Hitler als Antichrist?

18. März 2008

Dezember 1942, es geht ums Grundsätzliche. Ich zitiere eine Zankel-Rezension von Jakob Knab:

An einem Sonntag im Advent 1942 trafen sich einige Freunde der »Weissen Rose« mit dem katholischen Kulturphilosophen Theodor Haecker. [...]. Hier meine Darstellung dieser Schlüsselszene: Die Frage kam auf die »Heraufkunft des Antichrist«. Haecker, darauf vorbereitet, las zunächst die entsprechende Bibelstelle (2 Thess 2, 1 – 12) vor und gab dann eine Deutung im Sinne des englischen Theologen John Henry Newman (1801 – 1890), indem er seine eigene Übersetzung von Newmans Oxforder Predigt »Die Zeiten des Antichrist« vortrug. Hans Scholl protestierte gegen diese religiös-eschatologische Deutung: »Der Antichrist kommt nicht erst, er ist schon da!« Read the rest of this entry »

Typisch für Weiße Rose Filme und Theaterstücke ist die Willkommens- und 21.Geburtstagsparty für Sophie Scholl, als sie im Mai 1942 in München ein Studium beginnt. Interessant, auf einem neuen Hörbuch zu hören, dass das heißersehnte Studium für Sophie wohl mindestens in der ersten Zeit eine herbe Enttäuschung war. Dass sie gerade mal in die Vorlesungen ging, aber nicht viel für die Uni unternahm. Von der Studentin ist nicht überliefert, dass sie eine biologische Tätigkeit faszinierte – so wie sie als Schülerin einmal das Sezieren eines Fisches im Tagebuch schildert. Erst im zweiten Semester, gleichzeitig mit wildesten Plänen für Flugblattaktionen, klingt es durch ihre Briefe durch, dass sie ein philosophisches Uni-Buch fasziniert: Leibnizens Theodizée. Read the rest of this entry »

Seinen Willen tun

21. August 2007

Waren die Weiße Rose Leute und ihre Mentoren Anhänger der Aufklärung, der Autonomie und der Mündigkeit des Menschen? In Peter Bieris Nachtzug nach Lissabon (siehe auch letzter Eintrag) gibt es Stellen, an der Christentum und Autonomie als unüberbrückbare Gegensätze erscheinen. Zum Beispiel, als Eça von seinem Freund Amadeu de Prado im Widerstand gegen die Salazar-Diktatur erzählt:

Auch bei Abschieden und Entschuldigungen gebe es eine Frage der Würde, fügte [João Eça] hinzu. Amadeu habe manchmal darüber gesprochen. Besonders habe ihn der Unterschied beschäftigt zwischen einem Verzeihen, das dem anderen die Würde lasse, und einem, das sie ihm nehme. Es darf kein Verzeihen sein, das Unterwerfung verlangt, habe er gesagt. Also nicht so wie in der Bibel, wo du dich als Knecht von Gott und Jesus verstehen musst. Als Knecht! So steht es da! (419) Read the rest of this entry »

Dokumentiere hier kurz einen Briefwechsel, den ich mit einem Aufsatzautor und Multiplikator zur Weißen Rose hatte. Es geht um den Stil der Weiße Rose Flugblätter, insbesondere der ersten vier Flugblätter, die für akademische Leser geschrieben waren. Im vierten Flugblatt heißt es beispielsweise:

Jedes Wort, das aus Hitlers Munde kommt, ist Lüge. Wenn er Frieden sagt, meint er den Krieg, und wenn er in frevelhaftester Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den gefallenen Engel, den Satan. Sein Mund ist der stinkende Rachen der Hölle Read the rest of this entry »

Inge Scholl, Fritz Hartnagel und Otl Aicher engagierten sich nach dem Krieg sehr in der Friedensbewegung: gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, gegen die Stationierung von Atomwaffensprengköpfen, dass heute immer noch Ostermärsche stattfinden ist ein Überbleibsel dieser Bewegung.

Großes Aufbegehren des Volkes in internationalen Dingen gab es zuletzt beim Begin des Irakkrieges, und nun wieder, wenn die Großen Acht (G8, die aber tatsächlich nicht mehr die größten 8 Volkswirtschaften der Welt sind) sich im Ostseebad Heiligendamm nahe Rostock treffen. Worum geht es den Globalisierungskritikern, die dort auftreten? Als allgemeine Antwort auf diese Frage verweise ich auf zwei Blogs, einen mehr inhaltlichen und einen mehr praktischen mit Grönemayer auf der Frontpage.

Mich interessiert der Skandal der Armut. Read the rest of this entry »

Ein Akt des kirchlichen Widerstands jähre sich jüngst zum 70. Male. Die päpstliche Encyclica „Mit brennender Sorge“ die in geheimer Mission im deutschen Reich verbreitet worden war und nicht nur einigen Druckereien das Ende bereitete. Siehe DLF-Bericht. Hauptsächlicher Verfasser war der Münchner Kardinal Michael Faulhaber, der darin manch kritisches Wort gegen das NS-Regime fand.

