Verführung des Künstlers
11. September 2009
Nochmal aus Nadolnys Münchner Poetikvorlesungen („Das Erzählen und die gute Absichten“), die ich damals in meinem zweiten Semester an der Uni mit viel Spaß und Verwunderung hörte, der Text kommt fast direkt nach dem im letzten Eintrag zitierten:
In Werner Egks Oper Irische Legende überziehen die Dämonen ein Land mit Hunger, um gegen Nahrungsmittel billig Seelen einzukaufen. Cathleen, die Fürstin, leistet Widerstand, weil sie kraft aus der Liebe zieh, aus der Liebe zu ihrem Freund, dem Dichter. Die Dämonen wissen: Sobald er das Land verläßt, wird sie zusammenbrechen, und damit aller Widerstand im Lande. Sie öffnen im Schlaf sein Ohr und oktroyieren ihm Bilder und Folgerungen, um ihn zu lenken.
„Was siehst du, Dichter, im Traum?“
„Ein Bündel Stroh.“
„Verfaultes Stroh!“
„Verfaultes Stroh.“
„Was siehst du noch?“
„Einen, der auf dem Stroh liegt.“
„Einen Aussätzigen!“
„Einen Aussätzigen.“
„Was hält seine Hand, kraftlos?“
„Ein Stück Brot.“
„Schimmlige Rinde!“
„Schimmlige Rinde.“
„Was hörst du?“
„Seltsamen Gesang hör ich, seltsamen Gesang.“
„Gewinsel hörst du, wie von einem Hund vor der Tür!“
„Gewinsel, ja.“
„Wer ist’s, der mißönt?“
„Der das Brot hält.“
„Was will er?“
„Dank sagen für das Brot.“
„Hörst du ihn noch?“
„Nein, jetzt nicht mehr.“
„Erkennst du ihn?“
„Nein.“
„Du bist’s doch selber! Du selbst! … Und in wenig Tagen wirst du sein so wie dies Traumbild, wenn du nicht fliehst aus diesem Pestland!“
Der Dichter sträubt sich noch und sie fragen ihn: „Wozu bist du geschaffen, Dichter?“
„Zu singen.“
„Wann tönte dein letzter Gesang?“
„Vor dem Hunger.“
„Warum singst du nicht mehr?“
„Ich kann nicht, mitten im Untergang.“
Die Dämonen haben die Quelle gefunden, aus der der Dichter schöpft. Der Traum ist seine Inspiration, seine Gewissheit seit je, ihr glaubt er. Um ihn zu manipulieren, brauchen sie nicht einmal mystisch-rätselhafte Sätze. Ein Stakkato von Fragen und – immanent folgerichtigen – Feststellungen genügt. Er wacht auf und ist plötzlich von der Pflicht beseelt, das Land zu verlassen um seiner Berufung nicht untreu zu werden. Egks großartiges, auch sprachlich großes Libretto enthält die zeitlos gültige, grausam genaue Schilderung der Verführbarkeit des Dichters – dort, wo er am stärksten ist.
Gerade die noch unbegriffene, noch nicht mißtrauisch abgeklopfte Inspiration ist Voraussetzung literarischer Erfindung – jedenfalls der überzeugenden. Aber da liegt auch ein Problem. Einerseits: wer nicht verwirrt ist, der hat keine Ahnung. Er wird nichts Neues wittern und erschaffen. Andererseits: wer verwirrt ist, kann nicht handeln und ist nur allzuleicht manipulierbar. Wer können nur hoffen, dass die beiden Übel sich die Waage halten. (34-36)
Egk (1901-1983) war, so wie ich seinen Wiki-Eintrag verstehe, eine Art Hofkomponist der Nazis – er weiß wohl, was Verführbarkeit ist, später hat er die Sache auch in einer Autobiographie bearbeitet. (Vielleicht auch so, dass er die Seele verkaufte um irgendetwas zu retten – so wie es von der Hauptperson der Oper erzählt wird.)