Selbstbewusster Löwe
19. Oktober 2011
Es gehört eine gehörige Portion Selbstbewusstsein dazu, wenn ein Afrikaner aus dem Schimpfbegriff Neger/ Niger eine Ehrenbezeichnung für sich selber macht. Das tun die Dichter der Negritude, darunter Leopold Sédar Senghor (1906-2001), zugleich erster Präsident des freien Senegal (1960-1980). Bei Senghor hat dieses Selbstbewusstsein sogar damit zu tun, dass ein Afrikaner Widerstand gegen die deutsche Angriffskriegerei zeigte. General Felix Éboué, ein Senegalese, war wohl der erste französche General, der vom Vichy-Regime zu De Gaule überlief. Éboué steht für den afrikanischen Menschen und er ist wie ein Löwe. Senghors Gedicht (in der Übersetzung von Jahnheinz Jahn):
An Gouverneur Eboué
Der weiße Adler kreischte über dem Meer, über den Inseln wie der weiße Schrei der Sonne vor Mittag.
Der Löwe gab Antwort, der König der Wildnis welcher die schlaffe Mittagserstarrung aufstört.
Ébou-é! Du bist der Fels, auf den der Tempel der Hoffnung gebaut wird,
Dein Name bedeutet „der Fels“, und du bist nicht mehr Felix, ich nenne dich Petrus Éboué.
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Die jungen Raubgötter haben sich aufgerichtet, sie schleudern ihre von Blitzen durchzuckten Augen
Sie habenden Sturm vor sich hergeschleudert und ihre über die Eisenhorden kreisenden Falken
Und fernhin erzitterte alle Erde unter dem heftigen Angriff des Hochmuts.
Ébou-é! Du bist der Löwe mit kurzem Schrei, der Löwe der aufrecht bleibt und nein sagt.
Der schwarze Löwe mit Seheraugen, der schwarze Leu mit der Ehrenmähne
Gleich einem Askia von Songhai Gouverneur mit dem lächelnden Helmbusch
Du bist der einfache Stolz meines Afrika, der Stolz einer Erde, entleert ihrer Söhne
Die man versteigerte, billiger als die Heringe – und es bleibt ihr nur ihre Ehre
Und drei Jahrhunderte Schweiß haben nicht dein Rückgrat gebeugt.
Ébou-é! Fels bist du den reiches Moos bedeckt, denn du bist fest und stehst aufrecht.
Tausend Völker und tausend Zungen haben Sprache gefunden in deiner roten Treue
Das Feuer das dich verzehrt, entflammt die Wüsten, den Busch
Denn Afrika richtet sich auf, das schwarze samt seiner braunen Schwester.
Afrika ist zum weißen Stahl, zur schwarzen Hostie geworden
Auf dass die Hoffnung des Menschen lebe.
… Paris 1942
Ich mag die Bilder, oben die weißen Vögel, zum Teil eisern, also Flugzeuge, unten der schwarze Löwe (Leu, Askia). Der kann im Schleichen auf der Erde nicht weniger gewichtige Akzente setzen wie die Vögel der Luft. Vor allem gibt er eine angemessene Antwort in den Kriegswirren, so wie Simon Petrus in Cäsarea Philippi eine angemessene, mutige Antwort gab. So wird ihm, Eboué, der Name Petrus verliehen. Der Löwe, nicht die eisernen Vögel der Luft, sind ein Fels, auf den man sich verlassen kann. Ein solche Löwe ist Grund genug, dass Afrika aufstehen kann, selbstbewusst in der Welt steht, mit dem Stahl der Weißen glänzen kann und mit der Opferbereitschaft der Christen. Dass es Hoffnung für alle ist, so wie es die christliche Messiasgeschichte sein will.
Weiße Hostien ist der Titel einer ganzen Gedichtsammlung Senghors:
His 1948 publication called Hosties noires (Black Sacrifices) contained poems that had been written by Senghor in a German prison camp and had been sneaked out of the camp to George Pompidou by a sympathetic guard. These poems dealt with public themes and historical issues, according to Vaillant. “This collection strikes a militant note,” she wrote. “The very title Hosties noires was carefully chosen for its double meaning. It can be translated into English in two ways, either as ’black victims’ or as ’black hosts’—host in the sense of the sacrificial host of Catholic Communion. (im Netz hier)
Was in dem Zitat nicht steht – Hostie steht auch für Erlösung und Befreiung, gerade in obigem Gedicht … auch wenn es dann etwas blasphemisch klingt.