Entscheidung spielen
4. Dezember 2007
Der Grundkurs Dramatisches Gestalten am Gymnasium Ursberg spielt dreimal im Jahr, alles mögliche und unmögliche an Theaterstücken, mit Hingabe ans Theater Spielen, ansonsten mit einfachen Mitteln, meist nahe am Text des Autors. Meine Lieblingsnummer heuer (vor Lorca und Moliere) war „Der Bruder unseres Gottes“ von Karol Woitila (als er noch nicht Papst Johannes Paul II hieß) am letzten Wochenende. So sehr dieser Papst als jemand auffiel, der klare Botschaften zu vermitteln hatte, so sehr ist sein „Jugendstück“ unklar, vage und auf der Kippe. Read the rest of this entry »
Pascals Maschine
30. August 2007
Für Zeiten, in denen man Klarheit bracht, empfehle ich, (wenn man nicht in eine Kathedrale gehen kann) sich Blaice Pascals (1623-62) Aufzeichnungen zu verlinken (oder die Pensées im Orignial nachzulesen). Mit klare Worte meine ich eindeutige Worte, so wie in den Märchen, aber doch Theorie. Zum Beispiel:
Die Menschen beschäftigen sich damit, einem Ball und einem Hasen nachzujagen. Das ist selbst das Vergnügen der Könige. (Pensées, 40)
Der Ball und der Hase, dem Pascal drei Jahre nachjagte, war eine Rechenmaschine, ein früher Vorläufer der heutigen Computer (siehe Bild). Eine große Erfindung. Descartes dachte damals, alles außer dem menschlichen Geist sei Maschine, sogar der menschliche Körper und die Tiere. Der erste Rechenmaschinenbauer Pascal reflektierte über unser Verhältnis zur Maschine Read the rest of this entry »
Wieviel Tod halte ich aus? (und Barockmalerei)
30. Juli 2007
… Ein klein Wenig, das ging beim offenen Singen in Türkheim. Unterer Text sei der letzte von Liedtext von Rolf Krenzer (1936-2007) vor seinem Tod. Das erzählte Robert F., der uns das Lied vorstellte. Mag auch die Melodie von Robert Haas.
Wie mit neuen Augen, beginn’ ich neu zu sehen.
Und mit neuen Augen will ich nun weitergehen.
Den Weg bisher, so lang und schwer, seh ich auf einmal anders.
Ich sehe neu und anders – und wie vorher.
Ich sehe neu und anders – und wie vorher.
Fast rauschhafte Freiheit
9. Juli 2007
Der Ruf des Hans Scholl nach Freiheit war wahrscheinlich nicht nur eine Hoffnung für Deutschland. Ich denke, dass eine Art Freiheit auch in seinem Inneren lebte. Um zu erläutern, was ich meine, ein Zitat von Ruth Pfau, auf die ich ja schon öfter in diesem Blog hingewiesen habe. Man muss wissen sie ist Ärztin in der pakistanischen Millionenstadt Karachi (mehr Bilder hier); als Jugendliche (*1929) noch die Bombadierungen von Leipzig am eigenen Leibe mitbekommen. Read the rest of this entry »
Unbediente Erwartungen
2. Juli 2007
Im Jahr 2001 haben wir ein Theaterstück von Martin Winklbauer gespielt, dessen neues Theaterstück „Die Gottsucher“ wurde für die 80 Leute-Theatergruppe in Haimling geschrieben. Es hat erstmal einen seltsamen Titel zweitens ein eher langweiliges Plakat. Man geht hin, wenn man etwas über den Heiligen Benedikt von Nursia bzw. über Business-Leute sehen will und weiß, was man von einem Winklbauer-Theaterstück erwarten darf. Das ist vor allem, dass es die Erwartungen, die es aufbaut, immer wieder ent-täuscht. (Falls es noch nicht klar ist, hier spricht ein Fan – auch ein Fan der Haimlinger Inszenierung!) Read the rest of this entry »
Vier Bühnen: Clowns, Kammer, Vampire, Fiktion
13. Februar 2007
Vieles gesehen, die letzte Woche. Alles was man kritisiert auch als Kritik am eigenen verstehen (Kritik kann ja auch ein Lob sein, griechisch krinein heißt einfach urteilen.-): Read the rest of this entry »
Die Maschine hat einen wieder
5. Februar 2007
Dafür, wie wir das Innere des Menschen als Maschine darstellten, haben wir manches Lob bekommen. Dank der Münchner Aufführungen gibt es jetzt Photos, die diese Maschine von oben zeigen. Read the rest of this entry »
Graphikkonzept und Aladins Wunderlampe
29. Januar 2007
