In der DDR war es das Westfernsehen, durch das man – wenn auch eingeschränkt – zu Informationen kam. Im Iran sind es die Handies, die integrierten Kameras und Internetdienste und -blogs. Siehe NZZ. (Hoffe diese Mittel funktionieren auch in China – trotz der angeblichen Kollaboration von Google und co.) Trotzdem muss man Angst haben, wie damals in Leipzig und dem ganzen Ostblock vor 20 Jahren. Was mich sehr freut ist die Vielfalt der friedlichen Proteste, das erinnert schon an Leipzig (und übertrifft es vielleicht, die Iraner sitzen auf den Schultern der Leipziger). Wieder die NZZ (17. Juni):

Nach dem epochalen Schweigemarsch vom Montag [letzter Woche, 15. Juni] zum Azadi-Platz, an dem Hunderttausende teilgenommen haben, klang es schliesslich wie der Triumph eines Volkes, das spürt, dass sich der historische Stau, in dem es feststeckt, auflösen könnte. Wenn es nur lang und kräftig genug hupt.

Also Methoden

  • Schweigemärsche
  • Hupkonzerte auf den Straßen

In den letzten 9 Tagen fand ich noch manches in den Zeitungen, leider sammelte ich nicht die Quellen:

  • am Auto nachts kein Abblendlicht
  • mit einer Blume oder einem hochgestreckten Foto in der Hand demonstrieren (vgl. Leipziger Kerzen)
  • um 22 Uhr aufs Dach steigt und «Allah-o-Akbar» („Gott ist groß/größer“) rufen (Oder auch „Gott ist einer“)

Jetzt noch Sharif Emamjomeh, freie Journalist in Teheran, in der NZZ rückblickend zum Wahlkampf:

Moussavi wählte zwei aussagekräftige Symbole. Er verbreitete ein für die Islamische Republik unerhörtes Plakat, auf dem er Hand in Hand mit seiner Gattin Zahra Rahnavard, einer Universitätsprofessorin, auftrat. Die konservative iranische Tradition räumt den Frauen weder einen Anspruch auf einflussreiche Stellungen noch die Möglichkeit ein, öffentlich Vertrautheit mit einem Mann zu demonstrieren. Weiter wählte er für seine Kampagne die grüne Farbe, die Farbe der Prophetenfamilie. Mit dieser Taktik sprach er die Massen an und flösste ihnen Hoffnung auf Veränderung ein. Fast über Nacht paradierten in allen grösseren Städten des Landes Tausende von Anhängern mit etwas Grünem – einem Armband, einem Schleier oder einer Dekoration am Auto. Schnell wurden daraus die grössten und augenfälligsten Sympathiekundgebungen für einen iranischen Kandidaten, grösser sogar als seinerzeit der Zustrom für Khatami vor dessen Erdrutschsieg.

Zurzeit, so scheint es, wird jede Volksansammlung gewaltsam angegriffen, und nicht mehr nur mit Schlagstöcken wie letzte Woche. Dass es letzten Donnerstag in Teheran 1 Million Demanstanten gewesen sein sollen (mind. 25 min. eine sechsspurige Autobahn), ist verrückt.

[Bild rechts entsprechend Kommentar vier: Widerstand durch Bemalung der Geldscheine]

4 Responses to “Kreativer Widerstand im Iran”

  1. fangtunsdoch Says:

    Wie der Widerstand heute noch weitergeht erzählt die iranische Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi in der FAZ
    http://www.faz.net/s/Rub868F8FFABF0341D8AFA05047D112D93F/Doc~EC9B6FE8935F0461790656CF6C9105E57~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    Frau Ebadi, ist die iranische Protestbewegung gescheitert?

    Die Brutalität des Regimes ist unglaublich groß. Die Menschen sind gezwungen, ihre Proteste auf andere Art und Weise zum Ausdruck zu bringen. Nachts rufen sie als Zeichen ihres Protests noch immer „Allahu Akbar“ von ihren Dächern oder aus dem Fenster. Die Mütter, deren Kinder verschwunden oder verhaftet worden sind, tragen Schwarz als trauernde Mütter und halten an den Samstagen um sieben Uhr am Abend Sitzstreiks ab. Die Proteste sind nicht abgeflaut oder beendet, sie haben nur ihre Form geändert.

    Wie kann es jetzt weitergehen?

