Als Mensch wachsen

30. Mai 2011

Thomas Bernhards autobiographische Schriften haben etwas außergewöhnlich Anziehendes. Für das Wenige, das man objektiv als Inhalt weitererzählen kann, und für den manchmal sehr desolaten Ton, den ich nicht so mag, sogar etwas unheimlich Anziehendes. Kenne jetzt die (lebensgeschichtlich) ersten drei Bände, jeder hat m.E. einen ganz anderen Flair. Ich erlaube mir die Frechheit, diese Werke, die so in sich selber zu stehen scheinen, von anderen literarischen Entwürfen her zu lesen.

a) Da ist zunächst die einzige lobend erwähnte Literatur, die Bibel des Großvaters Montaigne

„Manchmal geht es mir durch den Kopf, die Geschichte meines Lebens nicht preizugeben. Diese öffentliche Erklärung aber verpflichtet mich, auf dem einmal beschrittenen Weg weiterzugehen, so Montaigne. Es dürstet mich danach, mich zu erkennen zu geben; mir ist gleichgültig, wie vielen, wenn es nur wahrheitsgemäß geschieht; oder besser gesagt, ich begehre nichts, aber ich fürchte alles in der Welt, von denen verkannt zu werden, die mich nur dem Namen nach kennen, so Montaigne.“ (Die Ursache 122)

„Wieder atme ich diese nur dieser Stadt [Salzburg] entsprechende Luft ein, höre ich die tödlichen Stimmen, wieder gehe ich, so ich nicht mehr gehen dürfte, durch die Kindheit und durch die Jugend. Wieder höre ich, gegen alle Vernunft, die gemeinen Ansichten gemeiner Menschen, bin ich, gegen alle Vernunft, wo ich nicht mehr reden sollte, ein Redender, wo ich nicht schweigen sollte, ein Schweigender. Die Schönheit als Berühmtheit meiner (einer) Heimat ist nur ein Mittel, ihre Gemeinheit und ihre Unzurechungsfähigkeit und Fürchterlichkeit, ihr Enge und ihren Größenwahnsinn mit erbarmungsloser Intensität fühlen zu lassen. Ich studiere mich selbst mehr als alles andere, das ist meine Metaphysik, das ist meine Physik, ich selbst bin der König der Materie, die ich behandle, ich schulde niemandem Rechenschaft, so Montaigne.“ (Die Ursache, 132)

„Die Zeit [Nazi- und Nachkriegszeit] war angefüllt mit Unheimlichkeit und Unzurechnungsfähigkeit und mit fortwährender Ungeheuerlichkeit und Unglaublichkeit. Montaigne schreibt, es ist schmerzlich, sich an einem Ort aufhalten zu müssen, wo ales, was unser Blick erreicht, uns angeht und uns betrifft. Und weiter: meine Seele war bewegt, über die Dinge meiner Umgebung bildete ich mir ein eigenes Urteil und verarbeitete sie ohne fremde Hilfe. Eine meiner Überzeugungen war, die Wahrheit könne unter keinen Umständen dem Zwang und der Gewalt erliegen. Und weiter: ich bin begierig darauf, mich erkennen zu lassen, in welchem Maße, ist mir gleichgültig, wenn es nur wirklich geschieht. Und weiter: es gibt nichts Schwierigeres, aber auch nichts Nützlicheres, als die Selbstbeschreibung. Man muss sich prüfen, muss sich selbst befehlen und an den richtigen Platz stellen. Dazu bin ich immer bereit, denn ich beschreibe mich immer und ich beschreibe nicht meine Taten, sondern mein Wesen. Und weiter: manche Angelegenheit, die Schicklichkeit und Vernunft aufzudecken verbieten, habe ich zur Belehrung der Mitwelt bekanntgegeben. Und weiter: ich habe mir zum Gesetz gemacht, alles zu sagen, was ich zu tun wage, und ich enthülle sogar Gedanken, die man eigentlich nicht veröffentlichen kann. Und weiter: wenn ich mich kennenlernen will, so deshalb, damit ich mich kennenlerne, wie ich wirklich bin, ich mache eine Bestandsaufnahme von mir. Diese und andere Sätze habe ich oft, ohne sie zu verstehen, von meinem Großvater, dem Schriftsteller, gehört, wenn ich ihn auf seinen Spaziergängen begleitet habe, Montaigne hat er geliebt, diese Liebe teile ich mit meinem Großvater.“ (Die Ursache, 114-5)

