Michael Ende und die Moderne
17. Juni 2009
Jüngst (wahrscheinlich) erstmals nach der Kindheit nochmal „Die unendliche Geschichte“ gelesen. Michael Ende sagte einmal darüber (bitte nicht überbewerten, er wollte eigentlich keine Deutung geben)
„Das ist nämlich die Geschichte eines Jungen, der seine Innenwelt, also seine mythische Welt, verliert in dieser einen Nacht der Krise, einer Lebenskrise, sie löst sich in Nichts auf, und er muss hineinspringen in dieses Nichts, das müssen wir Europäer nämlich auch tun. Es ist uns gelungen, alle Werte aufzulösen, und nun müssen wir hineinspringen, und nur, indem wir den Mut haben, dort hineinzuspringen in dieses Nichts, können wir die eigensten, innersten schöpferischen Kräfte wiedererwecken und ein neues Phantásien, d.h. eine neue Wertewelt aufbauen“.
Zitiere Michael Ende aus einem Briefwechsel mit Werner Zurfluh:
Ich weiß nicht, ob es übertrieben klingt, wenn ich sage: Ich interessiere mich eigentlich nicht sonderlich für mich selbst – nur so um meiner selbst willen. 
Was mich interessiert ist die Frage, was ich mit meinen Möglichkeiten dazu tun kann, daß wir aus dieser verdammten Kulturmisere wieder herauskommen, in die sich die gesamte „zivilisierte“ Menschheit hineinmanövriert hat. Der naturwissenschaftliche, technologische, industrielle Fortschritt ist da und wird weitergehen – aber wenn kein Gegengewicht auf der „anderen“ Seite diese Entwicklungen ausbalanziert, dann werden wir immer tiefer in eine buchstäblich mörderische Banalität hineinschlittern, in eine „brave new world“ der totalen Wesenlosigkeit und der totalen Bequemlichkeit – oder es kommt eben zu all den oft genug besprochenen Katastrophen. Beides wäre gleichermaßen schlimm.
Nun, Kultur ist ja nicht die Gemeinsamkeit von Meinungen und Ansichten – in einer Kultur können sehr divergierende Meinungen zum Ausdruck kommen – Kultur ist die Gemeinsamkeit einer Lebensgebärde, innerhalb derer die verschiedensten Ansichten Gestalt gewinnen. Deshalb beruht jede mir bekannte Kultur auch nicht auf einer Welt e r k l ä r u n g, sondern hat im Zentrum einen Mythos. Ein Mythos ist ja eine E r z ä h l u n g, in der die ganze Widersprüchlichkeit des Lebens und der Welt nicht aufgelöst, sondern in Bildern dargestellt wird. Eine Zivilisation wie die unsere, die letztlich an eine restlose Erklärbarkeit der Welt und der Lebenstatsachen glaubt, kann per se natürlich keinen wirklichen Mythos in ihrem Zentrum haben. Diese Mythenlosigkeit schließt aber wiederum eine gemeinsame Lebensgebärde aus. Daher das Gefühl einer geradezu kosmischen Einsamkeit, das jeder einzelne heute erlebt. Jeder versucht sich jedem zu erklären, und je mehr man erklärt, desto weniger versteht man einander.
Verstehen Sie mich, bitte, nicht falsch. Ich beklage das nicht. Ich bin vielmehr der Meinung, daß dieses Durchleben des Fokuspunktes, dieses Reduziertsein auf das eigene Bewußtsein, dieser Weltverlust sich mit Notwendigkeit vollziehen mußte. Eben dadurch wurde der Mensch sozusagen selbständig, mündig. Aber man kann natürlich in diesem Fokus- oder Nullpunkt nicht verweilen, sich nicht häuslich darin einrichten. Das würde zu einem vollkommenen Zerfall aller sozialen Strukturen, aller Gemeinsamkeit, ja der Sprache selbst führen [...]
