertrieben klingt, wenn ich sage: Ich interessiere mich eigentlich nicht sonderlich für mich selbst – nur so um meiner selbst willen. 
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Widerstandskinder mit Montagsangst
30. Dezember 2008
Ich staunte über den Beitrag von Michael Probst in einem Sammelband über seinen Vater, den Widerständler Christoph Probst, der mit den Scholl-Geschwistern im Februar 1943 hingerichtet wurde. Er schreibt darin, wie schwer er es mit dem Erbe seines Vaters hatte, bis ihn jener verständige Lehrer auf die Vielfalt seiner Begabungen hinwies. Darauf, dass er guten Gewissens tun könne, was seinem Vater versagt geblieben wäre. So wurde Michael Probst ein Arzt.
Intensiver ist eine solche Geschichte, wenn die Dikatur da ist und der Wiederstandsvater noch lebt. Las gefesselt die (fast) autobiographische “Montagsangst” von Caritas Führer. Mobbing wider (schon gegen die Nazis) “bekennende Christen” in der SED-Diktatur, empfunden aus der Warte einer Schülerin, vor allem zwischen erster und sechster Klasse. Read the rest of this entry »
Jim Knopf als Anti-Nazi-Mythos
17. Dezember 2008
Rassistische Dikaturen werden auf englischem Boden bekämpft. „The Lion, the Witch and the Wardrobe“ (Der König von Narnia, C.S. Lewis), die sieben Bände um Harry Potter und, welche Entdeckung, auch Jim Knopfs Lummerland (Autor: Michael Ende) ist eigentlich England. Ein spannender Artikel, wie man die Mythen von Diktaturen durch neue Geschichten bekämpft, war gestern in der FAZ ( hier). Und die neuen Geschichten sind zugleich ganz uralte (Atlantis, chinesische Glücksdrachen…). Lesen! Hier ein kleiner Apetithappen auf den in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Artikel von Julia Voss: Read the rest of this entry »
Sympathie mit literarischen Figuren und der Sprache
8. Dezember 2008
War recht begeistert von den 40 Seiten Auszug aus „Das verborgene Wort“, die die Autorin Ulla Hahn für zwei CDs vorlas. Aufwachsen in den 50ern und 60-ern des letzten Jahrhunders, aus der Ich-Perspektive eines Mädchens erzählt, viel Autobiographisches dabei. Beim Surfen im Netz entdeckte ich Folgendes (Dieter Borchmeyer, ursprünglich eine Rezension in DIE ZEIT) :
Das krude Milieu, aus dem Hildegard sich mit allen Fasern ihrer Seele heraussehnt, hat so kaum je etwas Abstoßendes. Immer schwingt auch eine Saite der Liebe, des Mitleids mit den so gedrückten Seelen mit, auch mit dem Vater, dessen Herzlosigkeit nur das Produkt sozialer Not ist. Als er einmal einen kleinen Gewinn im Lotto macht, gewinnt sein Verhalten sofort an „Seele“.
Martin Walser hat betont, einem Romanschreiber müssten „beim Schreiben alle Figuren sympathisch sein, auch die, die der Leser dann zu den unsympathischen rechnet. Und da ist immer so etwas wie Liebe im Spiel … Dass er ein Beobachtender ist, das ist eine notwendige Arbeitsbedingung, aber ebenso notwendig ist es, dass er ein Mitleidender ist.“ Das könnte auf Ulla Hahn gemünzt sein. Read the rest of this entry »
Vor dem Aufwachen
10. November 2008
… Rot sehen – das gibt’s es bei Annie Dillard
Ich hatte mal einen Kater, eine alte Kämpfernatur, der oft mitten in der Nacht durch das offene Fenster neben meinem Bett sprang und auf meiner Brust landete. Ich wurde halb wach. Er steckte mir seinen Schädel unter die Nase und schnurrte und stank nach Urin und Blut. [...] Und manchmal wachte ich morgens im Hellen auf und sah, dass mein Körper über und über mit blutigen Pfotenspuren bedeckt war; ich sah aus, wie mit Rosen bemalt. Read the rest of this entry »
Patrik Roth: Unbewusstes und rationale Arbeit
16. Juni 2008
„Den Mann, nenn mir, Muse, den es viel umhergetrieben hat. „- so göttlich inspiriert beginnt Homers Odyssee … und dann kommt alles in wohlgeordneten Versen, hinter denen, so sollte man meinen, gar nicht so wenig Handarbeit steckt.