Herausstechende Sätze in einem Werk voll Polemik und Selbstmordgedanken. Wenn man etwas Positives hinter allem lesen will, dann vielleicht Aufklärung im Sinne Kants, sich endlich des eigenen Verstandes gebrauchen, denke auch Montainge, den ich nicht genauer kenne, steht in Kants Tradition. Es gibt entsprechende Stellen am Anfang von „Die Ursache“

b) Bei aller Polemik gegen das österreich-katholische kommt Berhard nicht um die Motive der Bibel herum. Dass er in „Der Keller“ in die entgegengesetzte Richtung geht – statt ins Gymnasium ins Arbeitsamt und schließlich in die Armensiedlung der Stadt, hat einerseits aufklärerisches Pathos. Alle Vernunft sagt, im Gymnasium wird er nichts nützliches Lernen, es ruiniert seine Person. Andererseits ist er selbstkritisch genug, die ganze Irrationalität und das Risiko zu schildern, das mit diesem Schritt des 15- oder 16-jährigen verbunden ist. Und das Buch lebt von der Begeisterung, dass dieser Schritt in die entgegengesetzte Richtung gut ausging. Im „kehrt um und glaubt an die Frohe Botschaft“, Jesu erstem öffentlichen Wort, steckt m.E. diese Doppelbotschaft. Erstens in die entgegengesetzte Richtung gehen, zweitens, es geht am Ende gut aus.

Dass sich das frühe Christentum entsprechend einer solchen Botschaft „der Weg“ nannte, nimmt Bernhard kritisch auf:

„Zwischen Haß und Bewunderung zerstören sich beinahe alle Menschen, und mein Großvater hat sich in seinen achtundsechzig Lebensjahren von diesen beiden Begriffen zermalmen lassen. Jedem anderen, außer mir, wäre er ein Wegbereiter gewesen, aber ich war niemals ein Mensch für einen Weg. Ich bin keinen Weg gegangen im Grunde, wahrscheinlich, weil ich immer Angst gehabt habe davor, einen dieser endlosen und dadurch sinnlosen Wege zu gehen. Wenn ich wollte, habe ich mir immer gesagt, könnte ich. Aber ich bin nicht gegangen. Bis heute nicht. Es ist etwas geschehen, ich bin älter geworden, ich bin nicht stehengeblieben, aber ich bin auch nicht einen Weg gegangen. Ich spreche die Sprache, die nur ich allein verstehe, sonst niemand, wie jeder nur seine eigene Sprache versteht, und die glauben, sie verstünden, sind Dummköpfe, oder Scharlatane. Es ist mir Ernst, ist es ein unverstandener, in jedem Fall immer missverstandener, für den höheren Witz gibt es, scheint es, keine Rezepte. So ist jeder, gleich, was er ist, und ganz gleich, was er tut, immer wieder auf sich zurückgeworfen, ein auf sich selbst angewiesener Alptraum. Ginge es nach den andern, ich existierte nicht mehr [...]“ (Der Keller 133-4)

In “Der Keller” geht es um den Weg, die Wahrheit und das Leben. Nach einer schlimmen Kindheit und Gymnasialzeit genießt der junge Thomas Bernhard das, was er tut, und profitiert davon. Er lebt auf, weil er nützlich sein kann. Daran ändert nichts, dass er die Orte seines Lebens Vorhölle (das Armenviertel) und Hölle (das großfamiliäre Heimathaus) nennt. Die Wahrhaftigkeit ist ein Problem der Schriftstellerexistenz, und hier geht Bernhard tiefer als die obigen Montaigne-Zitate. In Bernhards Theaterstücken kommen Figuren vor, die den zeitgenössischen Philosophen Ludwig Wittgenstein zum Vorbild haben. Auf Wittgensteins Privatsprachenargument wurde schon in obigem Zitat angespielt, ich weiß nicht, ob ich jenen Philosophen als Leugner jeder Wahrheit oder als Mystiker klassifizieren soll. Bernhards Worte zum Thema:

