Die Vergangenheit heute
14. August 2008
Einen meiner Lieblingstexte fand ich nirgends im Internet. Deshalb hier Lothar Zenettis Variante von Fausts “Habe nun, ach” – mit einer ganz anderen Pointe.
Mit den Jahren
Ich bin schon lange nicht mehr,
ich gestehe, tief unten
in meinem Keller gewesen,
wo die alten Weine der Weisheit
liegen und das Wissen der
Jahrhunderte verstaubt,
das ich erwarb, o Thomas,
Tertullian und Berengar von Tours.

Auch war ich, fällt mir ein,
schon lange Zeit nicht mehr
da oben unterm Dach, wie früher,
wo ich den Schwalben nachsah
und selber das Fliegen versuchte.
Mit den Jahren gewöhnt
man sich an den alltäglichen
Bedarf, das, was gefragt ist
und was und das ist wenig,
noch ankommt bei den Leuten.
So übe ich, die fremden Nöte
täglich mit Geduld zu hören,
dafür die eignen zu verschweigen,
die kostbare Zeit, wie gefordert,
mit ungezählten Beschäftigungen
pausenlos zu vertun,
die Rechnungen zu bezahlen
und mit den Drucksachen,
die der Postbote bringt,
auf dem Laufenden zu sein
in der Theologie des Tage.
Mit den Jahren
mag es dann gelingen,
mit Wasser zu kochen,
das unbegreifliche Brot
in sehr sehr kleinen Brötchen zu backen
und langsam die Liebe
zu erlernen in allem.
Zenetti ist katholischer Priester, daher die mittelalterlichen Namen und der Anspruch, in seinem Leben Theologie, wissenschaftliche Rede von Gott zu tun. Aber die Erfahrung ist verallgemeinerbar. Auch das ist im Text angelegt: der Feinkostbäcker wird von seinen Kunden gezwungen, kleine Brötchen zu backen. Der Hochleistungssportler, der das Fliegen versucht, ist älter geworden, jedenfalls versucht er es nicht mehr. Der Akademiker, der im Beruf steht, lässt oft genug seine einst hochgeschätzte Wissenschaft verstauben.
Das besondere an diesem Gedicht: es präsentiert keine Notlösung. Das Paradies, so scheint mir, ist dem Schreiber – entgegen dem ersten Anschein – nicht verloren gegangen. Es ist nur die oberflächliche Sicht der Dinge, dass man seinen Alltag mit alltäglichen Freundlichkeiten, e-mails lesen und ähnlichem “vertut”. Es ist nur eine Art, die Liebe zu lernen “in allem”.
(das reich gottes ist mitten unter uns. denkt um und glaubt an die frohe botschaft). Der Verbrecher in Camus “Die Pest”, kann nicht leben, nachdem die Notzeit, in der er wirklich ein Helfer war, vorbei ist. Wie wäre es den Weiße-Rose Leuten heute ergangen, hätten sie auf der Erde überlebt? Wie es heute entdecken, dass ich (und du und jemand anders) nie nur kleine Brötchen backen soll?