Wölflein und reißender Wolf

16. November 2009

2006 © Thorsten Jander

Hörte öfter Wolf Biermanns Lieder zur Friedlichen Revolution: Von den verdorbenen Greisen, Michael Gorbatschow, ich kau mein Herz in Einsamkeit, vom Grab des Vaters in den Lüften, „wir hattens vergessen – und immer gewusst“. Alle Zeitzeugen betonen, wie intensiv die Ausbürgerung dieses Komunisten 1976 in der DDR registriert wurde und Honegger und Genossen in ein seltsames Licht stellte. Biermann ist ein richtig wilder Hund, ich mag seine Texte, seine Melodien und seine Gitarre, ich höre  seine Menschliebe hinter dem Zorn – und doch bekommen diese Lieder mir nicht, sie hinterlassen eine Beklommenheit zwischen Herz und Bauch, die ich nicht einfach dadurch loswerde, dass ich sie spüre. Eine Entdeckung zur Kindheit des 1936 geborenen Lyrikers und Liedermachers auf seiner Homepage, sein Vater war Jude und Kommunist – aus einem Interview von 2006, in dem es noch viel mehr zu entdecken gibt.

ZEIT: Haben Sie Ihren Vater in Erinnerung?

Biermann: Ich habe ihn ganz genau in Erinnerung. Ich war drei Monate alt, als er abgeholt wurde und seinen Ehering auf den Küchentisch legte. Meine Mutter hat den Ring mit ihrem eigenen zusammenfügen und einen Rubin in Dreiecksform darüber setzen lassen, das Zeichen der politischen Häftlinge. Den Ring trägt heute meine Frau Pamela.

ZEIT: Wie kann sich ein drei Monate altes Baby an den Vater erinnern?

Wolf Biermann Konzert in Leipzig

Biermann: Mein Vater saß sechs Jahre in Bremen-Oslepshausen, den Knast gibt es heute noch. Dreimal im Jahr durfte meine Mutter ihn eine halbe Stunde besuchen. Im Winter 41 fand sie niemanden, der auf mich aufpasste, ich war etwa fünf Jahre alt, und da nahm sie mich in ihrer Not mit. Mein Vater war aber damals nicht im normalen Gefängnis, wo sie mich im Warteraum hätte hinsetzen können, sondern in einem Barackenlager, um Torf zu stechen. Mein Mutter schaffte es, den Posten zu bezirzen, mich mit reinzulassen. Da war ein geschlossenes Fenster, durch das mindestens zwanzig Männerköpfe rausstarrten, die sich drängelten, um eine richtige Frau, ein richtiges Kind zu sehen. Dann saßen wir in einer Baracke, in einem Büroraum. Meine Mutter nahm mich auf den Schoß, vor uns war ein Tisch, auf der anderen Seite ein Stuhl. Der Wachposten brachte meinen Vater in Häftlingsklamotten herein. Der setzte sich auf den Stuhl und reichte mir ein Tüte Bonbons.

ZEIT: Woher hatte er die?

Biermann: Das hat mir meine Mutter viel später verraten, sie hatte einen der Beamten dort gebeten, meinem Vater die Tüte zuzustecken, damit er sie mir schenken konnte.

ZEIT: War es das erste Mal, dass Sie ihn leibhaftig gesehen haben?

Biermann: Ja, aber jeden Morgen wachte ich mit meinem Vater auf, auf eine Weise, die sich kein Romancier ausdenken kann, aber eine Arbeiterfrau. Diese Emma Biermann, die konnte das. Wenn ich morgens um sechs aufstand, meine Mutter musste um sieben in der Dependorf Reinigungsanstalt sein, lief ich aus meinem Zimmerchen, das über dem Kanal hing, unter mir fuhren die Schuten und die Schlepper, das war im Industrieviertel Hammerbrook, ins Treppenhaus. Dort stand mein Leiterwägelchen, und da lag jeden Morgen von meinem Vater ein Leckerli, ein Bonbon, ein Keks, ein Stück Zucker. Dann zog ich den Wagen mit dem Geschenk meines Vaters rein, und meine Mutter erzählte mir beim Frühstück, auf welch abenteuerliche Weise dieser Keks aus Bremen durch die Lüneburger Heide und über die Elbe zu mir gekommen war. Dann hab ich den Keks meines Vaters gegessen, im Grunde genau so wie die Katholiken den Leib Jesu mit der Oblate. So war mir mein Vater inniger vertraut als anderen Kindern ihre flottierenden Väter.

