Lachen macht milde

18. Februar 2009

Ich mag Bubers “Erzählungen der Chassidim”, sie  sind mir aber oft genug schwer zugänglich, manche gehen mir beim wiederholten Lesen auf.  Diesen Vorgang selber kommentiert die folgende Geschichte. (Maggid = Maggid von Mesritsch = Rabbi Bär)

Das Sündenregister

Der Raw von Kolbischow weilte einst in Mesritsch und sah, wie ein alter Mann zum Maggid kam Den Rest des Beitrags lesen »

Ein Aspekt, den ich zum Theaterstück beiseite gelassen habe. So gut wie alle Weißen Rose Mitglieder, die am Ende hingerichtet wurden, waren Raucher (bei Willi Graf und Professor Huber bin ich nicht so sicher). Auch Sophie – in einer Zeit, in der es noch verhältnismäßig ungewöhnlich war, dass Frauen rauchten. (Der Kinofilm würdigt ja die Abschiedszigarette vor der Hinrichtung am 22. Februar (der Blog hat den Todestag verschlafen, tja.)) Den Rest des Beitrags lesen »

gesamtFür wen, für welche Zuschauer spielen wir Theater?

Ich denke mir mal, wir spielen für 4 Gruppen

(1) Erstens für die, die den Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ gesehen haben. Die sich begeistert haben für das, was Sophie Scholl tat und sagte, und die staunend zuschauten, wie Sophie sicher war, dass der Tod das kleinere Übel ist. Für andere Fans der Weißen Rose, die den Film nicht kennen oder nicht so viel darin entdeckt haben, natürlich auch.

(2) Für Fans der KJT: Den Rest des Beitrags lesen »

Wenn unser Theaterstück in der Berliner Morgenpost einen Verriss bekäme, wäre das für uns als Gelegenheits-Amateurbühne schmeichelnd, für einen Kinofilm ist es das freilich nicht. Rothemunds Film bekam in dieser Zeitung während der Berlinade zwar noch vorsichtiges Lob, als der zweite Kritiker der Berliner Morgenpost den Film aber im Kino sah, fühlte sich Elmar Krekeler gezwungen, von einer “geradezu holzschnittartigen, angestaubten Dramaturgie, der jedes Überraschungsmoment fehlt” zu sprechen. Das ist ein Todesurteil. (Ein anderes als das im Film gezeigte.-) Es kommt noch schlimmer. Der Film sei wie ein kitschiges Heiligenbildchen der Sophie Scholl als Schmerzensmama (Pieta) des kranken Deutschland. Ich zitiere:

Und damit wir auch merken, was für eine Heilige diese Sophie Scholl doch ist, häufen sich gegen Ende die Pietá-Bilder, muß Sophie immer in den Himmel gucken, muß sie immer mehr beten (nichts – vielleicht abgesehen vom Geschlechtsakt – wirkt, weil es da nicht hingehört, auf der Leinwand derart unecht, so derart ausgestellt wie das Beten). Und als ob für die Jeanne-d’Arc-Legenden-Bildung von Sophie Scholl damit noch nicht genug getan wäre, lassen Reinhold Heil und Johnny Klimek darüber derartig schluchzende Streicherhymnen singen, daß man für Momente bedauert, im Kino keine Altarkerzen abbrennen zu dürfen.

Todlangweilig, an der Wirklichkeit vorbei, rührselige Musik – wenn es mir nicht gut geht, gehen da so manche Befürchtungen in einem herum, wie da mal auch unser Theater herüberkommen wird.

Wenn es mir dann besser geht, denk ich mir: die Geschmäcker sind verschieden, vielleicht hab ich auch einfach das Glück, ein bisschen mehr zu sehen: ein Holzschnitt kann sehr fein ausgearbeitet sein, wenn das Leben auf die Bühne soll, muss man sich auch an schwierigen Dingen probieren (z.B. Beten darstellen) und die Schwierigkeiten dabei als Herausforderungen sehen, und selbst wenn unsere Musik dem ein oder anderen Zuschauer hymnisch schluchzend vorkommt – wir würden uns freuen, wenn im Publikum Kerzen oder Sternwerfer angezündet würden.

