Nobelpreis für Widerstand
12. Dezember 2009
Bin recht angetan von der Rede Herta Müllers “Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis” bei der Nobelpreisverleihung am Montag. Ein interessanter Kommentar zur Feierlichkeit findet sich in der FAZ:

Herta Müller beim Bankett
In ihrem schlichten schwarzen Kleid mit weißem Gürtel und weißem Saum war Herta Müller inmitten der opulenten Ballroben und des allgemeinen Geglitzers mancher echter und vieler falscher Juwelen die eigentliche Hauptperson des Abends. Nicht nur in ihrer Erscheinung steht sie für die Konzentration aufs Wesentliche.
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Invasion!
7. Juni 2008
Der Umgang mit den Fremden ist großes Thema bei den Kammerspielen in dieser Spielzeit, „Invasion” (Kritiken hier) von Jonas Hassen Khemiri dauert nur 40 Minuten, entdeckte einige interessante Aspekte an diesem Thema. Zum Lachen: Alle haben etwas oder wollen etwas mit Abulkasem – den aber gibt es gar nicht wirklich, Den Rest des Beitrags lesen »
Dem Löwen vorgeworfen
7. August 2007

Warum war das Urchristentum so faszinierend? So faszinierend, dass es irgendwann einmal sogar wirtschaftlich klug war, sich unter die Christen zu reihen? So faszinierend, dass es schließlich ein Kaiser in Rom als Staatsreligion ausruft? So faszinierend, dass es Hunderte oder Tausende in den Märtyrertod trieb, nur weil sie kein Weihrauchopfer für den Kaiser bringen wollten? Warum konnte das Urchristentum der Apostel die Krankenheilungen herbeiführen, von denen die Apostelgeschichte berichtet (die aber schon bei der Aufzählung der Charismen durch Paulus fehlen)?
Ich denke deshalb, weil es Charakterschule war. Woran erkennt man einen vollkommenen Charakter? Am Humor. Folglich: Man sollte über das Urchristentum eine Komödie schreiben. So geschehen in George Berhard Shaw „Androklus und der Löwe“, derzeit im Residenztheater München. (Inhaltsangabe hier, warum es ein Märchen ist hier.) Den Rest des Beitrags lesen »
Käthe Kollwitz: wie der Tod aussieht
17. April 2007
Nach dem bemerkenswerten Vortrag von Theo Schmidtkonz zu Käthe Kollwitz (1867 – 1945) (Karfreitag) sammle ich hier ein paar Bilder, wie sie den Tod malte.
Zunächst rechts oben sie selbst im Foto und darunter als Büste, damit man sie unten wiedererkennt. Man muss wissen, dass sie Berlinerin, Sozialistin und mit einem Armenarzt verheiratet war. Ihre Bilder sind durchwegs (sozial-)politisch gemeint, zum Teil malte sie auch Aufrufe zu Demonstrationen. Eine gute Einführungsseite mit Bilderklärungen finden sich über Wikipedia und hier, eine Bilderzusammenstellung etwa auch hier.
Zu unserem Thema: Wir hatten ja im Stück die klassische Variante kostümiert, ein schwarzer Henker ohne Beil. Käthe Kollwitz kennt auch eine solche Darstellung (nächstes Bild, vielleicht interpretiere ich falsch.) Den Rest des Beitrags lesen »
Fotos aktuell (WoEnde 18./19.11 + 4./5.11.)
8. November 2006
Hier nun also die ersten 5 Fotos von den beiden ersten Aufführungen.
Eine herzliche Einladung noch an alle zu den kommenden beiden Aufführungen.
Ein Foto vom “Wutlied”
Ein Foto beim “Lied von der Freundschaft”
Hausbesetzung bei Pfarrer Weiss
Ein Foto beim Lied: “Hackt er wieder”
Das Licht des Bewusstseins geht langsam auf
Nun die Fotos vom Probenwochende (4./5.11.2006)

Allen ist die Freude noch nicht anzumerken, aber das wird schon noch.

Anspannung ist gut – ich denke sie loest sich dann auch noch

Bei einer Theaterprobe kann es auch mal langweilig sein – Sehr gut, wenn man dies auch spielen kann!