Nun hilft es uns aber wenig, auf solche alten Kulturen zurückzublicken, weil wir inzwischen vor Fragen stehen, vor denen die Menschheit noch nie bisher gestanden hat. Alle alten Kulturen beziehen ihren Mythos, ihre Gemeinsamkeit aus etwas – wie soll ich sagen – Genetischem, Instiktivem, aus einer körperlichen Volks-, Stammes- oder sogar Familienzugehörigkeit. Sie sind vor-individuell. Das Einzelbewußtsein spielt kaum eine Rolle. Daher auch das eigentümlich Überlebensgroße, Allgemeine, Unindividuelle aller mythischen Figuren. Eine Kultur freier, selbständiger Individualitäten hat es bisher noch nie gegeben. Zunächst erscheint soetwas ja geradezu als eine Unmöglichkeit, ein Paradoxon: Wie kann es die gemeinsame Lebensgebärde vieler Einzelner geben? Auf der anderen Seite gibt es kein Zurück mehr. Wie verheerend sich der Versuch auswirken muß, den heutigen Menschen wieder in Volks- oder Rassezusammenhänge zu integrieren, hat sich ja am Nazismus gezeigt. Was vor 2000 Jahren gut war, wirkt heute dämonisch. So ist es ja überhaupt mit Gut und Böse. Aber das ist nicht die einzige Tendenz, den Menschen zu entindividualisieren. Viele andere Systeme wollen es auf andere Weise erreichen, weil sie alle mit der Frege nicht fertig werden, wie es eine Gesellschaft oder Kultur freier Individualitäten geben soll.
[zwei Tage später setzt er den Brief fort]
Beim Durchlesen dessen, was ich da vorgestern geschrieben habe, erschrecke ich etwas über den akademischen, rechthaberischen Tonfall. Es ist mein alter Fehler, etwas in wenigen Sätzen erklären zu wollen, wozu man sich viel Zeit (und Papier) nehmen müßte. Außerdem weiß ich gar nicht, ob diese ganzen Überlegungen für Sie überhaupt von Interesse sind. Wenn ja, fassen Sie bitte nachl Da ich eigentlich auf eine ganz persönliche Frage kommen möchte, will ich den vorigen Faden jetzt so kurz wie möglich abschneiden: Ich bin durchaus der Meinung,daß die Lösung des Paradoxes möglich ist, d.h. daß es eine gemeinsame Lebensgebärde, sprich Kultur, vieler Individualitäten geben kann, daß es unsere Aufgabe ist, sie zu er-finden oder sie wenigstens vorzubereiten. (Vielleicht oder wahrscheinlich werden vorher noch einige Katastrophen zu durchleben sein, die vor allem die ökonomischen Grundlagen unserer
Gesellscheft auf ganz andere Füße stellen – auch das ein eigenes Thema !) Was Sie in Ihrem Buch an Erfahrungen beschreiben, erscheint mir als der Anfang, das Erwachen einer ganz neuen Seelenfähigkeit. Ihr Vorschlag, das Klarträumen als Unterrichtsfach in künftige Schulen einzuführen, entzückt mich. Mein Gott, was für ein begeisterter Schüler wäre ich da gewesen ! In meinen Schulen hat man uns das Träumen gründlich abzugewöhnen versucht.
