65. Todestag

21. Februar 2008

Zum Andenken an die ersten drei Toten der Weißen Rose, gemordet am 22.2.1943:

Jakob Knab zu Sophie (in einer Rezension zum Jugendbuch von Werner Milstein), sie und alle anderen waren nicht so, wie man sie gern hätte:

Sophie Scholl in weich gezeichneten Umrissen,

[...] Milstein schreibt: „In der Ulmer Pauluskirche, früher Garnisonskirche, wurde sie konfirmiert.“ Warum schreibt er nicht: Den unbedingten Drang, nonkonformistisch, kernig und provozierend, aufzutreten, zeigte Sophie Scholl auch bei ihrer Konfirmation am Palmsonntag 1937, als sie als einziges Mädchen ihres Jahrgangs in der braunen BDM-Kluft nach vorne zum Altar der Ulmer Pauluskirche schritt. Read the rest of this entry »

warum kleinschrift?

19. Januar 2007

Muss da einen Text aus den „innenseiten des krieges“ (Otl Aicher, S. 66) unbedingt ins Netz setzen, finde es eine Schande, dass er nicht längst schon irgendwo im Netz steht. Otl Aicher ist für den Krieg eingezogen, hat kurzfristig frei, trifft sich mit Sophie Scholl und die beiden debattieren.

kennst du den kleinen gott, frage ich? den gott, der nicht die geschichte lenkt, der nicht zu gericht sitzt, der nicht seinen fuß auf seine feinde setzt? es gibt ihn. er kümmert sich nicht um die könige und mächtigen der erde, nicht um kaiser und päpste, nicht um die siege der nationen, sondern um arme, hungrige, verlassene, einsame und leidende, all die kleinen, die von der geschichtsschreibung auf den kompost geworfen werden. „der ganze erdball kann nicht in einer größeren not sein als die seele. und dieser gott ist bei den leidenden seelen am abrund des nichts.“

was ich durchmache, kann ich nicht einmal mitteilen, es ist so inwendig und geheim, dass nur ein gott es verstehen kann, der sich klein genug machen kann, in meinem inwendigsten platz zu finden. das ist nicht der gott der hohenpriester. du lernst ihn kennen, wenn du den evangelisten markus in einem zug durchlist.

Keine theologische Auswertung, auch wenn das recht spannend werden könnte. (Was bleibt von Gott, wenn er nicht allmächtig ist?)

Sondern Theater: Sophokles und Shakespeare schrieben über Könige und Kriegsherren seine größten Stücke, Becket und Bernhard schreiben sie über ganz gewöhnliche Leute. Was die auf der Bühne mitmachen ist auch schon „so inwendig und geheim, dass nur ein gott es verstehen kann, der sich klein genug machen kann, in meinem inwendigsten platz zu finden“. So etwas suchen auch wir: Wir spielen über berühmte Leute, aber Leute ohne hohe Herkunft und vor allem stellen wir das nicht dar, was sie berühmtes taten.

Otl Aicher war der kleine gott, die kleinen leute und das augustinische innere so wichtig, dass er vielleicht deshalb sein leben lang beim kleinschreiben blieb.

Wie eine Botschaft aussenden?

13. November 2006

Zum Schluss der Szene „Im Inneren des Menschen“ inspirierte mich die Kirchenoper „Augustinus. Ein klingendes Mosaik“ von Winfried Böhm (Libretto) /Wilfried Hiller (Komponist) Uraufführung 2005, geschrieben für die evangelische Lukaskirche in München an der Isar (Innenraum auf dem Bild sichtbar). Am Ende geht eine Sologeigerin durch die Kirche, sie spielt artistisch, Klänge aus dem tiefsten, wilden Ungarn, und schön, fast von einer anderen Welt. Dann gehen die sechs Sänger, die den Augustinus verkörpern, ins Volk und erzählen in den verschiedensten Sprachen, was Augustinus der Welt zu sagen hatte, endend mit „confiteor“ (das bedeutet gleichzeitig: „ich war ein Schlawiner“ und „Gott hat mich gerettet“.) Wenn sie sich so in den Gängen der Kirche verteilt haben, wechseln sie in Gebärdensprache, lassen sich Zeit bei ihren Gesten, wiederholen sie ein paar Mal. Währenddessen läuten die Glocken. Dann ist die Vorstellung beendet.