„Die Wahrheit, denke ich, kennt nur der Betroffene, will er sie mitteilen, wird er automatisch zum Lügner. Alles Mitgeteilte kann nur Fälschung und Verfälschung sein, also sind immer nur Fälschungen und Verfälschungen mitgeteilt worden. Der Wille zur Wahrheit ist, wie jeder andere, der rascheste Weg zur Fälschung und Verfälschung eines Sachverhalts. Und eine Zeit, eine Lebens-, eine Existenzperiode aufzuschreiben, gleich, wie lang oder kurz sie gewesen ist, ist eine Ansammlung von Hunderten und von Tausenden und von Millionen von Fälschungen und Verfälschungen, die dem Beschreibenden und Schreibenden alle als Wahrheiten und als nichts als Wahrheiten vertraut sind. Das Gedächtnis hält sich genau an die Vorkommnisse und hält sich an die genaue Chronologie, aber was herauskommt, ist etwas ganz anderes, als es tatsächlich gewesen ist. Das Beschriebene macht etwas deutlich, das zwar dem Wahrheitswillen des Beschreibenden, aber nicht der Wahrheit entspricht, denn die Wahrheit ist überhaupt nicht mitteilbar. Wir beschreiben einen Gegenstand und glauben, wir haben ihn wahrheitsgemäß und wahrheitsgetreu beschrieben, und wir müssen feststellen, es ist nicht die Wahrheit. Wir machen einen Sachverhalt deutlich, und es ist nicht und niemals der Sachverhalt, den wir deutlich gemacht haben wollen, es ist immer ein anderer. Wir müssen sagen, wir haben nie etwas mitgeteilt, das die Wahrheit gewesen wäre, aber den Versuch, die Wahrheit mitzuteilen, haben wir lebenslänglich nicht aufgegeben. Wir wollen die Wahrheit sagen, aber wir sagen nicht die Wahrheit. Wir beschreiben etwas wahrheitsgetreu, aber das Beschriebene ist etwas anderes als die Wahrheit. Wir müssten die Existenz als den Sachverhalt, den wir beschreiben wollen, sehen, aber wir sehen, so sehr wir uns bemühen, durch das von uns Beschriebene niemals den Sachverhalt. In dieser Erkenntnis hätten wir längst aufgeben müssen, die Wahrheit schreiben zu wollen, und also hätten wir das Schreiben überhaupt aufgeben müssen. Da die Wahrheit mitzuteilen und als zu zeigen, nicht möglich ist, haben wir uns damit zufriedengestellt, die Wahrheit schreiben und beschreiben zu wollen, wie die Wahrheit zu sagen, auch wenn wir wissen, dass die Wahrheit niemals gesagt werden kann. Die Wahrheit, die wir kennen, ist logisch die Lüge, die indem wir um sie nicht herumkommen, die Wahrheit ist. Was hier beschrieben ist, ist die Wahrheit und ist doch nicht Wahrheit, weil es nicht die Wahrheit sein kann. Wir haben in unserer ganzen Leseexistenz noch niemals eine Wahrheit gelesen, auch wenn wir immer wieder Tatsachen gelesen haben. Immer wieder nichts anderes als die Lüge als Wahrheit, die Wahrheit als Lüge et cetera. Es kommt darauf an, ob wir lügen wollen oder die Wahrheit sagen und schreiben, auch wenn es niemals die Wahrheit sein kann, niemals die Wahrheit ist. Ich habe zeitlebens immer die Wahrheit sagen wollen, auch wenn ich jetzt weiß, es war gelogen. Letzten Endes kommt es nur auf den Wahrheitsgehalt der Lüge an. Die Vernunft hat es mir schon lange verboten, die Wahrheit zu sagen und zu schreiben, weil damit doch nur eine Lüge gesagt und geschrieben ist, aber das Schreiben ist mir eine Lebensnotwendigkeit, darum, aus diesem Grunde schreibe ich, auch wenn alles, was ich schreibe, doch nichts als Lüge ist, die sich als Wahrheit durch mich transportiert. Wir können wohl Wahrheit verlangen, aber die Aufrichtigkeit beweist uns, dass es die Wahrheit nicht gibt. Was hier beschrieben ist, ist die Wahrheit, und sie ist es nicht aus dem einfachen Grund, weil die Wahrheit uns nur ein frommer Wunsch ist.“ (Der Keller, 37-39)

Ich bin ein gutmeinender synthetisierender Mensch, deshalb denke ich, dass Bernhard dem Pathos des Johannesevangeliums gar nicht so fern steht. Die Wahrheit ist in dem, was Jesus ist, wie er erlebt wurde – weniger in dem, was an den Geschichten Filmprotokoll ist. So wie Bernhard die Wahrheit im Umgang mit den Menschen der Armensiedlung von Salzburg und mit seinem Großvater kennenlernt, haben sie die Jünger Jesu kennengelernt – Pilatus und sein Umgang aus einem Machtgefälle heraus hat dazu keinen Zugang.

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