Pascals Maschine

30. August 2007

Für Zeiten, in denen man Klarheit bracht, empfehle ich, (wenn man nicht in eine Kathedrale gehen kann) sich Blaice Pascals (1623-62) Aufzeichnungen zu verlinken (oder die Pensées im Orignial nachzulesen). Mit klare Worte meine ich eindeutige Worte, so wie in den Märchen, aber doch Theorie. Zum Beispiel:

Die Menschen beschäftigen sich damit, einem Ball und einem Hasen nachzujagen. Das ist selbst das Vergnügen der Könige. (Pensées, 40)

Der Ball und der Hase, dem Pascal drei Jahre nachjagte, war eine Rechenmaschine, ein früher Vorläufer der heutigen Computer (siehe Bild). Eine große Erfindung. Descartes dachte damals, alles außer dem menschlichen Geist sei Maschine, sogar der menschliche Körper und die Tiere. Der erste Rechenmaschinenbauer Pascal reflektierte über unser Verhältnis zur Maschine Read the rest of this entry »

„Das Herz hat seine Gründe“, so der Titel eines meiner Lieblingsbuches (Buch des Jahres 2004), das Zitat stammt von Blaise Pascal.

TotenmaskeWir arbeiten für unser Stück an einer Büste von Blaise Pascal, mein Gesicht kommt seiner Totenmaske tatsächlich vom Alter her am ähnlichsten. Vom Aussehen, das möge jeder selbst beurteilen. Pascal, sein Leben lang von schwacher Gesundheit, „starb am 19. August 1662, er wurde 39 Jahre und 2 Monate alt. Als sein Körper geöffnet wurde, sah man, daß Magen und Leber zusammengeschrumpft, das Gedärm war verfault und im Gehirn fand sich Blutgerinnsel. Trotzdem zeigt seine Totenmaske ein Lächeln, das beweist, daß Blaise Pascal von einem Frieden wußte, dem seine Krankheit und sein Tod nichts anhaben konnte.“ (Zitat aus einer Radiosendung.)

Was haben Carl Muth und der Weiße-Rose-Kreis an diesem Denker des 17. Jahrhunderts geschätzt? (Pascals naturwissenschaftliche und mathematische Entdeckungen sind längst Standart und inzwischen sehr verfeinert, Newton war wohl ein noch genialerer mathematisch-physikalischer Entdecker.)

Ich vermute, dass wenigstens ein faszinierender Punkt an Pascal ist es, dass er das Problem von Glauben und Naturwissenschaft ernst genommen hat. Man sagt in kirchlichen Kreisen gerne so: Da gibt es eine naturwissenschaftliche Entdeckung, sie könnte wahr sein, aber unser religiöses Wissen ist doch viel grundlegender und existentiell gewisser, im Zweifelsfall hat die religiöse Tradition recht.

Pascal dachte mehr, wie ein heutiger wissenschaftlich gebildeter (oder wissenschafts-„gläubiger“) Mensch denkt. Da gibt ein naturwissenschaftliches Phänomen. Welche Auswirkungen hat das auf meine Weltanschauung? Was ist an meiner Religion falsch, weil es nicht mit der Wissenschaft zusammenpasst?

Da war also im 17. Jahrhundert die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht. Man könnte sagen, das ist eine Frage der Perspektive, wenn man die Erde als Mittelpunkt denkt, werden die Rechnungen komplizierter, aber prinzipiell passt beides. Biologisch versteht man den Menschen am besten als das ausdifferenzierteste Lebewesen, dem entsprechen die theologischen Grundtexte: Als letztes Lebewesen wird er in der 7-Tage Geschichte auf die Erde gesetzt, Gott hat es beliebt, in Jesus menschliche Gestalt anzunehmen, und er hat den Plan, alle Menschen mit Hilfe der Jünger Jesu zu einer gewaltlosen Gesellschaft zusammenzuführen (und erst sollte es je mit den Menschen so weit sein, könnte vielleicht auch die übrige Natur nachziehen).