Ich zitiere einige lobende Rezensionen, Read the rest of this entry »

Ein Web-Zeitungartikel der Deutschen Tagespost bringt viele wichtige Zitate der Scholl Geschwister. Das ist dir, Domi, vielleicht eine Hilfe, wenn du für irgendwelche Werbeveröffentlichungen noch etwas brauchst.

1940 schreibt Sophie ihrem an der Front stehenden Freund Fritz Hartnagel: „Wie könnte man da von einem Schicksal erwarten, dass es einer gerechten Sache den Sieg gebe, da sich kaum einer findet, der sich ungeteilt einer gerechten Sache opfert.(…) Ob es wohl auch heute noch Menschen gibt, die nicht müde werden, ihr ganzes Denken und Wollen auf eines ungeteilt zu richten?“

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Gebärdensprache

9. Oktober 2006

Den Text, den wir zum Fest der Seele in 22 Gebärden „sprechen“, lautet (in 31 deutschen Wörtern):

Groß bist du, Herr, und höchsten Lobes würdig.

Groß ist deine Macht, und deine Weisheit hat keine Grenzen.

Und dich will ich loben ein Mensch, irgend so ein Stück deiner Schöpfung.

(Jedem unterstrichenen Wort entspricht eine Gebärde, nur die beiden Wörter „will ich“ sind eine gemeinsame Gebärde.)


älteste Darstellung des Augustinus, Mosaik an der Kapelle Sancta Sanctorum in der Bibliothek von Papst Gregor dem Großen im Lateran, 6. JahrhundertEs ist der Beginn der ersten Autobiographie, die es je gab, der „Bekenntnisse“ des Afrikaners Augustinus von Hippo. Der Titel ist so gemeint, dass Augustinus von allem Schlimmen in seinem Leben bis zum 30. Lebensjahr erzählt (bekennt), damit sichtbar wird, was am Ende doch Gutes und Tolles daraus geworden ist, weil Gott gehandelt hat. So ist das von innen, wenn man als Johannes, Jakobus, Zachäus oder Maria Magdalena Jesus begegnet. Bei Augustinus speziell: So ist das, wenn man entdeckt, dass Gott kein materielles Wesen ist. (Augustinus entdeckte da nicht nur theoretisch, sondern manches praktische dazu – so richtig bin ich da nicht drin.)


Das lateinische Original unseres Textes ist sprachlich recht schön, und noch knapper (26 Wörter), manche Wörter sind umgestellt und einige ganz anders geworden (in deutsch: keine Grenzen, auf lateinisch: keine Anzahl)

Magnus es, domine, et laudabilis valde:

magna virtus tua, et sapientiae tuae non est numerus.

et laudare te vult homo, aliqua portio creaturae tuae

Im darauf folgenden lateinischen Text könnte man ziemlich viele rhetorische Stilmittel aufsammeln (nach vielen Jahren aus der Schule könnte mir das auch wieder Spaß machen). Der Text ist wie wenn immer zuerst eine kleine Welle kommt, und dann kommt dieselbe Welle wieder, jetzt viel größer: „magnus … magna virtus“, zu deutsch „Groß“ (zeile 1) … „Große Macht“ (zeile 2). Auch das „et laudare te vult homo“ wird mit einem verstärkenden Wort wiederholt, der Text entfaltet eine große Unruhe und Dynamik, jeder neue Halbsatz wird mit einem „und“ eingeleitet, und dann kommt es schnell zu dem Satz, den ich lateinisch von Augstinus auswenig kann (über den ich staune, den ich aber nicht immer glaube): „inquietem est cor nostrum, donec requiescat in te“ (Auf dich hin hast du [Gott] uns erschaffen und „unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ )

Augustinus muss noch einmal irgendwo gesagt haben, dass man die vollkommenste Musik nicht mehr hört. (Findet jemand das Zitat?) Das hat Willfried Hiller dazu inspiriert, sein Augustinus Oratorium in Gebärdensprache enden zu lassen. Rezensionen sind hier und hier. Hiller nimmt denselben Text, den wir auch nehmen. Die Gebärdensprachenidee in unserem Stück ist also „geklaut“. Immerhin werden unsere Gesten ziemlich anders, weil wir vom Deutschen ausgehend übersetzen.