Hochmut oder Scharfblick?

23. September 2011

Der Dichter Paul Wühr im Interview mit Germanisten aus Bielefeld (LiLi):

LiLi: Woher rührt denn ihr Faible für die Philosophie?

Wühr: Das hat ganz einfach damit zu tun, dass ich mich seit meinem zwölften Lebensjahr nicht mehr für diesen wunderbar schönen Mist, diese Welt hier, besonders interessiere. Ich würde nie einen schönen Wald oder Personen von dieser Welt übernehmen oder schildern. Ich hab mich immer, plump gesagt, um das Letzte gekümmert: Um Themen wie Tod, Weiterleben, Solidarität, Politik, Demokratie, um das Zusammenleben der Menschen eben. Leider sehen wir, dass wir irgendwann vernichtet werden. Das ist eine ungeheure Unverschämtheit, an der ich, solange ich lebe, leide. Solche Fragen, an denen bin ich brennend interessiert. Ich halte mich dann immer an der Grenze von Philosophie und Theologie auf und für viele bin ich deswegen unannehmbar. Aber es geht bei mir auch um Lust, um Frauen, um das Geschlecht. Es geht um alle diese Dinge, die uns brennend interessieren und nicht bloß der Tod.

LiLi: Ein autobiographisches Zitat von Ihnen lautet wie folgt: „Ich bin schon ein Denker. Aber ein poetischer Denker. In der Schule war ich deswegen nicht gut, weil ich kein schneller Schalter bin. Ein Poet ist kein schneller Schalter. Ein Poet hat auch kein großes Gedächtnis, der hat keinen Mutterwitz. – Das erledigt ja alle Aufgaben sofort. Ich weiß es von meinen Mitschülern. Die haben alles gleich gewußt. Ich nicht. Ich war immer dagesessen mit offenem Mund und hab mir gedacht: Ui! Nichts kapiert. Moment! Das krieg ich noch raus in meinem Leben. Und wenns 50 Jahre dauert, krieg ich das raus!“

Wühr: Ich war lange Zeit Lehrer, von irgendwas musste ich ja leben. Ich habe es gern gemacht und ich habe genau gewusst, wenn da wieder ein Wühr saß. Solche Träumer, die sind wichtig. Die Mädel, die ich natürlich auch sehr gern mochte, die haben immer alles gleich gewußt. Die haben prompt alles ganz klar hingestellt. Und der Träumer sagte nur: „Was ist los?“ Die Schule ist eine Unverschämtheit, wenn sie immer so fragt. Ich konnte nie meinen Gedanken nachgehen, weil ich befürchtete, dass es heißen würde: „Wühr, sag!“. Darauf habe ich nie eine Antwort gewußt. Die sind dann halb wahnsinnig geworden. Gedächtnis kann ich aber als Poet nicht haben. Der Schreibtisch ist für mich der einzige Ort auf der Welt, der zu ertragen ist. Deswegen kann ich auch nicht mehr gehen. Wenn ich dort sitze, dann weiß ich eben nichts. Hätte ich Gedächtnis, dann schriebe ich etwas hin, das ich schon vorher dachte.

Wühr: Ich war lange Zeit Lehrer, von irgendwas musste ich ja leben. Ich habe es gern gemacht und ich habe genau gewusst, wenn da wieder ein Wühr saß. Solche Träumer, die sind wichtig. Die Mädel, die ich natürlich auch sehr gern mochte, die haben immer alles gleich gewußt. Die haben prompt alles ganz klar hingestellt. Und der Träumer sagte nur: “Was ist los?” Die Schule ist eine Unverschämtheit, wenn sie immer so fragt.. Ich konnte nie meinen Gedanken nachgehen, weil ich befürchtete, dass es heißen würde: “Wühr, sag!”. Darauf habe ich nie eine Antwort gewußt. Die sind dann halb wahnsinnig geworden. Gedächtnis kann ich aber als Poet nicht haben. Der Schreibtisch ist für mich der einzige Ort auf der Welt, der zu ertragen ist. Deswegen kann ich auch nicht mehr gehen. Wenn ich dort sitze, dann weiß ich eben nichts. Hätte ich Gedächtnis, dann schriebe ich etwas hin, das ich schon vorher dachte.

Erstens mag ich das Zitat, sonst hätte ich es nicht gepostet.  Jetzt eine versuchte Kritik. Ich mag ja auch Philosophie und harte Fragen und ich mag Träumen und Inspiration. Warum interessiert ihn der Apfelbaum nicht, nichtmal beim Älterwerden? Warum nicht der Mond und die Sterne? Warum nicht die Amsel?

Wühr: Die wirkliche, ungeheure Poesie muss mit dem Wenigsten auskommen. Das versteht dieser Konditormeister nicht. Wenn ich ein Gedicht ins Fliegen bringen will, kann ich nicht schreiben: “Die Amsel breitet ihre Flügel aus”, weil jeder sofort sagt: “Amsel, ach ja, die kann ich mir vorstellen.” Da muss ich sagen: “Der Vogel breitet seine Flügel aus.” Ich kann nicht Sperling, nicht Spatz und nicht Schwan sagen. Es gäbe dann jedesmal ein nettes lyrisches Mildern.

LiLi: Wie verhält es sich bei Ihnen mit den Bildern? Die sind oft gar nicht mehr als Metaphern oder Symbole lesbar.

Wühr: Da ist keine Konditorei drin. Das Bild gehört dem Maler. Poesie ist etwas, das man nicht wie ein Bild sehen kann. Man kann es nicht sehen, also auch nicht beschreiben. Poesie ist im höchsten Zustand, wie bei Hölderlin, unsichtbar.

LiLi: Aber es gibt bei Ihnen doch Sinnesmaterialien, wie bei den erotischen Gedichten die Schenkel zum Beispiel.

Wühr: Wenn ich ein an die Pornographie heranreichendes Gedicht schreibe, dann kommt der Schenkel so vor, dass mein Vater dazu sagen würde: “Komm´ Paul, laß mich doch in Ruh´. Sag es doch gleich richtig. Da kennt sich ja kein Mensch mehr aus.” Das Bild ist dann verrätselt. Es spielt aber eine Rolle in einem unsichtbaren Bild, in einem Denkbild.

Ein Povukateur, wenn schon das Konkrete, dann pornographisch (und blaspemisch) und doch wieder verwirrend, unsichtbar, zum Denken. Alles Metatexte, Postmodernes,  ich mag die wenigsten von den Wühr-Gedichten, die ich kenne. Denkbilder wie Luftballone, die eine kleine Nadel zum Platzen bringt. Gerade in ICH HABE DEN ist die Fortsetzung “Fehler nicht machen müssen” tatsächlich logischer (und deshalb Zeuge eines echte Denkgebildes) als die Fortsetzung “Fehler nicht gemacht”.

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