Wölflein und reißender Wolf

16. November 2009

2006 © Thorsten Jander

Hörte öfter Wolf Biermanns Lieder zur Friedlichen Revolution: Von den verdorbenen Greisen, Michael Gorbatschow, ich kau mein Herz in Einsamkeit, vom Grab des Vaters in den Lüften. Alle betonen, wie intensiv die Ausbürgerung dieses Komunisten 1976 in der DDR registriert wurde und Honegger und Genossen in ein seltsames Licht stellte. Er ist ein richtig wilder Hund, ich mag seine Texte, seine Melodien und seine Gitarre, ich höre sogar eine versteckte Menschliebe hinter dem Zorn – und doch bekommen diese Lieder mir nicht, sie hinterlassen eine Beklommenheit zwischen Herz und Bauch, die ich nicht einfach dadurch loswerde, dass ich sie spüre. Read the rest of this entry »

Bin heute sehr dankbar, den Leipzigern, für ihr mutiges Beten und Demonstrieren heute vor 20 Jahren. Werde auch die Nobelpreisträgerin von gestern, Herta Müller, einmal lesen, die angeblich so genau den Diktatoren dieser Welt auf die Finger schaut – und indirekt das hohe Lied der Freiheit singt.  Dieses Lied sei mit Reiner Kunze (aus einem Interview in Jahr 1991) angestimmt

[Interviewfrage] Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen im Osten Deutschlands von der Freiheit, die jetzt gekommen ist, enttäuscht sind? Von der Freiheit, die sie so stürmisch wollten und nach der sie aus einer so tiefen Überzeugung heraus verlangten?

[Kunze] Diejenigen, die in diesem politischen System nahezu erstickt sind, werden die Freiheit stets als den Wert empfinden. Aber hat denn die Mehrheit der Menschen tatsächlich die Freiheit gewollt? Die Menschen in der DDR haben nicht wissen können, was das ist, die Freiheit zu wollen.  Sie haben geglaubt – nicht alle, ich weiß -, Freiheit sei etwas, das man ohne Gegenleistung erhalten kann. Sie haben eine Freiheit ohne Risiko erwartet. Eine Freiheit, die man, wie soll ich sagen, abheben kann bei Bedarf. Eine verwaltete Freiheit. Eine bequeme Freiheit. Da kann ich nur sagen: Nichts ist unbequemer als die Freiheit. Aber auch nichts ist begehrenswerter. Read the rest of this entry »

Kriegslogik

27. August 2009

Es naht der 70. Jahrestag des Begins des zweiten Weltkrieges. Las bei Andrea Böhm einen Artikel über „Die unaussprechliche Tat: Vergewaltigung von Männern“, zum Bosnien-Krieg und zum Ostkongo:

Vergewaltigung ist das einzige Verbrechen, bei dem die Scham der Tat am Opfer, nicht am Täter hängen bleibt. Gerade deshalb funktioniert sexuelle Gewalt so gut als Waffe im Krieg. Read the rest of this entry »

Adam von Trott wäre 100

11. August 2009

Am 9. August wäre einer aus dem Kreisauer Kreis 100 Jahre alt geworden, einer der jüngsten, Adam von Trott zu Solz, Doppelagent im Auswärtigen Amt der Nazis. Eine Predigt des Bischofs zum Festgottesdienst fasst dieser Artikel in der Hersfelder Zeitung Online zusammen. Ein Zitat:

Viel sei Adam von Trott gegeben worden: das familiäre Umfeld, das ihm die Türen zu einflussreichen Kreisen im In- und Ausland geöffnet habe; eine beeindruckende Weitsicht, die es ihm ermöglichte, die verschiedenen Richtungen des Widerstands beieinander und gesprächsbereit zu halten; eine noble Liberalität, mit der er andere für sich gewinnen konnte, aber auch eine immense Beharrlichkeit, die Dinge voranzutreiben, die ihm wichtig waren.

Der höchste Preis

Doch Adam von Trott habe man nicht nur viel gegeben, man habe auch viel von ihm gefordert. Am Ende der höchste Preis: das Opfer des Lebens. Das solle nicht vergeblich sein. Der Bischof erinnerte an die Inschrift auf dem Gedenkstein unter dem Kreuz hoch über Imshausen: Bittet für sie. Beherzigt ihr Beispiel.

Die Kollekte des Gottesdienstes erbat Verena Onken von Trott für ein Hilfsprojekt im Sudan: ein Modell im Zentrum der Konflikte.

