Halfpipe Bühne

10. Juni 2009

Ich dachte an die Ringe des Saturn, als ich die Bühne in der Inszenierung von Franz Kafka „Der Prozess“ in den Münchner Kammerspielen sah. Innen drehte sich der unbewohnbare Planet. Vieles spricht dafür, dass es sich um ein Auge handelt bei dieser Bühne. Auf jeden Fall gab es doch da tatsächlich Ähnlichkeiten zur „Fangt uns doch“ Bühne. Was passiert da technisch? Zitiere den Standart (Wien. Ronald Pohl):

Regisseur/Ausstatter Andreas Kriegenburg hat auf die Münchner Bühne ein Gipsauge gestellt. In dessen ovaler Mitte, sozusagen im Durchstichsloch eines Träumers, rotiert ein Hubpodest, das immer wieder gemächlich in die Vertikale kippt, um schließlich als Kletterwand den Schrecken einer hölzernen Eiger-Nordwand zu verbreiten.

Gedeutet bei Mounia Meiborg in Nachkritik:

Die Welt ist eine seltsam schiefe Scheibe, und wer nicht aufpasst, fällt runter. Schon vom bloßen Anblick der verschiedenen Neigungswinkel kann einem schwindelig werden. Denn Andreas Kriegenburgs Bühne ist eine Mischung aus Hamsterrad und Halfpipe. Im Vordergrund liegt eine riesige Ellipse, die nach unverputztem Beton aussieht und sich in der Tiefe des Raumes verengt. Der hintere Hohlraum wird von einer Holzscheibe abgeschlossen, die als steile Rampe darin liegt, nach hinten geklappt wird und sich zugleich dreht. Fast senkrecht klebt das Mobiliar – ein Schreibtisch, ein Esstisch, Stühle, ein Bett – auf dem Untergrund. Anders die Menschen auf diesem ungastlichen Eiland: Sie kraxeln und straucheln, klettern und strampeln.

Was kann man aus einer Bühnenschräge nicht alles machen. Ein Bild, das für uns Zeichen der Phantasie war, ins Kafkaeske gewandelt: mal krabbeln dort Käfer, mal pendeln Kaschperle an Stäbchen, ein andermal der ständige Absturz des Sisiphos.

Die Bühne schließt sich nicht zur blauen Kammer, sondern ist etwas hinter einem eisernen Vorhang …

Die Rezensenten feiern diese Bühne, die eingeschränkten Farben die darauf spielen, sprachlich ist was geboten – deuten tue ich Kafka besser nicht. Und doch, ein wenig ist es auch hier die schöpferische Vielfalt des Lebens, die trotz der Wahnvorstellungen von einem Prozess das letzte gute Wort hat. (Das Urteil am Ende ist nicht so richtig glaubwürdig. O.k., bin unverbesserlicher Optimist.)

Weitere richtig gute Bilder von der Bühne auf der Seite der Münchner Kammerspiele

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