Ganz anders als diese schöne beruhigende Reaktion ist die Reaktion des Blaise Pascal:

Ich schaue die grauenvollen Räume des Universums, die mich einschließen und ich finde mich an eine Ecke dieses weiten Weltenraumes gefesselt, ohne daß ich wüßte, weshalb ich nun hier und nicht etwa dort bin, noch weshalb ich die wenige Zeit, die mir zum Leben gegeben ist, jetzt erhielt und an keinem anderen Zeitpunkt der Ewigkeit, die vor mir war oder die nach mir sein wird. Ringsum sehe ich nichts als Unendlichkeiten, die mich wie ein Atom, wie einen Schatten umschließen, der nur einen Augenblick dauert, ohne Wiederkehr. Alles, was ich weiß, ist, daß ich bald sterben werde. Aber, was der Tod selbst ist, das weiß ich am wenigsten. (Aus der Radiosendung wie oben.)

Der Mann sagt nicht nur, dass die Wissenschaft recht hat, sondern auch, dass das Weltbild ins Schwanken bringt. Auf diese Weise sprechen noch heute viele Wissenschaftler, die zu Atheisten geworden sind.

Bei all seiner Klarsicht kämpfte Pascal um seinen Glauben. Daher die Rede, dass nicht nur das logische Denken Gründe vorbringt, sondern auch „das Herz“ (vgl Schaubild). Vor allem der Gedanke, dass der Mensch so verloren im Weltall stehen kann, und dennoch eine gewisse Zentralstellung im Universum hat: er als einziger erkennt sein Elend und seine Verlorenheit (vgl Pensée Nr.114) –ich kenne Pascal leider zu wenig, als dass ich wüsste, wie er genau argumentiert.

Der Mathematiker, Rechenmaschinenbauer, Theoretiker des Roulette, Planer eines öffentlichen Nahverkehrssystems (mit Kutschen durch Paris) usw. Blaise Pascal (1623- 1662) schrieb die folgende berühmte Meditation (Pensée Nr.47):

Wir halten uns nie an die Gegenwart. Wir rufen uns die Vergangenheit zurück; wir greifen der Zukunft vor, als käme sie zu langsam und als wollten wir ihr Eintreten beschleunigen, oder wir rufen uns die Vergangenheit zurück, als wollten wir sie festhalten, da sie zu schnell vorübereilte, wir sind so unklug, dass wir in Zeiten umherirren, die nicht die unsrigen sind, und nicht an die einzige denken, die uns gehört, und wir sind so eitel, dass wir an jene denken, die nichts sind, und uns unüberlegt der einzigen entziehen, die weiterbesteht. Das kommt daher, weil die Gegenwart uns meistens weh tut. Wir verbergen sie unserem Blick, weil sie uns betrübt, und wenn sie uns angenehm ist, bedauern wir, sie entschwinden zu sehen. Wir bemühen uns, sie durch die Zukunft abzusichern, und meinen die Dinge zu ordnen, die nicht in unserer Macht stehen, und das für eine Zeit, die zu erreichen für uns ganz ungewiss ist.

Jeder prüfe seine Gedanken. Er wird finden, dass sie ganz mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt sind. Wir denken fast überhaupt nicht an die Gegenwart, und wenn wir an sie denken, so nur, um aus ihr die Einsicht zu gewinnen, mit der wir über die Zukunft verfügen wollen. Die Gegenwart ist niemals unser Ziel.

Die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel; allein die Zukunft ist unser Ziel. Deshalb leben wir nie, sondern hoffen auf das Leben, und da wir uns ständig bereit halten, glücklich zu werden, ist es unausbleiblich, dass wir es niemals sind.

Der Text soll zunächst für sich stehen. Wem er gefallen hat, der möge erstmal dabei bleiben und nicht meine leicht hingeschriebenen Kommentare lesen.

Schauspieler leben in einem mehrfachen Sinn nicht in der Gegenwart. Sie leben im Stück eines anderen, in einer anderen Zeit, mit anderen Plänen. Und dazu kommt noch alles, wovon Pascal schreibt.

Was ist unsere Rettung (als Schauspieler in einem historischen Stück), wenn wir nicht dem Urteil verfallen wollen, der Gegenwart (und damit der einzigen Chance, glücklich zu werden) zu entfliehen? Es ist vielleicht richtig, mit vollem Einsatz auf der Bühne zu sein – aber das ist nicht alles.