Europas Farben
7. Juli 2009
Umstritten ist die Theaterfassung von Kieślowski und Krzysztof Piesiewiczl „Drei Farben: Blau, Weiss, Rot“ (Der Link führt zu allen Zeitungsrezessionen gesammelt bei „Nachkritik“, dort bitte ggf. die Geschichten nachlesen, damit man diesen Eintrag verstehen kann) in den Münchner Kammerspielen. Ich mag es sehr, wenn jemand so dezent wie Kiéslowsky/Simons frohe Botschaft verkünden will. Sie spielen das Chaos der Welt und singen das hohe Lied Europas „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, das Lied dessen, was einem Menschen zusteht (höher und intensiver als die Menschenrechte) eigentlich das hohe Lied der Liebe. „Und wenn ich mit Engelszungen redete, und …., hätte aber die Liebe nicht, ich wäre ein tönernen Erz…“ Typischerweise wird die Botschaft dieser Szenen destruktiv oder gesellschaftskritisch gesehen, immerhin auch manchmal bewundernd wie etwa in der FAZ:
„Sie wollte mehr, als ich ihr geben konnte.“ Mit diesen Worten fasst der Richter gegen Ende der „Drei Farben“ die Gründe für das Scheitern seiner eigenen, tragischen Liebesgeschichte zusammen – und bringt damit auch die Grundmotivation aller übrigen Hauptfiguren auf den Punkt: Sie stehen alle vor der Wahl, ihr Leben zu vernichten oder zu vollenden. Tränenerstickt presst der niederländische Schauspieler Jeroen Willems diese verbitterten Worte heraus, während er „Drei Farben: Rot“ verkniffen auf einem Klavierhocker verbringt, in einem einzigen großartig konzentrierten Dialog mit Sandra Hüllers misstrauischer Valentine.
Sie haben sehr viel, die Hauptpersonen: Julie hat Geld, Karol Geld und Macht, der Richter hat Geld und Macht und Weisheit. Aber die Liebe, die ist ihnen abhanden gekommen. Durch einen tragischen Unfall, durch Berufsehrgeiz und Scheidung, durch das Leiden daran, dass es persönlich und allgemein keine Gerechtigkeit auf der Erde gibt. Julie bleibt der Mund offen, Karol die Hosenfalle, der Richter bleibt auf seinem Klavierstuhl kleben. Sie alle sind auch destruktiv geworden: Julie will die Komposition ihres Mannes zerstören und ihre Erinnerung auslöschen, Karol schreckt vor Betrügereien, Totschlag und der Inszenierung der eigenen Beerdigung nicht zurück, der Richter ist ein ekliger Spanner geworden. Und doch finden sie die Liebe wieder oder es tut sich ihnen wenigstens die Chance dazu auf. Julie komponiert, Karol wartet auf seine Ex-Frau, der Richter fängt wieder von sich zu sprechen an.

Gleich zu Beginn fällt ein Auto vom Himmel und bleibt im Bühnenbild stecken. Durch einen Unfall hat Julie (Sylvana Krappatsch) ihren Mann verloren
Sie sind wie Menschen, die im letzten Moment von einem sinkenden Schiff gerettet werden. Und nicht nur diese drei, auch des Richters Hundepflegerin Valentine, auch die gefangene Ex-Frau Karols, auch der komponierde Olivier – weiß nicht mehr, wer die sieben Personen die dem Schiffunglück auf dem Ärmelkanal entrinnen, zumindest eine fehlt mir. (Bin ich sie selber, der Zuschauer?) Bin nicht so sicher, aber dort, auf und um den Ärmelkanal haben wohl viele Schlachten um Europa stattgefunden, nach Großbrittanien und Irland ging der Weg vieler Osteuropäer, die nach den friedlichen Revolutionen 1989 im Westen Arbeit suchten, und die Flagge des vereinigten Königreichs besteht aus denselben Farben wie die titelgebende französische, nur besser durchmischt.
Die drei Dinge, die in einer chaotischen Welt bleiben, vor es einmal besser wird, so Paulus: Julies Glaube (an den Sohn ihres Gatten mit einer Anderen), obwohl er ihre Liebe jahrelang, ohne dass sie es wusste, betrogen hat. Karols Hoffnung, dass es nach dem (Schein-)Tod (den er für sich inszenieren lässt) besser wird. Des Richters eingesperrte Liebe, damit er endlich (wenigstens) für sich Gerechtigkeit findet.
Die verrückten Farben, Julie blau wie das Meer zum darin ertrinken und wie der Horizont, um abzuheben, Karols weiße Weste, die so gar auf seine Tätigkeiten passt, und doch das Weiß dessen mit einem Gewand, so weiß, wie es kein Walker machen kann, das irritierende Rot aller Frauen im Schlußakt, sich einbrennend und wieder verlöschend. Mochte diesen Theaterabend.
11. Juli 2009 at 4:27
Hab ich das wirklich gesagt? Oder war das mein Namensvetter
(wie brandom sagt, die Säulenheiligen der analytischen Philosophie sind: faith, hope and clarity)