Dass Ende das Tagträumen und Außer-Körper-Erfahrungen erlernen will, klingt so ein bischen wie Goethes Faust den Kontakt mit der Geisterwelt sucht. (Später zitiert Ende tatsächlich Fausts Monolog und was er alles schon probiert hat.) Er kommt bald wieder auf sein eigentliches Anliegen:
Ich befinde mich da in einer sonderbaren Situation. Ich sitze seit Jahren, oder besser gesagt seit Jahrzehnten (ich bin fast sechzig) sozusagen festgebannt auf der Schwelle zwischen beiden Wirklichkeiten. Eine Rückkehr in den naiven Glauben an die Alltagsrealität ist mir nicht möglich. Es macht mich oft geradezu ratlos vor Erstaunen, wie fraglos viele Menschen diese Alltagsrealität „für bare Münze“ nehmen. Trotzdem ist mir der Schritt zu einem wirklichen Wachwerden auf der anderen Seite der Schwelle bisher nie gelungen. Ich sollte vielleicht der Klarheit halber hinzufügen, daß ich durchaus Übungen gemacht habe – am längsten wohl die von Steiner angegebenen, aber auch andere. Drogen habe ich allerdings nie benutzt. Alle diese Übungen haben bei mir überhaupt nichts in Bewegung gebracht, im Gegenteil, mein Traumleben intensivierte sich nicht, sondern begann durch besagte Konzentrations- und Meditationsübungen geradezu abzuwelken. Ich kenne Leute, die Steiners Meditationssprüche seit vierzig Jahren täglich üben. Auf meine gespannte Frage „Und?“, antwortete man mir, daß die Sprüche nun allmählich anfingen zu leuchten. Darauf antwortete ich, daß vermutlich auch das Telefonbuch anfängt zu leuchten, wenn man es vierzig Jahre lang meditiert.
Was sich durch alles das bei mir eingestellt hat, ist eine tiefe Entmutigung. Sie verstehen, daß das kein Mangel an Mut ist. Ich bin zwar gewiß kein „makelloser Krieger“ im Sinne des alten Don Juan, aber ich bin kein Feigling. Ich sage das nicht leichtfertig. Im Grunde weiß man ja nie, ob man Mut hat oder nicht, ehe man nicht in Situationen gekommen ist, in denen sich das herausstellt.
Dann diskutiert Ende mögliche Wege, unplausibel scheint ihm, dass es bei ihm daran liege
- dass man „erst einmal ein makelloser, tugendhafter, asketischer Mensch werden“ solle oder
- dass für ihn „das größte Hindernis in gewissen vorgefaßten Meinungen über die Existenz oder Nichtexistenz, oder ganz generell über die Beschaffenheit der nichtalltäglichen Wirklichkeit liegt“
Die Anfrage zum Briefende: „Glauben Sie, ich muß mich damit abfinden, daß ich vor meinem Tode keinen b e w u ß t e n Zugang zur „anderen“Wirklichkeit bekomme?“. Antwort Werner Zurfluh:
Streben meint nämlich stets Zielbezogenheit und Gerichtetheit. Und es gibt genug Schulungswege, die sich irgendwelchen Zielvorstellungen verschrieben haben. Dabei geht von allem Anfang an die Poesie verloren und Macht und Willkür übernehmen das Szepter. Erkenntnis als solche ist stets unerwartet, offen, verblüffend und erschreckend, manchmal auch leise und verhalten. Wer dagegen nach Erkenntnis strebt, glaubt allemal schon zum voraus zu wissen, was ihn da erwartet und verliert unterwegs seine Offenheit und Redlichkeit. Dabei bleibt die spontane (‘alchemistische’) Kunst im Wuste der formalen Anweisungen stecken. Dass Sie sich dagegen wehren, kann mich nur freuen.[...]
Nur erstaunlich, dass in beinahe allen Grosskulturen die Spontaneität und schöpferische Gestaltungskraft erfahrungsbegründeter Sprache in kanonisierte Schriftlichkeit absackte und schliesslich in formalistischer Schulung erstarrte. Priester traten anstelle von Propheten, Schriftgelehrte ersetzten Seher. Ganz anders die indianische und schamanistische Kultur mit ihrer echten Akzeptierung der ‘Traumwelt’ als nichtalltägliche Wirklichkeit. Da spielt das Einzelbewusstsein eine wesentliche Rolle – oder müsste ich vielmehr sagen, da hat das Erzählerische eine gesellschaftsformende Kraft, weil alle Erzählungen aus der persönlichen Erfahrung heraus entstehen und in die soziale Struktur miteinbezogen werden. Wird dagegen der Mythos des einzelnen Menschen zu einem rein subjektiv erzeugten Fantasieprodukt erklärt, geht der Anspruch freier, selbständiger Individualitäten auf Intersubjektivität und gesellschaftlicher Relevanz vollends verloren.
