Invasion!

7. Juni 2008

Der Umgang mit den Fremden ist großes Thema bei den Kammerspielen in dieser Spielzeit, „Invasion“ (Kritiken hier) von Jonas Hassen Khemiri dauert nur 40 Minuten, entdeckte einige interessante Aspekte an diesem Thema. Zum Lachen: Alle haben etwas oder wollen etwas mit Abulkasem – den aber gibt es gar nicht wirklich, wenigstens nicht in Schweden, wo das Stück spielt: er ist zunächst Held einer griechischen Sage, auch in 1001 Nacht, dann eine Redensart in einer Schulklasse, dann Alibi-Name für zwei Flirts, gesuchter Verbrecher, Terrorist, Asylbewerber, berühmte tunesische Sängerin – am Ende ist die Mauer umgefallen, alle stehen sie in den Ruinen, es wird erzählt: jemand ungenannter verstümmelt sich anonym die Hand, vielleicht ist es jener Asylbewerber, niemand bezweifelt jedenfalls, dass es Abulkasem ist. Bei uns geht jedenfalls alles weiter.

Während unsereiner über Abulkasem lacht, spielt die große Invasion, wie es im Stücktitel hießt, zwei Schüler mit Laserpointern und Spucke-Papier-Blasrohren, das, was die Fernsehkameras von der harmlosen Kindheit und den abenteuerlichen Reisen des gefährlichen Helden berichten, die Direktheit der Flirts, wie jene Tunesierin die Männer wie ihre Puppen tanzen lässt und dann doch selbst Opfer wird, das sprachliche Eindringen durch die Übersetzerinnen-Primadonna – zuletzt der Einbruch von vier Schülern in die Privatsphäre, als sie unvermittelt Zeuge dessen werden, dass sich da jemand absichtlich die Hand auf der Herdplatte röstet, die muslimische Strafe für einen Dieb – Eindringen, Invasion ist ja der erste Schritt zum Diebstahl.

Die Theatermittel: klassisch einfach und genial: wie bei Shakespeare treten die Spieler beiseite und verkünden ihre inneren Gedanken, wer in eine neue Rolle schlüpft, hat einfach ein neues Gewand an, die Aufdringlichkeit der Perücken und Gewänder macht die Rollenwechsel eindeutig. Und das ganze macht Sinn, denn jeder ist mal Abulkasem, jeder kann Abulkasem sein. Die Mauer als Sinnbild dessen, dass sich Mensch und Gesellschaft im Norden („in Schweden“) als bedroht empfindet, bedroht von Eindringlingen. Kinder sind die objektiven Zeugen, ohne in ihrer draufgängerischen Weise zu verstehen – sie sind zu groß für ihre Kleider, haben zu viel Haare auf dem Kopf, die Elterngeneration wirkt in ihrem Pragmatismus recht naiv.

Wie lobt man sich da jenen Lehrer, der unter seinen Schülern für die Verständigung zwischen den Kulturen wirbt und als Zeichen dafür mit kulturgemischter Besetzung Romeo und Julia aufführen will. Ein Theaterstück vom Katholikentag in Osnabrück, bei dem ich noch mehr gelacht habe. „Die göttliche Odette“ nämlich, so der Name des Stückes und gleichzeitig „Julia“ die Tochter jenes Lehrers, verkuckt sich in den streng muslimischen Romeo bzw. Jamal. Das nimmt dem Vater recht bald jede Toleranz … und doch findet das Ding zu einer Lösung.

Lösung dieser ganzen Geschichten (von je vier Menschen), wie sie in „Invasion!“ misslingt und in der „göttlichen Odette“ trotz allen Lachens glaubhaft bleibt: die klassische Gastfreundschaft Abrahams, eigentlich kommt da Gott (wenn drei Männer kommen, Sara lacht), die Einladung zum Essen mit dem richtigen Geist. Dominik und ich haben nach der Vorstellung, als wir mit den Schauspielern redeten, noch ein gutes Stück von dem Mahl abbekommen. Kathi Stimmer singt oft vom Mahl (z.B. „Ein Tisch und eine Bank“), man kann daraus ein Kriminalstück machen (Ausstellung Freising „Geistes Gegenwart“, Christiane Möbius „Kriminalstück II“, oder „Einer von euch wird mich verraten – wer ists?) oder eben eine Komödie („göttliche Odette“ oder „Hase Hase“ oder „du, Herr willst mir die Füße waschen …wenn da so ist, dann wasch mich doch bitte überall“)

P.S.: Abulkasem ist eine Der-Bauer-schickt-den-Jockel-aus Geschichte, Begründung hier.

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