“Den Mann, nenn mir, Muse, den es viel umhergetrieben hat. “- so göttlich inspiriert beginnt Homers Odyssee … und dann kommt alles in wohlgeordneten Versen, hinter denen, so sollte man meinen, gar nicht so wenig Handarbeit steckt.
Es hat mich immer fasziniert zu hören, dass es irgendwie gar nicht die Dichter sind, die ihre Werke schreiben. Dazu Patrik Roth im Interview (2004):

[...] das erste Stadium, das allerwichtigste überhaupt – ich hab’s in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen beschrieben – ist dieses Sich-Einlassen auf das Unbewusste: Was geht denn in mir vor? Was spricht denn in dir? Was sind denn die großen Stimmen in deinen Träumen? Und was bedeutet es für dich – jetzt? So, das sammle ich wie ein Wissenschafter, ganz akribisch, mit allem, was ich habe. Und dann, wenn ich es gesammelt habe, gehe ich daran und sehe mir das an und überlege mir, was sagt das jetzt, was bedeutet das, warum dieser Traum gerade jetzt, warum dieses Bild gerade jetzt aus Milliarden von Bildern, die möglich wären, dieses Bild jetzt und – das muss ich mir noch dazu sagen – mir, nicht einem anderen, sondern mir dieser Traum? Dann hab ich das Ich, das unbedingt will, zunächst einmal zurückgesetzt. Vielleicht will das Unbewusste im Moment gar kein Buch, vielleicht ist das Unbewusste im Moment vielleicht ausgepowert und muss erst einmal brachliegen und muss sich erst wieder einmal sammeln. Vielleicht sind die Bilder, die mir gezeigt werden aus dem Unbewussten, erst mal ein Sich-Sammeln, ein Kreisen, ein Umordnen, diese Bilder gibt es absolut. Wenn ich das sehe, dann muss ich, wenn ich klug bin, zurücktreten und sagen: Ich brauch noch einen Monat, das muss sich alles mal setzen. Zum Beispiel diese Extraversion jetzt, die durch diese Marktsituation, durch die Buchmesse gefordert wird, das wird heimgezahlt, wenn du mal schaust, was in deinen Träumen geschieht. Das ist der Seele völlig fremd, die interessiert sich einen Dreck dafür, das ist das kleine Ich, das da jetzt für den Verlag oder gar für das Buch was machen will, das ist der Seele völlig egal. Aber auf die muss ich mich wiederum einlassen, denn von der bin ich abhängig. Abhängig insofern – ich gebe Ihnen ein Beispiel, auch wieder in den Poetik-Vorlesungen wird das beschrieben: als ich an ‚Corpus Christi’ zum Beispiel schrieb, war für mich die Schlüssel-Szene ein Traum: ich sehe im Traum das Bild einer Grabplatte im Grab – ich stehe in einem Grab – aber das Ich, das sieht, ist kein Mann, sondern ist eine Frau. Also das alles war mir im Traum bewusst. Mir war auch klar, dass es das Grab Christi war, alles das wusste ich, wie man das im Traum weiß, auch wenn man nur ein Detail sieht. Aber die Tatsache, dass eine Frau dieses Bild sah, das wollte ich zunächst verleugnen und sagte, nein, der Erzähler ist doch der Thomas, ich werde weiterarbeiten mit Thomas und verstehen Sie: es ging einfach nicht mehr, das Schreiben ging nicht mehr, ich habe es zwei/drei Wochen lang versucht. Und als ich mich dann wieder darauf einließ – auf die Frage, wer wäre es dann, wenn es eine Frau wäre – auf einmal ging alles wieder. Die Energie wird dir entzogen, du wirst letztlich nicht dagegen handeln können. Du wirst zwar manipulieren können und konstruieren können weiß der Teufel was – es wird immer konstruiert und manipuliert wirken auch auf die Leser, es wird wirken wie eine Maschine, die kann zwar vergnüglich sein, aber ist letztlich etwas Maschinelles. Das, was wirklich Tiefenwirkung hat, das kommt nicht von dir. Du bist das mouth-piece, du bist nichts anderes als das Werkzeug des Ausdrucks letztlich. Das heißt, das Unbewusste muss dann natürlich – und das ist die zweite hochwichtige Phase – von einem hochrationalen Ich geformt werden. Du urteilst absolut über das, was da geschieht und du bist vielleicht völlig anderer Meinung und diese Meinung setzt sich gegen das, was aus dem Unbewussten kam und beginnt jetzt einen Dialog, ein hin und her. Aus diesen Phasen des Unbewussten – das heißt, wo du genau auf Träume hörst und sie analysiertst, ihren Sinn suchst – und dem, was du dann daraus machst. Das heißt, du verwirklichst diese Träume ja, indem du ihnen in der Wirklichkeit antwortest. In diesem Sinne realisierst du sie, nicht nur kopfmäßig, sondern du arbeitest dann ja entsprechend. Dann hast du auf einmal einen Partner beim Schreiben und dann kann man davon auch nicht mehr sagen, dass man diese Bilder erfindet, denn es ist ganz umgekehrt, diese Bilder haben dich gefunden. Und du hast, wenn du Glück hast, irgendwann einmal kapiert, warum diese Bilder zu dir kommen und zu niemand anders und hast dich hoffentlich verantwortungsvoll und entsprechend verhalten, nämlich in deiner Arbeit als Schriftsteller, mit allem, was du an Talent hast, diese Erfahrung dann auch anderen zugänglich zu machen. Nicht in dem Sinne, dass sie jetzt so träumen oder so nachleben müssten, sondern dass sie quasi mit dir und durch dich eine ‚Passage’, einen Zugang gefunden haben zu ihrem eigenen Unbewussten und also den Mut finden, ihr Buch, ihr Kopfbuch zu beginnen. Das ist es.

P.S.: Man muss nicht Fan von Chagall sein um zu sehen, dass Inspiration ein Thema bei ihm ist, deshalb hier seine (sicherlich auch technisch anspruchsvollen) Bilder.

P.P.S.: Verbalinspiration (oder instruktionstheoretisches Verständnis von Offenbarung) ist eine Theorie, die es manchen Gläubigen und Theologen schwer macht, “Fehler” in der Bibel zu akzeptieren. Heutzutage sagt man meistens, dass die Offenbarung nicht der biblische Text ist, sondern das, was mit Israel und mit Jesus passierte (Gottes “Selbstoffenbarung”). Weil wir keine Texte in der Sprache Jesu (Aramäisch) haben, bleibt uns schon rein logisch kaum was anderes übrig. Anders beim Islam, der die Sprache seines Propheten sorgfältig tradiert hat.
Könnte der Islam lernen, dass die sozialen und politischen Ratschläge, so förderlich und fortschrittlich sie in den ersten Jahrhunderten des Islam auch gewesen sein mögen, nicht wörtlich auf die heutige Zeit zu übertragen sind, weil die Rationalisierung des Unbewussten wie des übersprachlich Göttlichen zeitgebunden ist?

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