ZEIT: Sie haben ihn damals in der Moorbaracke zum letzten Mal gesehen?

Biermann: Ja. Und jetzt gab er mir gleich eine ganze Tüte. Ich nahm einen Bonbon raus und steckte ihn hinter mir in den Mund meiner Mutter. Ein zweiten gab ich meinem Vater. Dann nahm ich einen dritten und reichte ihn dem Wachmann, der am Fenster links stand. Und dann zog ich meine Hand wieder zurück. Mein Vater lachte und sagte: Kannst ihm ruhig einen geben. Da hab ich meine Hand wieder zu dem fremden Mann ausgestreckt, dann aber schnell zurückgezogen und mir den Bonbon in den eigenen Mund gesteckt.

ZEIT: Was passierte dann?

Biermann: Meine Mutter erzählte meinem Vater, dass ich den Spottnamen »der kleine Sänger« hatte. Wenn sie zur Arbeit ging, musste ich alleine warten, bis die Tante Lotte mich aus der Wohnung holte. In diesen anderthalb Stunden habe ich immer gesungen, ganz laut, wie halt so Kinder im dunklen Wald. Und nun sagte meine Mutter: Wölflein, sing doch deinem Papa mal was vor. Schon damals musste man mich eher darum bitten, nicht zu singen. Und so legte ich ungeniert und mit voller Stimme los: „Hörst du die Motoren brummen, ran an den Feind! Bomben, Bomben, Bomben auf Engeland – Bum! Bum!!“ Da sang ich meinem armen Vater das Lied seiner Todfeinde, wie ich es aus der Goebbels-Schnauze, so nannte man den Volksempfänger, gelernt hatte.

[...]

ZEIT: Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Biermann: Nein, daran glaube ich überhaupt nicht. Mir würde es reichen, wenn es ein Leben vor dem Tode gibt.

ZEIT: In Ihrem Lied vom Hugenottenfriedhof heißt es: Wie nahe sind uns manche Tote, doch wie tot sind uns manche, die leben.

Biermann: Kunststück. Ich will Ihnen sagen, warum ich als kleiner asthmatischer Junge, als Drachentöter mit der Gitarre so erfolgreich war. Ich hatte ein Holzschwert mit sechs Saiten drauf. Ich fühlte mich oft verzagt und war in Gefahr, dass nicht ich Furcht hatte, sondern dass die Furcht mich hatte. Einfacher gesagt: dass ich zu Kreuze krieche, im Streit mit diesen totalitären Lumpen. Und da kamen immer die Toten, nicht nur mein Vater, auch meine Großmutter, mein Großvater, meine Tante Rosi Biermann, mein Cousin Peter. Die alle habe ich noch gesehen, als sie hier auf der Moorweide abtransportiert wurden. In Minsk hat man sie erschossen. Also: Wenn ich anfing zu wackeln, kamen immer diese Toten, und mein Vater sagte mir: Los, kleiner Wolf! Ich hab mein Leben aufs Spiel gesetzt und verloren. Da wirst du doch wohl dein Wohlleben aufs Spiel setzen können, der Preis ist zum Glück nicht mehr so hoch.

ZEIT: Ist das so?

Biermann: Na ja, wenn man jetzt sieht, was mit Ihrer Kollegin in Moskau gemacht wurde… Und wenn ich mich daran erinnere, dass die Stasi mehrere Mordanschläge auf mich verübt hat.

ZEIT: Was passierte?

Biermann: In der Hermann-Matern-Straße, die jetzt wieder Luisenstraße heißt, haben die versucht, mich totzufahren. Um einen Zentimeter ist es ihnen misslungen. Danach kam ich mit schlotternden Knien zu meinem starken, klugen Freund Robert Havemann. Ich erzählte ihm alles, und was war der knappe Kommentar des Naturwissenschaftlers? Tja, Wolf, zwei Punkte. Erstens, du darfst das keinem erzählen, die haben alle schon Angst genug. Und zweitens: Musst eben besser aufpassen. Ohne solche kaltherzlichen Freunde wäre ich kaputt gegangen. Ich hatte also immer die Toten im Rücken und solche lebendigen Kumpel.

Empfehle die Abschnitte, dass er an die Menschen und Musen glaube – dass der Literat, auch der atheistische von Luthers Proletarier-Bibel lebt.

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