Mich interessiert das Christentum der Inge Jens, sie konnte es so gut in den Aufzeichnungen der Geschwister Scholl, die sie dokumentierte, herausarbeiten. Habe ihre Autobiographie “Unvollständige Erinnerungen” (zum Einlesen hier) gehört, ein Buch, das sehr geprägt ist vom “bis dass der Tod uns scheidet”, vom Eheversprechen, das sie ihrem Mann Walter gab, dem sie heute in seiner Demenz die Treue hält.
Doch wenn sie von ihrem Privileg, ein reiches und gutes Leben zu führen, spricht, spricht sie nicht von der göttlichen Gnade oder der guten Schöpfung. Wenn sie erwägt, ob sie abtreiben solle, spricht sie nicht von der Würde des ungeborenen Lebens. Wenn sie von ihrem Pazifismus spricht, spricht sie nicht von der Irritation der Bergpredigt. Das irritiert mich, kommt mir sehr gewollt vor. Den Rest des Beitrags lesen »

Nicht zu verzeihen

9. September 2010

Bin ja immer noch hin und weg von der Nobelpreisvorlesung von Herta Müller. Im Hintergrund steht aber, dass es keine Versöhnung gibt. Das kommt mir bitter. Aber was kann ich ihrer Argumentation in einem Zeit-Interview entgegensetzen?

ZEIT: Es gibt einen Hoffnungssatz in diesem Buch [Atemschaukel], den Satz der Großmutter: Ich weiß, du kommst wieder.

Müller: Oskar hat mir gesagt, dieser Satz habe ihn am Leben gehalten.

ZEIT: Kann es Versöhnung geben?

Müller: Man kann sich doch nicht mit einer Katastrophe versöhnen. Wie soll ich mich mit der Securitate versöhnen? Den Rest des Beitrags lesen »

Wer ist dieser Jesus?

28. März 2010

Text- und spiellastige Rezension der Halsbacher Passion

Der Zugang einfacher Leute Mitteleuropas zum Mann aus Nazareth ist (zumindest in den letzten Jahrhunderten) vor allem sein Leiden. Davon zeugen die vielen Kreuze in Feld und Wald, die Tiefe die Zugänglichkeit von Bachs Passionsmusik oder die Passionspiele an verschiedenen Orten. Weil in Halsbach das ganze Dorf gemeinsam Theater spielt, ist auch ihr Zugang zum „Messias“ eine „Halsbacher Passion“. Der, von dem Christen sagen, dass er war, ist und kommen wird, trifft ins Herz, wenn man ihn als den versteht, der für die Sünden der Menschen geblutet hat. Aber so fängt die Geschichte nur an. Petrus ist fix und alle, er hat sich so benommen, dass es ihm peinlich ist. In jedem Zirpen eines Vogels hört er den Schrei dieses Hahns, wie er heute morgen krähte. Er hat vollkommen verpasst, dass Jesus gekreuzigt wurde und begraben ist. Er weiß, wie peinlich es ist, dass er “Fels” sein soll. Überraschenderweise zieht er daraus Konsequenzen und hält seine Konsequenz durch. Den Rest des Beitrags lesen »

Gestern diese Geschichte und ihre Vorgeschichte aus erster Hand von Christian Führer erzählt bekommen. Bin recht dankbar und glücklich. (Am Bild die offene Tür der Nikolaikirche.)

Der Philosoph

22. April 2008

Josef Furtmeier (1887-1969) war guter Freund des Hans Scholl, der Sophie Scholl, des Christl Probst, von Proffessor Huber, vermittelt wohl über Carl Muth oder die klassischen Konzerte. Glaube nicht, dass er im aktiven Widerstand dabei war – sicher hat er geistig gut dagegengehalten, nicht umsonst hatte er im Freundeskreis den Spitznamen “der Philosoph” (die besten Rezensionen: DLF und Jakob Knab)

Ein erster Zugang, werde wohl noch mehr dazu schreiben: Furtmeier ist vom Typ her ein Grantler. Die Menschen sind geistlos, ein Viertel der Deutschen, so schreibt er 1946, seien unbekehrbare Nazis. Am besten, ich lebe zusammen mit vielen Hunden und Katzen auf dem Land. Da ist so vieles ähnlich den Scholls, und doch sind die Auswirkungen anders. Warum ist er so selten begeistert? Von ganz einfachen Dingen begeistert, etwa von seinen Hunden und Katzen? Den Rest des Beitrags lesen »