    Diese Bewegung setzt sich zum Ziel, mehr Demokratie zu erreichen. Die Brutalität des Staates war sehr groß, aber die Menschen haben beschlossen, ihre Proteste fortzusetzen. Ich bin zuversichtlich, dass die Menschen das erreichen werden, was sie sich wünschen. Man kann sie nicht ewig unter Druck zu setzen.

  2. fangtunsdoch Says:

    http://www.faz.net/s/Rub868F8FFABF0341D8AFA05047D112D93F/Doc~EE002E44169074C2EA37AC713E4093BAA~ATpl~Ecommon~Scontent.html
    Rainer Hermann denkt in diesem Kapitel, Ahmadineschad sei bisher durch die Krise eher gestärkt, dennoch:
    Die Iraner aber, ein Volk aus Teppichhändlern und Schachspielern, sind erfinderisch genug, sich ständig neue Formen des Protests einfallen zu lassen. Bei religiösen Feiern kann eine Regierung kaum einschreiten. Sie werden aber ständig neue Anlässe bieten, gegen das Regime zu protestieren. In drei Wochen beginnt der Fastenmonat Ramadan, in dem Gläubige zum abendlichen Fastenbrechen zusammenkommen, woraus eine Kundgebung werden kann. Danach finden im Monat Muharram religiöse Trauerprozessionen statt, die schnell eine andere Bedeutung bekommen können und nicht leicht zu steuern sind. Zwar ist Ahmadineschad innerhalb des Regimes stark. Davon wird sich die Opposition aber nicht einschüchtern lassen.

  3. fangtunsdoch Says:

    In der TAZ schrieb eine anonyme, aber der Redaktion bekannte Theheraner Bloggerin am 10. Juli:

    Weil der Protest auf der Straße so schwierig und gefährlich geworden ist, haben sich die Leute andere Formen des Protests ausgedacht. Eine davon ist der Boykott. Seit die Regierung das Versenden von SMS wieder gestattet, macht es niemand mehr. Die Telefonfirmen beklagen seit der Sperrung der SMS-Dienste große Verluste. Um die Kosten wieder reinzuholen, haben sie nicht nur die Preise erhöht, sondern außerdem 10 Tage alte SMS-Botschaften versendet, um sie den Leuten in Rechnung zu stellen. Seit Aufhebung der Sperre haben die Menschen zum SMS-Boykott aufgerufen, und das scheint ziemlich gut zu klappen. Ich habe seither keine einzige SMS versendet oder bekommen. Der andere Boykott richtet sich gegen Firmen, die der Regierung gehören.
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    Heute Nacht um 21 Uhr startet ein weiterer Boykottversuch. Alle sollen Haushaltsgeräte einschalten, die möglichst viel Strom verbrauchen – Bügeleisen, Waschmaschinen, Föhne -, um das Stromnetz zum Kollabieren zu bringen. Nach Schätzungen müssen sich etwa drei Millionen Haushalte beteiligen. Nach einem Absturz dürfte es zwei Stunden dauern, bis die Elektrizität wieder funktioniert.

    http://www.taz.de/1/politik/nahost/artikel/1/das-ritual-auf-den-kopf-gestellt/

  4. fangtunsdoch Says:

    Der Spiegelfechter, der im Juni die grüne Revolution böse unterschätzte, schreibt inzwischen über Vergewaltigungen und erwartete Todesurteile in den Gefängnissen im Iran. Außerdem, dass eine Großdemo am 18. September mit angeblich 100.000en in den westlichen Medien unterging und dass die nächste für den 4. November geplant ist; zitiere etwas zu einer neuen Widerstandsform:

    Protestbotschaften auf Geldnoten [Bild in Originalartikel integriert]

    Als wirksam hat sich auch eine besonders kreative Form des passiven Widerstands herausgestellt. Oppositionelle beschriften Geldscheine mit Logos, Slogans und Bildern getöteter Demonstranten – alles in der revolutionären Farbe Grün gehalten. Da niemand einen Geldschein wegschmeißt und die iranische Zentralbank sich lange Zeit passiv verhielt, kursieren mittlerweile unzählige „oppositionelle“ Rials. Die subversive Geldkosmetik ist so erfolgreich, dass nun der Teheraner Stadtverordnete Morteza Talai dazu aufgerufen hat, Banknoten mit „antirevolutionären Slogans“ aus dem Verkehr zu ziehen. Über IRNA forderte Talai die Bevölkerung auf, die verschönerten Geldscheine nicht mehr anzunehmen.

    http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1045/die-vergessene-revolution


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