Es hat mich immer fasziniert zu hören, dass es irgendwie gar nicht die Dichter sind, die ihre Werke schreiben. Dazu Patrik Roth im Interview (2004):
[...] das erste Stadium, das allerwichtigste überhaupt Read the rest of this entry »
Träumerische Bedeutung von Taufe
10. Mai 2008
Zu Ehren dem ersten Baby der Theatertruppe von 2006/7, Hannah – ein großes-kleines Zeichen, dass es Zukunft gibt – Sophie Scholls Traum in der letzten Nacht vor ihrem Prozess und der überraschend schnellen Hinrichtung am selben Tag, erzählt von ihrer Zellengenossin Else Gebel.
Du bist sofort munter und erzählst mir, noch im Bett sitzend, deinen Traum: „Ich trug an einem sonnigen Tag ein Kind in langem weißen Kleid zur Taufe. Der Weg zur Kirche führte einen steilen Berg hinauf. Aber fest und sicher trug ich das Kind in meinem Arme. Da plötzlich war vor mir eine Gletscherspalte. Ich hatte gerade noch so viel Zeit, das Kind sicher auf die andere Seite niederzulegen – dann stürzte ich in die Tiefe.“
Du legtest dir den Traum so aus: „Das Kind im weißen Kleid ist unsere Idee, sie wird sich trotz allen Hindernissen durchsetzen. Wir durften Wegbereiter sein, müssen aber vorher sterben, für sie.“ Read the rest of this entry »
Übers Schreiben …
11. April 2008
… weiß ich nicht viel. Bin viel dazu ermutigt worden, dankeschön, und ein wenig hab ich davon erzählt bekommen. Danke meinen inzwischen 40.000 Blog-Klickern, ihr lest den 150. Eintrag. Ich hab da eine Geschichte bei einem Vortrag von Michael Krämer auf dem Katholikentag in Ulm aufgeschnappt, zitiere wie der Redner damals den Shoa-Überlebenden H.G. Adler als Autor, der beruft sich auf eine viel ältere Tradition. Die Geschichte handelt vom Anfang der Literatur, davon, warum überhaupt geschrieben und Kunst gemacht wird, davon, was der Mensch ist – kurz gesagt, von Adam und Eva:

Alles hinter sich lassen
28. Februar 2008
Es war immer schon verrückt und faszinierend, dass da jemand kommt, zwei Worte sagt („opisso mu“ „hinter mich!“) und dass gewisse Leute dann alles liegen und stehen lassen. Diskutiere hier zwei literarische Werke, in denen so etwas passiert: Henning Mankells „Chronist der Winde“ und F.M. Dostojewski „Der Spieler“.
Dostojewskis Ich-Erzähler Aleksej Iwanowitsch ist bereit, alles für die stolze Polina zu tun, obwohl er sich keine Chance ausrechnet, dass sie seine Liebe erwidern wird. Er ist nur Hauslehrer, sie eine Adlige mit vielen Allüren. Polina nimmt Aleksejs Treuegelübde mehrmals für eigene Zwecke in Anspruch, lässt ihn aber nicht wissen, was sie von ihm denkt und für ihn fühlt. Sie ruiniert Aleksejs Selbstbewusstsein so weit, dass er durch ihre Späßchen seine Anstellung verliert. Indem sie ihn eines Abends allein im Hotelzimmer besucht, setzt sie sich selbst über Anstandsregeln hinweg und „kompromittiert sich“ – alles deutet darauf hin, dass sie ihm ihre Liebe gestehen will. Aleksej aber ist von dieser Situation überfordert und eilt erstmals mit eigenem Geld in den Spielsalon. Er konstruiert sich eine Geschichte, dass Polina in jener Nacht krank gewesen sein müsse. Read the rest of this entry »