Jüdisches Erbe

14. Februar 2008

Auf viele Weiße-Rose-Veranstaltungen in letzter Zeit konnte ich nicht gehen, so auch auf Charlotte Knoblochs Gedächtnisvorlesung in der Ludwigs-Maximilians-Universität. Ich zitiere aus der Internetversion ihrer Rede:

Emil Fackenheim, einer der bedeutendsten jüdischen Denker des 20. Jahrhunderts, schrieb einst – ich zitiere: „Verstehen die Nichtjuden? Einige tun es, und darin liegt Hoffnung nicht nur für Israel, sondern auch für die Völker.“ Zitat Ende.

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Nicht nur der Künstler war, wie er selbst bemerkte, im Scheinwerferlicht so etwas wie ein Grillhähnchen, das den Zuhörern serviert wurde, auch der nicht ganz so kleine Gast in der Langenneufnacher Kirche fühlte sich zwischen den Bänken und auf Bankheizung so ein wenig wie im Backofen. (Eine typische Situation für Widerstandskämpfer, siehe die drei Jünglinge im Backofen in Buch Daniel) Es ist mutig, nur mit einer klassischen Gitarre plus eigener Stimme ein Popkonzert zu geben.

Mag seine Lieder und seine Frömmigkeit des Gregor Linsen, wenn ich sie gut kenne: “Vor dir stehn wir um dir zu singen” erzählte noch einmal die tolle Zeit beim Katholikentag in Saarbrücken. Was mir unter den unbekannten Liedern von  bei denen ich mich grundsätzlich schwer tue, herausstach, war ein Lied im Andenken eines Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus. “Unser Ja sein ein Ja, unser Nein ein Nein”. Wusste bisher nichts über Nikolaus Groß, christlicher Arbeitnehmervertreter, Pressemann, Familienvater. Den Rest des Beitrags lesen »

Ein Anderer werden

14. September 2007

Man wird dadurch man selber, indem man ein anderer wird.

The only way a person can become himself is by becoming someone else.

Ein Satz für Theaterspieler, deshalb nochmal, jetzt als Buchzitat:

One cannot become oneself unless one becomes somebody else.

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Seinen Willen tun

21. August 2007

Waren die Weiße Rose Leute und ihre Mentoren Anhänger der Aufklärung, der Autonomie und der Mündigkeit des Menschen? In Peter Bieris Nachtzug nach Lissabon (siehe auch letzter Eintrag) gibt es Stellen, an der Christentum und Autonomie als unüberbrückbare Gegensätze erscheinen. Zum Beispiel, als Eça von seinem Freund Amadeu de Prado im Widerstand gegen die Salazar-Diktatur erzählt:

Auch bei Abschieden und Entschuldigungen gebe es eine Frage der Würde, fügte [João Eça] hinzu. Amadeu habe manchmal darüber gesprochen. Besonders habe ihn der Unterschied beschäftigt zwischen einem Verzeihen, das dem anderen die Würde lasse, und einem, das sie ihm nehme. Es darf kein Verzeihen sein, das Unterwerfung verlangt, habe er gesagt. Also nicht so wie in der Bibel, wo du dich als Knecht von Gott und Jesus verstehen musst. Als Knecht! So steht es da! (419) Den Rest des Beitrags lesen »

Dem Löwen vorgeworfen

7. August 2007

Warum war das Urchristentum so faszinierend? So faszinierend, dass es irgendwann einmal sogar wirtschaftlich klug war, sich unter die Christen zu reihen? So faszinierend, dass es schließlich ein Kaiser in Rom als Staatsreligion ausruft? So faszinierend, dass es Hunderte oder Tausende in den Märtyrertod trieb, nur weil sie kein Weihrauchopfer für den Kaiser bringen wollten? Warum konnte das Urchristentum der Apostel die Krankenheilungen herbeiführen, von denen die Apostelgeschichte berichtet (die aber schon bei der Aufzählung der Charismen durch Paulus fehlen)?

Ich denke deshalb, weil es Charakterschule war. Woran erkennt man einen vollkommenen Charakter? Am Humor. Folglich: Man sollte über das Urchristentum eine Komödie schreiben. So geschehen in George Berhard Shaw „Androklus und der Löwe“, derzeit im Residenztheater München. (Inhaltsangabe hier, warum es ein Märchen ist hier.) Den Rest des Beitrags lesen »

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