Es weitergeben
8. Juni 2009
Wie Widerstadsfähigkeit weitergeben?
Christian Führer, selbst Sohn eines Pfarrers, hat nach seinem Studium in Leipzig Ende der 60er Jahre seine erste Pfarrstelle in einer Landgemeinde in Sachsen angenommen. Mit ihm kommt seine Frau Monika.
Im Dorf waren wie so richtig angekommen. Die Anteilnahme der Dorfbewohner spürte ich deutlich, als im Jahre 1969 unser erstes Kind geboren wurde. Im Dorf waren wir so richtig angekommen. Und wir sorgten für Gesprächsstoff. Über den Namen unserer Tochter staunten die Leute nicht schlecht, denn üblich waren damals Jaqueline, Mike, René und dergleichen. Auf dem Dorf wurde aus unserer Katharina natürlich bald Katrina. Der Name unseres ersten Sohnes, Sebastian, ging den Menschen 1971 schon besser über die „sägs’sche Zunge. [...]
Dank unserer Kinder erinnerte ich mich wieder an meine Eltern – besonders an meinen Vater – und deren Erziehungsmethoden. Wir stellten es Katharina damals frei, ob sie den Pionieren beitreten wollte oder nicht. Mir als Vater wäre es sehr nahe gegangen, wenn ich meiner Tochter etwas verboten hätte, um dann “Ich möchte doch auch wie die anderen Kinder Pionier sein“ von ihr zu hören. So hingegen konnte sie selbst erfahren, was an der Sache mit der Pionierorganisation dran war. Allerdings war es in jenen Tagen nur allzu selbstverständlich, dass alle Kinder der Organisation beitraten. Keineswegs davon überzeugt, gingen meine Frau und ich in die Schule und fragten nach.
„Warum sollen die Kinder überhaupt zu den Pionieren gehen?“, erkundigte ich mich bei der Klasslehrerin von Katharina. Diese Frage war nun überhaupt nirgends vorgesehen.
„Die gehen doch alle dorthin.“
„Und warum gehen alle dorthin?“ hakte ich beharrlich nach.
„Nun, weil alle dorthin gehen!“ lautete die unwirsche Antwort der Lehrerin. „Und weil Pioniere Altpapier und Flaschen sammeln!“, fügte sie noch hinzu.
„Aber dafür muss man doch nicht der Pionierorganisation beitreten“, erwiderte ich nur. „Altpapier und Flaschen sammeln wir auch so.“ Nach unserem Umweltbewusstsein war das eine Selbstverständlichkeit. Nach ihrer Zeit bei den Jungpionieren entschloss Katharina sich jedoch gegen eine weiterführende Karriere bei den Thälmannpionieren. Sie hatte erfahren, dass sie bei den Pionieren nichts versäumte. Und so ging sie den Weg, der sie ab der vierten Klasse bei den Thälmannpionieren vorbeiführte. Sebastian trat erst gar nicht den Jungpionieren bei. Damit hatten wir bei unseren ersten beiden Kindern ganz ohne Zwang erreicht, was wir wollten.
aus: Christian Führer (2009): Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam. Der Pfarrer der Nikolaikirche erzählt sein Leben; Seiten 85-87.