Oh, Oh, wer zulange dableibt wird gefesselt – die Teufel verstehen ihr Handwerk (noch)

so ein eigenes Zimmer ist schon schoen – und wenn dann auch noch das Fenster geputzt wird. Besonders die Sauberkeit der Scheiben beeindruckt mich!

Bei ungebetenem Besuch wird es dann etwas ernster.

Durch diese Mauer ist kein durchkommen – doch geistig kann man einander verbunden sein und aneinander denken. Liebe Zuschauer freut euch auf die Gesangssoli!

Was nicht alles auf der Maschine transportiert wird – (Unabhängig vom Schreiber kamen meine Mitregisseure auf die Idee “brains in a vat” auf die Bühne zu bringen – das ist aus dem philosophischen Gruselkabinett, oder auch aus den Matrix-Filmen bekannt.)

Da ist es also das Innere – maschinenhaft bei der Arbeit. Und es wird aufgepasst, dass alles so laeuft wie geplant.

Manches bedarf noch der Koordination – doch es ist schoen zu sehen wie alle dabei sind!

Die Welt, sowie die Schoepfung harrt weiter der Erloesung. Gut, dass es Hoffnungszeichen gibt!
Schwäbische Jugend
17. Oktober 2006
Zum morgigen Geburtstag unseres Hans Scholl Schauspielers und gewählten Mitglieds der KJT-Leitung fand ich was im Netz. Äußerlich hatten die beiden später zum Tode verurteilten Geschwister Scholl schon während ihrer Zeit in den nationalsozialistischen Jugendverbänden je etwas Auffallendes, so dass sich manche Ulmer Einwohner noch heute daran erinnern. Ich zitiere den Online-Auftritt der Stadt Ulm:
Was tragen Teufel am Leibe?
4. Oktober 2006
A. Die meisten Teufel in der Literatur der letzten Jahrhunderte sind männlich und in Anzug und Krawatte gekleidet, und doch irgendwie heruntergekommen. So passt es schon auf Mephisto in Goethes Faust (den man freilich auch anders auf die Bühne bringen kann), auf den Teufel des Iwan Karamasoff (in Dostojewski: Die Brüder Karamasoff), und den des Adrian Leverkühn (bei Thomas Mann in „Doktor Faustus“). Für mich sind diese Teufel Managertypen, ähnlich wohl auch denen bei Adalbert von Chamisso (im „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“) und bei Bulgakow („Der Meister und Margaritha“, ein Buch, das ich nicht verstehe). Auch jüngst in den Matrix-Filmen, wenn man Agent Smith als Teufel verstehen will.
Ich weise hier nicht alles nach, aber zitiere zumindest zwei Stellen. Zunächst zitiere ich meinen Lieblingsroman. Der 24-jährige Iwan K. sitzt mit hohem Fieber allein im Zimmer.
Dort saß plötzlich jemand! Wie und wann er hereingekommen war, das mag Gott wissen […] Es war irgendein Herr oder besser gesagt, ein bestimmter Typ von russischem Gentleman, nicht mehr jung an Jahren, einer ‚qui frisait la cinquantaine’, wie die Franzosen sagen, dessen dunkles, ziemlich langes, noch dichtes Haar und keilförmig geschnittenes Bärtchen erst wenig grauuntermischt waren. Er trug einen kurzen, augenscheinlich vom besten Schneider gearbeiteten, aber schon ziemlich abgetragenen braunen Rock, ein Kleidungsstück, das ungefähr vor drei Jahren gearbeitet sein mochte und bereits ganz aus der Mode gekommen war, so dass diese Art Röcke von tonangebenden reichen Herren seit etwas zwei Jahren nicht mehr getragen wurden.[…] Mit einem Wort, das äußere hatte den Anschein von Wohlanständigkeit bei äußerst knappem Taschengeld. (Die Brüder Karamasoff, Übertragung E.H. Rahsin, Serie Piper, 1952, S. 1036)
Typisch für einen Teufel ist eine hohe Verwandlungsfähigkeit, aber es bleibt gern etwas derb snobistisches. In den ersten beiden Goetheschen Faustszenen im Studierzimmer gilt nach Erich Trunz:
Während Mephistopheles [zunächst] als fahrender Schoastikus [Student] aufgetreten ist, erscheint er [in der zweiten Szene im Studierzimmer] in der Kleidung eines Adligen.
