Zu Ehren dem ersten Baby der Theatertruppe von 2006/7, Hannah – ein großes-kleines Zeichen, dass es Zukunft gibt – Sophie Scholls Traum in der letzten Nacht vor ihrem Prozess und der überraschend schnellen Hinrichtung am selben Tag, erzählt von ihrer Zellengenossin Else Gebel.

Du bist sofort munter und erzählst mir, noch im Bett sitzend, deinen Traum: “Ich trug an einem sonnigen Tag ein Kind in langem weißen Kleid zur Taufe. Der Weg zur Kirche führte einen steilen Berg hinauf. Aber fest und sicher trug ich das Kind in meinem Arme. Da plötzlich war vor mir eine Gletscherspalte. Ich hatte gerade noch so viel Zeit, das Kind sicher auf die andere Seite niederzulegen – dann stürzte ich in die Tiefe.”

Du legtest dir den Traum so aus: “Das Kind im weißen Kleid ist unsere Idee, sie wird sich trotz allen Hindernissen durchsetzen. Wir durften Wegbereiter sein, müssen aber vorher sterben, für sie.” (Else Gebels ganzer Text siehe hier)

Ich schätze den Zauber des Zur-Taufe-Bringens, hab da einige Entdeckungen gemacht in der Literatur:

  • Ellen und ihre Großmutter in Ilse Aichinger “Die größere Hoffnung” suchen das Zauberwort,
  • die nüchtern seltsame Taufe, um die plötzlich der jugendliche totkranke Bruders Kittys (in Walker Percy “Der Idiot des Südens”) gebeten hat; für mich die Szene, auf die der ganze Roman hinausläuft.
  • nicht zuletzt die Friedenstaufe im israelisch-palästinensischen Dorf Ibillin im Jahr 1967. Elias Chacour (Biographieautorin hier, Rupert Neudeck Rezension hier) ist erst ein gutes Jahr Pfarrer (Abuna) einer recht verknatschten koptisch-katholischen Gemeinde. Insbesondere der Vorsteher, in Deutschland wäre es wohl der Kirchenpfleger, hat ein recht diktatorisches Wesen:

Eines Morgens klopfte man an seine Tür. Der Vorsteher erschien mit zwei Männern, um das Kircheneigentum zu inspizieren. “Kommen Sie, Abuna”, so der Querulant angriffslustig, “Was ist das denn?”, und zeigte auf eine schöne Pflanze am Rande des Pfarrhofs. „Ein Weinstock, mein Freund“, entgegnete Elias. „Es ist Habibs Geschenk für mich.“ Dieser hatte vom weinumrankten Feigenbaum der [Eltern] Chacours erfahren und Elias daraufhin mit einer Weinstockkreuzung überrascht. „Sie kennen Habib nicht“, wütete der Vorsteher. „Er hat auf diesem Grundstück nichts mehr zu suchen“ Er ist zur griechisch-orthodoxen Kirche übergetreten. Sie werden sehen: Erst wird er die Früchte für sich beanspruchen und dann auch noch das ganze Kirchenland. Unser Bischof hat ihn sogar exkommuniziert.“
Elias wollte dieser Sache später nachgehen. Nun musste aber schnell gehandelt werden. „Bringen Sie mir bitte einen Eimer Wasser“, bat er. Der Vorsteher ließ es sich nicht zweimal sagen: Er dachte, durch das Wasser würde sich die Erde lockern, um die Pflanze leichter herauszureißen. Elias begann aber, die Blätter feierlich zu begießen. Dann hob er die rechte Hand über den Weinstock und segnete ihn: „Ich taufe dich im Namen des Vaters, und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wer dich ausreißt, soll selbst entwurzelt werden. Wer dir aber Wasser gibt, soll von Gottes Gnade überströmt werden. Amen.“ Die verdutzten Männer starrten den Priester an, als wäre er geisteskrank. Dann stampften sie, wutschnaubend, davon. (Elias Chacour: Israeli, Palästinenser, Christ. Sein Leben erzählt von Pia de Simony und Marie Czernin. Freiburg i.B. 2007)

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