Von der politischen Freiheit
9. Oktober 2009
Bin heute sehr dankbar, den Leipzigern, für ihr mutiges Beten und Demonstrieren heute vor 20 Jahren. Werde auch die Nobelpreisträgerin von gestern, Herta Müller, einmal lesen, die angeblich so genau den Diktatoren dieser Welt auf die Finger schaut – und indirekt das hohe Lied der Freiheit singt. Dieses Lied sei mit Reiner Kunze (aus einem Interview in Jahr 1991) angestimmt
[Interviewfrage] Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen im Osten Deutschlands von der Freiheit, die jetzt gekommen ist, enttäuscht sind? Von der Freiheit, die sie so stürmisch wollten und nach der sie aus einer so tiefen Überzeugung heraus verlangten?
[Kunze] Diejenigen, die in diesem politischen System nahezu erstickt sind, werden die Freiheit stets als den Wert empfinden. Aber hat denn die Mehrheit der Menschen tatsächlich die Freiheit gewollt? Die Menschen in der DDR haben nicht wissen können, was das ist, die Freiheit zu wollen. Sie haben geglaubt – nicht alle, ich weiß -, Freiheit sei etwas, das man ohne Gegenleistung erhalten kann. Sie haben eine Freiheit ohne Risiko erwartet. Eine Freiheit, die man, wie soll ich sagen, abheben kann bei Bedarf. Eine verwaltete Freiheit. Eine bequeme Freiheit. Da kann ich nur sagen: Nichts ist unbequemer als die Freiheit. Aber auch nichts ist begehrenswerter.
Es gibt einiges, das ähnlich oder genauso begehrenswert ist: Gesundheit (was genügend Nahrung, genügend Schutz vor Kälte, genügend Wasser für die Hygiene einschließt). Und Liebe. Aber frei sein heißt, sich entscheiden müssen, und das hat man nicht gesehen, und deshalb kann ich niemandem einen Vorwurf machen. (195-6)
Reiner Kunze hat einen ähnlich genauen Blick für das Kokettieren mit der Diktatur, er kennt die Verführbarkeit gerade der deutschen Schriftsteller, Künstler und Intellektuellen:
Lassen Sie mich eines vorausschicken – ich kann dann freier sprechen. Die dem Sozialismus verpflichteten oder im Westen zuweilen auch mit dem Sozialismus kokettierenden Intellektuellen – ich nenne sie jetzt einmal unerlaubt abgekürzt die „deutschen“ Intellektuellen, es gibt unter den deutschen selbstverständlich auch andere – diese Intellektuellen haben viel dazu beigetragen, dass in der DDR der Geist hochgehalten wurde und die Maßstäbe nicht völlig verlorengingen.
Ich verdanke einigen von ihnen Hilfe und Freundlichkeiten – Stephan Hermlin, Christa und Gerhard Wolf, den Heyms, Heinz Knobloch und seiner Frau … Vor allem aber sind es ihre literarischen Werke, die dazu beigetragen haben, dass die Maßstäbe nicht verloren gingen – trotz der Brüche und Inkonsequenzen in manchem dieser Bücher. Und so haben diese Schriftsteller selbstverständlich auch dazu beigetragen, dass es zu den gesellschaftlichen Veränderungen gekommen ist. – Und lassen sie mich noch eines vorausschicken: Die bedauerliche Rolle, die diese Kollegen im Augenblick spielen und auch in der Vergangenheit gespielt haben, will nichts für die Zukunft besagen. Spätestens seit Kleist wissen wir, dass sich in einem wirklich überragenden Autor letztlich der Dichter als stärker erweist als der Ideologe, und die Voraussetzungen dafür, dass sich in Deutschland der Dichter vom Ideologen befreit – zumindest insoweit, dass er sich nicht mehr von diesem in seinen Schaffensprozess hineinreden lässt – waren seit 1933 nie so günstig wie heute … (190-1)
[...] Das Schlimmste, was diese Intellektuellen haben tun können , war ihr Auftreten im Westen. Sie waren Adjutanten einer Diktatur. Sie haben von dieser Diktatur im Westen – und zwar weltweit – ein Zeugnis abgelegt, das besagte, dieses politische System habe seine Fehler, aber in ihm vollziehe sich der Fortschritt der Menschheit und dieses Zeugnis entsprach der Heilserwartung der sozialistischen Intellektuellen in der ganzen Welt. Deshalb wurde dieses Zeugnis tradiert, und das Zeugnis derer, die versuchten, die Dinge beim Namen zu nennen, wurde entweder nicht gehört oder der Lüge geziehen. (192)
Zitate aus Reiner Kunze: Wo Freiheit ist… Gespräche 1977-1993. Aus einem Gespräch mit dem Österreichischen Fernsehen vom 30. September 1991. -
Was war das mit Kleist, wo war er ideologisch verzerrt?
… Die Dinge beim Namen nennen, das möchte ich auch können.