B. Im Faust sind freilich auch die klassischen Teufelsattribute präsent, wie sie aus mittelalterlichen Theaterspielen und Schriften übernommen wurden, und auch mir zuerst für einen Teufel einfallen: ein Bocksbein, häßlich, Behaarung, ein Schwanz, Hörner, die Farben schwarz und rot. Solche Teufel treten in den Vorläufern von Goethes Faust auf, die Mythenforscher kennen auch einen griechischen Gott mit einem Bocksbein, den Pan. Im Jedermann (im Mittelalter und bei Hofmannsthal) tritt so ein Teufel auf, so kann man sich im Fasching als Teufel verkleiden.
Wenn man diese Verkleidung kennt, versteht man die Managerteufel leicht so, dass die gewalttätig und sexuell aggressiv zerstörerischen Attribute in den obigen literarischen Texten von außen nach innen gewandelt sind. – Bleiben sie bei Dostojewski nicht auch noch außen – nur in anderer Form? Was bei Dostojewski freilich wegfällt, ist das verspielte und manchmal sogar schon kuschelige Äußere: dass man von Teufelchen reden kann, wenn man sich Hörnchen aufsetzt. Dass man im Fasching sich als Teufel verkleiden kann, ohne böse zu sein.
C. Eine dritte Variante versucht noch viel radikaler als die Literaten das Äußerliche, das leicht ins Verspielte tendiert, wegzulassen: In Musicals ist es üblich, Teufel als schwarze Gestalten auftreten zu lassen, manchmal als Fledermaus- oder Vampirvarianten, manchmal als Punks oder Rocker. (Kann mir jemand Stücke oder Inszenierungen schrieben, in denen das so ist?)
Was für Teufel haben wir in unserem Stück? Managertypen – Typen wie den griechischen Gott Pan – oder dunkle Gestalten? Für die erste Interpretation spricht die Organisation der Teufel mit IT-Chef und Oberkommissar, für die dritte die schwarzen Pläne des Mephisto, offensichtlich in der Szene, in der er selber in Sophies Traum eingreift und den totalen Krieg entfacht. Für die zweite Interpretation, dass es sich bei den unseren um sehr menschliche und etwas verspielte Teufel handelt, spricht meines Erachtens am meisten. Das heißt aber nicht, dass wir sie mit den klassischen Attributen ausstatten wollen, das wäre (bei unserer Stückkonzeption wohl Kitsch).
Die zugrunde liegenden Erzählungen für unsere Teufel sind meines Erachtens die die dummen Teufel in den Märchen. Sie werden durch Bauernschläue überwunden. (Zum Beispiel im Brüder Grimm Märchen: Der Bauer und der Teufel).
Märchen werden nun zwar oft illustriert, und zwar in Kostümierungen vom Typ B – aber ich denke, das ist eine Zusatzinterpretation, die durch den Text nicht gerechtfertigt ist. Ähnlich doof, wie wenn man statt dem „Kupper, knupper, kneischen, wer knuppert an meinem Häuschen“ der Brüder Grimm „Knusper, Knusper, Knäuschen“ sagt. – Ich denke, wie man sich einen Teufel im Märchen vorstellt, da ist man ziemlich frei… Nur leider weiß ich jetzt immer noch nicht, was die Teufel in unserem Stück tragen sollen.
Kostüme und Musik als Zugangserleichterung
26. September 2006
In Kinofenster schreibt Claudia Hennen zum Kinofilm “Sophie Scholl – Die letzten Tage”:
Bewusst wurden jedoch aufdringliche Zeitbezüge vermieden und Uniformen, Hakenkreuze und andere Insignien des Nationalsozialismus weit gehend ausgeblendet. Die Kostüme entsprechen zwar der Mode der 1940er-Jahre, wirken jedoch seltsam zeitlos. Insgesamt entsteht eine Atmosphäre, in der Handlung und Dialoge an Aktualität gewinnen, denn Rothemund versteht seinen Film nicht als reinen Geschichtsfilm, sondern in erster Linie politisch. Anachronistisch ist auch der Soundtrack: Reinhold Heil und Johnny Klimeks elektronische Klangcollagen im Stil der österreichischen Kultband „Kruder & Dorfmeister“ wurden handlungstragenden Momenten – etwa dem Auswerfen der Flugblätter oder der Fahrt zum Prozess – unterlegt. Besonders ein jüngeres Publikum dürfte auf diese Weise einen leichteren Zugang finden und sich gut mit Sophie Scholls Haltung identifizieren können. Nicht zuletzt ist es der herausragenden schauspielerischen Leistung von Julia Jentsch zu verdanken, dass die Frage nach dem politischen Engagement einer Generation und der Zivilcourage jedes Einzelnen beindruckend an Aktualität gewinnt.
