Werterahmen und persönliches Weitergeben
15. Oktober 2008
Habe profitiert vom Artikel des Historikers Michael Kißener „Widerstand ohne Glauben?“. Im ersten Teil erwähnt er dass die Geschichtswissenschaft und die öffentliche Meinung richtigerweise davon abgekommen sind, die katholische Kirche und den bekennenden Teil der evangelischen Kirche als Hort des Widerstands zu sehen. In den 90er Jahre verwies man noch auf „die grundsätzlich apolitische Haltung von Kirchenvolk wie Kirchenführung“ (115), heute steht selbst das in Frage: man war (wie zumindest für das Saarland recht gut belegt) anpassungsfähig – auch wenn da andererseits „die ja gar nicht zu übersehende Resistenz, die Nonkonformintät, der Protest und auch der Widerstand tausender Priester und Laien, der nicht selten mit KZ-Haft oder gar Martyrium bezahlt werden musste“ (117) war. These: Christlicher Glaube tritt im Widerstand gegen Hitler meist als Amalgan mit Anderem auf. Kißeners erläutert das Verhältnis von Widerstand und Glaube an drei Beispielen: Kurt Elser, dem Kreisauer Kreis und eben auch der Weißen Rose:
Am Beispiel der „Weißen Rose“ lässt sich die Funktion des Glaubens für den Widerstand, so wie er auch bei vielen anderen Widerstandsgruppen auftritt, wohl besonders gut fassen. Glaube und Kirche gebieten den jungen Studenten nicht den Widerstand, aber sie haben für sie einen Werterahmen geschaffen, gleichsam einen Horizont, indem sich ihr Denken bewegt. Wer mit diesem Wertegerüst die Gegenwart aufmerksam beobachtet, der wird schnell bemerken, welch frappante Gegensätze sich da auftun. Dieser Gegensatz hat die Studenten zum Handeln bewogen, und zwar aus sich heraus, ohne Aufforderung der Kirchenleitung, in eigener, freier Verantwortung. Die Studenten haben gelitten unter ihrer Lage, gelitten an ihren Mitchristen, auch an Klerus und Kirchenleitung gelitten, weil die nicht wie sie so klar die Grundsätze des Evangeliums auf die aktuelle Lage anzuwenden bereit waren. Daher die verzweifelten Aufrufe an die Mitchristen, die beinahe scharfen Anklagen in den Flugblättern, die gewiss auch eben deshalb so wenig genützt haben. (122)
Thesen, die ich erstmal recht gut finde. Widerspruch eins: Kißener schreibt, ohne scharfe Anklagen hätten die Flugblätter mehr genutzt. – Ich denke nicht. Eher so, wie in einer Jesusgeschichte Abraham im Jenseits zum toten reichen Prasser sagt: „Sie hatten Mose, sie hatten die Propheten, sie werden auch nicht hören, wenn einer von den Toten wiederkommt.“ Sophie Scholl hat gegen diesen Fatalismus und gegen den noch schlimmeren von der ewigen Verdammnis gekämpft, gerade anhand jener Jesus-Abraham-Geschichte – auch Abraham kämpfte, dass Sodom überlebt. Aber dafür gab es damals zu wenig Gerechte. – Mein Einwand ist eine Spekulation, einverstanden, aber Kißeners These auch. Vermute einfach, die Flugblätter hätten noch beliebig intensiv die Seelenlage der Deutschen aufgreifen können, es hätte nicht mehr genützt.
Widerspruch zwei: Werterahmen oder -gerüst klingt für mich heute wie „Unternehmensphilosophie“. Was passierte war eher authentisches Zeugnis (Schuriks Kinderfrau, Mutter Scholl, Otl, Muth, Haecker, Furtmeier…), das sich aber in eine lange Tradition stellte. Wie Geheimwissen, das weitergegeben wird, von den Aposteln bis heute, noch weiter zurück von den Propheten, von König David, von Mose – vielleicht auch aus anderen Traditionen. Aber das persönlich weitergegebene authentische, würde fast sagen „heilige“ Zeugnis ist nicht esoterisch versteckt: Die offizielle Kirche, mit der man unzufrieden ist, ist soweit Richtschnur, dass sie beim Urteil, welche Erfahrung echt ist, zu unterscheiden hilft: sie ist Rahmen und Gerüst, einverstanden. Ebenso die heiligen Texte.
Dieses authentische Zeugnis ist wirklich Geheimnistuerei: Das Zeugnis weiterzugeben war für die Scholls ihre Widerstandstätigkeit. Ich denke, sie waren auch dankbar dafür, dass sie das konnten.
Literatur:
Michael Kißener „Widerstand ohne Glauben? Anmerkungen zur Frömmigkeit des deutschen Widerstandes“. In: Albert R., Hartung R., Saltin G. (Hg.): Alfred-Delp-Jahrbuch. Band 2/2008. 115-29. Große Teile daraus im Netz hier (Seite 16/17).