Sudanpolitik ist tatsächlich etwas, wo heute Widerstand gefragt ist. (Mir scheint es schwieriger hier Widerstand zu leisten als etwa gegen Neonazis. Zugegeben, es ist weit weg. Dennoch: Warum nehme ich mir nicht die  Zeit dafür?)

Es weitergeben

8. Juni 2009

Wie Widerstadsfähigkeit weitergeben?

Christian Führer, selbst Sohn eines Pfarrers, hat nach seinem Studium in Leipzig Ende der 60er Jahre seine erste Pfarrstelle in einer Landgemeinde in Sachsen angenommen. Mit ihm kommt seine Frau Monika.

Im Dorf waren wie so richtig angekommen. Die Anteilnahme der Dorfbewohner spürte ich deutlich, als im Jahre 1969 unser erstes Kind geboren wurde. Read the rest of this entry »

Vor 75 Jahren wurde der Publizist Fritz Gerlich von den Nazis ermordet, anderthalb Jahre war er vorher ohne Prozess im Gefängnis gesessen. Man wusste davon (und von ähnlichen Morden) im Saarland und in Österreich, und doch hat man dem Hitler zugejubelt.

Zu ihm gibt es eine recht gute Website hier mit allen Ausgaben seiner Zeitung zwischen 1931 und 1933 zum Herunterladen.

„Es gibt nur einen, der den geraden Weg zu Gott gegangen ist. “ oder so ähnlich schreibt Sophie Scholl an Fritz Hartnagel mitten im Krieg. Sie meint damit nicht Fritz Gerlich, aber dessen Zeitung hieß tatsächlich „Der gerade Weg“ und warnte vor Hitler. Bis 1930 war Gerlich Chefredakteur der „Münchner Neueste Nachrichten“, der Vorläuferzeitung der Süddeutschen.

Eine Historikerdiskussion gestern offenbarte spannende Dinge. Was für ein Hitzkopf Gerlich war, wie er sich beraten ließ (von Resl von Konnersreuth), wie man als Nichtjournalist gleich Chefredakteur werden kann, dass er keine Angst davor hatte, für das, was er schrieb und herausgab, zu sterben, wie er überlegte, auf die SS-Leute, die sein Büro plünderten, zu schießen, wie einer seiner Artikel jemand in den Selbstmord trieb, wie seine Zeitschrift einen Freund schwer in Zahlungsschwierigkeiten brachte, wie Hitler mit ihm sprach und wie sie seitdem erbitterte Feinde wurden, wie er stundenlang Artikel aus dem Kopf diktieren konnte … das wird eine Fernsehsendung für BR Alpha

Was ich so als Jugendlicher und Kind gesagt bekam in den 80-er Jahren: Die Amerikaner haben uns nach dem Krieg geholfen, sie stehen für Freiheit und gegen Kommunismus und Diktatur. Sie wollen nicht die Weltherrschaft wie (jeder im Gesellschaftsspiel Risiko und wie) die Sowjetunion. Sie sehen sich gezwungen, aufzurüsten, weil es die anderen auch tun. Die sogenannte Friedensbewegung sind entweder keine politischen Realisten oder sie sind vom Kommunismus unterwandert. Die Erben der Weißen Rose, allen voran Inge Aicher-Scholl und Fritz Hartnagel, galten als anti-kommunistisches Aushängeschild der Friedensbewegung. Read the rest of this entry »

Gestern diese Geschichte und ihre Vorgeschichte aus erster Hand von Christian Führer erzählt bekommen. Bin recht dankbar und glücklich. (Am Bild die offene Tür der Nikolaikirche.)

Philipp von Boeselager

23. Januar 2009

Mein Weblog hat den 1. Mai 2008, den Tod Philipp von Boeselagers verschlafen. Einer vom 20. Juni, der den Tod als Widerständler in Kauf genommen hätte. Dazu manches in der FAZ:

Am Vorabend seines Todes noch hat er mit seinem Freund, dem Verleger Friedrich-Karl Sandmann, über die Vorgeschichte des 20. Juli geredet. Auch da fiel wieder dieser Satz: Hätte er doch, als er einmal direkt hinter ihm stand, Hitler erschossen, statt auf die Ausführung des 20. Juli zu warten. Read the rest of this entry »

Die Menschen als Schweine

16. Dezember 2008

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Otl Aichers Erfahrung bei der Wehrmacht. Mit einem kleinen Kommentar ärgert er einen Vorgesetzten – er muss nicht lange warten, bis er alleine strafexerzieren muss, eine Quälerei und sicherlich war er danach dreckig „wie die Sau“. Noch schlimmer für den jungen Intellektuellen: Sprache und Welt der Kammeraden beim Kommis, „schweinisch“ sagt man. Read the rest of this entry »