Ich bemerke Nähe und Ferne zur Konzeption unseres Theaters. Es geht sowohl um Politik als auch um innere Haltung. Von einem Theater muss man nicht verlangen, dass auf der Bühne oder in den Gewändern Historisches exakt imitiert wird. Im Gegenteil, wenn von Anfang jeder sehen kann, dass man das nicht will, dann ist der Zuschauer gezwungen, in Gewand und Kulisse eine Extra-Idee vermuten. (Die könnte ich freilich heute noch nicht formulieren. Wenn es am Ende bei unseren Aufführungen keine gäbe, wäre das schade.)
Auch Musik greift auf unserer Bühne anders ins Stück ein als das in einem Film passiert. Sie ist mit Text unterlegt, kommentiert, treibt teilweise auch die Handlung voran. Wie dem Film gibt sie dem Stück eine gewisse Stimmung, die sie für gewisse Gruppen anziehend macht. Ich bin leider in Fragen des Musikstils nicht so richtig gut drauf. Kennt jemand „Kruder & Dorfmeister“? Schreibt mir jemand die Kultband, an die die Musik in unserem Stück erinnert? Wie würdet ihr die Stimmung beschreiben, die unsere Songs unabhängig vom Text haben?
Tom Tykwer: “Drecklevel”
26. September 2006
Warum diesen Blog? – Damit wir beim Spielen möglichst viel „wissen warum“.
Ich zitiere Tom Tykwer, Regisseur von u.a. “Lola rennt” und jüngst „Das Parfum“, aus einem Interview in der FAZ. (Man soll sich an den Großen des Fachs orientieren. Beziehungsweise tun, was sie sagen, nicht unbedingt sich daran orientieren, was sie selber tun – so jedenfalls j.v.n. – ich selber habe den Film nicht gesehen.)
„Ich habe mir tatsächlich nie vorgestellt, daß ich einen Kostümfilm machen würde. An Kostümfilmen ärgert mich immer, daß die Leute so aussehen, als seien sie vor zwei Minuten vom Kostümbildner angezogen worden, und mich ärgert der Zustand, in dem die Welt ist. Es sieht immer aus wie Heute, ein bißchen auf Gestern getrimmt, weil Oberflächen nicht genügend bearbeitet werden und bei Filmen, die im achtzehnten Jahrhundert spielen, zum Beispiel das Drecklevel einfach nicht stimmt.“
Stimmt, Kostümtheater wollen auch wir nicht machen, aber ganz ohne soldatische Stiefel und Mützen wird es auch nicht gehen. Und auch der Tom Tykwer hat ja mit “Das Parfum” einen historischen Film gemacht.
„Wir haben versucht, einen historischen Film zu machen, der nicht die Theatralik eines herkömmlichen Kostümfilms bemüht, nicht diese artifizielle Ästhetik herstellt, die automatisch einreißt, wenn Komparsen in Kostüme gesteckt werden, in denen sie sich nicht wohl fühlen, und von links nach rechts laufen, ohne zu wissen, warum. Wir haben mit den Darstellern, auch den Statisten, über alles geredet, was sie tun, und haben darauf bestanden, daß alle auch können, was sie tun. Die Fischmetzger müssen Fische ausnehmen können, sie müssen Gesichter haben, die in die Zeit passen, sie müssen vor allem in ihren Kostümen schon Zeit verbracht haben. Wir wollten den Trick Süskinds wiederholen, der eine erfundene Geschichte so erzählt, als sei sie wirklich geschehen, und der uns mitnimmt in diese Epoche. Süskind vermittelt uns ein glaubwürdiges Gefühl der Zeit, wie sie wahrscheinlich gewesen ist, vor allem eben das Leben auf der Straße und nicht in den Adelshäusern, die wir sonst fast immer sehen im Kino.“
Auch wir wollen niemand nur in irgendein Kostüm stecken und irgendwas spielen lassen, sondern jeder soll wissen, warum dies und das.