Auf heisse.de schreibt Rüdiger Suchsland zum Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“

[…] immerhin kommt es zu der erstaunlichen Erfahrung, dass man sogar eine Art Suspense empfindet, eine Spannung, eher Anspannung, dass man fast beginnt, darauf zu hoffen und zu glauben, dass Sophie Scholl vielleicht doch noch davonkommen könnte. Die eigentliche große Leistung des Films ist dieses Drehbuch. […]

Noch wichtiger ist nämlich eine zweite Wirkung dieses Drehbuchs: die Sprache. Durchweg ist sie idealisiert, dominiert ein hoher Ton. Wenn manche Kritiker über den Film bemerken, hier werde Pathos vermieden, dann irren sie. Vermieden wird Sentimentalität – und noch nicht einmal die ganz. “Die Sonne scheint noch”, sind die letzten Worte Sophie Scholls im Film. Stattdessen geht es um “Freiheit und Ehre … ein neues geistiges Europa … Sitte, Moral und Gott” gegen “die falsche Weltanschauung”.

Man kennt solche Worte gar nicht mehr, man kennt noch weniger Menschen, die so sprechen – so fern und fremd wirkt das alles manchmal. Aber gerade das ist gut. Denn die Fremdheit liegt nicht etwa primär in der Unzeitgemäßheit einer Weltanschauung, die Thomas Assheuer in der “Zeit” treffend als “eine Form politischer Theologie” charakterisiert, sondern in der Unbedingtheit mit der Politik als Ernstfall und existentieller Lebensbereich begriffen wird. Indem uns der Film darauf stößt, wie fern eine wie Sophie Scholl uns ist, erinnert er uns daran, wie nahe sie uns sein könnte. Ein Redefilm, der seinen Stoff immer wieder ins Abstrakte hebt, der sperrig ist, nicht vermenschelnd.

“Die kritische Frage nach dem Zusammenhang von Politik und Ästhetik”, die Barbara Schweizerhof beherzt und trotzig (und dann doch nicht gerade im Übermaß begründet) jetzt in der “taz” dem Lob der Kollegen nachwirft, lässt sich ganz einfach so beantworten: Manchmal muss es eben Pathos sein. Und gegen den Pathos des Widerstands gegen Tyrannei ist ganz und gar nichts einzuwenden. Unerträglich die Vorstellung, man würde uns eine Sophie Scholl zumuten, die irgendwie “heutig” und “zeitgemäß” wäre, cool und vorlaut. Indem die Sophie Scholl dieses Films spricht wie die Figuren bei Schiller – “ein harter Geist, ein weiches Herz” -, voller brennender Leidenschaft für ihre Gedanken und die Freiheit, sie zu denken, für die Wahrheit und die Freiheit, an ihr festzuhalten, indem sie auch inhaltlich ganz ungebrochen und ohne geringste Einschränkungen Idealismus pur an den Tag legt und ihre Ausführungen mit einem Lutherschen “Ich kann nicht anders.” bekräftigt, macht die Figur bewusst, was den heutigen politischen Diskursen fehlt. Ein Heldendrama, das daran erinnert, dass es in der Politik um Leben und Tod geht, gehen muss, gehen kann, und dass die Tatsache, dass sich die Dinge heute vor allem um Visa, Diäten und Rentenkürzungen drehen, nicht nur einen Gewinn bedeutet.

Die Behauptung ist also, dass eine Sprache “wie Schiller” einfach angemessen für das Thema ist. Ich behaupte ja nicht, dass die Sprache unseres Theaterstückes so gut ist wie die oben gerühmte. Interessanterweise aber war meine Methode nicht groß anders als die des Drehbuchautors Fred Breinersdorfer. Suchsland zitiert, was Breinersdorfer über seine Verfahrensweise sagt

… Die Dialoge sind aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt: Die Protokolle, Briefe und Aufzeichnungen von Sophie Scholl – ihre individuelle Schreibsprache. Zitate von ihrer Schwester Inge, Zitate aus den Flugblättern. Da ging es dann zunächst einmal darum, diese Texte überhaupt sprechbar zu machen.

