Erster Artikel in der Presse
12. Oktober 2006
Im Hoi’garta für den Monat November können wir einen Artikel und ein bis zwei Fotos veröffentlichen. Es könnte der folgende Artikel werden (verbesserte Version 20.10.):
Fangt uns doch – Theaterprojekt der KJT
Wie es kam, dass Hans und Sophie Scholl gegen die nationalsozialistische Diktatur aktiv wurden
Im Frühjahr 2005 begeisterte ein Kinofilm, der die letzten Tage der Ulmer Widerständlerin Sophie Scholl zeigte. Der Film berichtet, wie sie im Februar 1943 mit ihrem Bruder Hans beim Flugblätterverteilen in der Münchner Universität ertappt und nach wenigen Tagen Gefängnis zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Gut zwanzig Jahre zuvor hatte der Film „Die weiße Rose“ die Vorgeschichte erzählt. Wie Münchner Studenten, darunter jene Geschwister Scholl, sich zusammenschlossen und anfingen, die Bevölkerung durch Briefe und nächtliche Malaktion zum Widerstand gegen die braune Diktatur aufzurufen.
Gewölbte Bühne: Karzer und Geburtstagsgeschenk
9. Oktober 2006
Vor allem aus meiner Zeit als Unterstüfler (für Stephaner: in meiner „Kaffernzeit“) erinnere ich mich an verschiedenste Strafen, die man uns antat und die wir uns gegenseitig antaten: Strafaufgaben, Nachsitzen in der Studierzeit, Hin- und Verweise, Kopfnüsse, „Hämmer“ auf den Oberarm, Verprügeln, Duschen (in den Kleidern) usw.. Schon dass es all diese Strafen gab, und wenn sie dann auch nur jemand (süffisant oder androhend) erwähnte, das alles hatte für mich eine große emotionale Wucht. Dieses Feeling war im nachhinein gesehen viel schlimmer, als wie wenn ich einmal tatsächlich (berechtigt oder unberechtigt) an einer solchen Strafe litt. Um eine Strafe bin ich in meiner Internatszeit herumgekommen: den Karzer. Ich glaube, sie gab es zu unserer Zeit gar nicht mehr, aber wir machten uns Angst, dass wir in den Karzer gesperrt würden. Irgendwie ganz allein in ein Zimmer, damit man besser wird. (Der Karzer war irgendein kleines Zimmer im Dachboden, das wir so getauft hatten. Im Zweifelsfall war es, wenn wir so darüber nachdachten, mit unerreichbaren Fenstern, eine Gefängniszelle, oder gar ohne Fenster, eine Gummizelle.) Das schlimmste daran wohl: man kriegt während der Strafe diesen Schummer, dieses böse Grundfeeling, dass es einem jetzt so schlimm geht, direkt mit und kommt dem nicht aus.
Im Karzer zu sitzen ist Entscheidungssituation: man kann sich da überlegen, wie man mit dem weitermacht, weswegen man hineingekommen ist – oder sich entschließen, einen anderen Weg zu wählen.
Dazu wollen die Teufel in unserem Theaterstück die beiden Scholl-Geschwister bringen. Sie sagen sich: Wir sperren die beiden in den Karzer, damit sie nicht mehr aus der Schar der Internatsschüler Hitlers ausscheren, sondern sich so verhalten, dass sie künftig nicht mehr da hinein kommen.
Im dritten Akt ist unsere Bühne nach oben gewölbt: aus der Sicht der Teufel verschlossen wie ein Karzer. Dennoch soll sich diese Bühne bald als etwas anderes zeigen: als „Schoß der Mutter“ (wie man früher vornehm sagte), aus dem das Kind geboren wird, als geballter Reichtum der Lebenskräfte, als das, was im Geschenkpapier verborgen ist und den Menschen, der sich aufs Wasser gewagt hat, errettet und hebt. Am Ende die Wölbung der Kuppel eines Gotteshauses.
Ich sollte jetzt eine ähnliche Erinnerungsübung, wie ich sie eben mit dem Karzer im „Semex“ (so nannten wir unser Internat) gemacht habe, zum Beschenktwerden (und den Farben der hell erleuchteten Kammer) anstellen. Es tauchen mir tolle Szenen auf, wie ich als Kind eine Urmel-aus-dem-Eis-Schallplatte bekomme, ich weiß noch von wem, wo und wie es roch. Oder als wir nach langer Suche den Autoschlüssel auf einem Mauerabsatz kurz vor der Telefonzelle finden (wo wir ihn sicher nicht hingelegt haben), und anderes.
In so eine Freudenstimmung wandelt sich das, was am Anfang ein Karzer sein sollte. Auch jetzt ist Entscheidungssituation, anders. Bill Bollings (aus Walker Percy: Der Kinogeher) erinnert sich jetzt, wie er sich in diesem Augenblick, als er in Vietnamkrieg am Boden liegend den Käfer beobachtete, entschloss, „die Suche“ (wie er sein damaliges Erlebnis nannte) niemals aufzugeben. Er wird das, was er entdeckt hat, noch 1000 mal wieder vergessen. Es bleibt der Vorsatz, aber nicht nur irgendein Vorsatz, sondern einer, der damit zu tun hat, was die tollsten Dinge im Leben sind.