Wir hatten ein verhältnismäßig einheitliches graphisches Konzept. Die dünn aufgetragenen Flüchtenden auf dem Plakat, der Körper aller Gestalten im Programm ist weiß gelassen. Ob das mehr etwas Chinesisches ist oder den Kohlezeichnungen (man verbessere mich, wenn das falsch ist) einer Käthe Kollwitz oder einer Tisa von der Schulenburg nachempfunden ist, kann ich nicht sagen. Sicher ist es auch original Dominik G. Im Programm malt Domi wie die letzteren Malerinnen eher die vom Schicksal gezeichneten Menschen. Anders die Vorderseite. Dort laufen wahlweise Hans und Sophie Scholl – oder Lilo Ramdohr und Alexander Schmorell – dem Betrachter davon. Sie laufen nicht mehr wie Kinder, sie scheinen das Leben zu kennen, die Frau schaut sogar bewusst und skeptisch nach hinten. Aber sie laufen leicht. Unsere gemeinsame Intension ist ja, dass sie den Titel widerspiegeln. Fangt uns doch! (Zu leicht, und zu überraschend sei dieser Schluss gewesen, so sagten uns manche Zuschauer.) Read the rest of this entry »
Pantomime am Eingang
22. Januar 2007
Ein Pantomime sagt nichts, er ist schwarz und weiß, irgendwie schon so, als stünde der Tod vor der Türe… der Karmelitenkirche am Samstagabend. Für mich war es B., die am nächsten Tag ein Casting hat und als Pantomime üben muss. Nicht zu vergessen, sie muss morgen (bzw. gestern, am Sonntag) die Liebe pantomimisch darstellen. Aber zurück zur Situation, da kommst du als Schauspieler oder als Theatergast herein, und dir gibt jemand schweigend die Hand. Du weißt, man darf mit ihr nicht reden. Aber du gibst sie so zurück, es wird schon o.k. sein, schließlich gehe ich in ein Theaterspiel. Da läuft es ganz gut, dann ist Pause, sie spielen weiter und plötzlich kommt die Situation auf der Bühne. „Das war’s also. Bitte Abschied zu nehmen, Hans Friedrich Scholl.“ So spricht der Tod, er steht mitten auf der Bühne. Dann gehen sehr viele zu Hans und nehmen von ihm Abschied. „Tun auch sie dergleichen, Sophia Magdalena.“
Und du, lieber Schauspieler, lieber Zuschauer, hast diesen Handschlag auch getan. Irgendwie vergessen, was man sonst noch tun muss und sich auf die Handlung eingelassen, die so weit führt, bis Hans und Sophie Scholl keine Angst mehr vor dem Tod haben und dem, was sie eigentlich tun wollen, nichts mehr im Weg steht.
Mir sagten die Schauspieler mal, hab keine Angst, die oder den einzuladen. Schließlich lässt du das deine Leute im Stück ja selbst sagen. Und jetzt hatten wir keine Angst, das ganze in München noch einmal aufzuführen. Und jetzt am Ende darf es dann auch vorbei sein, sozusagen tot sein unser Stück (- tot aber nicht in einem schlimmen Sinn, überhaupt nicht).
Danke fürs Mitgehen an alle Mitwirkenden und unsere verehrten Zuschauer.
warum kleinschrift?
19. Januar 2007
Muss da einen Text aus den „innenseiten des krieges“ (Otl Aicher, S. 66) unbedingt ins Netz setzen, finde es eine Schande, dass er nicht längst schon irgendwo im Netz steht. Otl Aicher ist für den Krieg eingezogen, hat kurzfristig frei, trifft sich mit Sophie Scholl und die beiden debattieren.
kennst du den kleinen gott, frage ich? den gott, der nicht die geschichte lenkt, der nicht zu gericht sitzt, der nicht seinen fuß auf seine feinde setzt? es gibt ihn. er kümmert sich nicht um die könige und mächtigen der erde, nicht um kaiser und päpste, nicht um die siege der nationen, sondern um arme, hungrige, verlassene, einsame und leidende, all die kleinen, die von der geschichtsschreibung auf den kompost geworfen werden. „der ganze erdball kann nicht in einer größeren not sein als die seele. und dieser gott ist bei den leidenden seelen am abrund des nichts.“
was ich durchmache, kann ich nicht einmal mitteilen, es ist so inwendig und geheim, dass nur ein gott es verstehen kann, der sich klein genug machen kann, in meinem inwendigsten platz zu finden. das ist nicht der gott der hohenpriester. du lernst ihn kennen, wenn du den evangelisten markus in einem zug durchlist.
Keine theologische Auswertung, auch wenn das recht spannend werden könnte. (Was bleibt von Gott, wenn er nicht allmächtig ist?)
Sondern Theater: Sophokles und Shakespeare schrieben über Könige und Kriegsherren seine größten Stücke, Becket und Bernhard schreiben sie über ganz gewöhnliche Leute. Was die auf der Bühne mitmachen ist auch schon „so inwendig und geheim, dass nur ein gott es verstehen kann, der sich klein genug machen kann, in meinem inwendigsten platz zu finden“. So etwas suchen auch wir: Wir spielen über berühmte Leute, aber Leute ohne hohe Herkunft und vor allem stellen wir das nicht dar, was sie berühmtes taten.
Otl Aicher war der kleine gott, die kleinen leute und das augustinische innere so wichtig, dass er vielleicht deshalb sein leben lang beim kleinschreiben blieb.