Ein späterer Brief geht härter mit Michael Ende um:
Was mir absolut nicht klar ist, ist die Motivation, mit der Sie luzid in die Nacht hineingehen wollen. Mehr noch, ich „befürchte“ sogar, dass Sie ungemein dafür motiviert sind. Ich werde dabei einfach den Verdacht nicht los, dass Ihr Motiv letzten Endes doch alltagsbezogen bleibt und keineswegs uneigennützig ist. Auch habe ich den Verdacht, dass Sie als Fernziel ein literarisches Kunstprodukt vor Augen haben.[...] Wenn Sie jetzt beim Lesen dieser Zeilen immer zorniger, ja wütend geworden sind, dann war mein Verdacht zutiefst zutreffend, wenn nicht, dann war er zumindest teilweise ungerecht, worüber ich nur froh und glücklich sein kann. Bitte beachten Sie auch, dass ich eher die Tendenz habe, zu viel als zu wenig zu sagen, d.h. ich bin oftmals provokativ, möchte aber keineswegs verletzend sein. Hoffentlich gelingt mir das!
Wie dem aber auch sein mag, es gibt meines Erachtens ein paar prinzipielle Dinge gerade im Zusammenhang mit jeder Art von ‘esoterischem’ Bemühen. Wenn einem die Alltagsrealität fragwürdig geworden ist, beginnt oftmals das Suchen nach anderen Wirklichkeiten. Exakt an diesem Punkt setzen die esoterischen Schulen ein – mit all ihren Übungen. Mich beruhigt es ungemein, dass Sie nicht den geringsten Erfolg mit all den Übungen gehabt haben, die Sie jemals durchgeführt haben. Und dass Sie – gewissermassen aus schierer Verzweiflung – keine Drogen genommen haben, rechne ich Ihnen hoch an. Das eine wie das andere sind wesentliche Punkte im Hinblick auf ein Hineingehen in andere Seinsbereiche. Weshalb? Weil es nicht angehen kann, mit Hilfe irgendwelcher Techniken in eine Raum-Zeit hineinzugehen, die bislang vom westeuropäischen Menschen beinahe ausschliesslich als zu erobernde und zu zivilisierende terra incognita betrachtet worden ist.
[...] Sie glauben also nicht, dass Ihre Schwierigkeiten hierin liegen, denn die Existenz der nichtalltäglichen Wirklichkeit war Ihnen eigentlich von Kindheit an völlig fraglos. Keine Frage, dass dem bis heute so gewesen sein mag! Ich habe sogar nicht einmal den leisesten Zweifel daran, dass Sie nicht durch ein naturwissenschaftliches Weltbild daran gehindert werden, die Schwelle zu überschreiten. Nur leider: Es gibt auch magische Weltvorstellungen. Und zum Donnerwetter nochmals, die liegen Ihnen nicht nur näher, die liegen wie schwerste Malsteine auf Ihnen und drücken Sie in Ihren physischen Leib hinein, dass mir Weh und Ach wird.
Ende nimmt diesen Brief freundlich auf, gerade seine Antwort bezeugt, dass ihn die äußeren Umstände (er wurde betrogen und sitzt auf immensen Schulden) in die nicht-Phantasie zurückweisen. Wegen dieser äußeren Umstände wird der Briefwechsel lockerer, einmal sehen sich die beiden Schreiber noch vor Endes Tod. Bei Z., der zu Begin des Briefwechsels wegen MS in Ruhestand versetzt worden war, ist seit 2007 MS so fortgeschritten, dass er nicht mehr schreiben kann. Genaueres über ihn auf Werner Zurfluh (Bilder auf dieser Seite sind von ihm).