Der von den Nazis suspendierte Justizbeamte Joseph Furtmeier, dem seine Freunde umgebracht wurden und der selber drei Wochen in Gefangenschaft war, schreibt einige Zeit nach seiner Freilassung am 20. August 1943 einen beachtenswerten Text. Ein recht eigenständiges und doch tiefgründiges Bild von Gott und Welt. Man bedenke freilich, dass dieser Text aus einem privaten Brief in die Schweiz nie für die Öffentlichkeit bestimmt war.

Für Gerda, die sich für Philosophie interessiert, füge ich einige Leitsätze bei, die die Tragik zum Ausdruck bringen, in der der Christ die Welt erlebt

1) Es gibt keine Selbstgestaltung der Gesellschaft aus ihren eigenen Kräften heraus. Es gib keinen Fortschritt, alle Kultur ist Tradition.

2) In der Welt ist das Böse stärker als das Gute.

3) Um das Gute wirklich zu machen, musste Gott das Böse schaffen. Vorher war das Gute nur Idee.

4) Erst innerhalb des Bösen werden wir des Guten bewusst.

5) Erst innerhalb der Wirklichkeit des Bösen erwachen wir zu personalem Leben.

6) Ohne Gott tötete der Anblick der Welt.

7) Das christliche Bewusstsein ist das unglückliche Bewusstsein.

8 ) Die Menschen sterben an ihren Göttern! Wir aber leben durch den allmächtigen Gott!

Obwohl ich fasziniert bin, mein vollkommener Widerspruch.

0) Die Welt ist keine Tragödie, sondern eine Komödie

1) Es gibt keine Selbstgestaltung der Gesellschaft aus ihren eigenen Kräften heraus. Es gib keinen Fortschritt, alle Kultur ist Tradition.

1) Natürlich gibt es eine Selbstgestaltung der Gesellschaft: zivilgesellschaftliches Engagement, kirchliches Engagement, wissenschaftliche Entdeckungen, …

Natürlich gibt es technische Fortschritte, die das Leben leichter machen und neue Kultur, neue Kunstwerke unserer Zeit.

2) In der Welt ist das Böse stärker als das Gute.

2) Was in der Welt stärker ist, ist eine Frage des Blicks. Kuck doch anders hin, denk doch um. Schau auf Schöpfung, Erlösung und die besonderen Gaben jedes einzelnen Menschen, der Kulturen, der Wissenschaft, des Staates usw., wie viel seine Majestät, Gott, da gibt, und wie viel er geben möchte, und dass er ganz heiß darauf ist, noch mehr zu geben (vgl. Ignatius von Loyola, Medition zur Erlangung der Liebe)

3) Um das Gute wirklich zu machen, musste Gott das Böse schaffen. Vorher war das Gute nur Idee.

3) Weil wir evtl. in manchen Fällen das Gute ohne das Böse nicht denken können, muss es doch nicht so sein. Der Künstler entscheidet doch nicht zwischen gut und schlecht, sondern zwischen guten Möglichkeiten!

4) Erst innerhalb des Bösen werden wir des Guten bewusst.

4) Nein, man muss keine schlechten Bilder gesehen haben, um einen guten Geschmack zu entwickeln. Man entwickelt ihn vielleicht am Unterschied zwischen besseren und schlechteren Bildern – aber es muss dafür kein Böses geben!

5) Erst innerhalb der Wirklichkeit des Bösen erwachen wir zu personalem Leben.

5) Was meint Furtmeier mit Person? Ist Person jemand mit Ecken und Kanten? Dazu braucht es auch nichts Böses. Würde man das behaupten, beschränkte man die Phantasie Gottes doch recht grob. Oder bedeutet Person: ein moralischer Mensch? Dann hat Furtmeier unrecht, weil mit Kant ein moralischer Mensch dadurch ausgezeichnet ist, dass er sich als unter dem Moralgesetz (kategorischen Imperativ, der Goldenen Regel) stehend empfindet, dazu braucht es nicht die Wirklichkeit des Bösen.

6) Ohne Gott tötete der Anblick der Welt.

6) Wenn alles von Gott abhängt, dann natürlich auch das Überleben. Vermute aber nicht, dass man ohne ihn deshalb sterben würde, weil man den Rest der Welt sieht. Müßige Spekulation, woran man in jenem Fall tatsächlich stürbe … Im Ersten Testament heißt es jedenfalls genau andersherum: wer Gott sieht, muss sterben.

7) Das christliche Bewusstsein ist das unglückliche Bewusstsein.

7) Oh, Mann, jetzt die These von Kierkegaard und dem irren Mönch aus Ecos “Namen der Rose”. Er ist falsch. Das christliche Bewusstsein sagt: das Reich Gottes ist da, es hat schon angefangen. Selig ihr Armen (jetzt schon), weil etwas passieren wird.

8 ) Die Menschen sterben an ihren Göttern! Wir aber leben durch den allmächtigen Gott!

8 ) Da denkst du, du stirbst an Hunger oder einer Krankheit, nein, du stirbst an Göttern oder Götzen, vielleicht gar Dämonen. Götter wuchern in dir wie ein Krebs, der zum Tod führt: meint Furtmeier seine Tabaksucht und sein Nörgeln? An der These ist was dran, vermute aber, man stirbt auch ohne “Götter”. Protestantische Theologie: die Christen leben allein durch die Gnade Gottes. Von mir aus, aber ein bischen missverständlich.

Ankerpunkt beider Thesenreihen: die Allmacht Gottes

Ich habe hier Position bezogen, dennoch denke ich: ein Christ kann sehr ernsthaft und mit sicherer Überzeugung auch Furtmeiers Thesen vertrauen. Eine große Vielfalt an Überzeugungen hat die Christen schon immer ausgezeichnet, z.B. dadurch, dass vier recht unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben Jesu anerkannt sind. (Mag sein, dass der Gott eines Frére Roger, der essentiell unschuldig ist, nicht allmächtig ist. Dann wäre selbst eine Position die Gottes Allmacht leugnet, in allgemein anerkannter christlicher Tradition verwurzelt.)

Von zwei Seiten kann man auch die Gemälde von Mark Rothko betrachten. Der Künstler selbst sagt zu seinen Bildern:

»Die Wiege meiner Gemälde ist Gewalt & Deshalb bin ich immer wieder überrascht zu hören, dass meine Bilder friedlich wirken: Sie sind ein einziges Zerreißen, aus der Gewalt heraus geboren.«

Leave a Reply