Mensch steh auf
31. August 2011
Hilde Domins Gedicht „Abel steh auf“ ist ein Plädoyer für die dritte Maxime der Französischen Revolution: Brüderlichkeit. Dafür, dass sich einer für den anderen verantwortlich zeigt, Hüter seiner Geschwister ist. Soweit ein erster Blick. Das hätte man auch ohne Gedicht und Mythos sagen können. Aber natürlich ist es eingängig den Mythos zu bemühen und die Sprache leuchten zu lassen. Bitte das Gedicht z.B. hier lesen, dann vielleicht noch meine Assoziationen.
Da ist einer Mörder geworden, Mörder seines eigenen Bruders – weil der Erfolg hatte und Kain das einfach nicht verkraften konnte. Weit gefehlt, dass man von so jemand der Hüter sein soll, wer so erfolgreich ist, braucht keinen Hüter. Kann sein, dass es glücklicher Sieg war: Manchmal gewinnt Bremen, manchmal Dortmund, manchmal wird dein Opfer angenommen, manchmal meines. Vielleicht war es aber auch ein strukturelles Ungleichgewicht: Bayern gewinnt halt die ganze Zeit. Kain hatte vielleicht einfach ein schwierigeres Leben als der Viehzüchter Abel. Andererseits, Kain muss keine Tiere hüten, gar nichts muss er hüten, auch nicht seinen Bruder. Der biblische Schreiber sieht einen Vorzug des Viehhüters und des Ackerbauers vor dem nomadischen Zigeuner, den Vorzug der dauerhaften Verpflichtung vor dem Herumstreunen. Wichtig für die Geschichte ist, dass er sieht, dass wir alle Herumstreuner sind, dass wir alle nur von Gott durch das Kainsmal am Leben Gehaltene sind. Gerade als er auf frischer Tat ertappt wird, kommt dieser Nomade auf die rettende Idee: Egal ob ich Hüter von Tieren, Feldern oder Städten bin, oder ob ich es nicht bin. Hüter des Bruders könnte ich sein. Aber die Idee kommt eben nur ex negativo, und nachdem es soweit gekommen war, dass Kain den Bruder nicht mehr hüten konnte.
Da müsste doch einer von den Toten auferstehen. Das sagt der Reiche, als er den armen Lazarus in Abrahams Schoß sieht. Wenn Lazarus von den Toten wiederkäme, so spricht der Prasser, der in Jesu Rede in der Hölle große Qualen erduldet, dann würden vielleicht meine Brüder nicht so sehr vergessen, dass sie die Hüter dieser armen Lazaruse sind. Abraham erwidert: Wenn sie Mose und den Propheten nicht geglaubt haben, werden sie auch nicht glauben, wenn einer aufersteht. Domin kennt die drei Lösungen: Mose – das Gesetz – und Auferstehung – das Erlebnis einer (Barock-)kirche; sie spricht als Prophetin: Gesetz und Himmelsbilder bräuchte es nicht, wenn Abel aufstünde. Und die Prophetin sagt: „Abel steh auf“, wenn du aufstehst, kann es Versöhnung geben.
Die Dichterin, als Tochter Abels, steht stellvertretend auf. Schon sprachlich ist jeder Satz des Gedichts wie ein Stein, der auf eine Mauerreihe aufgesetzt wird und das Haus höher werden lässt. Domin ist nicht Abel selbst, aber seine Stimme, ein wenig sein Prophet, wenn auch vor allem Prophet der göttlichen Frage: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Wenn der Bruder mit ihr neu zu spielen anfängt, ist es nicht wie in der Kindheit. Es braucht ein grundsätzlicheres neues Spiel.
Doch selbst, wenn es dieses neue Spiel gäbe, die neue Chance für Kain, wäre die Sache nicht ganz so einfach. Kain könnte nochmal sagen: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ In der Antwort liegt manches Positive: Ich lasse meinem Bruder seine Freiheit. Ich will selber nicht überbehütet sein. (Auch wenn das angesichts eines Mordes nicht mehr viel wiegt.) Dreimal wird im Gedicht die antizipierte positive Antwort des Kain zurückgenommen. Wenn der Bruder noch lebt, kann Kain antworten, dass ihm sein Bruder am Herzen liegt und dass er ihn hütet, oder er kann anders antworten. Er braucht ihn nicht wieder umzubringen, um anders zu antworten. Er kann einfach nur weiterleben und Raketen bauen. Vermute, Domin denkt, es gibt nur zwei echte Möglichkeiten der Antwort: Ich bin Hüter – oder ich bin es nicht.
Ich schreibe dies
ich ein Kind Abels
und fürchte mich täglich
vor der Antwort
die Luft in meiner Lunge wird weniger
wie ich auf die Antwort warte
Eine zweite intensive Andeutung ans Evangelium steckt im Text. Das Brandopferbringen des alten Testaments, der Wettbewerb von Kain und Abel, wird so interpretiert, dass Gott das Feuer wirft oder es nicht wirft. Direkt wird das in Geschichte von Elija und den Baalspriestern. Letztere tanzen und ritzen sich die Haut, aber ihr Opfer brennt nicht. Elija schüttet Wasser darüber, spricht ein Gebet und es brennt. Der Gag der Geschichte ist nicht, dass man damit einen großen Sieg feiert, Elija muss sein Siegesgemetzel bitter büßen. Der Gag ist, dass Gott Feuer auf die Erde wirft, überschäumendes Leben, für Abel viel, für Kain (scheinbar?, momentan?) weniger – aber dass dieses Feuer nichts mit Sturm Unwetter, Vernichtung und Mord zu tun hat. (Mir ist unklar, inwiefern es mit Wettbewerb zu tun hat.) Was mit Jesus passiert, ist eine Ausdeutung des Feuers. Er sagt „Feuer warf ich auf die Erde und ich hoffte, es würde schon brennen“. Vielleicht versteht sich mit dieser rätselhaften Aussage Jesus als Sohn Abels, als Schwester Domins. Das Brennen der Feuer Jesu (sein Erfolg, sein Behüten der Kleinen und Kranken) bedeutet, dass er von seinen Brüdern, Judas und den offiziellen Vertretern seiner eigenen Religion, erschlagen wird. Wenn er aufsteht, kann neu gespielt werden.
Es wird neu gespielt, täglich, manchmal ist die Frage offen, manchmal ist man im Kreislauf der Gewalt. Dafür typisch ist der Bau von Raketen. Doch die kann man auch anders benutzen als zum Krieg, es ist etwas Faszinierendes an der Erforschung des Weltraums. Bin nicht sicher, ob das eine Art ist, auf seine Geschwister aufzupassen. Vielleicht ist es aber manchmal der Krieg, man darf ja hoffen, dass die Nato-Raketen auf Libyen wirklich Hüter-Raketen waren. Selbst die Feuer der Raketen sollen die Opferfeuer Abels sein, schreibt Domin.
Was jetzt noch fehlt ist eine letzte Interpretation, in der ich mich nicht als Kain lese, nicht als Kind Abels, sondern selbst als Abel! Guten Morgen, wenn du dich gemordet fühlst, steh auf.