SchönMalen

17. März 2009

Sonntags bei Gerhard Richter, Abstrakte Malerei, im Haus der Kunst. Der Mann will tatsächlich Schönes schaffen, das sieht man an jedem Bild, man ist nicht in die Nacht des Todes und der Depression getaucht wie bei so viel anderer Kunst der letzten Jahrzehnte. Und Richter will ethische Impulse setzen. Zudem klagt er, wie weit der Weg vom Sehen zum Begreifen ist. Das ist alles der alte Platon, an dem ich auch so hänge (einschließlich dem Bekenntnis, dass er sich als Künstler dem Schein widmet – mit der Besonderheit, dass Richter das Begreifen, also die Schau der Ideen, sehr schätzt.) Wir haben bei „Fangt uns doch“ versucht, das Schöne darzustellen, durch die eingängigen Songs, durch die Bogen der Bühne, durch die Farben in der Kammer. Natürlich geht es um ein ethisches Thema, die wilden Tiere (Dämonen) sind los, und es gilt sie unter wagemutigem Einsatz zu fangen (vgl. Hans in der Kammer). Und das Motto von Theodor Häcker, wie lange der Weg vom Wahrnehmen zum Handeln ist, ist unserem Stück vorangestellt. Ich zitiere aus einem Interview mit Gerhard Richter in der SZ (Hervorhebungen von fangtunsdoch)

SZ: Herr Richter, ein Satz von Ihnen lässt mich nicht mehr los: „Alles sehen, nichts begreifen.“ Das bringt die Blindheit in unserer hypervisuellen Gegenwart schon auf den Punkt . . .

Gerhard Richter: Er war ursprünglich eine Art Titel für mein erstes Glasscheibenobjekt. Denn das führte mir den Unterschied von Sehen und Begreifen sehr anschaulich vor. Damals fand ich den Satz fast etwas peinlich, ein wenig so, als hätte ich mich geoutet. Dabei trifft es ja ganz allgemein zu, dass der Weg vom Sehen zum Begreifen ein sehr weiter ist.

Diese Entfernung scheinen Sie vor allem mit Ihren gegenständlichen Gemälden zu durchmessen. Ist so Ihre typische Ästhetik des Diffusen entstanden, Szenen und Gestalten chimärenhaft zu malen, wie Schatten oder Träume?

Sie spielen auf den Schein an, den ich einmal als mein Lebensthema bezeichnet habe. Für jemanden, der Bilder herstellt, ist der Anschein, der Anblick tatsächlich das Wichtigste. Wir sehen den Schein der Wirklichkeit und erzeugen ihn dann künstlich, in Bildern.

[...]

„Meine Bilder sind klüger als ich selbst“, meinten Sie einmal. Führte Ihr Unterbewusstsein Regie?

Das Unterbewusste – ja. Es ist gescheiter, stärker, sicherer im Erfassen als der Verstand.

Weshalb Sie sich von ihm lieber leiten lassen?

Ja doch, so weit das möglich ist. Und manchmal bin ich dann überrascht, wie richtig etwas war, das ich ganz intuitiv entschieden hatte. Das ist dann ein großes Geschenk.

Wann wissen Sie eigentlich, dass ein Bild gut ist?

Die Gretchenfrage. Aber eine wichtigere als die nach gut und schlecht gibt es nicht. Also: Man wächst heran, lernt, eignet sich Vorbilder an und versucht zu verstehen, was an diesen eigentlich gut ist. Welche Qualität wir da schätzen, besonders, wenn sie auch noch die Jahrhunderte überdauert. Es ist eine Qualität, die Übereinstimmung schafft, die also einen sozialen und gesellschaftlichen Wert darstellt. Solche Kunstwerke besitzen wir ja.

Bitte ein Beispiel!

Es gibt so viele. All die wunderbaren Werke von den alten Griechen über Velásquez, Goya, Dürer, Friedrich, Manet, Cézanne, Pollock, Serra, und und und. Aber begründen, weshalb sie so gut sind, das kann ich nicht, das kann wahrscheinlich niemand. Als ich vor vielen Jahren Theodor Adornos „Ästhetische Theorie“ las, wunderbar klug gedacht und geschrieben, war ich hinterher ein bisschen enttäuscht, weil selbst dieser große Denker keine Kriterien für gute oder schlechte Kunst bietet. Also, ich denke, dass das grundsätzlich unmöglich ist, und dass es gut ist, dass wir es nicht erklären kön-nen. Aber allein schon, dass wir an etwas teilhaben dürfen, das uns überragt, das ist doch ein Trost.

Soll ich eine Definition versuchen?

Nur zu!

Kunst, wenn sie gut ist, schafft einen Freiraum für die Imagination. Man findet ihn in Ihren Bildern. Sie besitzen eine Sphäre, die eigene Assoziationen und Vorstellungen herausfordert. Auch Emotionen.

Das haben Sie sehr gut gesagt, denn ohne Emotionen läuft ja gar nichts. Sie müssen nur gut verpackt werden, sonst haben wir so eine sentimentale Authentizität, die die Betrachter nur noch nervt.

[...]

lassen Sie uns über die Erotik in Ihrem Werk sprechen. Sie ist in manchen Akten, vor allem aber im sehr delikaten Raffinement der Malweise, gegenwärtig. Welche Rolle spielt sie in Ihrer Kunst?

Sie überraschen mich. Eigentlich keine. Erotische Bilder wollte ich noch nie machen.

Aha. Immerhin gibt es diese sehr direkten Akte aus den Jahren 67/68.

Ach so. Das waren die Jahre der sexuellen Befreiung. Oswalt Kolles Ära. Damals waren wir ja doch ziemlich prüde, im Vergleich zu heute …

Sie meinen die Allgegenwärtigkeit von Pornographie?

Das sind die neuen Dämonen. Früher waren es die Raubtiere, dann die Nazis, heute ist es das Internet.

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