Ein Widerstandscharakter war der Münchner Kardinal freilich nicht. Er war ein verblendeter Fan der Monarchie und empfand ihre schnelle Entthronung 1918 in München als das einschneidende Ereignis seines Lebens. Er vertraute auf Hitler als den wieder gekommenen Monarchen wegen eines guten Gesprächs, das er 1936 mit ihm hatte. Alles was ihm nicht gefiel, kreidete er Hitlers Untergebenen an. (Als Mahnung für alle (zum Beispiel mich), die Demokratie für die beste Staatsform ansehen: Auch daraus keinen Absolutismus machen.)

Read the rest of this entry »

Hitler Lacher

13. Januar 2007

Ich habe keine besondere Lust, in den neuen Hitler Film „Mein Führer“ zu gehen, ich war ja nicht einmal in „Der Untergang“. Wenn Hitler, wie in „Mein Führer“ dargestellt, eine lächerliche Gestalt war, steigert das ein wenig die Peinlichkeit, mit der man ihm nachgelaufen ist – aber selbst wenn er nicht lächerlich war, an der Sprache hätte man ihn entlarven können, von Theodor Haecker, der das als Hitlers Zeitgenosse tat, schrieb ich bereits.

Im Stück ist Hitler meist so etwas wie eine dunkle Wolke im Hintergrund, nur einmal ist er so richtig Thema: Im Lied nach der Pause, dem Lied von der Axt im Walde oder „Hackt er wieder“, keine Veräppelung, keine Verherrlichung, eher bedrückend gestimmt. So eindrücklich wie dieser Song war, so intensiv wie es von sehr vielen empfunden wurde; manche nannten es ihr Lieblingslied.- Es stimmt nicht alles an unserer Umsetzung durch den Chor: Die Geste entspricht nicht dem Hacken eines Beiles. Und es ist irgendwie trotz allem verharmlosend und verspielt, von Hitler als einem Waldarbeiter zu reden.

Und wieder würde ich sagen: Die Peinlichkeit, dass man ihm nachlief, kann man zurückspiegeln auf Deutschland. So leicht ließ es sich verführen. So leicht lässt es sich vielleicht heute noch verführen. Wenn auch die Hitler-Masche wohl nichts mehr bewirken kann, so gäbe (gibt?) es da wohl andere Verführungstrategien . Nicht nur Deutschland, nicht nur die Welt überhaupt, wohl auch ich würde mich vielleicht hoffnungslos verführen lassen, hätte da nur jemand die rechte Masche. bittejaimvaterunsergegensoetwas.

Inge Jens berichtet vom Herbst 1941, als Hans Scholl seinen künftigen Mentoren Muth und Haecker begegnete.

Zwei katholische Publizisten in deren Werk die Vorstellung von einer Gemeinschaft der Armen, der Erniedrigten und Beleidigten sichtbar wird, deren Glaubensgemeinschaft die Gegenwelt zum Reich des Bösen, der Zwangsherrschaft der Nationalsozialisten bildet.
Gleich weit entfernt von religiöser Schwärmerei und dogmatischer Enge suchten Muth und Haecker das jesuanische Ideal eines durch Armut und Brüderlichkeit bestimmten Lebens im Dienst am Nächsten, wie es - auch er Dostojewskij verpflichtet! – der Renouveau Catholique von Bloy bis Bernanos in der Literatur entworfen hatte, für die politische Realität, das Leben unter dem Nationalsozialismus, wirksam zu machen und christliche Kultur – Muths altes, in seiner Zeitschrift „Hochland“ vertretenes Programm – zur Welt hin zu öffnen. Read the rest of this entry »

Die menschliche Stimme

12. Oktober 2006

Regisseure mahnen im Amateurtheater öfter, laut und deutlich zu sprechen. Wir wollen aber nicht vergessen, dass in der menschlichen Stimme noch viel mehr Möglichkeiten liegen, die ein Schauspieler zum Ausdruck bringen kann. Auf die negativen weist heute jeder Dokumentarstreifen aus der Nazi-Zeit hin. (Zuletzt lief ja manches zu den Nürnberger Prozessen.) Jede Stimme kann verführen, eine ganze Generation kann davon geblendet sein – und später denkst du: Wie konnten die Leute so doof sein, auf solche Stimmen hereinzufallen. (Angefangen bei „Knusper knusper kneischen“ :-) )
Alle Achtung vor jemand, der das Falsche in den Stimmen zu Kriegszeiten hören konnte. Theodor Haecker, der im Freundeskreis um die Weiße Rose manchen mehrere Vorträge hielt und den Krieg nicht überlebte (+ 1945 in Urstersbach!) schreibt 1939 in sein Tagebuch:

Ich erschrecke in diesen Tagen über die Fähigkeit der menschlichen Stimme, abgesehen von dem, was sie sagt, allein durch sich selbst, nicht bloß individuell, sondern typisch, repräsentativ, die geistige Ausgestorbenheit eines ganzen Volkes zu verraten, zu verlautbaren, zu proklamieren. Die Stimme des „Ansagers“! (Tage- und Nachtbücher, Eintrag [7])

Read the rest of this entry »