Ich hoffe ja doch, man merkt in “Fangt uns doch” den Unterschied zwischen der Sprache Goethes und dem Rest. Extra pathetisch werden wir meines Erachtens selten. Beim Lernen merkt ihr hoffentlich, wo es nicht sprechbar ist, damit wir es noch ändern können. Sagt Suchsland, die Sprache des Films (und damit die der Tagebücher) sei ein gutes Modell für eine heutige Sprache – oder sagt er, der Film spreche nur eine Sprache für außergewöhnliche Politiker und übermenschliche Helden?

In einem Beitrag zum Film “Sophie Scholl – Die letzten Tage” schreibt

Sophie Scholl ist in Julia Jentsch so unabweisbar gegenwärtig, als käme sie aus der heutigen Zeit und als sei sie eine von uns.

Er lobt die schauspielerische Leistung, die den Zuschauer mitreißt, ergänzt dann aber

Man nimmt diesem Film nichts von seiner Eindringlichkeit, wenn man feststellt, dass sein Versuch, Sophie Scholl zu unserer Zeitgenossin zu machen, die historische Wahrheit nur streift. Denn in Wirklichkeit ist uns diese junge Frau nicht nah, sondern fern und fremd. Erst recht das verschlungene Universum ihres religiösen Empfindens bleibt unserem Weltbild unverständlich. Rothemund scheint dies zu spüren und vertraut deshalb ganz auf nachholende Einfühlung und die Macht der Empathie.

Es regt mich auf, wenn jemand betont, dass uns das Weltbild der Widerstandskämpfer fremd bleibt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder es stimmt oder Assauer soll sagen, wo der Fehler liegt.

Außerdem: Ist es nicht unendlich viel, wenn die historische Wahrheit in einem Film gestriffen wird? Ich würde ja gern wissen, was an dem Film gelogen ist. Sophie ist vielen Leuten in München, etwa Annelies Graf, nicht groß aufgefallen. Julia Jentsch spielt keine Frau, die prinzipiell groß auffällt. Der Glanz und die Empathie für Sophie Scholl kommen vom Ende, von den Taten, vom Sicherstehen im Prozess, davon, dass sie im Nachkriegsdeutschland hoch geschätzt wird.

Vor allem regt mich das Zitat auf, weil es so tut, als wären die Verständnishorizonte unter Zeitgenossen so ähnlich: wir verstehen uns ja alle aber jemand von damals kann man nicht mehr verstehen. Es gibt (in gutem Sinne) elitäre Leute auch heute, man versteht sie auch erstmal nicht: aber man hat doch eine Chance. Und die Verstehenschance für Sophie Scholl ist ziemlich groß, denn man kennt viele privaten Aufzeichnungen von ihr.

Was sind die Dinge im Leben der Sophie Scholl, an denen der Film vorbeigeht? Mir ist nicht klar, ob Assauer kritisiert, dass der Film die öffentliche, politische Dimension ihres Widerstandes ausklammert. Aber Assauer behauptet, dass der Zuschauer heute eigentlich mit Sophies religiösem Weltbild nichts anfangen kann. Ich zitiere wieder

Gewiss war Sophie Scholl keine dezidierte Intellektuelle, jedenfalls nicht in dem Maß wie die anderen Mitglieder der Weißen Rose, die noch immer in ihrem Schatten stehen. Doch wer ihr religiöses, durch Pascal- und Augustinus-Lektüren sowie vom katholischen »Hochlandkreis« beeinflusstes Weltbild ausblendet oder wer sie gar zu einer seelenverwandten Zeitgenossin erklärt, der verleiht ihrem Widerstand gegen die »Herrschaft der brutalen Gewalt« etwas Privates und Zufälliges.

