Demenz öffentlich

27. Februar 2009

Inge Jens, Herausgeberin und geniale Kommentatorin der Briefe und Aufzeichnungen der Geschwister Scholl, ist mit einem berühmten Mann verheiratet, Walter Jens. Der ist inzwischen 86 Jahre alt und altersdement. Sein Freund, der Theologe Hans Küng, hat in einem Zeitungsartikel für Sterbehilfe plädiert, weil Jens sagt er würde leiden und wolle sterben. Las das vor ein paar Tagen, heikle Frage, bin aber dagegen so etwas bei Demenz zu erwägen. Finde es ist etwas anderes, wenn jemand sterben will oder wenn jemand sich selbst oder jemand anders tötet. (Jens ging freilich im gesunden Zustand weiter als nur passiv nicht sterben zu wollen.) Ich suchte auch ein positives Argument. Heute dazu die FAZ von seiner Familie, die den Gatten und Vater liebt (auch wenn sie damit Probleme haben, dass er über alles mögliche aber lange nicht über sein NSDAP-Parteibuch sprach – war er doch am Kriegsende erst 22 Jahre):

Die Familie hat sich entschieden, ihm die Sterbehilfe zu verweigern, weil sie nicht weiß, welche Kriterien in der Welt, in der er jetzt eingeschlossen ist, Gültigkeit besitzen. „Im Grunde ist es egal, ob ein Mensch über einen gelungenen Text glücklich ist oder über ein Wurstweckle. Mir das einzugestehen war hart für mich“, sagt Inge Jens. Der Kaffee wird in Tassen gereicht, die so groß sind, dass auch ihr Mann sie halten kann – das Tübinger Haus ist ganz auf ihn zugeschnitten. „Ich habe mich von einem Gutteil meines intellektuellen Hochmuts verabschieden müssen. Das ist es wohl, was den Umgang mit dieser Krankheit für die Umwelt so schwer macht: der radikale Bruch mit der Vergangenheit.“

„Warum haben sie keinen Hunger nach dem Geistigen?“ fragte Sophie Scholl im Tagebuch, angesichts ihrer stumpfen Altersgenossen. Das Elitäre an diesem Satz hat mich begeistert. Aber man kann es auch falsch verstehen. Der Stolz kommt ganz Gott zu, wenn unsereins ihn hat ist es eine Lüge, so heißt es irgendwo in Bubers „Erzählungen der Chassidim“. Vielleicht kann man auch so sagen: selbst diese Demenz muss nichts ungeistiges sein, sie ist nur anders. Der FAZ-Artikel erwähnt eine Perspektive, die sich in Walter Jens eigenen Schriften findet:

Walter Jens ist fast 86 Jahre alt. Am Vorabend der Lesung kommt er mit seiner Pflegerin Margit nach Hause. Er ist irritiert über den Besucher, bleibt zunächst im Wohnzimmer stehen, mit beiden Armen auf die Sessellehne gestützt, als wolle er sich sammeln. Dann setzt er sich neben Inge Jens, streichelt seiner Frau, die telefoniert, den Rücken. Er stellt Fragen und schüttelt den Kopf, als ob ihm die Antworten nicht einleuchten würden. Er schaut befremdet in die Runde. Und niemand vermag zu sagen, ob Walter Jens unserer Welt ebenso fremd gegenübersteht wie wir der seinen. „Erst wenn der Mensch schweigt“, so hatte er einmal geschrieben, „beginnen die Dinge zu reden und ein Drittes wird sichtbar – jenes ,Zwischen’, das Ich und Du, das Individuum und die Welt miteinander verbindet und sich am deutlichsten in der Wortlosigkeit der Liebe oder im sakramentalen Vollzug der Ehe enthüllt.“

Genauere Information im Buch des Sohnes Tilman Jens, einem Bericht der Inge Jens,  die ein FAZ-Rezension zusammenfasst.

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