Philipp von Boeselager
23. Januar 2009
Mein Weblog hat den 1. Mai 2008, den Tod Philipp von Boeselagers verschlafen. Einer vom 20. Juni, der den Tod als Widerständler in Kauf genommen hätte. Dazu manches in der FAZ:
Am Vorabend seines Todes noch hat er mit seinem Freund, dem Verleger Friedrich-Karl Sandmann, über die Vorgeschichte des 20. Juli geredet. Auch da fiel wieder dieser Satz: Hätte er doch, als er einmal direkt hinter ihm stand, Hitler erschossen, statt auf die Ausführung des 20. Juli zu warten.
[...] Vor drei Wochen trafen wir ihn zu einem langen Gespräch. Dieser freundliche, humorvolle Herr hatte Stauffenbergs Sprengstoff besorgt; dieser überzeugte und überzeugende Katholik hatte den Tyrannenmord geplant und dabei seinen eigenen Tod in Kauf genommen; dieser Edelmann war mit zwei Toten durch den Krieg gereist, weil er sie in Heimaterde bestattet sehen wollte. Anders als unsere Hollywood-Phantasie uns einredet, gab es dafür keine Belohnung. Philipp von Boeselager kehrte nicht als Held heim, und es dauerte Jahre, ehe er seine Rolle beim 20. Juli auch nur erwähnte.
Aus dem letzten Interview mit Boeselager noch etwas
[FAZ] Hatten Sie denn danach, in den fünfziger, sechziger Jahren, das Gefühl, dass Sie wegen Ihrer Teilnahme am Widerstand gegen Hitler und am 20. Juli skeptisch betrachtet wurden?
[Boeselager] Nein, wir wurden nicht angeguckt. Man sprach nicht darüber, das war tabu. Es ging darum, das Haus wiederaufzubauen. Es war lange unglaubwürdig für den normalen Deutschen, dass die Regierung verbrecherisch war. Der Gauleiter, einzelne SA-Leute, ja; aber dass die Regierung einen belog und bestahl, das war nicht glaubhaft. Und sobald man das gedacht hatte, schob man das weg, das wollte man dann nicht wissen.
[...]
Es wurde oft von Hitlers Dämonie geredet. Haben Sie das auch so empfunden?
Nein, ich habe ihn mehrmals gesehen, bei Kluge (Generalfeldmarschall Günther von Kluge, bei dem Boeselager Ordonnanzoffizier war und bei dem er auch den Widerständler Henning von Tresckow kennenlernte, d. Red.), und wir haben erlebt, wie militärisch blöd er war, ja richtig blöd und auch verbrecherisch. Da gab es eine Geschichte aus dem Herbst 42, Frühjahr 43, da kamen drei Ukrainer zu Tresckow und boten an, der Heerestruppe eine Truppe aufzustellen, wenn die Ukraine im Krieg eine gewisse Selbständigkeit und nach dem Krieg eine territoriale Selbständigkeit bekäme.
Und Tresckow kam dann zu Kluge mit einem dieser Ukrainer und sagte, es gebe jetzt 800.000 bis eine Million russischer Soldaten in deutschen Uniformen, außerdem 3,6 Millionen Kriegsgefangene, wenn man an die appellierte durch diese Ukrainer, dann bestünde noch eine gewisse Chance, den Krieg zu gewinnen. Dann wurde ein Gutachten gemacht von Tresckow; Kluge unterschrieb das, und die drei Kerle wurden zu Hitler geschickt, denn der musste das ja genehmigen. Wir hörten und sahen nichts mehr, und nach drei Wochen hat man sich hintenrum erkundigt, was da eigentlich los sei. Hitler, hieß es, habe das Gutachten gar nicht gelesen und die drei Leute gleich erschießen lassen – als russische Elite, die müsse man vernichten. Wenn Sie so etwas erleben, wenn sie schon am Stock gehen, dann fassen Sie die Blödheit nicht.
[...] Sie wussten also vom Holocaust, aber wussten Sie auch von der Dimension?
Als ich so zweifelte, soll man überhaupt, sagte ich das dem Tresckow. Tresckow antwortete: Mehr als 16.000 Menschen werden täglich umgebracht, das können wir stoppen. Damit war die Sache klar, Sie hätten nicht mehr gut weiter schlafen können, wenn sie nein gesagt hätten. Und das waren nicht die Deutschen, die als Soldaten oder Zivilisten umkamen – Tresckow sagte „umgebracht“.
[...] Und wenn das Attentat geglückt wäre, war mir auch klar, dass die Ostpreußen und die Schlesier und die Pommern sagen würden: Wenn ihr den Hitler nicht umgebracht hättet, dann säßen wir heute noch in Ostpreußen.
Das war Ihnen klar?
Das war mir völlig klar. Man war ja über die Stimmung sehr genau orientiert, 80 Prozent der Deutschen glaubten an den Hitler.
Das ganze lange Interview zu lesen lohnt sehr. Es gibt noch ein kurzes Interview zum 20. Juni 2007, darin Zuversicht auf den neuen „Operation Walküre“ Film, weil er hoffentlich den Widerstand gegen Hitler bekannt macht, und dies:
Gibt es ein Vermächtnis des Widerstandes? Für das einundzwanzigste Jahrhundert, für die heute junge Generation?
Boeselager: Meine Antwort, die ich auch jungen Menschen immer gebe, ist: politische Betätigung. Man soll sich beteiligen, sich engagieren. Seinem Vaterland dienen. Das ist ja auch durch die Nationalsozialisten völlig in Misskredit gebracht worden.