Kostüme und Musik als Zugangserleichterung
26. September 2006
In Kinofenster schreibt Claudia Hennen zum Kinofilm „Sophie Scholl – Die letzten Tage“:
Bewusst wurden jedoch aufdringliche Zeitbezüge vermieden und Uniformen, Hakenkreuze und andere Insignien des Nationalsozialismus weit gehend ausgeblendet. Die Kostüme entsprechen zwar der Mode der 1940er-Jahre, wirken jedoch seltsam zeitlos. Insgesamt entsteht eine Atmosphäre, in der Handlung und Dialoge an Aktualität gewinnen, denn Rothemund versteht seinen Film nicht als reinen Geschichtsfilm, sondern in erster Linie politisch. Anachronistisch ist auch der Soundtrack: Reinhold Heil und Johnny Klimeks elektronische Klangcollagen im Stil der österreichischen Kultband „Kruder & Dorfmeister“ wurden handlungstragenden Momenten – etwa dem Auswerfen der Flugblätter oder der Fahrt zum Prozess – unterlegt. Besonders ein jüngeres Publikum dürfte auf diese Weise einen leichteren Zugang finden und sich gut mit Sophie Scholls Haltung identifizieren können. Nicht zuletzt ist es der herausragenden schauspielerischen Leistung von Julia Jentsch zu verdanken, dass die Frage nach dem politischen Engagement einer Generation und der Zivilcourage jedes Einzelnen beindruckend an Aktualität gewinnt.
Ich bemerke Nähe und Ferne zur Konzeption unseres Theaters. Es geht sowohl um Politik als auch um innere Haltung. Von einem Theater muss man nicht verlangen, dass auf der Bühne oder in den Gewändern Historisches exakt imitiert wird. Im Gegenteil, wenn von Anfang jeder sehen kann, dass man das nicht will, dann ist der Zuschauer gezwungen, in Gewand und Kulisse eine Extra-Idee vermuten. (Die könnte ich freilich heute noch nicht formulieren. Wenn es am Ende bei unseren Aufführungen keine gäbe, wäre das schade.)
Auch Musik greift auf unserer Bühne anders ins Stück ein als das in einem Film passiert. Sie ist mit Text unterlegt, kommentiert, treibt teilweise auch die Handlung voran. Wie dem Film gibt sie dem Stück eine gewisse Stimmung, die sie für gewisse Gruppen anziehend macht. Ich bin leider in Fragen des Musikstils nicht so richtig gut drauf. Kennt jemand „Kruder & Dorfmeister“? Schreibt mir jemand die Kultband, an die die Musik in unserem Stück erinnert? Wie würdet ihr die Stimmung beschreiben, die unsere Songs unabhängig vom Text haben?
Tom Tykwer: „Drecklevel“
26. September 2006
Warum diesen Blog? – Damit wir beim Spielen möglichst viel „wissen warum“.
Ich zitiere Tom Tykwer, Regisseur von u.a. „Lola rennt“ und jüngst „Das Parfum“, aus einem Interview in der FAZ. (Man soll sich an den Großen des Fachs orientieren. Beziehungsweise tun, was sie sagen, nicht unbedingt sich daran orientieren, was sie selber tun – so jedenfalls j.v.n. – ich selber habe den Film nicht gesehen.)
„Ich habe mir tatsächlich nie vorgestellt, daß ich einen Kostümfilm machen würde. An Kostümfilmen ärgert mich immer, daß die Leute so aussehen, als seien sie vor zwei Minuten vom Kostümbildner angezogen worden, und mich ärgert der Zustand, in dem die Welt ist. Es sieht immer aus wie Heute, ein bißchen auf Gestern getrimmt, weil Oberflächen nicht genügend bearbeitet werden und bei Filmen, die im achtzehnten Jahrhundert spielen, zum Beispiel das Drecklevel einfach nicht stimmt.“
Stimmt, Kostümtheater wollen auch wir nicht machen, aber ganz ohne soldatische Stiefel und Mützen wird es auch nicht gehen. Und auch der Tom Tykwer hat ja mit „Das Parfum“ einen historischen Film gemacht.
„Wir haben versucht, einen historischen Film zu machen, der nicht die Theatralik eines herkömmlichen Kostümfilms bemüht, nicht diese artifizielle Ästhetik herstellt, die automatisch einreißt, wenn Komparsen in Kostüme gesteckt werden, in denen sie sich nicht wohl fühlen, und von links nach rechts laufen, ohne zu wissen, warum. Wir haben mit den Darstellern, auch den Statisten, über alles geredet, was sie tun, und haben darauf bestanden, daß alle auch können, was sie tun. Die Fischmetzger müssen Fische ausnehmen können, sie müssen Gesichter haben, die in die Zeit passen, sie müssen vor allem in ihren Kostümen schon Zeit verbracht haben. Wir wollten den Trick Süskinds wiederholen, der eine erfundene Geschichte so erzählt, als sei sie wirklich geschehen, und der uns mitnimmt in diese Epoche. Süskind vermittelt uns ein glaubwürdiges Gefühl der Zeit, wie sie wahrscheinlich gewesen ist, vor allem eben das Leben auf der Straße und nicht in den Adelshäusern, die wir sonst fast immer sehen im Kino.“
Auch wir wollen niemand nur in irgendein Kostüm stecken und irgendwas spielen lassen, sondern jeder soll wissen, warum dies und das.