In Wirklichkeit handelte Sophie als christliche Universalistin. Sie missbilligte jede Form von Gewalt und stellte die biblische Wahrheit höher als die machtvergötzende »Wahrheit« germanischer Götter. Gott sei für alle Menschen »herabgestiegen« und nicht nur für die Starken. Einmal streitet sie sich in ihren Briefen mit ihrem Freund Fritz Hartnagel über dessen Militärdienst. Als Soldat müsse er unterschiedlichen Herren und unterschiedlichen »Wahrheiten« dienen. Doch als Christin lehne sie dies ab – kein Mensch und keine irdische Macht dürften sich an die Stelle des Absoluten setzen.

Zugegeben, es ist sehr selten die Sprache von heute, dass man einem Menschen oder einer höheren Macht dient. (Beim Worten wie Gottesdienst oder Wehrdienst assoziiert man kaum, dass da jemand ist, dem man dadurch dient, dass man dabei ist.) Aber ich glaube, der ärgerlichste Punkt, wenn uns Sophie Scholl Weltbild nicht nahe kommt, ist, dass man den Tod nicht sehen will. Und der ist den Menschen heute und damals fremd gewesen. Freilich nicht Augustinus, Pascal, Carl Muth. Ohne dass ich ein besserer Zeitgenosse wäre, fasziniert mich das.

In Kinofenster schreibt Claudia Hennen zum Kinofilm “Sophie Scholl – Die letzten Tage”:

Bewusst wurden jedoch aufdringliche Zeitbezüge vermieden und Uniformen, Hakenkreuze und andere Insignien des Nationalsozialismus weit gehend ausgeblendet. Die Kostüme entsprechen zwar der Mode der 1940er-Jahre, wirken jedoch seltsam zeitlos. Insgesamt entsteht eine Atmosphäre, in der Handlung und Dialoge an Aktualität gewinnen, denn Rothemund versteht seinen Film nicht als reinen Geschichtsfilm, sondern in erster Linie politisch. Anachronistisch ist auch der Soundtrack: Reinhold Heil und Johnny Klimeks elektronische Klangcollagen im Stil der österreichischen Kultband „Kruder & Dorfmeister“ wurden handlungstragenden Momenten – etwa dem Auswerfen der Flugblätter oder der Fahrt zum Prozess – unterlegt. Besonders ein jüngeres Publikum dürfte auf diese Weise einen leichteren Zugang finden und sich gut mit Sophie Scholls Haltung identifizieren können. Nicht zuletzt ist es der herausragenden schauspielerischen Leistung von Julia Jentsch zu verdanken, dass die Frage nach dem politischen Engagement einer Generation und der Zivilcourage jedes Einzelnen beindruckend an Aktualität gewinnt.

Ich bemerke Nähe und Ferne zur Konzeption unseres Theaters. Es geht sowohl um Politik als auch um innere Haltung. Von einem Theater muss man nicht verlangen, dass auf der Bühne oder in den Gewändern Historisches exakt imitiert wird. Im Gegenteil, wenn von Anfang jeder sehen kann, dass man das nicht will, dann ist der Zuschauer gezwungen, in Gewand und Kulisse eine Extra-Idee vermuten. (Die könnte ich freilich heute noch nicht formulieren. Wenn es am Ende bei unseren Aufführungen keine gäbe, wäre das schade.)

Auch Musik greift auf unserer Bühne anders ins Stück ein als das in einem Film passiert. Sie ist mit Text unterlegt, kommentiert, treibt teilweise auch die Handlung voran. Wie dem Film gibt sie dem Stück eine gewisse Stimmung, die sie für gewisse Gruppen anziehend macht. Ich bin leider in Fragen des Musikstils nicht so richtig gut drauf. Kennt jemand „Kruder & Dorfmeister“? Schreibt mir jemand die Kultband, an die die Musik in unserem Stück erinnert? Wie würdet ihr die Stimmung beschreiben, die unsere Songs unabhängig vom Text haben?

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